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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 19 Pages
Author: Eva-Christina Glaser
Subject: English Language and Literature Studies - Literature
Details
Institution/College: Justus-Liebig-University Giessen (Institut für Anglistik)
Tags: Ulysses, Interpreten, Komparative, Studie, Oxen, Subjektive, Welterfahrung, Bewusstseinsroman
Year: 2001
Pages: 19
Grade: 1
Bibliography: ~ 11 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-40171-5
ISBN (Book): 978-3-638-75003-5
File size: 224 KB
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Abstract
James Joyce Ulysses ist außer Frage eines der Werke der englischen, wenn nicht der Weltliteratur, über das am intensivsten geforscht und am häufigsten geschrieben wurde. Die Folge ist, dass es dem heutigen Leser des Romans als nahezu unmögliches Unterfangen erscheint, während der Lektüre noch auf etwas fundamental Neues bzw. auf revolutionierende Entdeckungen zu stoßen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass man deshalb den Roman mitsamt den dazugehörigen Interpretationsversuchen gleichsam zu den Akten legen sollte. Denn erstens ist sicher, dass der Roman aufgrund seiner ungeheuren Bandbreite und des großen Maßes an Intertextualität wohl nie restlos entschlüsselt werden kann. So ist es durchaus möglich, einzelne Formulierungen auf immer wieder neue Ursprünge zu beziehen und den Roman aufgrund dessen in wieder anderer Weise zu deuten. Die Frage, die sich dabei stellt, ist jedoch, inwieweit ein solches Graben nach den vermeintlich letzten Wahrheiten überhaupt sinnvoll ist. Erscheint ein solch krampfhaftes Suchen doch vor der Fülle des bereits Herausgearbeiteten meist eher als Versuch, den Ehrgeiz des Wissenschaftlers zu befriedigen, als grundsätzlich zu einem besseren Verständnis des Textes beizutragen. In einem solchen Fall kann es deshalb wohl zweitens wesentlich fruchtbarer sei, den Text nicht als gleichsam jungfräuliches Stück Literatur zu betrachten, das nach Interpretation verlangt. Vielmehr sollte man sich einen Überblick über die bereits zum Roman vorhandene Literatur verschaffen, um dann in Kombination mit den eigenen Leseeindrücken zu einer plausiblen Deutung bzw. zu einem umfassenderen Verständnis des Werkes zu gelangen. Ziel dieser Untersuchung ist es deshalb, unter komparativer Betrachtung eines ausgewählten Teils der Literatur zu „Oxen of the Sun“ aufzuzeigen, inwieweit diese zum grundlegenden Verständnis des Textes beitragen kann, und damit gleichzeitig die Frage zu klären, was Sekundärliteratur eigentlich leistet. Da sich der überwiegende Teil der Interpreten aufgrund der besonderen Konzeption des Kapitels in erster Linie mit dem Stil bzw. der äußeren Form, in der es erscheint, beschäftigt hat, wird dieser Aspekt auch hier im Zentrum der Betrachtung stehen.
Excerpt (computer-generated)
Ulysses und die Interpreten - Komparative
Studie zu Oxen of the Sun
von: Eva-Christina Glaser
7. Semester
Inhalt
Einleitung 1
1 Modernity: Die Frage nach Stil und Funktion 2
1.1 „Stylistic impersonality“ 2
1.2 Die historischen Stilformen und ihre Funktion 4
1.2.1 Expansion 4
1.2.2 „Iterability“ und historische Dimension 6
1.2.3 Parodie 7
2 Form und Inhalt - Ein „endogenes“ Verhältnis ? 9
3 Die Struktur des Kapitels: Eine Reise in die Dunkelheit 12
Literaturverzeichnis 18
Einleitung
Es steht wohl außer Frage, daß Ulysses eines der Werke der englischen, wenn nicht der Weltliteratur ist, über das am intensivsten geforscht und am häufigsten geschrieben wurde. Die Folge davon ist, daß es dem heutigen Leser des Romans als nahezu unmögliches Unterfangen erscheint, während der Lektüre noch auf etwas fundamental Neues bzw. auf revolutionierende Entdeckungen zu stoßen.
Dies bedeutet jedoch nicht, daß man deshalb den Roman mitsamt den dazugehörigen Interpretationsversuchen gleichsam zu den Akten legen sollte. Denn erstens ist sicher, daß der Roman aufgrund seiner ungeheuren Bandbreite und des großen Maßes an Intertextualität wohl nie restlos entschlüsselt werden kann. So ist es durchaus möglich, einzelne Formulierungen auf immer wieder neue Ursprünge zu beziehen und den Roman aufgrund dessen in wieder anderer Weise zu deuten. Die Frage, die sich dabei stellt, ist jedoch, inwieweit ein solches Graben nach den vermeintlich letzten Wahrheiten überhaupt sinnvoll ist. Erscheint ein solch krampfhaftes Suchen doch vor der Fülle des bereits Herausgearbeiteten meist eher als Versuch, den Ehrgeiz des Wissenschaftlers zu befriedigen, der es sich in den Kopf gesetzt hat, Erkenntnisse zutage zu fördern, die allen seinen Vorgängern verschlossen blieben, als grundsätzlich zu einem besseren Verständnis des Textes beizutragen.
