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Autor: Jens Helmig
Fach: Germanistik - ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Details
Tags: Kulturelles Gedächtnis
Jahr: 2000
Seiten: 81
Note: 2
Literaturverzeichnis: ~ 98 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 555 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-10033-5
Unter besonderer Berücksichtigung der Figur der Maria Magdalena im Salbenkrämerspiel
Textauszug (computergeneriert)
Heidnische Traditionen
im
Geistlichen Spiel des Mittelalters
Unter besonderer Berücksichtigung der
Figur der Maria Magdalena im Salbenkrämerspiel
Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Magisterprüfung.
Vorgelegt von
Jens Helmig
Köln, den 4. Dezember 2000
Erstgutachter: Herr Professor Karl - Heinz Göttert
Institut für Deutsche Sprache und Literatur
Albertus Magnus Universität zu Köln
Inhaltsverzeichnis
Vorbemerkung Seite 1
Einleitung Seite 3
Kapitel 1 - Das kulturelle Gedächtnis Seite 5
Das kulturelle Gedächtnis des Christentums Seite 6
Das Judentum Seite 6
Das Christentum Seite 7
Die christliche Missionierung Seite 8
Die Gottesmutter Maria Seite 9
Die Gnosis und die Weiblichkeit der Figur Christus Seite 10
Das Ende der kulturellen Einheit Seite 12
Die Missionierung der Germanen Seite 13
Der Arianismus Seite 14
Die keltische Tradition Seite 15
Kapitel 2 - Salbe und Salbung in der Bibel
Salbe und Salbung im Alten Testament Seite 18
Salbe und Salbung im Neuen Testament Seite 21
Die Salbung zu Bethanien Seite 22
Die versuchte Salbung des toten Christus Seite 26
Die Figur der Maria Magdalena Seite 28
Maria Magdalena als Prostituierte Seite 29
Christus in der Tradition der Sakralkönige Seite 30
Kapitel 3 - Die geistlichen Spiele des Mittelalters
Das geistliche Spiel als Ritual Seite 33
Der Salbenkrämer Seite 35
Der Salbenkrämer in den lateinischen Osterfeiern Seite 36
Die deutschsprachigen Spiele Seite 39
Das Osterspiel von Muri Seite 40
Der Salbenkrämer als wandernder Arzt Seite 43
Die heidnischen Wurzeln der Salbenkrämerspiele Seite 47
Jesus als Arzt Seite 50
Maria Magdalena als weltzugewandte Heilerin Seite 53
Maria Magdalena als Priesterin der Himmelskönigin Maria Seite 56
Exkurs - Rubin der Arztknecht Seite 61
Forschungsausblick Seite 65
Schlußbemerkung Seite 66
Abbildungen Seite 67
Bibliographie Seite 70
Vorbemerkung
Eine Untersuchung, die sich innerhalb der Literaturwissenschaft mit im weiteren Sinne religiöser Thematik befaßt, stößt häufig schnell an die Grenzen ihres Faches. Im Grunde können derartige Auseinandersetzungen nur von spezialisierten Religionswissenschaftlern, die eben auch in der Philologie beheimatet sind, vollständig und umfassend betrieben werden. Freilich erhebt diese Arbeit weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch behauptet sie, eine umfassende Darstellung ihres Themas liefern zu können. Sie bemüht sich, einen kleinen Ausschnitt der Vielfalt der heidnischen Traditionen in der mittelalterlichen Literatur näher zu beleuchten, doch sogar dieser kleine Bereich birgt mehr Rätsel und spannende Vielfalt der Überlieferungstradition, als daß sie in diesem Rahmen erschöpfend zu behandeln wäre.
Um einer vagen Definition, was überhaupt unter heidnischer Tradition zu verstehen sei, näherzukommen, gilt es, sich zunächst näher mit den Wurzeln des christlichen Glaubens und seiner Tradierung zu befassen; diese Untersuchung wird den ersten Teil der vorliegenden Arbeit bilden. Um die heidnischen Wurzeln des frühen Christentums, d.h. der Elemente, welche nicht der mosaischen Mutterreligion entstammen, zu beleuchten, ist es vereinzelt notwendig, auf die nicht kanonisierten Evangelien, die in der frühen Periode des Christentums entstanden, zurückzugreifen. Auch werden verschiedene Übertragungen der Bücher des Neuen und des Alten Testamentes vergleichend betrachtet werden, um Interpretationsfehler durch mangelhafte oder fehlerhafte Übersetzungen der Textgrundlage weitestgehend auszuschließen, da der Verfasser weder des Griechischen noch des Hebräischen bzw. Aramäischen mächtig ist.
