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Farnsworth-House - ein Rückblick. Mies' Wohnhausprogramm in den USA

Scholarly Essay, 2005, 14 Pages
Author: Dipl. Werner Nehls
Subject: Art - Architecture / History of Construction

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 2005
Pages: 14
Bibliography: ~ 5  Entries
Language: German
Archive No.: V42932
ISBN (E-book): 978-3-638-40843-1
ISBN (Book): 978-3-638-79087-1
File size: 367 KB
Notes :
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand


Abstract

Mies van der Rohes Farnsworth-House (1951) gehörte wohl zur weltweit am meisten bejubelten und prämierten Ikone der Moderne. Kein Entwurfslehrstuhl, der die Glas-Stahl-Skulptur nicht wie ein Hochamt zelebrierte, um sie nach einsetzender Kritik an modernistischer Architektur in akademischer Manier stillschweigend fallen zu lassen. Beide Verhaltensweisen sind unwissenschaftlich, tragen zu Fehlplanungen und Steuergeldverschwendungen bei. Die Kritik der Bauherrin, Frau Dr. Edith Farnsworth, war die erste spektakuläre an der Architekturmoderne und traf sie im Kern. Von Modernisten wurde sie lange als die ei-ner "enttäuschten, liebestollen Zicke" abgetan. Nachdem aber auch der nachfolgende Mies-Enthusiast Lord Peter Palumbo vier Ventilatoren in den Raumecken aufstellen musste, um dem Schwitzwasser bei einem Ein-Personen-Haushalt Herr zuwerden, konnte man die Einwände nicht mehr einfach wegwischen. Die Missachtung von Funk-tionen hatte bei der "funktionalen" Architektur einen solchen Umfang, dass die Wohn-funktionen schlechter erfüllt wurden als in traditionellen Gebäuden. Andererseits frappiert die rigorose Konsequenz mit der eine stapelbare Einheit das gesamte Bauprogramm außerhalb des Hallenbaues vom "Einfamilienhaus" über den Geschossbau bis zum Hochhaus bewältigen sollte. Diese anti-bourgeoise, totalitaristi-sche Einheitsarchitektur stoppte dann die Postmoderne in den 1970er Jahren. Ebenso wenig wurde das Schicksal des >McCormick-House< und >Morris Greenwald-House< verfolgt, die aus übrig geblieben Elementen Mies`scher Hochhäuser bestan-den. Die Untersuchung soll auch einen Beitrag leisten, den bis heute in Fachliteratur und Enzyklopädien falschen Gebrauch von "funktionell" und "funktionalistisch" zu klären. Ferner zeigt das Beispiel, dass nicht allein Epigonen die Alleinschuldigen des Moder-ne-Debakels sind, sondern dass dem "Miestakes" vorausgingen. Nicht nur wird deut-lich, welches Maß an Mitschuld eine unkritische, verklärende Geschichtsschreibung an "form follows fiasco" (Peter Blake) trägt, sondern auch, warum sich die "Wohnmaschi-nen" als kapitale "Kapitalvernichtungsmaschinen" entpuppten und warum ein Zurück zur "klassischen Moderne" allein von daher ein Wunschtraum bleiben wird.


Excerpt (computer-generated)

Farnsworth-House - ein Rückblick
Mies` Wohnhausprogramm in den USA

von

Werner Nehls, Dipl.-Ing.

 

 

0. Vorbemerkungen
0.1 Fehlen kritischer Analysen
0.2 Die Moderne wird zum langen Irrweg

1. Farnsworth-House 1946 - 51
1.1 Eine begehbare konstruktivistische Skulptur
1.2 Exorbitante Bau- und Unterhaltskosten
1.3 Die Gerichtsverfahren
1.4 Die ganze Geschichte
1.4.1 Neuer Besitzer – alte Mängel
1.5 Detail Außenstütze / Fenster
1.5.1 Mangelhafte Heizungstechnik und Wärmedämmung
1.6 Ignorieren der Mängel

2. McCormick-House 1951 - 52

3. Morris Greenwald-House 1951 - 53

4. "Miestakes"
4.1 Rem Koolhaas über Mies

5. Kommentar
5.1 Missachtung von Funktionen und Bautechnik
5.2 Farnsworth-House – der 2. Wendepunkt im Bauen der Moderne
5.3 Permanente Selbst- und Fremdtäuschungen
5.4 Epigonen sind nicht die allein Schuldigen
5.5 Wegreden der Fehlentwicklungen
5.6 Die Ewigkeit dauerte nur ein halbes Jahrhundert

Anmerkungen

Bildnachweise

 

 

0. Vorbemerkungen

0.1 Fehlen kritischer Analysen

Mies van der Rohes "Farnsworth-House" war wohl die berühmteste Ikone der Moderne. Sie wurde welt- weit bejubelt und ausgezeichnet, an den Entwurfslehrstühlen - insbesondere der BRD- bis in die 80er Jahre zelebriert wie eine Offenbarung, dann stillschweigend und kommentarlos - wie andere Bauhaus- Ideale fallen gelassen. Beide Reaktionsarten werden als verhängnisvoll falsch und kostspielig gehalten, auch wenn die Mehrheit danach verfährt. Kritische Würdigungen und Analysen sind nach wie vor Mangelware, insbesondere bei führenden bundesdeutschen Architekturtheoretikern und -historikern. Dabei bestätigt die weitere Geschichte die einstige harsche Kritik von Frau Dr. Farnsworth. Die folgenden Zeilen sollen auch einen Beitrag zu ihrer Rehabilitation leisten.

