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Autor: Maria Benz
Fach: Pädagogik - Geschichte der Päd.
Details
Institution/Hochschule: Eberhard-Karls-Universität Tübingen (Institut für Erziehungswissenschaft)
Tags: Rousseaus, Begriff, Erziehung, Folgen, Ideengeschichte, Pädagogik
Jahr: 2004
Seiten: 27
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 14 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 207 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-47169-5
ISBN (Buch): 978-3-638-66145-4
In der Arbeit wird Rousseaus Begriff der natürlichen Erziehung behandelt, sowie die Rezeptiondurch Pestalozzi, Salzmann und Fröbel.
Zusammenfassung / Abstract
Wohl keine Phrase wird so häufig mit Rousseau in Verbindung gebracht wie „Zurück zur Natur!“. Obwohl längst bekannt ist, dass er diese Worte niemals so formuliert hat, hält sich diese Assoziation hartnäckig. Rousseau gilt auch heute noch unter vielen als Begründer einer natürlichen Pädagogik, deren Grundsatz „wachsen lassen“ zur Passivität des Erziehers aufruft und den Zögling ganz seiner natürlichen Entwicklung überlassen will. Jede pädagogische Intervention wird nach diesem Verständnis als Störung aufgefasst. Die Aufgabe des Erziehers besteht darin, so wenig als möglich in diese natürliche Entwicklung einzugreifen und den Zögling vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Der „Emile“ lässt in der Tat an einigen Stellen eine solche Auslegung des Textes zu, es gibt jedoch auch ebenso viele Argumente gegen diese Interpretation. Es stellt sich daher die Frage, wie sich ein derart verzerrtes Rousseau Verständnis über Hunderte von Jahre bis in die heutige Zeit halten konnte, und wieso dieser Roman trotzdem so einflussreich für die Pädagogik war. Vor einer Auseinandersetzung mit seiner Rezeption ist es allerdings unverzichtbar, zunächst einmal auf das Erziehungskonzept von Rousseau selbst einzugehen, denn nur so lassen sich die Differenzen zu den verschiedenen Rezeptionen herausarbeiten.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Tübingen
Institut für Erziehungswissenschaft
Ideengeschichte der Pädagogik
Rousseaus Begriff der natürlichen Erziehung
und seine ideengeschichtlichen Folgen
von: Maria Benz
Inhaltsverzeichnis
1. Die Rousseau Rezeption: Ein großes Missverständnis? 4
2. Natürliche Erziehung bei Rousseau 4
2.1 Naturmensch oder Staatsbürger 6
2.2 Rousseaus Naturbegriff 7
2.3 Natürliche Entwicklung 8
3. Beispiele zur Rousseau Rezeption 12
3.1 Rousseaus Einfluss auf die Philanthropen 12
3.2 Pestalozzis Verhältnis zu Rousseau 16
3.3 Rousseau als Grundstein für Fröbels Kindergarten? 21
4. Wieso war Rousseau für die Pädagogik so einflussreich? 26
Literatur 28
1. Die Rousseau Rezeption: Ein großes Missverständnis?
Wohl keine Phrase wird so häufig mit Rousseau in Verbindung gebracht wie „Zurück zur Natur!“. Obwohl längst bekannt ist, dass er diese Worte niemals so formuliert hat, hält sich diese Assoziation hartnäckig. Rousseau gilt auch heute noch unter vielen als Begründer einer natürlichen Pädagogik, deren Grundsatz „wachsen lassen“ zur Passivität des Erziehers aufruft und den Zögling ganz seiner natürlichen Entwicklung überlassen will. Jede pädagogische Intervention wird nach diesem Verständnis als Störung aufgefasst. Die Aufgabe des Erziehers besteht darin, so wenig als möglich in diese natürliche Entwicklung einzugreifen und den Zögling vor schädlichen Einflüssen zu schützen.
Der „Emile“ lässt in der Tat an einigen Stellen eine solche Auslegung des Textes zu, es gibt jedoch auch ebenso viele Argumente gegen diese Interpretation. Es stellt sich daher die Frage, wie sich ein derart verzerrtes Rousseau Verständnis über Hunderte von Jahre bis in die heutige Zeit halten konnte, und wieso dieser Roman trotzdem so einflussreich für die Pädagogik war.1 Vor einer Auseinandersetzung mit seiner Rezeption ist es allerdings unverzichtbar, zunächst einmal auf das Erziehungskonzept von Rousseau selbst einzugehen, denn nur so lassen sich die Differenzen zu den verschiedenen Rezeptionen herausarbeiten.