Für das Verständnis der vorgefundenen heidnischen Elemente müssen ethnologische und ethnographische Aspekte der vorderorientalischen Welt der Antike dargestellt und diskutiert werden; auch dieses kann wegen der Breite der Thematik nur vordergründig unternommen werden.
Da das Hauptinteresse der Arbeit inhaltlicher Natur ist, können einige interessante Problemstellungen in der Auseinandersetzung mit den geistlichen Spielen des Mittelalters nur am Rande berührt werden und ergänzen die Arbeit nur, wenn es der Interpretation der Texte dienlich ist. Zu diesen Problemstellungen gehört zunächst die Datierung der einzelnen Spiele. Sämtliche hier behandelten Texte sind nach mehrheitlicher Meinung der Fachleute zwischen dem späten 12. und dem späten 15. Jahrhundert entstanden und gehören entstehungsgeschichtlich somit in die Periode des Hohen und des Spätmittelalters.
Die frühen Texte, wie z.B. das Osterspiel von Tours, sind darüber hinaus noch lateinisch verfaßt, haben also nur einen indirekten Bezug zur Deutschen Philologie; die Beschäftigung mit diesen Texten ist jedoch für die Darstellung der Wirkungsgeschichte unerläßlich.
Geistliche Spiele die einer späteren Periode entstammen, das bekannteste dürfte das Oberammergauer Passionsspiel sein, finden in der vorliegenden Arbeit keinerlei Berücksichtigung, selbst wenn die Wirkungsgeschichte der mittelalterlichen Spiele in die Neuzeit hinein ein interessantes Forschungsgebiet darstellt. Neben dem offensichtlichen Grund, daß man diese beim besten Willen nicht der mittelalterlichen Literatur zurechnen kann (das Oberammergauer Passionsspiel stammt z.B. aus dem frühen 18. Jahrhundert), sind diese Spiele nachreformatorisch, also durchsetzt von einem zum Zeitpunkt ihrer Entstehung ,,modernen" Religionsverständnis, welches einen gewissen Einfluß auf die Redaktion der alten Texte ausübte und so den Zugang zu den heidnischen Wurzeln der mittelalterlichen Spiele verstellte. Ein weiterer, schwerwiegenderer Grund, die neueren Spiel außer Acht zu lassen, besteht in der Tatsache, daß diese Spiele als (gedruckte) Texte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich waren und ihre Wirkung nicht allein in ihrer öffentlichen Aufführung entfalteten, welche, wie noch gezeigt werden wird, rituellen Charakter hatte.
Um diese rituelle Funktion für und die psychologische Wirkung der Spiele auf die Laienzuschauer des Mittelalters verstehen zu können, stützt sich die Arbeit auf Jan Assmanns Untersuchungen zum kulturellen Gedächtnis. Die Darstellung der Überlegungen Assmanns bilden den ersten Teil der Arbeit, weil in ihnen die Methodik des weiteren Vorgehens umrissen wird. Im zweiten und eigentlichen Hauptteil werden die Deutungen des biblischen Geschehens (als bereits heidnisches Gedankengut transportierend), welche die Grundlage der geistlichen Spiele bilden, in den kulturellen Kontext Nordeuropas, vor allem des süd- und mitteldeutschen Sprachraums eingeordnet, um so die der germanischen und keltischen Mythologie entstammenden, heidnischen Elemente der Spiele genauer herauszuarbeiten.
