Seminararbeit, 2005, 22 Seiten
Autor: Toni Hildebrandt
Fach: Musikwissenschaft
Details
Institution/Hochschule: Hochschule für Musik FRANZ LISZT Weimar (Institut für Musikwissenschaft )
Tags: Abdullah, Ibrahim, Aspekte, Musikästhetik, Afrika, Anthony Braxton, Free Jazz, John Coltrane, Thelonious Monk, Duke Ellington, Nelson Mandela, Miriam Makeba, Keith Jarrett, Jazz, Steve Lehman
Jahr: 2005
Seiten: 22
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 33 Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-48364-3
ISBN (Buch): 978-3-638-66230-7
Dateigröße: 285 KB
"In meiner Lehrauftragstätigkeit hat mich eine Arbeit noch nie so überrascht, wie die Ihre [...] Wriklich begeistert bin ich von dem Kapitel über die Frage der African Heritage im Jazzdiskurs [...] Der Text ist stilistisch ausgezeichnet und musikästhetisch weitsichtig, und gehört eigentlich unbedingt in eine Teitschrift oder ein musikwissenschaftliches Periodika" (aus der Bewertung der Dozentin) Die Arbeit wurde zur Veröffentlichung am Institut für Musikwissenschaft der HfM Weimar empfohlen.
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Zusammenfassung / Abstract
Abdullah Ibrahim komponierte Weltmusik lange bevor der Begriff überhaupt existierte. Er spielte Klavier als Nelson Mandela in das Amt des Präsidenten eingeführt wurde und er prägte die Musikkultur Südafrikas wie kein Anderer vor ihm. Am 9. Oktober 2004 feierte er seinen 70. Geburtstag. Zeit zurückzublicken auf das Leben und die Musik eines des größten und einflußreichsten Musikers Afrikas. "In meiner Lehrauftragstätigkeit hat mich eine Arbeit noch nie so überrascht, wie die Ihre [...] Wirklich begeistert bin ich von dem Kapitel über die Frage der African Heritage im Jazzdiskurs [...] Der Text ist stilistisch ausgezeichnet und musikästhetisch weitsichtig, und gehört unbedingt in eine Zeitschrift oder musikwissenschaftliche Periodika" (Dr. Christiane Gerischer, Freie Universität Berlin) Der Autor studierte Kunstgeschichte, Musikwissenschaft, Romanistik und Philosophie in Jena, Weimar und Rom.
Textauszug (computergeneriert)
Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar /
Friedrich-Schiller-Universität Jena, Institut für Musikwissenschaft
Pro-Seminar: Aspekte afrikanischer Musikästhetik
am Beispiel populärer Musikstile in Afrika
WS 2004/05, 3. Fachsemester
Abdullah Ibrahim
von: Toni Hildebrandt
Inhalt
Einleitung 3
1. „A Struggle For Love“ – Abdullah Ibrahims Leben 3
2. „African Marketplace“ – Abdullah Ibrahim und die südafrikanische Musiktradition 9
3. Südafrikanischer Jazz? - Von Marabi bis zu den Jazz Epistles 11
4. „African Heritage“ und Free Jazz – Reafrikanisierung, Politisierung und Spiritualisierung in der Musik 13
5. „Anthem For A New Nation“ – Abdullah Ibrahims Rückkehr nach Südafrika 18
Literaturverzeichnis 20
Partituren 22
Einleitung
Abdullah Ibrahim komponierte Weltmusik lange bevor der Begriff überhaupt existierte. Er spielte Klavier als Nelson Mandela in das Amt des Präsidenten eingeführt wurde und er prägte die Musikkultur Südafrikas wie kein Anderer vor ihm. Am 9. Oktober 2004 feierte er seinen 70. Geburtstag. Zeit zurückzublicken auf das Leben und die Musik eines des größten und einflußreichsten Musikers Afrikas. In meiner Arbeit habe ich versucht zunächst Abdullah Ibrahims wichtigste Lebensstationen zu schildern. Da bis heute noch keine Monographie über ihn veröffentlicht wurde1, sah ich dies als Grundvoraussetzung an, um danach sein Werk im Kontext der afrikanischen Musiktradition und der Jazzgeschichte zu behandeln. Abdullah Ibrahim lebte fast 30 Jahre im Exil und unterstützte von dort den Kampf gegen Rassismus und Apartheid in seiner Heimat. Die Bedeutung seiner Musik wäre ohne gleichzeitigen Blick auf sein Leben nicht zu verstehen.
