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Verschiedene psychologische Interpretationen des "Engelhard" von Konrad von Würzburg

Hausarbeit, 2003, 20 Seiten
Autor: Susanne Hartung
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2003
Seiten: 20
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 7  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V45011
ISBN (E-Book): 978-3-638-42495-0
ISBN (Buch): 978-3-638-79107-6
Dateigröße: 271 KB

Zusammenfassung / Abstract

Die Pubertät, die damit verbundenen Verstrickungen auf dem Weg in das Erwachsenendasein werden im „Engelhard“ von Konrad von Würzburg anhand der Jünglinge Engelhard und Dietrich thematisiert. Bis heute gab es die unterschiedlichsten Interpretationsansätze für dieses Werk. Einer der ungewöhnlichsten davon ist der psychologische Interpretationsansatz. In der hier vorliegenden Hausarbeit werden die Positionen von Dietmar Peschel und Elisabeth Schmid anhand einer chronologischen Zusammenfassung der Erzählung dargestellt und einer kritischen Prüfung unterzogen. Letztendlich widmet sich diese Arbeit der Frage, ob der psychologische Interpretationsansatz in der Mediävistik wirklich anwendbar ist. Entstanden ist die Hausarbeit als Ausarbeitung zu einem Referat im Rahmen des Seminars „Konrad von Würzburg“ im Wintersemester 02/03 an der Freien Universität Berlin.


Textauszug (computergeneriert)

Verschiedene psychologische Interpretationen des
"Engelhard" von Konrad von Würzburg

von: Susanne Fischer

 


INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG  3

1. Methoden der Autoren  4

2. Einheit und Gleichheit der Freunde Engelhard und Dietrich  5

3. Liebesbeziehung vs. Freundschaftsmodell  8

4. Rollentausch als Rettung  12

5. Krankheit als wiedervereinigendes Element  15

6. Bewältigung oder Scheitern der Adoleszenz  15

7. Bedeutung der Psychologie in der Mediävistik  18

LITERATURVERZEICHNIS  20



 

Einleitung

Die Pubertät, die damit verbundenen Verstrickungen auf dem Weg in das Erwachsenendasein werden im „Engelhard“ von Konrad von Würzburg anhand der Jünglinge Engelhard und Dietrich thematisiert. Bis heute gab es die unterschiedlichsten Interpretationsansätze. Einer der ungewöhnlichsten davon ist der psychologische Interpretationsansatz. Die Frage stellt sich nun, inwiefern eine so neue Wissenschaft, wie die Psychologie, für die Interpretation und das Verständnis mittelalterlicher Texte von Nutzen sein kann. Ulrich Müller beantwortet diese Frage in dem Vorwort zu dem Buch „Psychologie in der Mediävistik“. Hier führt er an, dass sich die Mediävistik selbst als Kulturwissenschaft versteht. Aus diesem Grund darf sie auch Erkenntnisse der Psychologie über historische Verhaltensweisen und die Psyche des mittelalterlichen Menschen in ihrer eigenen Forschung nicht mehr vernachlässigen. 1

Dietmar Peschel und Elisabeth Schmid versuchten sich dem mittelalterlichen Werk Konrads von Würzburg auf der Grundlage von Sigmund Freud und dem Ethnopsychologen Mario Erdheim zu nähern. Ihre beiden Aufsätze, die den „Engelhard“ unter diesem neuen Gesichtspunkt betrachten, bilden den Hauptgegenstand dieser Arbeit. Anhand des Handlungsstranges des „Engelhard“ sollen die Positionen Peschels und Schmids näher erläutert und gleichzeitig einer kritischen Prüfung unterzogen werden. Letztendlich soll sich der Frage gewidmet werden, ob der psychologische Interpretationsansatz in der Mediävistik wirklich anwendbar ist.

