Das Konzept der Mittäterschaft close Bitte warten


Details

Veranstaltung: Proseminar: Konstruktionen von Geschlecht im Kontext von Gewalt und Krieg – Geschlechterverhältnisse im Wandel?
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Kulturwissenschaftliches Institut)
Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2005
Seiten: 15
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 5  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 100 KB
Archivnummer: V49394
ISBN (E-Book): 978-3-638-45865-8

Textauszug (computergeneriert)

Humboldt Universität - Berlin
Proseminar: Konstruktionen von Geschlecht im Kontext
von Gewalt und Krieg – Geschlechterverhältnisse im Wandel?
Sommersemester: 2005
4. Semester

Das Konzept der Mittäterschaft

von: Katherine Grzelak

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung Seite 2

2. Die Mittäterschaftsthese Seite 3

2.1 Die Definition Seite 3

3. Die Form der Ausübung weiblicher Mittäterschaft Seite 5

4. Täterschaft von Frauen am Beispiel vom Kolonialismus Seite 6

4.1 Die Taten weißer, deutscher Frauen in Namibia und ihre Folgen Seite 7
4.2 Die Kritik der Mittäterschaftsthese Seite 8

5. Der kontextuelle Rahmen der Mittäterschaftsthese Seite 9

6. Mittäterschaft vs. Täterschaft Seite 11

7. Schluss Seite 12

8. Literaturverzeichnis Seite 14



 

1. Einleitung

Als am Anfang der achtziger Jahre der sogenannte „weibliche Historikerinnenstreit“ um den Status der Opferrolle von Frauen ausbrach, stand Christina Thürmer-Rohr mit ihrer damals aufsehenerregenden „Mittäterschaftsthese“ im Mittelpunkt vieler Debatten. Der Begriff der Mittäterschaft bezeichnet unterschiedliche Grade der - zum Teil unsichtbaren - Mitwirkung von Frauen im Patriarchat. Für Thürmer-Rohr sind eigentlich alle Frauen Mittäterinnen, da sie über ihre gesellschaftlichen Funktionen bzw. diverse Mechanismen in die patriarchale Interessenlogik eingebunden sind. Im Laufe des Diskurses um Täter-Opfer-Fragen, wurde die These Thürmer-Rohrs zunehmend kritisiert, weil sie grundsätzlich eine „männliche Tat“ voraussetzt. Kerstin Engelhardt vertritt den Standpunkt, dass die Mittäterschaftsthese als analytisches Modell zu ihrer Übertragung auf die Bereiche Rassismus, Antisemitismus und Kolonialismus ungenügend sei. In ihrem Text „Weiße deutsche Frauen: Kolonistinnen in der Vergangenheit. Rassistinnen in der Gegenwart.“ veranschaulicht sie ihre These anhand von Untersuchungen am Beispiel der deutschen Kolonie in Namibia1. Sie fordert, dass Frauen als eigenverantwortliche Täterinnen gesehen werden müssen. Im Folgenden werde ich erläutern, wie Thürmer-Rohr in ihrem Aufsatz „Aus der Täuschung in die Enttäuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen“ ihre These definiert und welche Prämissen sie dafür voraussetzt2. Dann werde ich näher auf die Form der Ausübung weiblicher Mittäterschaft eingehen und darstellen, in welcher Form Engelhardt sie kritisiert. Anschließend werde ich genauer auf den Zusammenhang von Mittäterschaft und Nationalsozialismus eingehen. Dieser Kontext ist ein signifikanter Rahmen, in welchem die Mittäterschaftsthese überhaupt erst entstehen konnte. Knapp zwanzig Jahre später verfasste Thürmer-Rohr einen weiteren Text („Mittäterschaft von Frauen“), worin sie Stellung nimmt gegenüber der ihr vorgeworfenen Kritik. Ich werde versuchen zu erläutern, inwiefern sie mit ihren Kritikern und Kritikerinnen übereinstimmt und aus welchen Gründen sie trotz aller Einwände an ihrer Mittäterschaftsthese festhält. Abschließend werde ich neben der wissenschaftshistorischen Bedeutung der Mittäterschaftsthese Ansätze vorstellen, die in diesem Zusammenhang noch interessant für weitere Untersuchungen wären.

2. Die Mittäterschaftsthese

2.1 Die Definition

Christina Thürmer-Rohrs These, dass Frauen an den Entwicklungen der Menschheitsgeschichte mit ihren Gewaltverhältnissen mitwirken, impliziert, dass sie auch Gewalt und die damit verbundene Logik von Macht und Unterdrückung tragen helfen und unterstützen. Gemeint sind in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich Situationen im Krieg und die Waffenproduktion, sondern auch die Gesetzmäßigkeiten, die das alltägliche Leben bestimmen: Misshandlung, Verletzung, Diskriminierung, Unterbezahlung, Vergewaltigung und Sexismus dominieren den Alltag der Menschen und werden, so Thürmer-Rohr, von Frauen mitproduziert. „[...] der Unfriede hier ist der stabile kontinuierliche Alltag von Frauen, und er schafft uns oder wir schaffen ihn mit mehr oder weniger Erfolg.“ (S. 12)

Zur Unterstützung ihrer These setzt sie eine Gesellschaft voraus, die von einem Patriarchat dominiert wird, das dem Interesse nach Omnipotenz und Übermacht folgt. Diese Übermacht wurde spätestens durch die Erfindung der Atombombe und seit der Atombombenexplosion am 6. August 1945 in Hiroshima durch die USA realisierbar. Thürmer-Rohr bezeichnet diesen Einschnitt in der Geschichte der Menschheit als Sieg der Ideologie des „Rechts der Stärkeren“: „Dieser Sieg hat die Machthabenden und alle ihre Zulieferer, Dienstleister und Dulder als Lebewesen entblößt, die nicht bei Verstand sind, jedenfalls nicht bei dem Verstand, den wir immer noch `menschlich´ nannten.“ (S. 13)

Mittäterschaft von Frauen soll nicht implizieren, dass Frauen im Wandel der Menschheitsgeschichte losgelöst von patriarchalen Taten in einer Eigenwelt gelebt haben und völlig unabhängig vom Patriarchat eigenständig tätig waren. Die Mittäterschaft wurde vielmehr durch eine Art geschlechtliche „Interessenverquickung“ im Patriarchat hergestellt, damit die Frau die Männer „nicht verrät, bekämpft oder in ihren Taten behindert.“ (S. 13) Von Mittäterschaft ist die Rede, wenn Frauen durch Ergänzungs- bzw. durch Egalitätsdenken das patriarchale System mit unterstützen. Die Ergänzung findet statt, wenn Frauen sich komplementär zum Mann denken: Wird weibliches zum Gegengewicht vom männlichen, dann kann man nach einem simplen Schema den Frauen die beschränkten Eigenschaften und den Männern die unbeschränkten Eigenschaften zuschreiben. Auf diese Weise ist das eigene Unvermögen und die persönliche Unverantwortlichkeit leicht zu legitimieren.

[...]


1 Kerstin Engelhardt: Weiße deutsche Frauen: Kolonistinnen in der Vergangenheit. Rassistinnen in der Gegenwart. Das Beispiel Namibia. In: Hügel. Ika (u.a.)(Hg.) Entfernte Verbindungen. Rassismus. Antisemitismus. Klassenunterdrückung. Berlin. 1999.

2 Christina Thürmer-Rohr: Aus der Täuschung in die Ent-täuschung. Zur Mittäterschaft von Frauen, in: Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis. 8/1983.

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