Autoren bringen auch heute noch Mies-Literatur auf den Markt, die vor allem seine Wohnbauten als vor- bildlich darstellt. Die großformatigen Hochglanz-Broschüren mit professionellen Ausschnittfotos zeigen eine bestechende Ästhetik (Mies soll auch hier den Standort bestimmt haben). Sie trugen viel zu den Fehlentwicklungen rationalistischer Architektur bei. Über Jahrzehnte begnügten sich Fachleute und Historiker widerspruchslos mit von Grafikern gefertigten, Schema -Zeichnungen ohne Beschriftung und Maßangaben. Ausschließlich beschönigende Texte verschwiegen die auch für damalige Zeiten schon erheblichen Funktions-, Technik- und Detailmängel, ebenso die exorbitanten Bau- und Unterhaltungskosten. Alles, was die "weißen Götter" und ihre Architektur hätte in Misskredit bringen können, wurde eisern verschwiegen. Damit erwiesen sie der Architektur im allgemein und der "Neuen Sachlichkeit" im besonderen einen Bärendienst. Die zahlreichen Widersprüche zum ansonsten so betonten sozialen Aspekt wurden ignoriert.

In einem Punkt funktioniert das "Kunstwerk" heute noch: es dient US-Studenten als Übungsaufgabe für Wärmebedarfs- und Wärmeschutzberechnungen. Die Kennziffern werden von Hochschulen im Internet verbreitet. Dies hatte zudem den Vorteil, dass nunmehr erstmals Originalzeichnungen an die Öffentlich- keit gelangten.

Behörden und Städte der USA investieren heute beträchtliche private und öffentliche Gelder in die Erhaltung des überaus teuren Bauhaus-Erbes, engagieren sich bei der Denkmalpflege in respektabler Weise. Man kann die Meinung vertreten, dass mit der Kritik von Frau Farnsworth und der anschließenden öffentlichen Diskussion der Bauhaus-Architektur in den USA zu Beginn der 50er Jahre der eigentliche Wende- punkt im Bauen der Moderne eintrat, die Postmoderne ihren Anfang nahm. Der spätere Rückgriff von Architekten und Bauherren auf historische und regionale Haustypen erklärt sich mit der nahezu völligen Unbewohnbarkeit und Unbrauchbarkeit solcher "Zweckformen". Die einst so verachtete "reaktionäre Spiesserhütte" funktionierte einfach in jeder Beziehung besser. Postmoderne Architekten in Amerika, Großbritannien und Japan gingen von einer Kritik und Analyse des Farnsworth-House aus (Ch. Moore, P. Rudolph, u.a.). Sie übernahmen seither quantitativ und qualitativ die Führungsrolle in diesem Stil. Architekten, Theoretiker und Historiker der BRD, ja ganz Europas, verspielten das Bauhaus-Erbe in selbstherrlicher und starrköpfiger Weise, alle Warnungen in den Wind schlagend.

0.2 Die Moderne wird zum langen Irrweg

Die Moderne scheiterte hauptsächlich im Wohnungsbau, sowohl was das Einzelgebäude als auch den Siedlungs- und Städtebau anbetrifft. Eine fundierte Analyse der Ursachen gab es im vergangenen halben Jahrhundert nur sporadisch, erst recht keinen gleichwertigen modernen Ersatz des historischen Haus- typs, der auch von der Bevölkerung akzeptiert wird.

Da hier die Meinung vertreten wird, dass mit Mies` Wohnhausprogramm in den USA nochmals ein gezielter Zugriff auf die bourgeoise "Hütte mit den kleinen Fenstern" (Corbusier) erfolgen sollte, lohnt sich ein Blick auf das weitere Schicksal, auch der anderen Beispiele.

In den USA hatte Mies den „Rubicon“ überschritten. Vor allem seine Wohn"häuser" und -projekte wurden trotz aller Ästhetik und Eleganz zu einer "Reise nach Absurdistan". Sichtlich abgeschnitten von den einstigen Bauhauswurzeln entwickelte er seine Bauten hin zu einer inhumanen Radikalität sozialistischer und funktionalistischer (nicht sozialer und funktionaler) Einheitsarchitektur, in welcher der psychische Mensch keine und der physische eine nebensächliche Rolle spielte. Leider wurde global gerade diese radikale Phase des sterilen „beinahe Nichts“ blind verherrlicht und kopiert. Historiker und Theoretiker versäumten es bisher, zu klären, wie stark dabei der Einfluss des langjährigen Freundes Ludwig Hilbersheimer war. Ebenso fragt man sich, warum niemand seiner ehemaligen Weggefährten den einsamen Vorkämpfer warnte, auch wenn er dies wohl ignoriert hätte.

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