1. Methoden der Autoren

Vor der eigentlichen Analyse der Argumente Peschels und Schmids, soll noch ein Blick auf die Grundlagen ihrer psychologischen Interpretation geworfen werden, die einerseits wichtig für das Verständnis sind, andererseits aber auch Ansätze zur Kritik liefern. Dietmar Peschel stützt seine Erkenntnisse auf die entwicklungspsychologischen Theorien Sigmund Freuds, genauer gesagt auf sein Phasenmodell. Besonders geht er auf die Latenzphase und die Adoleszenz bzw. Pubertät ein. Freud versteht unter der Latenz die Entwicklungsphase zwischen dem sechsten und elften Lebensjahr, während der die sexuelle Entwicklung ruht und das Leben bestimmt ist vom Fleiß und Stolz auf erreichte Leistunge n. Das Über-Ich, d.h. die Instanz der Psyche, die das Gewissen, Gebote, Verbote und gesellschaftliche Normen enthält und nach dem Moralitätsprinzip handelt, nimmt eine beherrschende Position ein.

Die Adoleszenz, oder auch Jugendalter beginnt, nach Freud, ca. mit dem elften Lebensjahr und beinhaltet das Erwachen der erogenen Zonen. Die Adoleszenz ist die Zeit der Konfusion, was bedeutet, dass sich der Jugendliche auf der Suche nach Idealen, Werten und vor allem seiner eigenen Identität befindet. Mit der körperlichen Veränderungen gehen auch Veränderungen der sozialen Einstellungen und des Verhaltens einher. Peschel verwendet weiterhin für seine Interpretation das mythologische Motiv des Narzissmus. In der griechischen Mythologie handelt es sich dabei um den Jüngling Narziss, der damit bestraft wird, sich in sein eigenes Spiegelbild zu verlieben. Außerhalb der Mythologie bezeichnet Narzissmus (=Autoerotismus) eine sexuell unterlegte Verliebtheit in den eigenen Körper.

Elisabeth Schmid bedient sich ebenfalls der Termini „Latenzphase“ und „Adoleszenz“, sieht dabei aber das Letztere eher unter den Gesichtspunkten des Ethnopsychologen Mario Erdheim, der in seinem Buch „Die gesellschaftliche Produktion von Unbewusstheit“ die spezielle Bedeutung der Adoleszenz für die kulturelle Entwicklung hervorhebt. Erdheim sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Dynamik der Adoleszenz und dem Kulturwandel, weil der Adoleszente sich von den Elternerfahrungen loslösen muß und dadurch in eine Experimentierphase gestürzt wird, die ihn dazu zwingt, alles was die Kultur ihm bietet einer Prüfung zu unterziehen. Auf Grund dessen können neue Anpassungs- und Kulturformen entwickelt werden. In der Adoleszenz liegt somit die Chance der Kulturerneuerung.

2. Einheit und Gleichheit der Freunde Engelhard und Dietrich

Engelhard entstammt der Familie eines freiadligen Herrn aus Burgund, die zwar sehr tugendhaft, leider aber auch mittellos ist. Neben ihm gibt es noch neun weitere Geschwister, was die materielle Situation weiter verschlechtert. Von den zehn Söhnen agiert Engelhard als der tugendhafteste und wird von allen auf Grund seiner Schönheit bewundert. Viele Frauen sehnen sich nach seiner Liebe, die von ihm allerdings unerwidert bleibt. Dietmar Peschel vermutet, dass Engelhard der älteste Sohn der Familie sein könnte, was er mit folgender Textstelle treffend begründet :

„ wan swaz mîn vater geldes kann
geleisten und diu mouter mîn,
des dürfens unde ir kindelîn
âne mich ze rehter nôt.“2

Die familiäre Situation läßt Engelhard beschließen, in die Fremde zu gehen, damit er „gewinnen müge lop daz mînen êren tüge“. 3

[...]


1 Vgl. Psychologie in der Mediävistik. Gesammelte Beiträge des Steinheimer Symposions. Hrsg. von Jürgen Kühnel, Hans-Dieter Mück, Ursula Müller, Ulrich Müller. Göppingen : Kümmerle Verlag 1985. S. 5

2 Konrad von Würzburg, Engelhard. Hrsg. von Ingo Reiffenstein. 3.Aufl. Tübingen : Max Niemeyer Verlag 1982. S. 16 / 298-301

3 Ebd. S. 16 / 295-296


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