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Überlegungen zur Ethik Schopenhauers unter besonderer Berücksichtigung seiner Kritik an der Kantischen Ethik

Scholary Paper (Seminar), 2003, 22 Pages
Author: Ruben von der Heydt
Subject: Philosophy - Philosophy of the 19th Century

Details

Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2003
Pages: 22
Grade: sehr gut (1,0)
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V42811
ISBN (E-book): 978-3-638-40753-3

File size: 170 KB


Excerpt (computer-generated)

Universität Rostock, Institut für Philosophie
Proseminar: Modulkurs Ethik
5. Semester

Überlegungen zur Ethik Schopenhauers unter besonderer
Berücksichtigung seiner Kritik an der Kantischen Ethik

von: Ruben von der Heydt

 


I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

Einleitende Bemerkungen 3

1. Die drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns und das Mitleid als Grundlage der Ethik 5

2. Das Mitleid als Mittel zur Erkenntnis 8

3. Das Mitleid als Zugang zur Erlösung vom Willen zum Leben 9

4. Schopenhauers Kritik an der Ethik Kants 12

5. Die Einordnung des Moralentwurfs Schopenhauers in die philosophiegeschichtliche Entwicklung der Ethik und die Grundfrage nach dem Primat für das menschliche Handeln 16

6. Schopenhauers und Kants Beiträge für eine zeitgemäße Ethik 18

Abschließende Betrachtungen 20

Literaturverzeichnis 22


 

Einleitende Bemerkungen

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Ethik Schopenhauers. Es soll im folgenden darum gehen, die, nach Auffassung des Verfassers, zentralen Merkmale des schopenhauerschen Ansatzes einer Moralbegründung herauszustellen. Dabei sollen im ersten Abschnitt die drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns benannt werden. Hier wird darüber hinaus gezeigt werden, daß das Mitleid nach Schopenhauers Auffassung als die Grundlage des ethischen Handelns anzusehen ist. Darauf aufbauend, wird im zweiten Abschnitt dargelegt, welche Bedeutung dem Mitleid als Zugang zur Erkenntnis im Sinne Schopenhauers zukommt. Die Beschäftigung mit dieser Thematik macht einen kurzen „Abstecher“ in die Metaphysik Schopenhauers notwendig, die aufs engste, und dies stellt auch eine Besonderheit im schopenha uerschen Denken dar, mit dessen Ethik verknüpft ist. Dabei soll aber nicht zu tief in die metaphysische Materie eingedrungen werden. So muß insbesondere die Frage nach der Rolle des intelligiblen Charakters, nach der Freiheit des Handelns und nach der Hierarchie von Wille und Erkenntnis ausgeklammert werden, um sich nicht all zu weit von der ethischen Fragestellung, die möglichst praktisch beantwortet werden soll, zu entfernen. Daran anschließend wird im dritten Abschnitt gezeigt, daß Schopenhauer das Mitleid bei weitem nicht als Selbstzweck ansieht, sondern lediglich als Zugangsmittel zur Negation des Willens. Die konkreten Schlußfolgerungen, die aus einem solchen Denkansatz zu ziehen sind, sollen dabei kritisch hinterfragt werden. Der Darstellung des ethischen Konzepts Schopenhauers, schließt sich im vierten Abschnitt dessen Kritik an Kants Ethikentwurf an. Hier wird es vor allem um die Kritik Schopenhauers am kategorischen Imperativ und dessen Ableitung von reinen Prinzipien a priori, gehen. Im fünften Abschnitt soll die Ethik Schopenhauers im Zusammenhang mit der philosophischen Tradition, und deren radikale Richtungsänderung im 19. Jahrhundert, gesehen werden, wobei hier besonders die Grundfrage nach dem Primat menschlichen Handelns im Vordergrund steht, die von Kant und Schopenhauer ganz unterschiedlich beantwortet wird. Im sechsten Abschnitt schließlich, sollen Schopenhauers und Kants Beiträge für eine zeitgemäße Ethik diskutiert und die Frage nach einer solchen gestellt werden. In den abschließenden Betrachtungen werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefaßt.