2. Natürliche Erziehung bei Rousseau
Rousseaus Vorstellungen von Erziehung sind eng mit seiner Gesellschaftskritik verknüpft. Er wirft der Pariser Gesellschaft Dekadenz und Ungerechtigkeit vor, sie ist für ihn entartet und nicht mehr zu retten. Durch sein Erziehungskonzept will er zumindest dem Einzelmenschen die Perspektive auf ein glückliches Leben ermöglichen. „Immer wieder zeigt sich, wie Rousseau seine Vorstellung von Kindheit aus seiner Gesellschaftskritik ableitet. Die Bezugsgrösse Natur kann als Gegenbegriff zu Gesellschaft gesehen werden, die inhaltlichen Aspekte Gutheit und Wahrhaftigkeit können dem gesellschaftlichen Laster und der Verstellung entgegengesetzt werden. Kindheit ist damit blosse Illustration eines gelungenen, wenn auch basalen Lebensprinzips.“ (Tremp, S. 77)
Rousseau hält zwei Erziehungsmethoden für sinnvoll um der Entartung durch die Hand des Menschen2 vorzubeugen. Zum einen gibt es die öffentliche Bildungsform, welche aber nur innerhalb eines gut funktionierenden Staatssystems3 realisierbar ist und für ihn deshalb nicht mehr in Frage kommt: „Eine öffentliche Erziehung existiert nicht mehr und kann auch nicht mehr existieren. Denn wo kein Vaterland mehr ist, kann es auch keine Staatsbürgerschaft mehr geben.“ (Rousseau, S. 114) So bleibt lediglich noch „die häusliche oder natürliche Erziehung“ (Rousseau, S. 115), welche so oft als „Zurück zur Natur!“ missverstanden wurde. Zunächst hört es sich jedoch tatsächlich so an, als wolle Rousseau eben dies mit der „natürlichen Erziehung“ ausdrücken:
„Die Stadt ist der Schlund, der das Menschengeschlecht verschlingt. Nach einigen Generationen geht die Rasse zugrunde oder entartet. Sie muß sich erneuern, und immer ist das Land, das dazu beiträgt. So schickt eure Kinder dorthin, wo sie sich sozusagen selbst erneuern und wo sie inmitten der Felder die Kräfte gewinnen, die man in der ungesunden Luft einer übervölkerten Stadt verliert.“ (Rousseau, S. 151)
Die Natur soll als regulierendes Ordnungssystem dienen, welches den Menschen zu Sittlichkeit und Moral führt. Nur „wer aus der Ordnung heraustritt, verliert seine Natürlichkeit und damit seine Güte, er entartet und wird böse.“ (Inversini, S. 53) In den Städten wurde diese natürliche Ordnung bereits unwiderruflich zerstört und das System ist aus den Fugen geraten. Rousseau hält es deshalb für wichtig, sich für die Primärerziehung auf das Land zurückzuziehen um den Zögling vor schädlichen Einflüssen zu bewahren. Wenn dieser erst einmal in sich selbst gefestigt ist, kann und muss er auch wieder in der Gesellschaft leben, denn die Stadt kann ihm nun nicht mehr schaden.
„Emile ist nicht dazu geschaffen, immer einsam zu leben; da er ein Mitglied der Gesellschaft ist, hat er auch deren Pflicht zu erfüllen. Geschaffen, mit den Menschen zu leben, muß der sie kennenlernen. ... Er wird sie nicht mehr mit der blöden Bewunderung eines jungen, gedankenlosen Menschen betrachten, sondern mit dem Unterscheidungsvermögen eines geraden und scharfen Geistes. Gewiß können ihn seine eigenen Leidenschaften täuschen; wann täuschen sie nicht die, die sich ihnen hingeben? Er wird jedoch wenigstens nicht durch die der anderen getäuscht. Sieht er sie, so wird er sie mit dem Auge des Weisen sehen, ohne durch ihre Beispiele hingerissen und durch ihre Vorurteile betört zu sein.“ (Rousseau, S. 665f)
Die Gesellschaft kann dem Menschen also nichts mehr anhaben, aber Rousseau geht sogar noch weiter, indem er es zu dessen Pflicht erklärt, sich bei Bedarf in den Dienst des Staates zu stellen. Es würde allerdings zu weit führen, Rousseau zu unterstellen, so die Gesellschaft revolutionieren zu wollen, denn es geht ihm lediglich um eine Immunisierung des Einzelmenschen. Alles was dieser in seinem Leben erreichen soll, ist seine persönliche Insel des Glücks in Form der Familie und nicht etwa die Reinigung der Menschheit aus ihrer Entartung.
2.1 Naturmensch oder Staatsbürger
Es wird deutlich, dass es Rousseau bei seiner Erziehung nicht darum geht, Wissen anzuhäufen oder bestimmte Qualifikationen zu erlangen. Das Ziel ist allein die Menschenbildung. „Vor der Bestimmung der Eltern fordert ihn die Natur für das menschliche Leben. Leben ist der Beruf, den ich ihn lehren will. Aus meinen Händen entlassen, wird er ... weder Beamter noch Soldat, noch Priester, er wird in erster Linie Mensch sein.“ (Rousseau, S. 116) Offensichtlich ist für ihn aber Mensch nicht gleich Mensch, denn wie lässt sich sonst der pessimistische Einstieg4 in den „Emile“ erklären? Anscheinend spricht Rousseau zu Beginn seines Romans nicht von dem Naturmenschen, den er bei seiner Erziehung anstrebt. Er spricht von einer menschlichen Form, die bereits entartet ist und vor der er seinen Zögling bewahren muss: dem Menschen in seinem Gesellschaftsverband. Allerdings meint er damit eine verkommene Gesellschaft,5 die seinem Ideal eines perfekten Staates in keiner Weise entspricht.6 Bei Rousseaus Menschenbildung wird wieder zwischen zwei möglichen Formen unterschieden: Die Bildung zum Staatsbürger resultiert aus der öffentlichen Erziehung, während der natürliche Mensch durch die private Erziehung gebildet werden kann. Wie bereits erwähnt wurde, hält Rousseau ersteres nicht mehr für möglich, so dass er sich dazu entscheidet, Emile zu einem Naturmenschen heranzubilden.
[...]
1 Es gibt kaum eine pädagogische Richtung nach Rousseau, die nicht in irgendeiner Weise durch ihn beeinflusst wurde. Es ist mir daher unmöglich auf alle einzugehen, so dass ich mich auf einige der Wichtigsten beschränken werde.
2 vgl. Rousseau , S. 107.
3 Als Beispiele für ein solches System führt Rousseau mehrfach das antike Sparta oder den Staat aus Platos „Politeia“ an.
4 siehe 2.
5 Vor allem richtet sich Rousseaus Kritik an das Paris seiner Zeit.
6 siehe 3.
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