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Autor: Nina Lindemeyer
Fach: Kunst - Architektur, Baugeschichte, Denkmalpflege
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Kunstgeschichtliches Seminar)
Tags: Berninis, Umgestaltung, Chigi-Kapelle, Raffaels, Maria, Popolo, Gian, Lorenzo, Bernini, Bildhauer, Architekt, Maler, Hochbarock
Jahr: 2004
Seiten: 19
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 20 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 1814 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-39363-8
Diese Arbeit entstand im Anschluss an eine 18tägige Exkursion nach Rom mit Referat vor Ort in der Kapelle. Die Hausarbeit bietet trotz aller Kürze - einen ausführlichen und sehr detaillierten (Bezug auf 18 Bücher/Texte in 40 Fußnoten) Überblick über die Baugeschichte der Chigi-Kapelle in S. Maria del Popolo unter besonderer Beachtung der Situation, auf die Gianlorenzo Bernini bei Arbeitantritt 1652 traf. Inklusive sieben Seiten Anhang mit Fotos sowie den wichtigsten Plänen und Vorzeichnungen.
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt-Universität zu Berlin
Kunstgeschichtliches Seminar
Berninis Umgestaltung der Chigi-Kapelle Raffaels
in S. Maria del Popolo
Hauptseminararbeit
von
Nina Lindemeyer
Vorgelegt 2004
Gliederung
1 Einleitung
2 S. Maria del Popolo
3 Erste Bauperiode unter Raffael
3.1 Beschreibung der Architektur
3.2 Baugeschichte 1513-1573
4 Zweite Bauperiode unter Bernini
4.1 Baugeschichte 1652-1661
5 Fazit
1 Einleitung
Die Errichtung der Chigi-Kapelle an S. Maria del Popolo in Rom – Grabkapelle der Familie Chigi, einer römischen Adelsfamilie aus Siena – umfasst zwei verschiedene Arbeitsperioden. 1513 wird sie unter Bauleitung Raffael d’Urbinos begonnen, die Innenausstattung jedoch erst durch Gian Lorenzo Bernini 1662 fertiggestellt. Die vorliegende Arbeit widmet sich der Baugeschichte der Kapelle unter dem besonderen Gesichtspunkt der Situation, auf die Bernini bei Arbeitsantritt trifft, wie er auf die vorangegangene Arbeiten Raffaels reagiert und die Ausgestaltung der Kapelle vollendet. Da das Skulpturenprogramm eng mit der Bestimmung der Kapelle als Grabkapelle zusammenhängt, wird in einem letzten Schritt ihre symbolische Bedeutung behandelt werden.
2 S. Maria del Popolo
S. Maria del Popolo geht auf eine mittelalterliche Kirche an derselben Stelle zurück und wird 1230 erstmals unter diesem Namen erwähnt. Ihre heutige Form erhält sie unter Papst Sixtus IV. della Rovere (1471/2-1477), dessen Familienkirche sie werden soll und der sie der Kongregation der Augustiner-Eremiten schenkt1. Es handelt sich um eine dreischiffige, vierjochige, kreuzgratgewölbte Bündelpfeilerbasilika mit kreuzgratgewölbtem Querschiff und achteckiger Vierungskuppel. Die Seitenschiffe werden von je vier Längskapellen flankiert, die, bis auf die beiden später erneuerten Kapellen, ebenfalls kreuzgratgewölbt sind. 1507 erlaubt Papst Julius II. in einer Bulle seinem Bankier und Günstling Agostino Chigi, die ehemalige Familienkapelle der Mellini an S. Maria del Popolo zu erwerben, sie als Grabkapelle für sich und seine Angehörigen umzubauen und ihre Dedikation auf die Madonna di Loreto, den Heiligen Augustinus und den Heiligen Sebastian abzuändern.2 Die Wahl der Kirche ist dabei nicht zufällig, pflegen die Chigis doch eine traditionell enge Verbindung zu den Augustinern.3 Agostino Chigi beauftragt 1513 seinen Freund Raffael d’Urbino, welcher bereits die Villa Farnesina für ihn ausgeschmückt hatte, mit dem Bau und der Ausstattung der Kapelle.4
3 Erste Bauperiode unter Raffael
3.1 Beschreibung der Architektur
Anstelle der kreuzgratgewölbten Längskapelle lässt Raffael am zweiten Joch des linken Seitenschiffes einen überkuppelten Zentralbau errichten, dessen Grundform aus einem griechischen Kreuz entwickelt ist (Vgl. Grundriss, Abb. 1, 2). Ein Arm des Kreuzes ist als tonnenüberwölbter Durchbruch zum Seitenschiff der Kirche verlängert, die anderen Arme werden durch Blendarkaden angedeutet. Abgeschrägte Wandstücke mit vier rundbogigen Figurennischen verbinden die Arkadenbögen, insgesamt wird die Nähe zu Bramantes Vierung in St. Peter erkennbar. Strukturierendes Element des Wandaufbaus sind achtfach kannelierte Pilaster korinthischer Ordnung, welche die Arkadenbögen tragen.
