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'Unendlichkeit' in der Philosophie G.W.F. Hegels

Hauptseminararbeit, 2005, 30 Seiten
Autor: Matthias Gloser
Fach: Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 30
Note: sehr gut
Literaturverzeichnis: ~ 18  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V43201
ISBN (E-Book): 978-3-638-41054-0
ISBN (Buch): 978-3-638-65703-7
Dateigröße: 189 KB
Anmerkungen :
In der vorliegenden Arbeit wird die Verwendung des Begriffs „Unendlichkeit“ bei Hegel untersucht. Dazu wird vor allem die Differenz zwischen "schlechter Unendlichkeit", "mathematischer Unendlichkeit" und dem positiven philosophischen Unendlichkeitsbegriff herausgearbeitet, letzter wird Anhand seiner Verwendung in unterschiedlichen Teilen des hegelschen Systems rekonstruiert.


Zusammenfassung / Abstract

Die philosophische Beschäftigung mit dem Unendlichen ist durch Kant in Verruf geraten. Er hat die Vernunft in enge Grenzen verwiesen und das Unendliche aus dem Bereich der theoretischen Philosophie ausgeschlossen. Heute wird dies besonders in der scharfen Grenze zwischen Theologie und Philosophie deutlich. Während jene sich dem Unendlichen durch den Glauben nähert und die begriffliche, also vernünftige Erkenntnis des Unendlichen aufgegeben hat, hat diese das Unendliche als in ihrem Rahmen unerkennbar zurückgewiesen. Die Philosophie Hegels ist der bis heute letzte große Versuch, das Unendliche durch den Begriff fassbar zu machen. In diesem Versuch ist Hegel Konservativ und revolutionär zugleich. Konservativ, weil er nicht den Menschen in seiner Materialität und Endlichkeit fassen kann und die Welt einzig aus ihr selbst begreift. Revolutionär, weil er das Unendliche nicht dem Glauben überlässt und versucht, es für den Menschen in seiner Vernunft greifbar zu machen und so mit den Mitteln der Aufklärung das Unendliche ins Endliche hinab holt. Oder, wie er es wahrscheinlich eher sehen würde, dass Endliche sich zum Unendlichen erhebt. Diese Arbeit nähert sich Hegels Verständnis des Unendlichen zunächst durch eine Rekonstruktion der „schlechten Unendendlichkeit“. Nach einem kurzen Exkurs in die „mathematische Unendlichkeit“ wird der Begriff in seiner Verwendung in Hegels Religions- und Geschichtsphilosophie, sowie in der Phänomenologie des Geistes nachgezeichnet.


Textauszug (computergeneriert)

„Unendlichkeit“ in der Philosophie G.W.F. Hegels

von: Matthias Gloser

 


INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung 03

2. Schlechte Unendlichkeit 04

2.1. Die erste kosmologische Antinomie bei Kant 05

2.1.1 Qualitative und quantitative Grenze 06
2.2. Hegels Kritik der schlechten Unendlichkeit 07

3. Das mathematische Unendliche 09

3.1. Verhältnisbestimmung von mathematischer und Philosophischer Unendlichkeit 10

4. Die Philosophische Unendlichkeit 12

4.1. Die Philosophie der Religion 12

4.1.1. Erkenntnistheoretische Implikationen 13
4.1.2. Gegenstand der Religionsphilosophie 14
4.1.3. Das Endliche und das Unendliche innerhalb der sinnlichen Existenz 16
4.1.4. Das Endliche und das Unendliche im Denken 18
4.1.5. Das Endliche und Unendliche im Denken und in der Welt  20

4.2. Die Philosophie der Geschichte 22

4.2.1. Entäußerung der Idee in die Geschichte 22
4.2.2. Notwendigkeit und Freiheit 23

4.3. Die Phänomenologie des Geistes 24

4.3.1. Gesetz und Einzelheit 25
4.3.2. Gesetz und besondere Bestimmungen 26
4.3.3. Dynamisches und statisches Gesetz 27

5. Konklusion 29

6. Literatur 30

 

 

1. Einleitung

Die philosophische Beschäftigung mit dem Unendlichem ist mit Kant in Verruf geraten. Er hat die Vernunft in enge Grenzen verwiesen und das Unendliche aus dem Bereich der theoretischen Philosophie ausgeschlossen. Heute wird dies besonders in der scharfen Grenze zwischen Theologie und Philosophie deutlich. Während jene sich dem Unendlichen durch den Glauben nähert und die begriffliche, also vernünftige Erkenntnis des Unendlichen aufgegeben hat, hat diese das Unendliche als in ihrem Rahmen unerkennbar zurückgewiesen.

