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Lomonosovs 'Kurze Anleitung zur Rhetorik' - Ansätze einer erweiterten Rhetorikdefinition

Termpaper, 2003, 31 Pages
Author: Mattis List
Subject: Rhetoric / Elocution / Oratory

Details

Category: Termpaper
Year: 2003
Pages: 31
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 12  Entries
Language: German
Archive No.: V46156
ISBN (E-book): 978-3-638-43408-9

File size: 283 KB
Notes :
Die Arbeit enthält neben einer Darstellung der weitgehend unbekannten Rhetorik des russischen Universalgelehrten Lomonosov im Anhang eine Übersetzung der "Kurzen Anleitung zur Rhetorik", die ich mangels Alternativen von mir selbst anfertigt wurde. Hausarbeit 18 Seiten plus Anhang



Excerpt (computer-generated)

Eberhard-Karls-Universität Tübingen
Seminar für Allgemeine Rhetorik
Proseminar: Einführung in das Studium der Rhetorik
Semesterzahl: 1

Lomonosovs „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ –
Ansätze einer erweiterten Rhetorikdefinition

von: Mattis List

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1-3

1.1. Die Frage nach der Rezeptionswürdigkeit der ersten Rhetorik 1
1.2. Historischer Überblick – Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Rhetoriken 2

2. Das System der ersten lomonosov’schen Rhetorik 4-10

2.1. „Über das Erfinden von Ideen“ – Lomonosovs inventio 5
2.2. „Über das Schmücken“ – Lomonosovs elocutio 8
2.3. „Über das Anordnen“ – Lomonosovs dispositio 9
2.4. „Über das Vortragen“ – Lomonosovs pronuntiatio 10

3. Besonderheiten der ersten lomonosov’schen Rhetorik 10-14

3.1. Signifikantenorientierte Erweiterung von Gottsched und Wolff 10
3.2. Autobiographische Dimensionen des Rhetorikkonzepts 12
3.3. Charakter der lomonosov’schen Rezeption antiker Rhetorik 13

4. Schlussbetrachtung: Indizien einer erweiterten Rhetorikkonzeption in der „Kurzen Anleitung zur Rhetorik“ 14

5. Anhang 16-29

5.1. Literaturverzeichnis 16
5.2. Übersetzung der „Kurzen Anleitung zur Rhetorik“ 17



 