1. „A Struggle For Love“– Abdullah Ibrahims Leben2
Abdullah Ibrahim wurde als Adolph Johannes Brand am 9. Oktober 1934 in Cape Town/Kapstadt geboren. Er wuchs als Ältestes von sechs Kindern in einem township auf und wurde schon früh mit Gewalt und Ungerechtigkeit konfrontiert, die symptomatisch für die südafrikanische Geschichte werden sollten. Als er vier Jahre alt war, wurde sein Vater erschossen3 und mit sieben sah er den ersten Mord. Mit 17 floh er vor dem verhassten Stiefvater auf die Straßen im district six. Schon in seiner Kindheit spielte Musik deswegen die Rolle, die sie sein ganzes Leben symbolisieren sollte – Hoffnung auf ein besseres Leben. Seine Großmutter und Mutter waren beide Pianistinnen in der Kirche gewesen und so bekam er bereits mit sieben Jahren Klavierunterricht. Seine musikalische Früherziehung war geprägt durch verschiedene Einflüsse: Er hörte religiöse Musik in der Methodisten-Kirche, traditionelle afrikanische Street-Musik, die in Kapstadt allgegenwärtig war, Cape Malay Songs, europäische Klassik oder Musik der lokalen Gemeinden der Chinesen, Inder und Muslims. Von amerikanischen GI’s, die am Hafen in Kapstadt ankamen, kaufte er Swing-, Jazz- und Rhythm & Blues-Platten für je einen Dollar ein, was ihm den Spitznamen Dollar Brand einbrachte. Er besuchte die Trafalgar High School im District Six, von wo aus jedes Jahr der Karnevalsumzug startete. Mit 15 Jahren spielte er in diesem Viertel regelmäßig im Jazzclub Zanzibar und kam 1953 zu den Tuxedo Slickers, einer schwarzen Bigband aus Kapstadt, die amerikanischen Swing spielte. Sie griffen aber auch lokale Hits auf, wie im Stück Chisa, das sich bis heute in Ibrahims Repertoire befindet. 1954 gingen die Tuxedo Slickers auf Tour durch Südafrika und Dollar Brand nahm an seiner ersten Aufnahme-Session teil. Dort lernte er den Trompeter Blyth Mbityana kennen, mit dem er bis in die 90er Jahre regelmäßig zusammenarbeitete. Beide sind heute die letzten lebenden Mitglieder der legendären Tuxedo Slickers. 1954 sprang Abdullah Ibrahim als Pianist in die Begleitband eines Gesangquartetts ein und wurde Mitglied der Manhattan Brothers. Er lernte dort den Altsaxophon-/Klarinettist Koeppie Moeketsi kennen, der in den nächsten Jahren sein wichtigster musikalischer Begleiter werden sollte. 1954 ging er nach Johannesburg und erspielte sich in der dortigen Jazzszene schnell einen Namen. Dort lebte er bei dem Journalisten Mike Phahlane. Nach dem Namen dessen Tochter Tintinyana benannte Abdullah Ibrahim später eine seiner berühmtesten Kompositionen. 1956 ging er zurück nach Kapstadt und spielte dort in der Band des Drummers Willie Max verschiedene Tanzmusikstile4. Er lernte Miriam Makeba kennen und trat als Leiter einiger Festivals, wie African Sings mit ihr auf. Bereits 1956 hatte Abdullah Ibrahim den Bebop von Charlie Parker, Thelonious Monk und dem jungen Miles Davis entdeckt. Musik musste für ihn nun nicht mehr in erster Linie tanzbar sein. Die neue „heiße“ Musik aus Amerika probte er wenig später in den Jazzclubs Kapstadts und gründete 1959 seine erste eigene Band - Südafrikas berühmteste Jazz-Combo, die Jazz Epistles5. Im selben Jahr traf er seine spätere Frau, die Sängerin Sathima Bea Benjamin auf einem Benefiz-Festival südafrikanischer Musiker, dass der Schweizer Paul Meyer in Kapstadt organisiert hatte. 1960 nahmen die Jazz Epistles das erste schwarze Jazz-Album Afrikas auf: „Jazz Epistles Verse One“ mit drei Kompositionen Abdullah Ibrahims. Ein paar Wochen später nahm er mit seinem Trio das Album Dollar Brand Plays Sphere Jazz auf. Er spielte 1961 auf dem größten afrikanischen Jazzfestival in Johannesburg und führte seine erste große Suite, Jazz History – Moods, mit einer Bigband in Orlando West auf.6 Es sollten aber vorerst seine letzten musikalischen Erfolge in seiner Heimat werden.
Anfang der 60er Jahre wurden die Apartheids-Gesetze verschärft und es kam zu blutigen Übergriffen auf die schwarze Bevölkerung, wie im Sharpeville-Massaker von 1960, bei dem die Polizei bei einer Demonstration in die fliehende Menge schoss und 69 Menschen tötete. Rassismus und Apartheid waren nun alltäglich geworden. Somit veränderte sich auch die Jazz-Szene und es wurde immer schwieriger für Abdullah Ibrahim, seine Musik zu spielen. „Gemischte“ Bands wurden verboten und schwarzen Musikern wurde es untersagt in „weißen“ Nachtclubs zu spielen.
[...]
1 Sein Sekretär Lars Rasmussen hat lediglich kurze biographische Aufsätze in den CD-Booklets und auf der Homepage www.abdullahibrahim.com veröffentlicht, sowie eine ausführliche Discographie in Dänemark.
2 2004 veröffentlichte Ciro Cappellari ein Filmportrait über Abdullah Ibrahim mit dem Titel „A Struggle For Love“.
3 Abdullah Ibrahims Vater gehörte zum Basuto-Stamm. Warum er erschossen wurde ist unbekannt.
4 Sie spielten u.a. Foxtrot, Swing, Boogie Woogie, Quickstep und populäre mexikanische Musik.
5 Mit Trompeter Hugh Masekela, Posaunist Jonas Gwanga, Bassist Johnny Gertze, Drummer Makaya Ntshoko und Altsaxophonist Kippie Moeketsi. Moeketsi hatte Abdullah Ibrahim überredet, die Jazz Epistles zu gründen und sein Leben der Musik zu widmen.
6 Der Suite Jazz History - Moods folgte wenig später die Bigband-Komposition Indigo.
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