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Zu Tizians "Der Tod des Aktäon"/"Die Schindung des Marsyas"

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 19 Pages
Author: Toni Hildebrandt
Subject: Art - Painting

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 19
Grade: sehr gut
Bibliography: ~ 31  Entries
Language: German
Archive No.: V52732
ISBN (E-book): 978-3-638-48363-6
ISBN (Book): 978-3-638-76515-2
File size: 189 KB

Abstract

„Die mythologischen Darstellungen müssen in jedem mehr realistischen als idealen Stil umso unharmonischer sein, je mehr ihr Inhalt heroisch ist, - und um so harmonischer, je mehr sie sich dem Idyllischen, dem Pastoralen nähern. Tizian scheint dies klarer als die meisten Zeitgenossen empfunden zu haben“, erkannte Jacob Burckhardt in seinem „Cicerone“ Wenige Jahre vor seinem Tod versah Tizian seine arkadischen Mythologien jedoch mit einem anderen Grundtenor. Er thematisierte Gewalt und Bestrafung – Inhalt der Darstellungen vom Tod des Aktäon und der Schindung des Marsyas. Diese düsteren Gemälde zeigen einen „locus horribilis“, der Erwin Panofsky sogar dazu bewegte den „Marsyas“ wegen des „horror vacui“ Tizian abzuschreiben. [...] Mit der Schindung des Marsyas wollte Tizian über sein Leben meditieren, „[...] über die Illusion, dass er die Materie in kostbare Bilder verwandeln könne, eine Illusion, die erlischt unter der entgültigen Erkenntnis der absoluten Irrelevanz des künstlerischen Tuns gegenüber den Schicksalsschlägen der Geschichte.“ Der Autor studierte Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Jena, Weimar und Rom.


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Schiller-Universität Jena
Kunsthistorisches Seminar
Seminar: Tizian
WS 2004/05

Tizian. Der Tod des Aktäon/Die Schindung des Marsyas

von: Toni Hildebrandt

 


Inhalt

Einleitung

Der Tod des Aktäon

Die Schindung der Marsyas

- Die Mythologie
- Das Bildpersonal
- Musikikonographie
- Tizians Komposition
- Ein Versuch der Interpretation

Bibliographie


 

 

Einleitung

„Die mythologischen Darstellungen müssen in jedem mehr realistischen als idealen Stil um so unharmonischer sein, je mehr ihr Inhalt heroisch ist, - und um so harmonischer, je mehr sie sich dem Idyllischen, dem Pastoralen nähern. Tizian scheint dies klarer als die meisten Zeitgenossen empfunden zu haben“, erkannte Jacob Burckhardt in seinem „Cicerone“1 Wenige Jahre vor seinem Tod versah Tizian seine arkadischen Mythologien jedoch mit einem anderen Grundtenor. Er thematisierte Gewalt und Bestrafung – Inhalt der Darstellungen vom Tod des Aktäon und der Schindung des Marsyas. Diese düsteren Gemälde zeigen einen „locus horribilis“, der Erwin Panofsky sogar dazu bewegte den „Marsyas“ wegen des „horror vacui“2 Tizian abzuschreiben. Beide Mythologien stammen aus heutiger Sicht allerdings unzweifelhaft aus der Hand Tizians und werden auf die Jahre kurz vor seinem Tod 1570-15763 datiert. Was bewegte den venezianischen Malerfürst also am Ende seines Lebens zu derartig grausamen Sujets?

