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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 16 Pages
Author: Merle Rehberg
Subject: Sociology - Work, Profession, Education, Organisation
Details
Tags: Prüfstein, Künstlerkritik, Kapitel, Werk, Geist, Kapitalismus, Boltanski, Chiapello
Year: 2005
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 1 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-42899-6
ISBN (Book): 978-3-638-77288-4
File size: 187 KB
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Abstract
In dieser Arbeit werden Inhalt und Bedeutung des Kapitels "Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik" aus dem Werk "Der neue Geist des Kapitalismus" von Luc Boltanski und Éve Chiapello betrachtet. Dazu wird zunächst ein kurzer Überblick über das Gesamtkonzept des Werkes gegeben. Die Autoren konzipieren eine Dialektik zwischen dem Kapitalismus und der Kritik am Kapitalismus. Die Kritik tritt dem Kapitalismus zum einen in Form von Sozialkritik, geäußert zum Beispiel von Gewerkschaften, und zum andern in Form von Künstlerkritik gegenüber. Diese äußert sich in einer avantgardistischen Kritik an der industriekapitalistischen Unterdrückung von Freiheit, Kreativität und Autonomie einerseits und in der Kritik an Entzauberung und mangelnder Authentizität andererseits. Die Dialektik zwischen Kapitalismus und Kritik erweist sich als endlos: Der Kapitalismus braucht die Kritik zur Ausbildung eines "Geistes", welcher die notwendigen Rechtfertigungsmechanismen bereitstellt. Andererseits muss die Kritik immer wieder kanalisiert werden, um noch konstruktiv zu sein. Dies leistet der Kapitalismus, in dem er die Kritik in Rückgewinnungsschleifen einbindet. Die Autoren verstehen darunter kapitalistische Mechanismen, durch die die Forderungen der Kritik (zum Beispiel nach mehr Autonomie im Arbeitsprozess) erfüllt werden, die gerade dadurch aber zu neuen Unterdrückungen und neuen Ungerechtigkeiten führen. In dieser Arbeit wird zunächst die Entstehung der Künstlerkritik dargestellt. Im Anschluss werden ihre zentralen Themen, Emanzipation und Authentizität, erläutert. Zugleich wird jeweils dargestellt, wie der Kapitalismus die Kritik reintegriert, und gerade dadurch Anlass zu weiterer Kritik liefert.
Excerpt (computer-generated)
Johann Wolfgang Goethe Universität
Fachbereich für Gesellschaftswissenschaften
Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse
Bereich Organisation, Rationalisierung, Arbeit
Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik - Zu Kapitel VII aus
dem Werk: Der neue Geist des Kapitalismus, von
Luc Boltanski und Ève Chiapello
von: Merle Hattenhauer
Inhalt
I. Einleitung 2
1.1 Einordnung in das Gesamtwerk 2
1.2 Einschränkung der Arbeitsabsichten 3
II. Anzeichen einer Beunruhigung 3
2.1 Die Künstlerkritik 3
2.2 Durkheims Anomiekonzept 4
III. Die Dialektik der Emanzipation 5
3.1 Kapitalismus und Kritik im ersten Geist des Kapitalismus 5
3.2 Kapitalismus und Kritik im zweiten Geist des Kapitalismus 6
3.3 Emanzipation und Unterdrückung im neuen Geist des Kapitalismus 6
IV. Die Dialektik der Authentizität 7
4.1 Authentizität im zweiten Geist des Kapitalismus 7
4.2 Die Rolle der projektbasierten Polis 9
V. Möglichkeiten der Künstlerkritik 10
5.1 Sicherheit als Emanzipationsfaktor 10
5.2 Beschränkung der Marktsphäre 11
VI. Zusammenfassung und Diskussion 12
6.1 Der Themenkomplex Emanzipation 12
6.2 Der Themenkomplex Authentizität 13
6.3 Die Kritik der Kritik an der Kritik der Kritik 14
Literaturnachweis 15
I. Einleitung
1.1 Einordnung in das Gesamtwerk
In dieser Arbeit sollen Inhalt und Bedeutung des Kapitels „Auf dem Prüfstein der Künstlerkritik“ aus dem Werk „Der neue Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello betrachtet werden. Dafür muss zunächst ein kurzer Überblick über das Gesamtkonzept des Werkes gegeben werden. Die Autoren1 konzipieren einen „Geist des Kapitalismus“, der aus dem Zusammenwirken von kapitalistischen Akkumulationsstrukturen und der Kritik an ihnen entsteht. Der Kapitalismus benötige grundsätzlich Legitimationsmechenismen, die den Menschen, die in ihm leben und arbeiten, die Sinnhaltigkeit und die Allgemeinwohlorientierung ihres Handelns vor Augen führt um sie für den kapitalistischen Produktionsprozess zu mobilisieren. Nur so sei ihr Engagement für einen Produktionsprozess zu gewinnen, der über reine Bedarfsdeckung weit hinaus reicht und im Wesentlichen auf die Selbstvermehrung des Kapitals zielt. Und eben dies leistet nach Ansicht der Autoren der Geist des Kapitalismus, der mit Hilfe der Kritik moralische Kategorien und Gerechtigkeitsstrukturen bereitstellt, um auch diejenigen mitzureißen, die eigentlich keinen Nutzen aus der kapitalistischen Wirtschaftsweise ziehen.
