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„Ultras“ - Eine neue Jugendkultur zwischen Fankurve und gesellschaftlichen Normen

Diploma Thesis, 2006, 105 Pages
Author: Jan Schaumann
Subject: Sociology - Individual, Groups, Society

Details

Category: Diploma Thesis
Year: 2006
Pages: 105
Grade: gut
Bibliography: ~ 67  Entries
Language: German
Archive No.: V52680
ISBN (E-book): 978-3-638-48327-8

File size: 1177 KB


Excerpt (computer-generated)

Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Sozialwissenschaft

„Ultras“
Eine neue Jugendkultur zwischen Fankurve und gesellschaftlichen Normen

Diplomarbeit

vorgelegt von Jan Schaumann
Dezember 2005

 

 

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung ... 4

2. Subkultur ... 6
2.1 „Subkulturtheorie“ nach Cohen ... 7
2.1.1 Das theoretische Modell der Subkulturtheorie ... ..7
2.1.2 Als praktisches Beispiel: Die Basis-Subkultur ... ..9
2.1.3 Kritik an der Subkulturtheorie ... .10
2.2 „Jugendkultur“ nach Bell ... 11
2.3 „Anomietheorie“ nach Merton ... 13
2.4 Bewertung der drei Theorien. ... ..........17

3. Geschichte der „Ultras“ ... 19
3.1 Allgemein ... 20
3.2 Ultras in Bochum ... .…31

4. Merkmale und Ethnografie ... ..36
4.1 Altersstruktur, Fluktuation und Geschlechterverhältnis ... 36
4.2 Sozialer Hintergrund ... 38
4.3 Hierachisierung ... 40
4.4 Inhalte ... 43
4.4.1 „Support“ ... 43
4.4.2 „Choreografien“ ... 45
4.4.3 „Kommerzialisierung“ ... 47
4.4.4 „Pyrotechnik“ ... 51
4.4.5 „Grafitti“ ... 53
4.4.6 „Internet“ ... 54
4.4.7 politische Ausrichtungen ... 56
4.4.8 sonstige Aktivitäten ... 59
4.4.8.1 Radio Ultra ... 59
4.4.8.2 Freizeitliga ... 60

5. Ausgewählte Probleme ... 61
5.1 Repression durch Polizei und DFB ... 61
5.1.1 Bundesweite Stadionverbote ... 64
5.1.2 Einschränkung der Bewegungsfreiheit ... 66
5.1.3 Datei „Gewalttäter Sport“ ... 69
5.2 Gewalt ... .74

6. Akzeptanz innerhalb der eigenen Fan-Szene ... 76

7. Persönliches Resümee ... 84

8. Anhang ... 89
Fragebogen I ... 89
Fragebogen II ... 92
Ergebnisse Fragebogen II (tabellarisch) ... 93
Tabelle Bildungsabschlüsse 2004 (Statistisches Bundesamt) ... 98
Tabelle Erwerbsarbeit 2004 (Statistisches Bundesamt) ... .99

9. Literatur ... .100

 

 

1. Einleitung

Eine Diplomarbeit über Fußballfans zu schreiben ist schon lange nichts Ungewöhnliches mehr. Viel ist in den vergangenen 20 Jahren geschrieben worden, zumeist über die negativen Seiten, über gewaltbereite Hooligans oder sozial Randständige, die in ihrer linken Hand die Bierflasche halten und ihren rechten Arm zum „deutschen Gruß“ heben. Zwar wird seit einigen Jahren auch durchaus positiv über Fanszenen berichtet, meist jedoch lediglich im Interesse einiger Wissenschaftler oder alternativer Journalisten. Die Aufmerksamkeit der breiten Masse unserer Bevölkerung erregen zumeist Schlagzeilen nach gewalttätigen Ausschreitungen im Umfeld der Nationalmannschaft. Vom Entstehen einer äußerst differenzierten und kreativen Fan-Kultur innerhalb der Fankurven, ihren Ritualen und dem beträchtlichen sozialen Engagement einzelner Leute hört man gemeinhin wenig. So ist es auch wenig überraschend, wenn man in Gesprächen unter Mitmenschen als Antwort auf die Frage, ob man denn die Subkultur der „Ultras“ einzuordnen wüsste, oft nur negierende Antworten bekommt oder es gar mit gefährlich falsch informierten Personen zu tun hat.

Ich selbst bin ein langjähriger Anhänger des VfL Bochum und verfolge des Öfteren dessen Spiele im Ruhrstadion. Als Sozialwissenschaftler achtet man natürlich unvermeidlich auch auf die kleinen Details am Rande eines Spieles. Da denkt man über die soziale Herkunft der Zuschauer nach, deren Motivation über neunzig Minuten gemeinsame Lieder zu singen oder warum tausende Leute gleichzeitig beginnen zu hüpfen. Spätestens nach mehrmaligem Stadionbesuch fällt einem dann eine Gruppe in der Mitte der Fankurve auf, die sich vom Rest der Fans optisch zu unterscheiden scheint. Hier feiert man noch hemmungsloser, fährt zu den noch weiteren Auswärtsspielen, organisiert ganze Kurvenchoreografien und zündet Nebeltöpfe. Hier ist es lauter, bunter aber auch scheinbar rauer, wenn man verfolgt wie Dutzende junge Männer beim Pogo, einer Art aggressivem Springtanz, die Treppenstufen herunterfallen. Innerhalb der großen Fanfamilie ist eine eigene kleine Welt entstanden – die Welt der Ultras!
Mit der entsprechenden wissenschaftlichen Neugier – aber auch mit der nötigen Distanz, näherte ich mich dieser Szene an, führte Gespräche und versuchte die Eigenheiten dieser Subkultur kennen zu lernen. Handelt es sich überhaupt um eine eigenständige Subkultur? Dieser Kernfrage möchte ich in meiner folgenden Arbeit nachgehen. Über einen Mitarbeiter des Bochumer Fan-Projektes gelang es mir führende Personen dieser Gruppe als Interviewpartner zu gewinnen. Gleichwohl interessant waren auch die jüngeren Fans und Mitläufer. Was fasziniert einen Teenager an einer Fußball-Subkultur? Was macht sie attraktiv für ihn? Stimmt das Urteil des Hannoveraner Fan-Forschers Gunter A.Pilz, dass es sich bei der Ultra-Szene um eine zunehmend gewaltorientierte Gemeinschaft handelt und wenn ja, was sind die Ursachen dafür?1