Die Basis wird als Sockel rund um die Kapellenwände herumgeführt. Die Pilasterkapitelle tragen einen verzierten Architrav, einen Fries aus hellem Portasanta-Marmor, darüber das mit Eierstab verzierte Gesims. Das Gebälk wird um den ganzen Innenraum herumgeführt, wobei es innerhalb der Blendarkaden nicht verkröpft ist. Gering sphärische Pendentifs leiten zum Tambour der Kugelkuppel über, der durch ein Kranzgesims abgetrennt ist. Die Beleuchtung der Kapelle wird durch acht Fenster im Tambour gewährleistet.
An der dem Eingang gegenüberliegenden Wand füllt das Altarbild „Die Geburt der Maria“ die Blendarkade aus (Abb. 3). Davor befindet sich erhöht auf drei Marmorstufen der Altar. In den seitlichen Blendarkaden stehen die in ihrer Architektur identischen marmornen Grabmäler Agostino und Sigismondo Chigis (Abb. 4, 5), die Wandnischen füllen die vier Marmorskulpturen Daniel in der Löwengrube (1657), Jonas (1519), Habakuk und der Engel (1661) und Elias (1523).
3.2 Baugeschichte 1513-1573
Es sind nur wenige Originalentwürfen Raffaels für die Kapelle überliefert, so der Grundriss und drei Vorzeichnungen für Figuren des Kuppelmosaiks; der Bericht Vasaris (Anm. 4) lässt weiterhin auf Entwurfszeichnungen für die Grabmäler sowie die beiden Skulpturen Jonas und Elias schließen. Als terminus ante quem für die Architektur der Kapelle gilt 1516, da es als Abschlussdatum der Kuppel-
Mosaizierung Luigi della Paces im Bildfeld der Venus eingefügt ist: „LV[dovicus] D[e] P[ace] V[enetus] F[ecit] 1516“.5 16 vergoldete Stuckrippen, durch ebenfalls vergoldete Ringe gegliedert, bilden Kassetten, in denen Personifikationen der sieben Planeten, begleitet von je einem Engel und Tierkreiszeichen, abgebildet sind. Im Opaion erscheint Gottvater mit Engeln, nach einer Zeichnung Raffaels (Abb. 6) angefertigt.6 Den Auftrag für die Marmorarbeiten der Skulpturen und Grabmäler sowie die Bronzereliefs bekommt Lorenzetto, was rückwirkend aus einer Zahlung vom 10.2.1521 hervorgeht.7
Er beendet 1519 den Jonas, 1523 stellt Raffaello da Montelupo den Elias fertig.8 Am 6. April 1520 stirbt Raffael, vier Tage später sein Auftraggeber, der in der Gruft unter der Kapelle bestattet wird. 1526 stirbt Sigismondo Chigi und im Zuge des Sacco di Roma am 6. Mai 1527 verliert die Chigi-Familie an Macht, die Arbeiten verlangsamen zunehmen. 1532 nimmt Sebastiano del Piombo die Arbeit am Altarbild auf9, das jedoch erst sieben Jahre nach seinem Tod (1547) von Francesco Salviati vollendet wird10. Ebenfalls zu Beginn der 50er Jahre malt dieser die Zwischenräume der Tambourfenster mit dem Genesiszyklus und die Tondi in den Kuppelpendentifs mit Allegorien der vier Jahreszeiten aus.