Die Philosophie Hegels ist der bis heute letzte große Versuch, das Unendliche durch den Begriff fassbar zu machen. In diesem Versuch ist Hegel konservativ und revolutionär zugleich. Konservativ, weil er nicht den Menschen in seiner Materialität und Endlichkeit fassen kann und die Welt einzig aus ihr selbst begreift. Revolutionär, weil er das Unendliche nicht dem Glauben überlässt und versucht, es für den Menschen in seiner Vernunft greifbar zu machen und so mit den Mitteln der Aufklärung das Unendliche ins Endliche hinab holt. Oder wie er es wahrscheinlich eher sehen würde, dass Endliche sich zum Unendlichen erhebt.

Damit stellt Hegel eine eindeutige Verbindung zwischen dem Menschen in seiner materiellen endlichen Existenz und seinen höchsten Ideen, insbesondere den religiösen her. Dadurch bereitet Hegel, in seinem Versuch die Religion durch die Vernunft zu rehabilitieren, für die nachfolgende Religionskritik durch Feuerbach und Marx den Boden. Darin ist er vielleicht konsequenter als Kant, der trotz aller theoretischen Zurückhaltung die traditionelle Metaphysik in der praktischen Philosophie aufgehen lässt und sie somit zwar aus der theoretischen Philosophie verbannt, aber innerhalb der praktischen belässt. Hegels Unendlichkeit ist eine durch und durch Begreifbare, damit wird auch Gott begreifbar, oder ist begriffen. Dann stellt sich die Frage, ob ein vollständig begriffener Gott noch ein Gott ist, oder ob er nicht Hegels Theologie, die Gott seiner mystischen Hülle entkleidet, nicht schnurstracks in einen Atheismus mündet. Dafür ist zu prüfen, was sich hinter dem Begriff der Unendlichkeit, der natürlich ein, wenn nicht das wesentliche Prädikat Gottes ist, verbirgt und wie dieser dann innerhalb Verschiedener Aspekte seines Systems angewandt wird.

2. Schlechte Unendlichkeit

Zunächst besitzen wir als Menschen eine sehr genaue Vorstellung von der Endlichkeit. Endliche Wesen müssen sterben, d.h. ihr Dasein ist in der Zeit begrenzt. Analog dazu, allerdings weniger drastisch können wir uns die Menge der natürlichen Zahlen zwischen 1 und 100 vorstellen und wir sehen vor uns eine endliche, d.h. prinzipiell abzählbare Menge. In diesem Fall könnte man jene in hundert Äpfeln realisiert vor sich aufhäufen und sich der Endlichkeit der Menge versichern.

In Gegensatz zu der Endlichkeit kann uns die Unendlichkeit nicht in der gegenständlichen Welt begegnen. Im besten Fall haben wir also einen Begriff von Unendlichkeit, der als Antipode zur von uns erfahrbaren Endlichkeit entwickelt werden muss. Man kann u.U. auf den Feldern der Umgebung einem Raben begegnen, vielleicht sogar einem oder zwei Dutzend, allerdings ist es unmöglich „alle Raben“ in der Realität vorzufinden. Denn „alle Raben“ bezeichnet eine unendliche Menge, die sich nicht auf die in der Welt befindlichen Raben beschränkt. Wäre dies der Fall, dann bestünde die Möglichkeit, die Aussage „alle Raben sind schwarz“ durch das Auffinden aller auf der Welt lebenden Raben zu verifizieren, sofern diese auch schwarz sind. Doch da die Aussage „alle Raben“ jeden Raben zu jeder Zeit und an jedem Ort meint, ist das logisch unmöglich. Die Menge der Raben ist folglich nicht abzählbar. Die gleiche Vorstellung von Unendlichkeit liegt in der Aussage: „die Menge der natürlichen Zahlen ist unendlich“ ebenfalls zugrunde. Denn wir können solange die Menge der Zahlen vom ersten Glied der Reihe an durchgehen wir werden nie an das Ende der Reihe stoßen. Genauso wird im zenonischen Paradoxon Achill, der schnellste Läufer Athens, der zehn Mal so schnell ist wie die Schildkröte, diese niemals einholen, sondern ihr unendlich hinterherlaufen wird.1 Solchen Vorstellungen liegt eine Idee der Unendlichkeit zugrunde, die Hegel als „schlechte Unendlichkeit“ bezeichnet. Deren spezifische Merkmale sollen im Folgenden anhand der 1. Kosmologischen Antinomie aus Kants Kritik der Reinen Vernunft dargestellt werden. Die schlechte Unendlichkeit soll im weiteren als Kontrastfolie zu Hegels positivem Begriff der Unendlichkeit fungieren.

