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Autobiografien von Überlebenden des Holocaust. Amerys "An den Grenzen des Geistes" und Klügers "weiter leben"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2004, 22 Pages
Author: Sabine Stellamanns
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2004
Pages: 22
Grade: 1
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V45198
ISBN (E-book): 978-3-638-42639-8
ISBN (Book): 978-3-638-70749-7
File size: 203 KB

Abstract

Historische Quellen und zahlreiche Dokumentationen geben der heutigen Generation, die bisher weitgehend von direkten Kriegserlebnissen verschont geblieben ist, Einblicke in die Geschehnisse während des Zweiten Weltkrieges. Allerdings nehmen sie eine sachliche Perspektive ein, die es dem Rezipienten erlaubt, eine gewisse Distanz einzunehmen. Autobiografische Werke von Opfern des Holocaust beleuchten die damalige Situation von einer anderen, einer sehr ergreifenden und persönlichen Seite. Sie helfen, das Verhalten der Betroffenen zumindest in Ansätzen zu verstehen. In dem vorliegenden Werk werden die Autobiografien der ehemaligen KZ-Häftlinge Ruth Klüger und Jean Améry im bezug auf verschiedene Fragestellungen verglichen. Vor der vertiefenden Betrachtung werden die Lebensstationen der Autoren skizziert und Hintergründe erläutert, die für einen vertiefenden Vergleich der Autobiografien bedeutsam sind. Es wird deutlich, warum bestimmte Themen immer wiederkehren. Die vorliegende Arbeit spürt diesen Fragen nach. Sie vergleicht Klügers und Amérys Antworten auf folgende Aspekte: Welche Rolle spielt der Glaube und insbesondere das Judentum im Leben der beiden Autoren? Ist ein ausgebildeter Intellekt hilfreich für das Überleben im Konzentrationslager? Welche Bedeutung kommt der Literatur oder der Sprache im Lager(über)leben zu? Welche sozialen Beziehungen waren in dieser Welt überhaupt möglich? Die Wirkung auf den Leser spielt bei der Analyse der Autobiografien eine große Rolle, sodass der rezeptive Blickwinkel bei der Gegenüberstellung miteinbezogen wird. Darüberhinaus fallen stilistische Unterschiede auf, die auf eine geschlechtsspezifische Färbung des Schreibstils hinweisen. Hinweise auf "typisch männliche" bzw. "typisch weibliche" Stilelemente werden an Hand von Beispielen erläutert.


Excerpt (computer-generated)

Autobiografien von Überlebenden des Holocaust, Amerys
"An den Grenzen des Geistes" und Klügers "weiter leben"

von: Sabine Stellamanns

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 2

2. Die Lebensläufe beider Autoren 3

3. Sprache und Aufbau 4

4. Themen und Konflikte 9

4.1 Judentum und Glaube 9
4.2 Intellekt  11
4.3 Bildung und Literatur 14
4.4 Soziale Beziehungen während der Lagerzeit 16

5. Schlussbetrachtung 21

6. Literaturverzeichnis 22


 

1. Einleitung

Historische Quellen und Dokumentationen geben der heutigen Generation, die bisher weitgehend von direkten Kriegserlebnissen verschont geblieben ist, einen Überblick über die damaligen Geschehnisse. Allerdings erläutern sie diese meist aus einer sachlichen Perspektive, die eine gewisse Distanz mit sich bringt. Autobiografische Werke von Opfern des Holocaust beleuchten die damalige Situation von einer anderen Seite und helfen, das Verhalten der Menschen zu verstehen.

In dieser Arbeit vergleiche ich die Autobiografien der ehemaligen KZ-Häftlinge Ruth Klüger und Jean Améry. Da die Handlung beider Werke ihren persönlichen Lebensgeschichten entstammt, halte ich es für sinnvoll vor einer näheren Betrachtung einen kurzen Blick auf die Lebensläufe der Autoren zu werfe. In Kapitel 2 gehe ich jedoch nur auf auffällige Gemeinsamkeiten und Unterschiede ein, die für das Verständnis der Werke wichtig sind. Das 3. Kapitel bildet den Kern dieser Arbeit. Beide Autoren setzten bestimmte Konflikte und Themen in den Mittelpunkt. Ein Vergleich der Ansichten zu Themen wie Judentum und Glaube, Sprache und Intellekt deckt die Intentionen der Autobiografen auf. Zu gleichem Ergebnis kommt eine Analyse der Darstellung der Personen und des Sozialverhaltens im Lager. Die Wirkung auf den Leser spielt meines Erachtens eine große Rolle, so dass ich diesen Blickwinkel des Öfteren in die Betrachtung mit einbeziehe. Des Weiteren ist es interessant, ein Augenmerk auf eine „weibliche“ oder „männliche“ Schreibweise zu legen. In einigen Fällen treten Unterschiede auf, die durchaus auf das Geschlecht der Autoren zurückgeführt werden können. Meine Deutung und Interpretationen füge ich direkt in die entsprechenden Kapitel ein, sodass das Schlusswort nur eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Schlussfolgerungen enthält.