1. Einleitung

1.1. Die Frage nach der Rezeptionswürdigkeit der ersten Rhetorik

Lomonosovs erste Abhandlung über die Wissenschaft der Rhetorik, die „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ als kleinen Bruder der umfassenden zweiten rhetorischen „Kurzen Anleitung zur Redekunst“ zu bezeichnen, würde das Maß tolerierbaren Schmeichelns und verträglicher Schönfärberei in jedem Falle übersteigen. Die erste Rhetorik Lomonosovs lässt sich wohl eher als uneheliches Kind – oder treffender noch: als beklagenswert missbrauchtes Versuchskaninchen der zweiten Rhetorik bezeichnen, zeichnet sie sich in Bezug auf diese doch durch ein dermaßen hohes Maß an Inkonsequenz in Struktur und Logik aus, dass man sie als nichterwähnenswert abtun müsste, gäbe es nicht ihre erwähnte große Nachfolgerin, mit deren Hilfe es möglich ist, auch dem ersten Rhetorikentwurf einiges Nennenswertes zu entlocken. Und dies soll mit der vorliegenden Arbeit auch versucht werden: darzulegen, inwiefern schon die erste Rhetorik des russischen Workaholics Lomonosov bemerkenswerte Tendenzen und Aspekte einer Rhetorikdefinition aufweist, die dessen zweitem Rhetorikversuch zu der vielbeachteten Resonanz verhalfen. Lomonosovs „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ verweist neben der Vielzahl an inhaltlichen Mängeln auf ein vielschichtiges, umfassendes Rhetorikverständnis, das neben autobiographischen und der russischen Sprache spezifischen Prägungen auch die kulturellen Strömungen des Barock1 und die beachtlichen Auswirkungen der russischen Diglossie auf Denken und Weltsicht russischer Wissenschaft in sich vereinigt und verteidigt2. So lassen sich die unübersehbaren Mängel des ersten rhetorischen Werks mitunter gerade auf das bei Lomonosov bereits vorgeformte um vieles umfassendere, aber noch nicht bis in alle Konsequenzen entwickelte Rhetorikkonzept zurückführen. Der gescheiterte erste Versuch des Dichters, eine hochwertige und der russischen Sprache spezifische Rhetorik auszuarbeiten, hat seinen Ursprung in dem schon zu Zeiten des ersten Werkes viel tiefer gehenden Rhetorikverständnis, welches der Redekunst einen universalen Zuständigkeitsbereich einräumt, der sich auf Prosa und Poesie bezieht. Was wie inhaltliche Mängel, definitorische Inkonsequenzen und unpräzise Gedankengänge wirkt, ist Folge einer binären Konzeptualität des Werkes, welches sich einerseits auf die reine „Oratorie“3, die Rhetorik der Prosa zu beziehen vorgibt, dieses Konzept aber andererseits schon überwunden hat. Um diese bereits enthaltenen Aspekte der ersten Rhetorik Lomonosovs aufzuzeigen, soll zunächst deren System kurz erläutert und daraufhin anhand prägnanter Beispiele das übergeordnete Rhetorikkonzept vor dem Hintergrund des Bezugs zur antiken Rhetorik, der autobiographischen Dimension, der Rezeption Wolffs und Gottscheds und der „Kurzen Anleitung zur Redekunst“ (der umfassenden zweiten Rhetorik des Dichters und Physikers) dargelegt werden. Vorangehen soll dem ganzen ein kurzer historischer Überblick über die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Rhetoriken Lomonosovs.

1.2. Historischer Überblick – Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte der Rhetoriken

Die erste „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ geht auf das Jahr 1743 zurück. In diesem Werk verwertete Lomonosov nach seinem Auslandsaufenthalt in Deutschland die neuen Erkenntnisse, die sich aus einer umfassenden Lektüre deutscher Wissenschaftler, insbesondere aus einer fruchtbaren Rezeption des deutschen Logikers Christian Wolff und des Verfassers der „Ausführlichen Redekunst“, Johann Christoph Gottsched, ergaben4. Schon in seiner Zeit als Student an der Moskauer Universität hatte er eine Rhetorik in russischer Sprache erarbeitet, die Erkenntnisse antiker rhetorischer Schriften verwertete. Die Petersburger Akademie nahm die „Kurze Anleitung zur Rhetorik“ jedoch nicht an, sondern bat Lomonosov um eine erweiternde Überarbeitung des Konzepts. Im Jahre 1748 ging dann die erweiterte Rhetorik, die „Kurze Anleitung zur Redekunst“ in Druck5. Lomonosov hatte die ursprüngliche Fassung stark überarbeitet, insbesondere viele Beispiele aus griechischer, lateinischer, französischer, deutscher und russischer Literatur angeführt. Auch lag der neuen Rhetorik jetzt eine ursprüngliche Dreiteilung zugrunde, deren Teile die „Rhetorik“, die „Oratorie“ und die „Poesie“ umfassen sollten. Die letzen beiden Teile wurden jedoch nie angefertigt, weil Lomonosov von Arbeiten im Bereich anderer Wissenschaften zu stark beansprucht wurde6. Das neue Konzept mit seiner Dreiteilung weist jedoch auf ein Zugeständnis an die Redekunst hin, das Lomonosov der Rhetorik prinzipiell schon im ersten Entwurf gemacht hatte: die umfassende Bedeutung der Rhetorik, nicht nur für Prosatexte, sondern auch für die Poesie. Zur Verschiedenheit der beiden Werke äußerte sich I. W. Kurylew wie folgt: „Wenn man die Rhetorik des Jahres 1743 mit der späteren, bei weitem umfassenderen Ausgabe der ‚Kurzen Anleitung zur Redekunst’ vergleicht, dann wird klar, das Lomonosov die prinzipiellen Thesen weiterentwickelt und das Buch in eine umfassende Begründung seiner Ansichten im Bereich der Literaturtheorie verwandelt hat.“7 Die zweite Rhetorik Lomonosovs erfreute sich in Russland einer überaus großen Beliebtheit, sie wurde zum „Handbuch des russischen Lesers im Zeitraum des gesamten 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts“8 und machte ihren Verfasser zum „anerkannten Vater der russischen Redekunst“9. Aber auch in Bezug auf die Entwicklung der russischen Schriftsprache kam dem Werk, wie auch den übrigen literarischen Arbeiten Lomonosovs, eine große Rolle zu, die Schuvalov in Worte zu fassen versuchte:

„Er eröffnete uns die Schönheiten und Reichtümer unserer Sprache, ließ uns ihre Harmonie spüren, zeigte uns ihre Anmut und beseitigte ihre Grobheit.“10 Auch wird den literaturtheoretischen Arbeiten Lomonosovs heute ein nachhaltiger Einfluss auf das Zustandekommen der materialistischen Ästhetik attestiert11. Die Rolle der Rhetorik als spezifisch „russische“, was die Weigerung Lomonosovs, das Werk ins Lateinische zu übersetzen, unterstrich, war sicherlich mit ein Grund für ihren grundlegenden Erfolg und den Einfluss, den sie auf die Entwicklung der russischen Schriftsprache ausübte. Die Tatsache, dass Lomonosov das Werk in einfacher russischer Sprache verfasste und so einem breiten Leserkreis zugänglich machte, stellte auch den ersten Schritt einer Demokratisierung von Bildung in Russland dar12: „Es ist schwer, sich die Entwicklung einer Literatursprache, einer Poetik und letztendlich einer Grammatik in Russland vorzustellen, ohne die grundlegenden Arbeiten Lomonosovs.“13

2. Das System der ersten Lomonosov’schen Rhetorik

[...]


1 Vgl. F. Gaede: Poetik und Logik. Zu den Grundlagen der literaturtheoretischen Entwicklung im 17. und 18. Jahrhundert. Bern, München, 1978, S. 56 ff.

2 Vgl. Murasov, Juri: Jenseits der Mimesis. Russische Literaturtheorie im 18. und 19. Jahrhundert. Von M.V. Lomonosov zu V.G. Belinskij. München, 1993, S. 38-48, (künftigk zitiert: Murasov).

3 Vgl. Lomonosov, M.V.: Kratkoje rukovodstvo k ritorike, in: ders.: Trudy po filologii. 1739-1758. Hg. von der Akademie der Wissenschaften, Moskau, 1952: «Риторика учит сочинять слова прозаические. Ф о сложении поэм предлагает поэзия.» („Die Rhetorik lehrt, Prosaworte zu verfassen, aber über die Erstellung von Gedichten lehrt die Poesie.“), (künftig zitiert: Lomonosov, Kratkoje rukovodstvo).

4 Vgl. Murasov, S. 27ff.

5 Vgl. Grasshoff, Helmut: Michail Lomonossow. Der Begründer der neueren russischen Literatur, Halle, 1902, S. 69ff.

6 Vgl. Kurylew, I. W., in: Ocerky po istorii russkogo jasyka i literatury XVIII veka. Lomonosovskyje ctenija, hg. von W. M Markow, Kasan, 1969, S. 57-63.

7 Ebd. S. 58.

8 Morosov, A.A., in: Lomonosov. Sbornik statjej i materialov. hg. von V. L. Cenakal. Moskau, Leningrad, 1965, S. 273.

9 Koltunova, M. V.: Jasyk i djelovoje obschenije. Normy, ritorika, etiket, Moskau, 2002, S.172.

10 Zit. nach: ebd. S. 172.

11 Kuryljev, I.V., in: Otscherku po istorii russkogo jasyka i literatury XVIII veka, hg. von V.M. Markov, Kasan, 1969, S. 57-63.

12 Vgl.: Velichov, J.P.: Michail Vasiljevitsch Lomonosov. 1711-1765. Moskau, 1965, S. 378 ff.

13 Ebd. S. 378.


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