Die äußerst mangelhafte Quellenlage im wissenschaftlichen Bereich zur Ultra-Thematik stellte mich bereits vor Beginn dieser Arbeit vor erste Probleme, weckte aber zugleich auch den Pioniergeist in mir. Um eine fundierte, mit wissenschaftlichem Anspruch ausgestattete Ethnografie zu erstellen, schien mir eine empirische Überprüfung meiner Fragen unausweichlich. Zuvor werden jedoch noch einmal bekannte Theorien zur Subkultur thematisiert, um auch für „Nicht-Soziologen“ eine Grundlage zu schaffen. In der Folge erläutere ich die historische Entwicklung, der aus Italien importierten Form der Anfeuerung und werde sie mit den heutigen Zuständen in Bochum vergleichen. Die aus den zahlreichen Interviews gewonnenen Erkenntnisse dienten auch als Basis für die Erstellung zweier Fragebögen, die ich zur empirischen Erfassung der Bochumer Ultras entwickelt habe, und an deren Ergebnissen auch das Bochumer Fan-Projekt um den dort engagierten Sozialarbeiter Jürgen Scheidle bereits erhebliches Interesse zeigte.
 

2. Subkultur

Um wissenschaftlich nachzuweisen, ob es sich bei der „Ultraszene“ um eine wirkliche Subkultur handelt, gilt es zunächst einmal den entsprechenden Begriff genauer zu definieren. Ein deviantes (abweichendes) Verhalten kann bei einer Vielzahl von Gruppen erkannt werden. Schon ein einzelner Jugendlicher kann völlig bewusst gegen die Norm verstoßen, sobald er mit Absicht den Regler seines Radios oder den seines CD-Players in seinem Zimmer auf die volle Lautstärke dreht. Der Argwohn der Eltern, den er sich durch dieses Verhalten zuzieht, nimmt er jedoch bewusst in Kauf. Gleiches gilt für Jugendliche, welche mit ihren Skateboards, sehr zum Ärger der Passanten durch eine innerstädtische Flaniermeile kurven. Auch in der Arbeitswelt der Erwachsenen gibt es solche Beispiele. Als Ein Solches sei hier nur der Angestellte genannt, welcher zumeist täglich einige Minuten zu spät kommt. Dies schmälert zwar nur in geringem Umfang seine Arbeitsleistung, stößt jedoch auf Unverständnis oder sogar Ärger bei den übrigen Mitarbeitern. Nun haben wir anhand von drei ganz alltäglichen Beispielen bereits gesehen, dass deviantes Verhalten in diversen Altersgruppen (Jugendliche, Erwachsene) aber auch in verschiedenen sozialen Gruppen (die eigene Familie, mit dem Freundeskreis in der Öffentlichkeit, Arbeitsumfeld) auftritt. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze um ein solches Verhalten auszudifferenzieren. Im Folgenden wird nun die „Subkulturtheorie“ abgehandelt.

Anfangs werde ich die grundlegenden Züge der Subkulturtheorie aufzeigen. Maßgebend sind für mich hiebei die Ansätze von Siegfried Lamnek. Dieser erläutert die Subkulturtheorie von Albert K. Cohen. Auszugsweise soll hier auch die „Anomietheorie“ (nach Merton) behandelt werden. Anschließend wird eine Auseinandersetzung mit Kritik an der Subkultur folgen. Den Abschluss dieses kleinen Exkurses bildet die Überprüfung der Kritikpunkte mittels Untersuchungen von Jugendkulturen. Die Ausführungen von Dieter Baacke dienen hier als eine Art Leitfaden. In seinem Buch „Jugend und Jugendkulturen“ greift er die Arbeiten von Robert B. Bell auf. In der Folge werden auch die Begriffe „Subkultur“ und „Jugendkultur“ verglichen. Zum Abschluss werde ich die ausgeführten Ansätze noch einmal zusammenfassen.
 

2.1 Die Subkulturtheorie nach Cohen

Theoretische Basis für die Entwicklung der Subkulturtheorie war die Chicagoer Schule (Chicago School). Dort untersuchten Soziologen erstmals in so genannten „teilnehmenden Beobachtungsstudien“ die Bandenkriminalität unter Jugendlichen zur Zeit der amerikanischen Prohibition (zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts). Auf ihren Erfahrungen und Beobachtungen basierend konzipierten sie Theorien zu kriminellen Aktivitäten junger Heranwachsender und formten schließlich die Subkulturtheorie.

[...]


1 Vgl: PILZ, Gunter A. (2005)


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