2. Die Lebensläufe beider Autoren

In den Lebenswegen beider Autoren gibt es Parallelen und Unterschiede, sich in den Werken wieder finden. Für das Verständnis ist es wichtig zu wissen, dass die Autoren aus verschiedenen Generationen stammen. Jean Améry wurde 1912 als Hans Mayer in Wien geboren. Für ihn gab es ein Leben vor der Verhaftung. Er wuchs, wie auch Ruth Klüger, fast ohne Vater auf, studierte, heiratete und kam 1943 als Erwachsener in Gefangenschaft. Die Gestapo inhaftierte und folterte ihn wegen der Mitarbeit in einer Widerstandorganisation.1 Er war sich der politischen Lage zumindest zum Teil bewusst und konnte als Erwachsener besser einordnen, was damals geschah. Ruth Klüger hingegen war damals noch ein Kind. Sie wurde 1931, 19 Jahre nach Améry, ebenfalls in Wien geboren. Trotz der gemeinsamen Geburtsstadt haben sie nicht die gleichen Erinnerungen an ihre Kindheit. Klüger lernte das Wien ohne nationalsozialistische Beeinflussung gar nicht mehr kennen. Bereits ihre Schulzeit war geprägt von Antisemitismus, häufigen Schulwechseln und durch Verbote eingeschränkte Bewegungsfreiheit. Zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung 1942 war sie elf Jahre alt, und somit noch ein Kind, das ein bürgerliches Leben kaum kennen gelernt hat. Gemeinsam mit ihrer Mutter deportierten die Nazis sie aufgrund ihrer jüdischen Herkunft. Beide Autoren durchlebten die Torturen in verschiedenen Konzentrationslagern im Osten, die einzige gemeinsame Station ist das KZ Auschwitz.

Jean Améry blieb bis zur Befreiung durch die Alliierten 1945 in KZ-Haft. Ruth Klüger und ihre Mutter flohen kurz vor Kriegsende während eines Lagertransports im Februar 1945. Nach der Befreiung lebte Ruth Klüger zwei Jahre in Deutschland. Erst 1947 emigrierten sie und ihre Mutter in die USA. Améry hingegen zog sofort nach Belgien. Als Journalist und Publizist beschäftigte er sich dort mit der Verarbeitung seiner Erlebnisse. 1966 erschien erstmals die Essay-Sammlung „Jenseits von Schuld und Sühne“2, zu der der hier näher betrachtete Essay „An den Grenzen des Geistes“ stammt. Nach intensiver Beschäftigung mit aktuellen, gesellschaftlichen Problemen, Themen wie Altern und Freitod nimmt er sich 1978 das Leben. Ruth Klüger brauchte länger, um ihre Erlebnisse literarisch verarbeiten zu können. Erst 47 Jahre nach der Befreiung aus dem KZ erschien 1992 ihr autobiografisches Werk „weiter leben. Eine Jugend“3 in Deutschland.

3. Sprache und Aufbau

Der Leser der einen wie auch der anderen Biografie wird sich angesprochen fühlen. Beide Autoren bauen eine dialogische Grundhaltung auf. Wie Ruth Klüger diesen Effekt bewirkt, zeigen die folgenden Ausführungen. Sie bezieht den Leser in ihrem Denkprozess mit ein. Sie stellt ihm direkte Fragen wie z.B. ob „es gar keine Brücke gibt von [ihren] Erinnerungen zu [unseren]“4 oder rechnet ständig mit möglichen Einwänden der Leserschaft, die sie sofort überdenkt und entkräftet, so als rechtfertige sie ihren Standpunkt. Die gleiche Funktion übernehmen wiedergegebene Gespräche mit Freunden. Mit der Figur „Gisela“, einer Bekannten aus dem aktuellen Umfeld von Ruth Klüger, installierte die Autorin eine permanente Dialogpartnerin. Gisela verkörpert die aktuelle Grundhaltung vieler Menschen der heutigen Zeit. Sie vertritt unreflektierte Ansichten über die Opfer des Holocausts, reagiert phrasenhaft sentimental oder abgeklärt. Aber nicht nur die direkten Fragen und Streitgespräche lassen den Text dialogisch wirken, im Allgemeinen bettet Klüger ihre Überlegungen in Frage-Antwort-Konstellationen ein. „Für wen schreib ich hier eigentlich?“5 fragt sie und leitet damit Überlegungen ein, die mit einem direkten Appell enden „Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung.“6. Die direkte Aufforderung an den Leser zeigt, wie gering die Distanz zwischen Autor und Rezipient ist und wie unmittelbar der Leser in ihren Denkprozess einbezogen wird.

[...]


1 Dießenbacher (1994), S. 71.

2 Améry (2002)

3 Klüger (1994)

4 Klüger (2004), S. 111.

5 Ebd. S. 142.

6 Ebd.


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