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1 Buchowiecki (1974), S. 104f.
2 Cugnoni (1880), S. 446. Zit. n. Hesse (1983), S. 110. Alle vorhandenen Zahlungsbelege und Verträge sind in den in der Literaturliste genannten Editionen von Giovanni Cugnoni publiziert. Sie gehen im Original auf eine Aufstellung des „Tesoriere generale“ Alexander VII., Giacomo Franzoni, zurück. Da die Ausgaben Cugnonis in Berlin leider nicht einsehbar sind, gehen die folgenden Quellenangaben dazu fast ausschließlich auf die Angaben in Hesse (1983) zurück.
3 Shearman (1961), S. 129. Auch eine zweite römische Kapellenstiftung befindet sich an einer Augustiner-Kirche, und zwar S. Maria della Pace. 4 Vasari (1976), S. 201: „Fece l’ordine delle architetture delle stalle de’ Ghigi; e nella chiesa di Santa Maria del Popolo l’ordine della cappella di Agostino sopradetto, nella quale, oltre che la dipinse, diede ordine che si facesse una meravigliosa sepoltura, et al Lorenzetto scultor fiorentino fece lavorar due figure, che sono ancora in casa sua al Macello de’ Corbi in Roma.”
5 Geymüller (1884) kalkulierte die Ausführungszeit der Kuppelmosaike und schätzte daher den Baubeginn auf 1512/13, was von der Forschung bisher nicht in Frage gestellt wurde.
6 Dieses System geht auf die Beschreibung des Kosmos bei Platon im X. Buch der „Politeia“ zurück, die Planeten kennzeichnen die Welt hinter der Kuppel als das Reich der Seelen nach dem Tod. In „Timaios“ beschreibt Platon, wie die unsterblichen Seelen der Menschen von den Sternen genommen würden, um nach dem Tod wieder zu dem jeweiligen Stern zurückzukehren. Als Mittelpunkt des Mosaiks fungiert Gott der Allmächtige, welcher die Seelen wie selbstverständlich im Himmelreich willkommen heißt.
7 Vgl. Cugnoni (1880), S. 446, zit. nach Riegel (2003), S. 98f.: „Vereinbart waren die Herstellung, der Aufbau und die Ausgestaltung der ‚sepultura’ Agostino Chigis, die mit Inschriften, Wappen bzw. Bildnissen, Sarkophagen, Bildwerken und anderen notwendigen Dingen versehen werden sollte.“
8 Montelupo arbeitete seit 1523 in Lorenzettos Werkstatt. Siehe Raffaello da Montelupos Autobiografie in: Le opere die Giorgio Vasari con nuovo annotazioni e commenti die Gaetano Milanesi, Florenz 106 (Reprint Florenz 1998), Bd. 4, S. 558. Zit. Nach Strunck (2003), S. 132, Anm. 10.
9 Hesse (1983), S. 110. Laut einem Vertrag vom 1.8.1530 zwischen dem Testamentvollstrecker der Chigi und Sebastiano del Piombo war dieser bereits 1526, möglicherweise sogar noch davor mit einem Altargemälde beauftragt worden. 1530 wurde dieser Vertrag erneuert und um die Gestaltung der vier Tondi und der Tambourfelder ergänzt. Vgl. Riegel (2003), S. 104 und Anm. 108.
10 Vasari (1906), Bd. 5, S. 113. Der Beginn von Salviatis Arbeit ist nicht genau zu ermitteln. Aufgrund der fehlenden Erwähnung in Vasaris Erstausgabe der Viten 1550 erging der Auftrag an ihn womöglich auch im Zuge des Vergleichs zwischen den Lorenzetto- und den Chigi-Erben 1552 (s.u.).
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