Die Kritik greift dabei auf unterschiedlichen Ebenen. Die Autoren unterscheiden a) Kritik an der Entzauberung und an der fehlenden Authentizität, b) Kritik an der Unterdrückung von Freiheit, Kreativität und Autonomie, c) Kritik an Ungleichheit und Armut sowie d) Kritik an der ausschließlichen Orientierung an Egoismen und an der daraus folgenden Zerstörung der gesellschaftlichen Solidarität. Die ersten beiden Punkte werden der Künstlerkritik zugeordnet; eine als idealtypische Kategorie aufzufassende inhaltliche Bestimmung der Kritik, „die in der Lebensform der Boheme wurzelt“2 und „deren exemplarische Ausformung sich bei Baudelaire findet“3 Die beiden anderen Ansatzpunkte ordnen die Autoren der Sozialkritik zu, die aus der Verarmung der unteren Klassen und dem Willen zur Einmischung und Formung der gesellschaftlichen Beziehungen resultiert.
In ihrem Gesamtwerk konzipieren die Autoren eine Dialektik zwischen Kapitalismus und Kritik, die sich zwangsläufig als endlos erweist4: Der Kapitalismus braucht die Kritik zur Ausbildung eines Geistes, der die notwendigen Rechfertigungsmechanismen und von ihnen so genannte Bewährungsproben5 bereitstellt. Andererseits muss die Kritik immer wieder kanalisiert werden, um noch konstruktiv zu sein. Dies leistet der Kapitalismus durch Rückgewinnungsschleifen, womit die Autoren im Wesentlichen solche Prozesse greifen, in denen der Kapitalismus die Forderungen der Kritik erfüllt oder kritisierte Missstände beseitigt, gerade dadurch aber neue Unterdrückungsformen und Ungerechtigkeiten entstehen, was wiederum zu neuer Kritik Anlass gibt, die der Kapitalismus wiederum integrieren muss. Methodisch binden die Autoren ihr Konzept zurück an die Managementliteratur der 90er Jahre, in der sie Forderung und Scheitern, d. h. Reintegration der Kritik, ausmachen können.
1.2 Einschränkung der Arbeitsabsichten
Keinesfalls kann hier das Gesamtwerk inhaltlich wiedergegeben werden. Notwendigerweise beschränkt sich die Arbeit daher auf oben genanntes Kapitel. Nach einer kurzen Darstellung der Ausgangssituation der Künstlerkritik soll ihr Scheitern dargestellt werden sowie die Möglichkeiten, welche die Autoren für eine neue Künstlerkritik sehen, die angesichts der Unmöglichkeit, die Herkunft der Bedrohung näher zu bestimmen, gegenwärtig offenbar in Lethargie verharrt. Die Argumentationsstrukturen der Autoren sollen dabei kritisch nachvollzogen und auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden. Es wird zu fragen sein, ob die Autoren in diesem Kapitel dem Anspruch auf Offenlegung neuer Empörungsquellen6 für die Künstlerkritik gerecht werden und ob die von ihnen gezogenen Schlußfolgerungen tatsächlich, wie sie behaupten, auf eine neue Künstlerkritik schließen lassen.
II. Anzeichen einer Beunruhigung
2.1 Die Künstlerkritik
Bevor mit der eigentlichen Darstellung begonnen werden kann, soll hier kurz der Begriff der Künstlerkritik spezifiziert werden. Die Autoren verstehen darunter eine Richtung der Kritik, die ihren Ursprung in der Lebenswelt der französischen Künstler-Avantgarde hat und vor dem Hintergrund eines erstarkenden Kapitalismus auf den romantisch-naiven Aspekt der Entzauberung durch die Warenwelt zielt. Demnach richtet sich die Kritik inhaltlich gegen die Entzauberung der Sinnwelt unter dem Einfluß von Mechanisierung und Standardisierung und endet in einer radikalen Infragestellung der Werte und Normen kapitalistischer Gesellschafts- und Produktionsformen insgesamt.
[...]
1 Luc Boltanski ist Forschungsdirektor an der Ecole des hautes etudes en sciences sociales, Paris; Ève Chiapello ist dort wissenschaftliche Mitarbeiterin.
2 Boltanski/Chiapello (2003) Der neue Geist des Kapitalismus. S. 81
3 a.a.O. S. 82
4 a.a.O. S. 85
5 Es handelt sich hierbei um gesellschaftlich verfasste, u. U. sogar kodifizierte Situationen, in denen Kritik und Kapitalismus gleichermaßen an Regeln und Normen gebunden sind, die im gegenseitigen Einvernehmen entstanden und insofern legitim sind (z.B. Prüfungen, Tarifautonomie, Versicherungswesen)
6 Unter Empörungsquellen verstehen die Autoren real empfundenes Leid einer Minderheit oder auch einer breiten Bevölkerungsmehrheit, die Anlass zur Forderung nach einer irgendwie gearteten Veränderung geben kann. Aus solchen Empörungsquellen speist sich die Künstlerkritik, indem sie die diffusen Beunruhigungen analysiert und in einen theoretischen Rahmen bindet, wodurch die Kritik an Schlagkraft und die Forderungen verhandelbar werden.
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