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"Ich komme von der Sprache her." - Das Neue Theater der Elfriede Jelinek und seine Konfrontation mit dem herrschenden Code

Scholary Paper (Seminar), 2005, 21 Pages
Author: Henriette Kunz
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Event: Seminar III: Literarische Lust oder literarischer Frust? Die Anatomie der ästhetischen Destruktion in Elfriede Jelineks Werken
Institution/College: Dresden Technical University (Germanistik)
Tags: Sprache, Neue, Theater, Elfriede, Jelinek, Konfrontation, Code, Seminar, Literarische, Lust, Frust, Anatomie, Destruktion, Elfriede, Jelineks, Werken
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2005
Pages: 21
Grade: 1,7
Bibliography: ~ 28  Entries
Language: German
Archive No.: V43347
ISBN (E-book): 978-3-638-41168-4
ISBN (Book): 978-3-638-59687-9
File size: 218 KB

Abstract

Die vorliegende Arbeit wird versuchen, Reibungspunkte zwischen dem Neuen Theater Elfriede Jelineks und dem traditionellen herrschenden Code, deren Nichtbeachtung einige wichtige Initiativen ihrer theatralischen Texte vereinnahmend schluckt, anhand des Beispiels "Krankheit oder Moderne Frauen" [Jelinek, Elfriede: Krankheit oder Moderne Frauen. In: dies.: Theaterstücke. Herausgegeben von Regine Friedrich. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2004, S. 192-265] aufzuzeigen. Dazu werden in den ersten beiden Kapiteln des Hauptteils vorerst beide Theaterentwürfe einander theoretisch gegenübergestellt. Daran anschließend finden ausgewählte Elemente der neuen Dramatik bezüglich des erwähnten Stückes exemplarische Darstellung, was schließlich in die ebenso exemplarische Illustration der Schwierigkeiten bei der szenischen Umsetzung dieses speziellen Textes nach herkömmlichen Methoden mündet. Ein wiederum allgemeingültig gehaltenes Kapitel behandelt schlussendlich mögliche Lösungen der angesprochenen Problematik.


Excerpt (computer-generated)

Technische Universität Dresden
Institut für Germanistik
Lehrstuhl für Neuere deutsche Literaturwissenschaft
Seminar III: Literarische Lust oder literarischer Frust?
Die Anatomie der ästhetischen Destruktion in Elfriede Jelineks Werken
Sommersemester 2005
Datum der Fertigstellung: 2. Juli 2005

„Ich komme von der Sprache her. “
Das Neue Theater der Elfriede Jelinek und seine Konfrontation
mit dem herrschenden Code.

Henriette Kunz

HF: Neuere und Neueste Geschichte (4. FS)
NF: Germanistik / Literaturwissenschaft (4. FS)
NF: Alte Geschichte (4. FS)

 

I N H A L T S V E R Z E I C H N I S

1. Einleitung ... 3

2. Der gegenwärtige Theatercode ... 5

3. Das Neue Theater der Elfriede Jelinek ...  5

4. Das Beispiel KRANKHEIT ODER MODERNE FRAUEN


1. Die Elemente des Neuen Theaters im Stück ... 10
2. Die Reibungspunkte mit dem herrschenden Code ... 13

5. Mögliche Lösungen ...  16

6. Zusammenfassung ... 17

7. Quellen- und Literaturverzeichnis ... 19

 

 

1. Einleitung

„Elfriede Jelinek ist eine Dramatikerin, die, wenn sie die Welt anschaut, nie dazulernen möchte.“1 Trotzdem scheint sich gerade diese Haltung der Autorin mit all ihrem Haß und den scheinbar unmäßigen Textmengen widerstandslos in die heutige Theaterwelt einzufügen: Stecken, Stab und Stangl wurde im Jahr 1996 zum ‚Stück der Saison’ gekürt, nach der geglückten Wiener Inszenierung von Ein Sportstück wurde Jelinek 1998 ‚Autorin des Jahres’ und 2002 bekam sie schließlich den Berliner Theaterpreis.2

