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Nietzsche: Philosoph - Kultfigur - Kunstobjekt

Hauptseminararbeit, 2002, 27 Seiten
Autor: Dr. phil. Ass. iur. M.A. Reiner Scheel
Fach: Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2002
Seiten: 27
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 35  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V42647
ISBN (E-Book): 978-3-638-40639-0
ISBN (Buch): 978-3-638-65676-4
Dateigröße: 270 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Forschungsarbeit über den Kult um Friedrich Nietzsche entstand während des Sommersemesters 2002 im Rahmen eines interdisziplinären Hauptseminars über „Moderne Mythen und private Mythologien“ an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Einer komprimierten Darstellung der zentralen Begriffe von Nietzsches Lehre folgt die Schilderung der diversen Manifestationen des Kults in Deutschland von seiner Entstehung bis zum Beginn des 1. Weltkriegs. Das Kapitel über den Nietzsche-Kult in der Gesellschaft befasst sich mit der Rolle des Nietzsche-Archivs sowie mit singulären Kultphänomenen wie der Rezeption Nietzsches durch Psychoanalyse, Feminismus, Lebensreformbewegung, Jugendbewegung und Sozialdarwinismus. Im Abschnitt zum Kult über den Philosophen in der Kunst wird Nietzsches Einfluss auf avantgardistische Tanzkonzeptionen, auf die Literatur insbesondere des George-Kreises und des Expressionismus, auf Malerei, bildende Kunst und Architektur thematisiert. Eine umfangreiche Bibliographie rundet die aufschlussreiche Untersuchung ab.


Textauszug (computergeneriert)

Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
-Philosophische Fakultät-
Hauptseminar: Moderne Mythen – Private Mythologien

Nietzsche: Philosoph - Kultfigur - Kunstobjekt

von: Reiner Scheel

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung 3

II. Hauptteil 4

A. Zentrale Begriffe der Lehre Nietzsches 4
B. Der Nietzsche-Kult in der Gesellschaft 6

1. Eine Formel für den Nietzsche-Enthusiasmus: Mythos oder Kult? 7
2. Entstehung des Nietzsche-Kults 8
3. Die Rolle des Nietzsche-Archivs 11
4. Singuläre Kultphänomene 12

C. Der Nietzsche-Kult in der Kunst 15

1. Tanz in Ascona 16
2. Literarischer Nietzsche-Kult 16

a) Der Nietzsche-Kult im George-Kreis 17
b) Nietzsche und der Expressionismus 19

3. Der Nietzsche-Kult in Malerei und bildender Kunst 21
4. Architektonischer Nietzsche-Kult 22

III. Fazit 24

Literaturverzeichnis 25

I. Schriften von Friedrich Nietzsche 25
II. Weitere Literatur 25



 

I. Einleitung

Vorliegende Untersuchung hat primär den Kult um Friedrich Nietzsche zum Gegenstand. Entsprechend den Vorgaben des Dozenten werden ebenso Nietzsches Philosophie sowie seine aktive und passive Rolle für die Kunst behandelt. Aufgrund der enormen Popularität Nietzsches auch im Ausland und seiner Wirkung bis in die Gegenwart war eine weitere Eingrenzung des Themas erforderlich: Örtlich beschränkt sich die Studie daher auf Deutschland und zeitlich auf die Phase der Entstehung des Kults bis zum 1. Weltkrieg. Allerdings wurde diese prinzipielle Begrenzung, wenn sachliche Erwägungen hierzu Veranlassung gaben, punktuell durchbrochen. Die Abhandlung beginnt deshalb mit einer Vorstellung von Nietzsches zentralen Begriffen, um die spätere Darstellung des Kults mit den differenten Bezugnahmen der Nietzsche- Enthusiasten auf die Lehre ihres Idols besser zu veranschaulichen. Naturgemäß wird in dem Kult-Komplex immer wieder auf die Philosophie Nietzsches zurückgegriffen, so dass es zu thematischen Überschneidungen kommt. Die Auswahl der Kult-Phänomene erfolgte in der Absicht, den Facettenreichtum der Nietzsche-Glorifizierung und die Bandbreite der Rezeption aufzuzeigen. Der Übergang vom Kult- zum Kunst-Kapitel bedeutet keinen gravierenden Themenwechsel, da mit dem Ascona-Zirkel, dem George-Kreis und dem Expressionismus künstlerische Bewegungen behandelt werden, deren Rezeption auch kultischen Charakter besaß. Schließlich knüpft die Darstellung der Rolle Nietzsches als Objekt in Architektur, Malerei und bildender Kunst an die kunstgeschichtlichen Inhalte des Seminars an.