Der Tod des Aktäon

In einem Brief vom 19. Juni 1559 versprach Tizian Philipp II. zwei bereits begonnene Poesien an ihn zu senden, eine mit dem Raub der Europa, die andere mit dem Tod des Aktäon. Dies waren die letzten beiden Bilder eines Zyklus nach den Metamorphosen des Ovid4, die zusammen als „Poesie“ für den spanischen König konzipiert waren. Wahrscheinlich hatte Tizian das Gemälde schon 1555 skizziert, aber es erst später vollendet. Harald E. Wethey5 datierte es auf 1570-75. Die Mythologie zeigt den Augenblick des tragischen Todes Aktäons. Weil der Jäger die Göttin Diana und ihr Gefolge beim Baden erschreckte, wurde er für sein voyeuristisches Verhalten bestraft. Diana bespritzte ihn mit Wasser und verwandelte ihn so in einen Hirsch, woraufhin er von seinen eigenen Hunden angegriffen wurde und starb. Tizians Gemälde zeigt diesen Todesakt: Am linken Bildrand erkennt man Diana. Vor dem Hintergrund eines stürmischen Himmels und eines Waldbaches strömt sie energisch ins Bild. Sie hat sich ihr rotes Kleid übergezogen, doch die Brust ist in der Eile noch unbedeckt. In der rechten Hand hält sie einen Bogen und an ihrem Gürtel sind Pfeile befestigt. Ihr gegenüber ringt am rechten Bildrand, jedoch tiefer im Raum, Aktäon um sein Leben. Dieser ist eingebettet in eine wuchernde, unberührte Waldvegetation. Drei seiner Hunde bedrängen ihn und ein vierter kommt vom linken Bildrand angesprungen. Aktäons Kopf ist bereits der eines Hirsches und sein menschlicher Oberkörper, von Tizian nach dem manieristischen Ideal der „Figura serpentinata“ formuliert, windet sich unter Schmerzen in einer chiastischen Drehbewegung. Die Reste seiner Kleidung sind schon blutgetränkt, denn in Tizians Diana und Aktäon6 war diese ockerbraun. In diesem Vorgängerbild wurde durch den Hirschschädel auf dem Pfeiler bereits Aktäons späteres Schicksal vorweggenommen. Die auffälligste Figur im Tod des Aktäon ist jedoch Diana. Ihre Komposition ist sehr bewegt und wurde von Tizian mehrfach überarbeitet. Röntgenaufnahmen beweisen, dass Tizian Dianas Armhaltung mehrmals veränderte7. Den Einfluss der Armhaltung für Dianas schwungvolle Bewegung verdeutlicht in seiner Vereinfachung ein Gemälde nach Tizian von John Piper aus dem 20. Jahrhundert8. In Tizians Tod des Aktäon kontrastieren die geradlinig, eleganten Bewegungen der Göttin mit dem krampfhaft, chiastischen Winden Aktäons. Auch die unterschiedlichen Bildhälften der beiden Hauptfiguren polarisieren: Die linke Seite lässt die Oberfläche durch den weichen und regelmäßigen Farbauftrag glatt erscheinen. In der rechten Bildhälfte verstärkte Tizian hingegen durch den pastosen Farbauftrag den Eindruck einer unruhigen Bewegung. Die Gruppe des in Verwandlung begriffenen Aktäon und die ihn reißenden Hunde ordnen sich völlig in die Landschaft ein, wie in einem Vexierbild. Ganz im Sinn der Ovidschen Metamorphosen gehen somit Mensch und Tier in der unberührten Natur auf.

[...]


1 Jacob Burckhardt; Der Cicerone, Stuttgart 1986, S.922

2 Erwin Panofsky; Problems in Titian, New York 1969, S.171

3 „Die Schindung des Marsyas“ 1575/76, „Der Tod des Aktäon“ wurde von Harald E. Wethey auf 1570-1575 datiert. Tizian starb 1576.

4 Die Poesie für Philipp II. nach Ovids Metamorphosen sollte in dieser Reihenfolge hängen (von links nach rechts) Perseus und Andromeda; Jason und Medea; Danae; Venus und Adonis; Diana und Aktäon; Diana und Kallisto; Tod des Aktäon; Raub der Europa

5 Harald E. Wethey; The Paintings Of Titian, III. The Mythological & Historical Paintings, London 1975

6 Diana und Aktäon, 1556-1559, Edinburgh, National Gallery of Scotland

7 Dürer to Veronese – Sixteenth-Century Painting in The National Gallery, Jill Dunkerton, Susan Foister and Nicholas Penny, London 1999, S.284, Röntgenaufnahme

8 John Piper C.H., The Death of Actaeon, The National Gallery, London


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