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Kommunikation mit Kindern mit Mutismus im schulischen Kontext: Formen und Förderung der Interaktion

Examination Thesis, 2005, 121 Pages
Author: Melanie Buß
Subject: Pedagogy - Orthopaedagogy and Special Education

Details

Category: Examination Thesis
Year: 2005
Pages: 121
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 40  Entries
Language: German
Archive No.: V42645
ISBN (E-book): 978-3-638-40637-6
ISBN (Book): 978-3-638-88177-7
File size: 2935 KB

Abstract

Mutismus ist noch immer nur wenigen Menschen ein Begriff. Immer wieder werden Menschen mit Mutismus als dickköpfig und stur bezeichnet. Ihr Schweigen wir als Arbeitsverweigerung gedeutet. Und dies nicht nur von Laien, sondern auch von Ärzten, Psychologen und Pädagogen von denen Eltern Hilfe erwarten. Im Kindergartenalter wird den Eltern meist vermittelt: „Das legt sich schon wieder”. Dies kann schwerwiegende Konsequenzen haben. Denn je länger eine Person schweigt, desto mehr manifestiert sich dieses Schweigen. Gerade in der Schule gestaltet sich der Mutismus als Problem. Hier wird mündliche Beteiligung am Unterricht und Eingliederung in den Klassenverband verlangt. Der Lehrer steht vor dem Problem, das Kind adäquat benoten und behandeln zu müssen. Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, dass Mutismus bekannter wird und Verständnis für diese Kinder wecken. Vor allem möchte ich Lehrern helfen, einen Weg zu finden, mit diesen Kindern umzugehen und ihnen helfen zu können. Wie kann man einen Schüler, der schweigt oder sogar generell die Mitarbeit „verweigert” in den Unterricht integrieren, mit ihm kommunizieren und ihn angemessen fördern? Dieser Frage möchte ich im Haupteil dieser Arbeit nachgehen. Es geht darum, mögliche Kommunikations- und Umgangsformen mit mutistischen Kindern im Klassenraum, sowie Möglichkeiten der sprachheilpädagogischen Intervention durch Lehrer aufzuzeigen. Angesprochen wird auch die Frage nach der Notengebung und Beschulung, die sich den Lehrern und Eltern immer wieder stellt. Einleitend werde ich mich nach einer Definition des Störungsbildes vor allem mit den verschiedenen Formen, Symptomen und möglichen Ursachen des Mutismus beschäftigen, um das Störungsbild möglichst genau darzustellen und dem Leser einen verstehenden Umgang mit Betroffenen zu ermöglichen. Anschließend werden wichtige Kriterien für die Diagnostik dargestellt, wobei auch auf die Differentialdiagnostik eingegangen werden soll, um den Mutismus von anderen Störungsbildern abzugrenzen. Wichtig erschienen mir hier im Hinblick auf eine (schulische) Förderung auch förderdiagnostische Fragestellungen. Neben schulischen Interventionsmöglichkeiten werden weitere Therapieformen dargestellt. Sie liefern Anregungen für die Arbeit mit den Kindern und sind wichtig, um Betroffene, deren Angehörige, sowie als Beratungslehrer auch deren Lehrer hinsichtlich sinnvoller Interventionsmöglichkeiten beraten zu können.


Excerpt (computer-generated)

Justus-Liebig-Universität in Giessen
Institut für Heil- und Sonderpädagogik

Kommunikation mit Kindern mit Mutismus im schulischen Kontext:
Formen und Förderung der Interaktion

eingereicht von:
Melanie Buß

2005

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 1

2. Definition und Begriffsklärung ...  4

3. Erscheinungsformen des Mutismus (Klassifikation) ...  8

4. Erscheinungsbild des Mutismus (Symptomatik)  ... 12
4.1. Das Schweigen - seine Funktion und Wirkung ... 12
4.2. Verhaltens- und Persönlichkeitsmerkmale ... 14
4.3. Sprachperzeptive und stimmliche Fähigkeiten ... 18
4.4. Äußeres Erscheinungsbild (Physische Merkmale)  ... 18
4.5. Intelligenz  ... 18

5. Auftreten (Epidemiologie) ...  20
5.1. Häufigkeit ... 20
5.2. Geschlechterverteilung  ... 20
5.3. Zeitpunkt des Auftretens ... 21