2.1 Die erste kosmologische Antinomie bei Kant2

Kant stellt in der 1. Antinomie die Thesis: „Die Welt hat einen Anfang in der Zeit, und ist dem Raum nach auch in Grenzen eingeschlossen“ 3 der Antithesis: „Die Welt hat keinen Anfang, und keine Grenzen im Raume, sondern ist, sowohl in Ansehung der Zeit, als des Raums unendlich.4“ gegenüber Die Thesis wird kurz skizziert, dadurch bewiesen, dass das Gegenteil angenommen wird, also, die Welt habe keinen Anfang in der Zeit. Dann müsse aber bis zu jedem Zeitpunkt eine Ewigkeit abgelaufen sein. Dies ist aber unmöglich, denn eine „unendliche verflossene Weltreihe“ kann es nicht geben. In anderen Worten besagt der Beweis, dass die Tatsache, dass wir einen bestimmten Moment erleben, impliziert, dass die Welt einen Anfang habe, den hätte sie keinen, wäre dieser Moment, in dem Sie jetzt diese Zeilen lesen, Glied einer unendlichen Weltreihe könnte er nicht erreicht worden sein.

Im Beweis der Antithesis wird wieder von dem Gegenteil ausgegangen, es wird ein Anfang der Welt vorgestellt. Vor diesem Anfang existiert nun eine leere Zeit. In dieser ist aber kein Entstehen der Welt möglich, da sich die Zustände in einer leeren Zeit sich nicht voneinander unterscheiden, gibt es keine Ursache, die für die Entstehung der Welt verantwortlich sein könne, folglich beweist das Sein der Welt die Antihtesis.5 Schon aus dem ersten Beweis ist ersichtlich, dass die Unendlichkeit als Reihe vorgestellt wird. Wir müssen, um dem Beweis folgen zu können, die Welt als Weltreihe denken, in der ein Zustand auf den anderen folgt und der eine den anderen bedingt. Diese Reihe können wir im Geiste entlangschreiten, bis wir an die Grenze der Reihe, also der Zeit im Beweiß der Antithesis stoßen. Dem Anfang der Welt wird dann der Reihe der unterschiedenen Weltzustände ein weiteres Glied hinzugefügt, mit dem spezifischen Merkmal, dass die Hegel meint, dass die Antinomie, wie sie durch Kant dargelegt wird, reduziert werden kann „auf die zwei einfachen, entgegengesetzten Behauptungen: es ist eine Grenze und es muß über diese hinausgegangen werden.“6

2.1.1 Qualitative und quantitative Grenze

[...]


1 Im zenonischen Paradoxon erhält die Schildkröte einen Vorsprung vor Achill (z.B. 10m). Wenn nun Achill der 10 mal so schnell ist wie die Schildkröte die 10m bis zu ihr zurücklegt, hat die Schildkröte in dieser Zeit 1m zurückgelegt. Läuft Achil nun 1m läuft die Schildkröte 0,1m, usw. ad invinitum

2 Gegenstand der Betrachtung ist hier nicht die Auflösung der Antinomie durch Kant und Hegels Kritik dazu, diese würde den Rahmen dieser Arbeit bei weitem sprengen, sondern ausschließlich die zugrunde liegende Vorstellung der Unendlichkeit

3 Kant, Imanuel (1998): Kritik der reinen Vernunft. B 454

4 ebd. B 455

5 Auf die Behandlung des Raumes wird hier nicht weiter Eingegangen, da Kant für den Beweis der Thesis, wie auch der Antithesis die gleichen Argumente nutzt, die schon zur Zeit angeführt wurden. Teile dieser Zustände, der leeren Zeit sich nicht wie die Weltzustände von einander unterscheiden.

6 Hegel, G.W.F. (1968) Werke Bd. 5 S. 271


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