Einleitung
In den Darstellungen zur umfangreichen Literatur des Mittelalters wird die Gattung der mittelalterlichen Dramatik häufig recht stiefmütterlich behandelt. Hierfür gibt es mehrere Gründe, von denen der wichtigste vermutlich die Tatsache ist, daß wir in einem säkularisierten, ,,entzauberten" Zeitalter leben, was nicht nur für das zeitliche Jetzt, sondern bereits schon für das 19. Jahrhundert, die eigentliche Entstehungszeit der deutschen Philologie, gegolten haben mag. Im Zuge des wachsenden Nationalbewußtseins suchte man in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine Einordnung der deutschsprachigen Literatur, mit dem Ziel, sie zur Schaffung einer nationalen Identität pädagogisch und später propagandistisch verwenden zu können. Am Beginn der eigentlich wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters und ihrem Verständnis stehen u.a. die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm mit dem Versuch, der deutschen Sprache ihrer Gegenwart in Form des ,,Deutschen Wörterbuches" historische und sprachgeschichtliche Tiefe zu verleihen. Jacob Grimm erschloß die deutsche als germanische Vergangenheit in seinen Werken ,,Deutsche Rechtsaltertümer" und natürlich der ,,Deutschen Mythologie", allesamt Großprojekte der Germanistik, wie die Philologie der deutschen Sprache im Hinblick auf ihre germanischen Wurzeln nun genannt werden konnte.
Mit dem Stolz, auf eine lange sprachliche und - wie angenommen wurde - nationale Tradition zurückblicken zu können, erwuchs auch ein neues Interesse für das deutsche Mittelalter und damit zur Wiederentdeckung der mittelalterlichen deutschsprachigen Dramatik, die über Jahrhunderte nahezu in Vergessenheit geraten war. Eine wichtige Veröffentlichung in dieser Periode der Forschung stellte im Jahre 1880 Gustav Milchsacks Darstellung ,,Die Oster- und Passionsspiele" dar, von der leider nur der erste Band erscheinen konnte. In diesem Band stellte Milchsack zum ersten Mal das Kuenzelsaurer Fronleichnamsspiel vor, das erst kurze Zeit vorher als zerschnittene Füllung im Buchrücken einer Inkunabel aufgefunden worden war. Seitdem wurden eine Vielzahl an Spieltexten, oftmals in ähnlichem Zustand und an ähnlichen Orten, aufgefunden. Noch im Jahre 1948 kam es zur Erstveröffentlichung eines Textes; in diesem Falle handelte es sich um das Krämerspiel des Klosters von Melk durch C.F. Bühler. Die Textbestände waren also über einen relativ langen Zeitraum nicht gesichert, und auch heute noch kann nicht mit Sicherheit davon ausgegangen werden, welche Schätze noch wo schlummern.
Der Inhalt der deutschsprachigen geistlichen Spiele und deren lateinischer Vorgänger besteht in einer Dramatisierung der Lebensgeschichte des christlichen Religionsstifters Jesus. Da der Leidensweg und die leibliche Wiederauferstehung Jesu für das Christentum fundamentale Bedeutung haben, konzentrierte sich die geistliche Dramatik besonders auf diese Elemente der in den Evangelien dargestellten Lebensgeschichte Christi. Aus dieser dramatischen Auseinandersetzung entstanden die mittelalterlichen Oster- und Passionsspiele.
Den zentralen Punkt der Osterspiele bilden die Verurteilung und Kreuzigung Jesu, der Besuch der Marien am Grab, die Begegnung der Maria Magdalena mit dem wieder auferstandenen Christus und deren Verkündigung ihres Erlebnisses an die Apostel. Bereits in einem der frühesten Osterspiele fiel eine Ergänzung des biblischen Geschehens auf, welches den religiösen Inhalt der Spiele profanierte: Eine nicht dem biblischen Kanon entnommene Figur wurde in die dramatische Handlung integriert und eröffnete so vermutlich die Entwicklung des geistlichen Spiels hin zum Volksschauspiel.
Die Salbenkrämerszenen erweiterten sich scheinbar explosionsartig, und das in die Volkssprache übersetzte und in Szene gesetzte liturgische Geschehen trat offenbar mehr und mehr in den Hintergrund.
Die Untersuchung versucht Traditionslinien aufzuzeigen, die eine solche Entwicklung begünstigt haben mögen. Dazu ist es zunächst notwendig, das Augenmerk auf die religiöse Tradition zu richten, der das Christentum entstammt; daneben müssen Überlegungen zur Tradierung nicht schriftlich fixierter bzw. kanonisierter Inhalte eines kulturellen Gedächtnisses angestellt werden. Hierzu soll ein Beitrag geleistet werden.
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