II. Hauptteil

A. Zentrale Begriffe der Lehre Nietzsches

Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) erfuhr als Sohn eines protestantischen Pfarrers eine christliche Erziehung. Seine Faszination vom griechischen Altertum, welcher er von 1869 bis 1879 als Professor für klassische Philologie in Basel nachging, der Einfluss der Philosophie Arthur Schopenhauers sowie die Begeisterung für die Musik Richard Wagners waren weitere Faktoren, die sein Denken1 und die Entstehung der 1872 erscheinenden Geburt der Tragödie prägten. Die Themen von Nietzsches erstem bedeutenden Werk sind die Entwicklung der griechischen Tragödie, eine Neudefinition des Altertums, Propaganda für das Werk Wagners und eine Kampfansage gegen den erstmals vom Verfasser diagnostizierten sokratischen Geist.2 In Anlehnung an antike Götter entwickelt Nietzsche mit dem Begriffspaar dionysisch und apollinisch die Basiskategorien seiner ansonsten unsystematischen Philosophie. Die beiden Termini stehen für gegensätzliche künstlerische Mächte, welche die ästhetische Erfahrung lehre. Ohne Vermittlung eines Künstlers würden diese irrationalen Kräfte unmittelbar aus der Natur wirken. 3 Dabei dominiere das Apollinische in Analogie zum Traum die schönen Illusionen der (inneren) Phantasiewelt und repräsentiere zudem Selbstbeherrschung und Suspendierung jeglicher zügelloser Affekte.4 Als Götterbild des principii individuationis5 drücke die Erscheinung Apollos Lust und Klugheit des schönen Scheins aus.6 Entsprechend dem Zustand des Rausches rufe das Dionysische infolge von Drogenkonsum oder bestimmten hormonellen Vorgängen Empfindungen hervor, deren ekstatische Steigerung zur allmählichen Auflösung des Subjektiven in totaler Selbstvergessenheit führe. Als Beispiele nennt Nietzsche die „bacchischen Chöre der Griechen“ oder Veitstänzer im deutschen Mittelalter. Das Dionysische bewirke sowohl die Aussöhnung der Menschen untereinander als auch die Wiederherstellung der Harmonie zwischen Mensch und Natur. Der einzelne Mensch stelle sich singend und tanzend als Teil einer höheren Gemeinschaft dar; anstatt sich zum Künstler zu entwickeln, werde das Individuum selbst zum Kunstwerk. Das Dionysische ist als unkontrollierbarer Trieb mit dem Ziel der Selbstdarstellung zu verstehen; dabei fungiere es als Antriebskraft für kreative Prozesse.7 Die attische Tragödie sei aus der Verschmelzung der beiden Kunstprinzipien entstanden, welche sich trotz ihres Kontrasts gegenseitig bedingen würden. 8 Feind jeder Kultur sei hingegen die von Sokrates ausgehende Aufklärungsphilosophie und der mit ihr korrespondierende Geist der Problemanalyse, welcher sich in der wissenschaftlichen Fragestellung spiegele.9 Dieser habe das griechische Wesen und damit das Kunstwerk der Tragödie verneint und zerstört. Euripides sei, indem er sich der durch die sokratische und platonische Dialektik gewonnenen Einsichten bediente, daher nur Maske des Sokrates. Das sog. Sokratische habe zur Verdunkelung der Kultur des Okzidents geführt und bilde mit dem Dionysischen einen neuen Antagonismus.10 Abhilfe soll die Musik Richard Wagners schaffen: Die Selbstüberschätzung der Wissenschaft und den Aberglauben des Christentums überwinde diese im Sinne der Wiederkehr des tragischen Mythus.11 Das tragische Bewusstsein ruft bei Nietzsche Optimismus hervor. Die Herrschaft der Triebe wird lustvoll bejaht; die dionysische Ekstase und das Chaos als Wurzel der Kreativität werden verherrlicht. Schließlich negiert er jegliche moralische Rechtfertigung der Welt zugunsten einer Ästhetik, wonach die Welt einzig die Verkörperung der Dominanz des Dionysos darstellt.

1876 und 1878 erschien Menschliches, Allzumenschliches in zwei Bänden. Der Stil des Werkes ist überwiegend aphoristisch, sein Inhalt zu großen Teilen autobiographisch. Nietzsche distanziert sich hierin von der Philosophie Schopenhauers und seinen ursprünglichen, an Wagner orientierten ästhetischen Ansichten. 12 Während er bislang der Wirklichkeit noch einen gewissen tieferen Sinn zugestand, verabschiedet er diesen nunmehr vollends: Hinter den Dingen bzw. Phänomene n gebe es keine weitere sinnstiftende Instanz. 13

[...]


1 Vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. 17. Auflage Stuttgart Berlin Köln 1999. S. 530.

2 Vgl. Frenzel, Ivo: Friedrich Nietzsche. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg 1966. S. 48.

3 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik . Zitierweise: Nietzsche, GT, Kap... Kap. 2 (Textgrundlage der Nietzsche-Verweise: Werke in drei Bänden. Herausgegeben von Karl Schlechta. München 1954-1956). Schlechta, I, 25.

4 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 1 (Schlechta I, 23).

5 Vgl. zu diesem Begriff Schopenhauer, Arthur: Die Welt als Wille und Vorstellung. Erster Band. Vier Bücher nebst einem Anhange, der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält. § 23: Unter Rückgriff auf die Scholastik definiert Schopenhauer mit dem principio individuationis die Dimensionen Zeit und Raum, in denen die Erscheinungen in Vielheit auftreten, während sie als Manifestationen des Willens als dem Ding an sich in Wesen und Begriff eine Einheit sind.

6 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 1 (Schlechta I, 24).

7 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 2 (Schlechta I, 26).

8 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 12 (Schlechta I, 70).

9 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 13 (Schlechta I, 76).

10 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 12 (Schlechta I, 71).

11 Vgl. Nietzsche, GT, Kap. 24 (Schlechta I, 132 f.).

12 Vgl. Nietzsche, Friedrich: Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister. Zitierweise: Nietzsche, MA, Band, Kap... Erster Band, „Vorrede“, Kap. 1 (Schlechta I, 438).

13 Vgl. Nietzsche, MA I, Kap. 9 (Schlechta I, 452).


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