Scheinbar nichts erinnert mehr daran, wie sie von deutschen und vor allem österreichischen Bühnen als Stiefkind behandelt wurde und das aus einem sehr oft formulierten Grund: die Stücke sind mit den Mitteln des existierenden Theaterapparats einfach nicht zu spielen. Berücksichtigt man nun die dazu völlig gegenteilige Situation der unmittelbaren Gegenwart, wirft sich augenscheinlich eine Möglichkeit auf, die Jelineks Texten schlussendlich doch noch den Weg in die erfolgreiche theatralische Produktion bahnte: zuforderst steht dabei die Annahme einer „geistlose[n]“3 Geschichte dieses Kunstgewerbes, das die Stücke ausschließlich nur zum Zwecke der Abgrenzung zu früherer Zeit spielt – aber eben aus dem gleichen Grund, der damals ihre Aufführung verhinderte.4 Daran schließt sich jedoch sofort der Gedanke an eine willkürliche Dramaturgie an, die Jelineks unbändige Textströme gezielt kanalisiert und damit wiederum nur dem Primat des Theaters unterwirft.5 Zu dieser Problematik finden sich unzählige versteckte wie auch deutlich markierte Anspielungen innerhalb des dramatischen Werkes der Österreicherin.6

Die allmähliche Konstituierung neuer Impulse – welche die Stücke der Autorin zweifellos implizieren und somit weiterhin dem Theater eine Chance bieten, sich gesellschaftlich wieder ins Gespräch zu bringen – vor allem in Bezug auf den Einsatz eines neuen Codes, der auch Jelineks theoretischen Theaterentwurf ausdrücklich mit einbezieht, sucht man noch immer vergebens. Natürlich wäre es utopisch anzunehmen, eine jahrhundertealte Ordnung sei innerhalb kürzester Frist zu demontieren, scheint doch die „beliebige Postmoderne der Spielpläne“7 eher Klassikern ein neues Gewand übersteifen zu wollen als das wirklich Neue auch als solches zu erkennen und entsprechend progressiv – nicht regressiv – zu behandeln.8 Die vorliegende Arbeit wird im Folgenden versuchen, Reibungspunkte zwischen dem Neuen Theater Elfriede Jelineks und dem traditionellen herrschenden Code, deren Nichtbeachtung  einige wichtige Initiativen ihrer theatralischen Texte vereinnahmend schluckt, anhand des Beispiels Krankheit oder Moderne Frauen9 aufzuzeigen. Dazu werden in den ersten beiden Kapiteln des Hauptteils vorerst beide Theaterentwürfe einander theoretisch gegenübergestellt. Daran anschließend finden ausgewählte Elemente der neuen Dramatik bezüglich des erwähnten Stückes exemplarische Darstellung, was schließlich in die ebenso exemplarische Illustration der Schwierigkeiten bei der szenischen Umsetzung dieses speziellen Textes nach herkömmlichen Methoden mündet. Ein wiederum allgemeingültig gehaltenes Kapitel behandelt schlussendlich mögliche Lösungen der angesprochenen Problematik.

Grundlage der Ausführungen bilden zum einen Primäraussagen der Autorin selbst10, zum anderen stützen sie sich besonders auf die Publikation von Corina Caduff 11, verschiedene allgemeinere Beitrage zu den Theaterstücken Jelineks12, kleinere Kommentare zu Krankheit oder Moderne Frauen13 sowie mehrere variierende Internetveröffentlichungen14 und aktuelle Zeitschriftschriftenaufsätze15.