6. Mögliche Ursachen (Ätiologie) und Risikofaktoren  ... 23
6.1. Psychologische Ursachen ... 25
6.1.1. Psychoanalytischer Erklärungsansatz ... 25
6.1.2. Lerntheoretischer Ansatz ... 27
6.1.3. Milieutheoretischer Ansatz ... 30
6.1.4. Stresstheoretische Ansätze ... 32
6.1.5. Gründe für das Schweigen in der Schule  ...  40
6.2. Organische Faktoren ...  41
6.2.1. Genetische Faktoren ... 41
6.2.2. Entwicklungsstörungen ... 41
6.2.3. Psychosen ... 42
6.2.4. Akinetischer Mutismus  ...  43

7. Diagnostik  ... 44

8. Therapie und Förderung bei Mutismus ...  51
8.1. Psychotherapien ... 57
8.1.1. Verhaltenstherapie ... 59
8.1.2. Psychoanalytisch orientierte Therapie ... 64
8.2. Familientherapie ... 65
8.3. Spieltherapie ... 67
8.4. Pharmakotherapeutische Behandlung ... 68
8.5. Sprachheilpädagogische und logopädische Intervention ... 70
8.6. Therapie nach dem Diathese-Stress-Modell ... 76
8.7. Wirksamkeit der Therapien / Prognosen ... 77

9. Umgang mit und Förderung von Kindern mit Mutismus in der Schule ... 78
9.1. Grundsätze im Umgang mit schweigenden Kindern ... 79
9.2. Kommunikation: eine Begriffsklärung  ... 83
9.3. Nonverbale Kommunikationsformen und Interaktionsmöglichkeiten ... 83
9.4. Förderung der Interaktion im Rahmen schulischer Möglichkeiten ... 87
9.5. Weitere Anregungen für die Arbeit mit schweigenden Schülern ... 97
9.6. Möglichkeiten der Benotung ... 100
9.7. Die Frage nach der richtigen Schulform ... 101

10.Schlussbemerkungen ... 103

Literaturverzeichnis ... 105

A. Anhang  ... 1
A.1. Evaluationsbogen für das sozialinteraktive Kommunikationsverhalten bei Mutismus ... 1
A.2. E-Mail von U. Petermann ... 2
A.3. Micky geht zur Schule ... 2
A.4. „Die Sprache der Fische - ein stilles Märchen für stille Augenblicke” ... 4

 


„Einen Menschen zu verstehen bedeutet vor allem, die ihn bewegenden ’Daseinsthemen’ und die zu deren Verwirklichung eingesetzten ’Daseinstechniken’ sowie den inneren Zusammenhang zwischen beiden zu erkennen.”
ULICH 1987, 108

1. Einleitung

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold? Was stimmt an diesem Sprichwort? Haben Kinder, die schweigen, uns etwas voraus (vgl. BAHR 2004, 13)? Ist es nicht eine Gabe, Schweigen zu können, anstatt immer mitreden und häufig sogar das letzte Wort haben zu müssen? Sicherlich beneiden wir sie nicht, erscheinen sie uns doch häufig trotzig oder ängstlich. Doch vielleicht hilft uns ein wenig Bewunderung dabei, diese Kinder ernst zu nehmen, zu akzeptieren und nicht nur ihr „Problem” zu sehen. Dann können wir versuchen, Betroffene zu verstehen. Dabei dürfen wir natürlich nicht vergessen: Kinder mit Mutismus leiden im Normalfall unter den Folgen ihres Schweigens und benötigen Hilfe.

Mutismus ist noch immer nur wenigen Menschen ein Begriff. Immer wieder werden Menschen mit Mutismus als dickköpfig und stur bezeichnet. Ihr Schweigen wird als Arbeitsverweigerung gedeutet. Und dies nicht nur von Laien, sondern auch von Ärzten1, Psychologen und Pädagogen, denen dieses Störungsbild ein Begriff sein sollte und von denen Eltern Hilfe erwarten. Im Kindergartenalter wird den Eltern meist vermittelt: „Das legt sich schon wieder”. Dies kann schwerwiegenden Konsequenzen haben. Denn je länger eine Person schweigt, desto mehr manifestiert sich dieses Schweigen.