Während in den Abschnitten eins bis vier nah an den Originaltexten gearbeitet wurde und diese auch öfters zu Wort kommen, ging es im fünften Abschnitt vor allem um die philosophiegeschichtliche Einordnung Schopenhauers. In den sechsten Abschnitt und in die abschließenden Betrachtungen sind, neben mehreren Einschüben auch in den anderen Abschnitten, verstärkt eigene Überlegungen des Verfassers eingeflossen. Der Reiz dieser Thematik bestand für den Verfasser in dem Versuch, den ethischen Entwurf eines nicht zuvor im Seminar behandelten Philosophen zu untersuchen und im Vergleich mit einem bekannten Denker darzustellen.

1. Die drei Grundtriebfedern des menschlichen Handelns und das Mitleid als Grundlage der Ethik

In § 14 der Preisschrift über die Grundlage der Moral1 heißt es:

„Die Haupt- und Grundtriebfeder im Menschen, wie im Thiere, ist der E g o i s m u s, d. h. der Drang zum Daseyn und Wohlseyn. [...] Dieser E g o i s m u s ist, im Thiere, wie im Menschen, mit dem innersten Kern uns Wesen desselben aufs genaueste verknüpft, ja, eigentlich identisch. Daher entspringen, in der Regel, alle seine Handlungen aus dem Egoismus, und aus diesem zunächst ist allemal die Erklärung einer gegebenen Handlung zu versuchen; [...] Der E g o i s m u s ist, seiner Natur nach, gränzenlos: der Mensch will unbedingt sein Daseyn erhalten, will es von Schmerzen, zu denen auch aller Mangel und Entbehrung gehört, unbedingt frei, will die größtmögliche Summe von Wohlseyn, und will jeden Genuß, zu dem er fähig ist, [...] Alles, was sich dem Streben seines Egoismus entgegenstellt, erregt seinen Unwillen, Zorn, Haß: er wird es als seinen Feind zu vernichten suchen. Er will wo möglich Alles genießen, Alles haben; da aber dies unmöglich ist, wenigstens Alles beherrschen: ‚Alles für mich, und nichts für die Andern‘, ist sein Wahlspruch.“2

Der Egoismus, der nach Schopenhauer die allgemeine Erscheinungsform der Bejahung des Willens zum Leben darstellt, ist also als die Quelle aller menschlichen Handlungen anzusehen. Allerdings versieht Schopenhauer dieses Postulat mit der Einschränkung „in der Regel“. Es deutet sich hier bereits an, daß Ausnahmen möglich zu sein scheinen. Eine höhere Potenzierung der moralischen Schlechtigkeit gegenüber dem Egoismus läßt sich in der Bosheit erkennen. Diese ist neben dem Egoismus als erster, die zweite Grundtriebfeder der menschlichen Handlung. Während der Egoismus das eigene Wohl will, strebt die Bosheit nach dem fremden Weh, und zwar um des fremden Wehs Willen. Die Bosheit nimmt nicht nur fremdes Weh bei der Durchsetzung egoistischer Ziele in Kauf. Ihr kommt es, im Gegensatz zum Egoismus, auf eigenes Wohl gar nicht an, sondern statt dessen eben auf fremdes Weh. Die Bosheit kann sich bis zur Grausamkeit steigern. Es sei an dieser Stelle nur kurz darauf verwiesen, daß nach Schopenhauer die Welt, in metaphysischer Hinsicht, eine moralische Bedeutung hat, wonach die menschliche Existenz unter dem Zeichen einer abzutragenden Schuld steht.

[...]


1 Die Frage nach der Grundlage der Moral ist nach Schopenhauer eines der zwei ethischen Grundprobleme. Das andere ist die Frage nach der Freiheit des Willens. Diese beiden Hauptgegenstände der Ethik untersucht Schopenhauer in einzelnen Abhandlungen: Preisschrift über die Freiheit des Willens, 1839 und Preisschrift über die Grundlage der Moral, 1840, die er 1841 zusammengefaßt unter dem Titel Die beiden Grundprobleme der Ethik veröffentlicht.

2 SCHOPENHAUER, Moral, S. 235 f.


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