2. Der gegenwärtige Theatercode

Das illusionistische Theater basiert auf der Zuordnung von Signifikat und Signifikant. Das propagierte Unikum der Symbolsetzungen wird so theatralisch überhöht wiedergegeben: „je illusionistischer das Theater, desto symbolischer sein Code“16. Der wichtigste Bedeutungsträger dabei bleibt der Schauspielkörper. Konträr zu anderen künstlerisch eingesetzten Medien ist er gleichzeitig Objekt und Subjekt seiner Produktion, denn statt körperfremdem Material bedienen sie sich ausschließlich ihrer eigenen Physis, womit der Signifikant hier völlig mit dem Material des Signifikats übereinstimmt. Notwendigerweise muss dadurch der Fokus des Arbeitsprozesses auf der jeweiligen Individualität des einzelnen Schauspielers liegen, die sich zwangsläufig mit dessen Endprodukt verbindet. Dem menschlichen Körper ist daher ein „physische[r] Null-Zustand“17 auf der Bühne in keinem Fall möglich. Die unmittelbare Sinngebung begründet sich in dem Zusammenspiel von Textkörper, Schauspielkörper und schauspielerischen Code.

Selbst der Bereich des nicht-illusionistischen Theaters – weitestgehend gekennzeichnet durch eine freie symbolistische Zuordnung - bedient sich dem organischen Element als das, was es darstellt: einen Menschen, der technisch sehr schwer zerlegbar ist, denn die markante Verbindung seiner Gliedmaßen ist im Gegensatz zu anderen ästhetischen Artefakten nicht veränderbar. Der Schauspieler fungiert damit als Ganzheit, was ihm den Weg zu künstlerischer Heterogenität versperrt. Einzig die Gebärdensprache bietet hier eine Möglichkeit, die „theatralische Imitation des Symbolischen“18 wenigstens teilweise zu umgehen.

Solange die beschriebene Ordnung durch die Materialisierung entsprechender dramatischer Werke im Sinne heutiger, allgemein bekannter, jeweils kulturell geprägter Zeichensysteme beibehalten wird, ist ein nicht-symbolisches, etablierte Einheiten zersetzendes Programm im Theater im höchsten Maße schwierig umzusetzen, repetiert es doch eben nicht wie ersteres den herrschenden gesellschaftlichen Diskurs, der ferner auch für das Verständnis des Publikums fast unabdingbar ist.19

3. Das Neue Theater der Elfriede Jelinek

[...]


1 Zitiert nach: Stadelmaier, Tollwut.

2 Vgl. Kurzenberger, moralische Anstalt, S. 21 und Scharang, Moderne, S. 1.

3 Zitiert nach: Scharang, Moderne, S. 1.

4 Vgl. Scharang, Moderne, S. 1.

5 Vgl. ebd. und Stadelmaier, Tollwut, der jedoch in seinem Text die völlig gegensätzliche Meinung vertritt.

6 Vgl. Caduff, Theatertexte, S. 236-237.

7 Zitiert nach: Landes, Zu Elfriede Jelineks Stück, S. 89.

8 Vgl. Nyssen, Nachwort, S. 266-267 und Caduff, Theatertexte, S. 245, 263.

9 Jelinek, Elfriede: Krankheit oder Moderne Frauen. In: dies.: Theaterstücke. Herausgegeben von Regine Friedrich. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag 72004, S. 192-265 (Künftig: K, [Seitenzahl]).

10 Jelinek, Elfriede: Ich möchte seicht sein. In: Gürtler, Christa (Hg.): Gegen den schönen Schein. Texte zu Elfriede Jelinek. Frankfurt am Main: Verlag Neue Kritik 1990, S. 157-161 (Künftig: Jelinek, Ich möchte seicht sein); Roeder, Anke: „Ich will kein Theater. Ich will ein anderes Theater.“ Gespräch mit Elfriede Jelinek. In: dies.: Autorinnen. Herausforderungen an das Theater. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1989, S. 141-160 (Künftig: Roeder, Autorinnen); Reiter, Wolfgang: Elfriede Jelinek. In: Wiener Theatergespräche. Über den Umgang mit Dramatik und Theater. Wien: Falter Verlag 1993, S. 15-27 (Künftig: Reiter, Theatergespräche); Interview mit Elfriede Jelinek, geführt von Anke Roeder, abrufbar unter: http://www.ourworld.compuserve.com/homepages/elfriede/INTERVW.HTM (Künftig: Roeder, Interview).