Obiges Zitat von ULICH soll ein Hauptanliegen der vorliegenden Arbeit aufzeigen. Die Arbeit soll klären, was Kinder dazu bewegt (in der Schule) zu schweigen, um auf dieser Grundlage einen verstehenden Umgang mit ihnen zu ermöglichen. Gerade in der Schule gestaltet sich der Mutismus als Problem. Hier wird mündliche Beteiligung am Unterricht und Eingliederung in den Klassenverband verlangt. Der Lehrer steht vor dem Problem, das Kind adäquat benoten und behandeln zu müssen. Mit meiner Arbeit möchte ich dazu beitragen, dass Mutismus bekannter wird und somit Verständnis für diese Kinder wecken. Vor allem möchte ich Lehrern helfen, einen Weg zu finden, mit diesen Kindern umzugehen und ihnen helfen zu können. Wie kann man einen Schüler, der schweigt oder sogar generell die Mitarbeit „verweigert” in den Unterricht integrieren, mit ihm kommunizieren und ihn angemessen fördern? Dieser Frage möchte ich im Haupteil dieser Arbeit nachgehen. Es geht darum, mögliche Kommunikations- und Umgangsformen mit mutistischen Kindern im Klassenraum, sowie Möglichkeiten der sprachheilpädagogischen Intervention durch Lehrer aufzuzeigen. Angesprochen wird auch die Frage nach der Notengebung und Beschulung, die sich den Lehrern und Eltern immer wieder stellt. Bisher ist zu diesem Thema nur vereinzelt etwas in der Literatur zu finden. Das einzige deutschsprachige Werk, das sich ausführlich diesem Thema widmet, stammt von DOBSLAFF (2005). DOBSLAFF bezieht sich darin auf Kinder, die ausschließlich in der Schule schweigen. Er vertritt offensichtlich einen weit gefassten Begriff von Mutismus. So bezeichnet er beispielsweise auch Schüler, die nur bei bestimmten Themen oder phasenweise schweigen, als Schulmutisten. In anderer Literatur habe ich einen derart weit gefassten Mutismusbegriff nicht gefunden.

Einleitend werde ich mich nach einer Definition des Störungsbildes vor allem mit den verschiedenen Formen, Symptomen und möglichen Ursachen des Mutismus beschäftigen, um das Störungsbild möglichst genau darzustellen und dem Leser einen verstehenden Umgang mit Betroffenen zu ermöglichen. Anschließend werden wichtige Kriterien für die Diagnostik dargestellt, wobei auch auf die Differentialdiagnostik eingegangen werden soll, um den Mutismus von anderen Störungsbildern abzugrenzen.Wichtig erschienen mir hier im Hinblick auf eine (schulische) Förderung auch förderdiagnostische Fragestellungen. Neben schulischen Interventionsmöglichkeiten werden weitere Therapieformen dargestellt. Sie liefern Anregungen für die Arbeit mit den Kindern und sind wichtig, um Betroffene, deren Angehörige, sowie als Beratungslehrer auch deren Lehrer hinsichtlich sinnvoller Interventionsmöglichkeiten beraten zu können. Ich werde mich in meinen Ausführungen vorrangig auf den selektiven Mutismus (vgl. Kap. 2) beziehen, da nahezu ausschließlich diese Form des Mutismus im Schulalter auftritt.

In vielen Quellen, vor allem in älterer Literatur, findet man noch den Begriff „elektiver Mutismus”. Er wurde erstmals 1934 von TRAMER verwendet, und gerät heute immer mehr in den Hintergrund, da er eine freiwilligeWahl des Schweigens vermuten lässt. Heute geht man jedoch nicht mehr davon aus, dass ein Kind sich freiwillig dazu entscheidet zu schweigen. Der Begriff selektiv wurde gewählt, da diese Kinder nur in bestimmten Situationen schweigen (vgl. BAHR 2004, 15). „In den USA hat die American Pychiatric Association mit der vierten Ausgabe des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-IV) aus dem Jahr 1994 die Bezeichnung ’elective mutism’ offiziell in ’selective mutism’ geändert”2 (BAHR 1996, 24), während nach der ICD-10-GM (Internationale Klassifikation psychischer Störungen - Version 2004) noch die Bezeichnung elektiver Mutismus (F94.0) vorgesehen ist. Ich werde in der vorliegenden Arbeit vorrangig den Begriff des selektiven Mutismus verwenden.

[...]


1 Aufgrund des besseren Leseflusses wird bevorzugt nur die männliche Form bei Personenbezeichnungen benutzt.

2 Zitate wurden der neuen deutschen Rechtschreibung angepasst.


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