In einem solchen Fall kann es deshalb wohl zweitens wesentlich fruchtbarer sein, will man ein besseres Verständnis des Romans erzielen, diesen nicht als gleichsam jungfräuliches Stück Literatur zu betrachten, das nach Interpretation verlangt. Vielmehr sollte man sich einen Überblick über die bereits zum Roman vorhandene Literatur verschaffen, um dann in Kombination mit den eigenen Leseeindrücken zu einer plausiblen Deutung bzw. zu besserem Verständnis des Werkes zu gelangen. Ziel dieser Untersuchung ist es deshalb, unter komparativer Betrachtung eines ausgewählten Teils der Literatur zu „Oxen of the Sun“ aufzuzeigen, inwieweit diese zum grundlegenden Verständnis des Textes beitragen kann, und damit gleichzeitig die Frage zu klären, was Sekundärliteratur eigentlich leistet. Da sich der überwiegende Teil der Interpreten aufgrund der besonderen Konzeption dieses Kapitels in erster Linie mit dem Stil bzw. der äußeren Form, in der es erscheint, beschäftigt hat, wird dieser Aspekt auch hier im Zentrum der Betrachtung stehen.
So soll also zunächst aufgezeigt werden, wie der Stil, in dem Joyce das Kapitel verfaßt hat, von seinen Interpreten behandelt wird bzw. welche Auswirkungen ihrer Ansicht nach die Schreibweise auf die gesamte Darstellung hat. Im Anschluß daran steht die Frage im Mittelpunkt, ob und auf welche Weise äußere Form und Inhalt im Kapitel zueinander in Beziehung stehen, während abschließend die Existenz einer grundlegenden Gemeinsamkeit von äußeren und inneren Strukturen diskutiert werden soll.
1 Modernity: Die Frage nach Stil und Funktion
1.1 „Stylistic impersonality“
Stellt man die grundsätzliche Frage, wie Joyces Stil im Vergleich zu anderen modernen Autoren eigentlich aussieht, liefert beispielsweise Mark Gaipa eine eindeutige, wenn auch nicht befriedigende Antwort, indem er der allgemeinen Kritikerauffassung folgt und festhält, Joyce besitze gar keinen eigenen Stil. In seinem Aufsatz „Culture, Anarchy, and the Politics of Modernist Style in Joyce’s ‘Oxen of the Sun’“ (1995) teilt er nämlich bezüglich der Stilfrage die modernen Autoren in zwei Gruppen ein. Die erste besteht aus solchen Autoren, die sich durch einen „trademark style“ (1995: 195), also einen für sie charakteristischen, unverwechselbaren Stil auszeichnen, der wiederum den Ansprüchen der Moderne voll und ganz gewachsen ist. Zu dieser Gruppe zählt Gaipa Autoren wie Woolf, Hemingway und Faulkner. Die zweite Gruppe jedoch, zu der Gaipa neben Joyce auch Eliot, Beckett, Nabokov und Pound rechnet, zeichnet sich gerade nicht durch eine spezifische Art der Weltbetrachtung, sondern eher durch den Gebrauch einer „stylistic impersonality“ (1995: 196) aus. Wie es bei Joyce nun zu so einer „Unpersönlichkeit“ des Stils kommt, versucht Gaipa anhand des Ulysses-Kapitels aufzuzeigen.
Dazu stellt er zunächst vor dem Hintergrund des im 19. Jh. populär gewesenen biogenetischen Gesetzes nach Ernst Haeckel die These auf, daß in „Oxen of the Sun“ der Text selbst nach dem Stil seines Autors fragt. So bezieht Gaipa nämlich das Prinzip „ontogeny recapitulates phylogeny“ (1995: 196), auf das auch von anderen Interpreten immer wieder in Verbindung mit dem Kapitel hingewiesen wird1, nicht nur auf die beiden Hauptaspekte des Kapitels - die Geburt des Purefoy- Kindes einerseits und die Entwicklung der englischen Prosastile andererseits -, sondern auch auf die spezifische Herausbildung des Joyceschen Stils. Genau wie nach dem biogenetischen Gesetz das jeweils letzte Exemplar einer Spezies die Leistungen seiner Vorgänger als seinen eigenen Fortschritt nachvollzieht, geht nach Gaipa auch Joyce in „Oxen of the Sun“ vor, um dann am Ende der Rekapitulation der englischen Prosastile der Vergangenheit seinen eigenen Stil zuzufügen. (Vgl.1995: 196ff.)
Damit deutet Gaipa den „apocalyptic tone“ (1995: 197), der nach Ansicht der meisten Kritiker den letzten Abschnitt des Kapitels, in dem jegliche stilistische Ordnung zugunsten eines nahezu undurchdringlichen Stimmengewirrs aufgegeben wird, beherrscht, um in eine Offenbarung, die darin besteht, daß Joyce nun sein Versprechen einlöst und mit seiner eigenen Stimme bzw. der des 20. Jahrhunderts spricht.
[...]
1 Vgl. beispielsweise John Gordon „The Multiple Journeys of ‘Oxen of the Sun’“, S. 158.
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