11 Caduff, Corina: Ich gedeihe inmitten von Seuchen. Elfriede Jelinek – Theatertexte. Bern, Berlin, Frankfurt am Main u.a.: Peter Lang Verlag 1991 (= Züricher Germanistische Studien, Bd. 25) (Künftig: Caduff, Theatertexte).

12 Nyssen, Ute: Nachwort. In: Jelinek, Elfriede: Theaterstücke. Herausgegeben von Regine Friedrich. Hamburg: Rowohlt Taschebuch Verlag 72004, S. 266-285 (Künftig: Nyssen, Nachwort); Dies.: Zu den Theaterstücken Elfriede Jelineks. In: Fürs Theater schreiben. Über zeitgenössische deutschsprachige Autorinnen. Bremen: Zeichen und Spuren 1986 (= Schreiben. Frauen-Literatur-Forum 29/30), S. 75-89 (Künftig: Nyssen, Zu den Theaterstücken); Haß, Ulrike: Grausige Bilder. Große Musik. Zu den Theaterstücken Elfriede Jelineks. In: Text und Kritik (1993), Heft 117: Elfriede Jelinek, S. 21-30 (Künftig: Haß, Grausige Bilder).

13 Landes, Brigitte: Zu Elfriede Jelineks Stück Krankheit oder Moderne Frauen. In: Fürs Theater schreiben. Über zeitgenössische deutschsprachige Autorinnen. Bremen: Zeichen und Spuren 1986 (= Schreiben. Frauen- Literatur-Forum 29/30), S. 89-95 (Künftig: Landes, Zu Elfriede Jelineks Stück); Jung, Martin: Elfriede Jelinek: Krankheit oder Moderne Frauen. In: Weber, Richard (Hg.): Deutsches Drama der 80er Jahre. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1992, S. 250-263 (Künftig: Jung, Krankheit): Janz, Marlies: Krankheit oder Moderne Frauen. In: dies.: Elfriede Jelinek. Stuttgart: Metzler Verlag 1995, S. 87-99 (Künftig: Janz, Frauen); Ruthner, Clemens: Dämon des Geschlechts: VampirInnen in der österreichischen Literatur nach 1955 (Bachmann, Artmann, Jelinek, Neuwirth). In: Modern Austrian Literature 31 (1998), H. 3-4, S. 65-88 (Künftig: Ruthner, Dämon).

14 Gerhard Stadelmaier: Jelineks Theaterstücke. Bambis Tollwut, abrufbar unter: http://www.faz.net/s/RubEBDD5EF3D7744C408A8E6C3311718848/
Doc~ED0622693B29649DFAFB0A30B5 A3F18A7~ATpl~Ecommon~Scontent.html (30.06.2005, künftig: Stadelmaier, Tollwut); C. Bernd Sucher, Die Dramatikerin Elfriede Jelinek: Die Textflächenfrau, abrufbar unter: http://www.sueddeutsche.de/kultur/artikel/784/40744/ (30.06.2005, künftig: Sucher, Textflächenfrau); Theoretischer Exkurs: Ursachen und Formen des ‚postmodernen’ Theaters’, abrufbar unter: http://www.ni.schule.de/~pohl/literatur/theater/tendenzen.htm (30.06.2005, künftig: Theoretischer Exkurs).

15 Schnelle, Barbora: Aktualität der Dramatik Elfriede Jelineks für das tschechische Theater. In: Theaterwissenschaft 47 (2002), H. 3-4, S. 125-133 (Künftig: Schnelle, Aktualität); Scharang, Michael: Die Sache der Moderne. In: Theater heute (2002), H. 6, S. 1-2 (Künftig: Scharang, Moderne); Kurzenberger, Hajo: Die heutige Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet. Über das Erbe der Aufklärung im postdramatischen Theater der Elfriede Jelinek. In: Forum Modernes Theater (2000), H. 1, S. 21-37 (Künftig: Kurzenberger, moralische Anstalt).

16 Zitiert nach: Caduff, Theatertexte, S. 248.

17 Zitiert nach: ebd., S. 250.

18 Zitiert nach: ebd., S. 252.

19 Vgl. Zum Gesamtkomplex: Caduff, Theatertexte, S. 246-254.


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