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Ciceros Rede 'De lege agraria II' und seine theoretischen Schriften zur Rhetorik. Eine Untersuchung unter dem Gesichtspunkt rhetorischer Strategien

Hauptseminararbeit, 2006, 56 Seiten
Autor: Frank Sicklinger
Fach: Latein

Details

Veranstaltung: Hauptseminar Rhetorische Strategien in Ciceros politischen Reden
Institution/Hochschule: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (Seminar für Klassische Philologie)
Tags: Ciceros, Rede, Schriften, Rhetorik, Eine, Untersuchung, Gesichtspunkt, Strategien, Hauptseminar, Rhetorische, Strategien, Ciceros, Reden
Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 56
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 24  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V52738
ISBN (E-Book): 978-3-638-48369-8

Dateigröße: 364 KB
Anmerkungen :
Die Arbeit verbindet durch den Begriff der "rhetorischen Strategien" theoretische Schriften zur Rhetorik (Cic. Brut, De or., Orat.). Im ersten Teil werden rhetorische Strategien ausgewertet, im zweiten Teil wird eine Rede (Cic. leg. agr. II) auf diese Strategien hin untersucht. Das Thema ist gut für umfangreichere Abschlussarbeiten geeignet, da sie zum einen Theorie und Praxis kombiniert und zum anderen durch die Anwendbarkeit auf fast alle Reden Erweiterungs- und Vergleichsmöglichkeiten bietet.



Textauszug (computergeneriert)

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau
Seminar für Klassische Philologie
HS: Rhetorische Strategien in Ciceros politischen Reden
Wintersemester 2004/2005, 9. Semester

Ciceros Rede ′De lege agraria II′ und seine theoretischen
Schriften zur Rhetorik. Eine Untersuchung unter dem
Gesichtspunkt rhetorischer Strategien

von: Frank Sicklinger

 


INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung  2

2. Rhetorische Strategien in Ciceros theoretischen Schriften  7

2.1 Ciceros Deutung der antiken Rhetorik  10
2.2 Die Darstellung rhetorischer Strategien in Ciceros theoretischen Schriften  15

3. Rhetorische Strategien in Ciceros Rede De lege agraria II 22

3.1 Gewinnen von Zuneigung 23
3.2 Erzeugen von Hass und Zorn  29
3.3 Erzeugen von Furcht  33
3.4 Erzeugen und Beschwichtigen von Neid / Erzeugen von Mitleid 39
3.5 Widerlegen vorhersehbarer Gegenargumente  40
3.6 Bezugnahme auf Geschichte 45

4. Zusammenfassung und Ausblick 49

5. Literaturverzeichnis  53

5.1 Primärliteratur  53
5.2 Sekundärliteratur  54

 



 

1. EINLEITUNG

Zu Beginn seines Konsulats im Jahre 63 v. Chr. hielt Cicero vier Reden1, in denen er vehement gegen den Antrag auf eine lex agraria agierte, die der Volkstribun Publius Servilius Rullus2 unmittelbar nach seinem Amtsantritt eingebracht hatte. Die erste Rede De lege agraria hielt er am 1. Januar im Senat, die zweite wenige Tage später vor der Volksversammlung.3 In diesen zwei Reden entfaltet Cicero vor den beiden politischen Gremien der Republik die zentralen Punkte seiner Argumentation gegen das Agrargesetz. In der dritten Rede, die Cicero selbst „gleichsam als kurzen Abriss“ 4 bezeichnet, greift Cicero nur noch einzelne Argumente auf, die die Volkstribunen gegen ihn in Umlauf gebracht hatten; er wendet sich gegen die Behauptung, die Interessen sullanischer Landbesitzer zu vertreten.5 Die vierte Rede ist nicht überliefert. Da Cicero sie wie die dritte Rede nur „als kurzen Abriss“6 erwähnt, ist aber davon auszugehen, dass sich auch ihr Inhalt auf die Behandlung weniger Einzelaspekte beschränkt. Cicero war mit seiner ersten Rede vor dem Senat und mit der zweiten Rede vor dem Volk überaus erfolgreich. So berichtet Plutarch, dass er mit seiner scharfen Rede im Senat die Antragssteller derartig eingeschüchtert habe, dass sie keinen Widerspruch erhoben. Als Rullus und seine Anhänger einen zweiten Versuch machten und die Konsuln vor das Volk forderten, sei es ihm nicht nur gelungen, den Antrag zu Fall zu bringen, sondern er habe es durch seine Beredsamkeit auch erreicht, dass die Volkstribunen von ihren übrigen Plänen abzubringen.7 Aus Ciceros eigenen Beschreibungen geht hervor, dass er zumindest in der contio sein rhetorisches Ziel erreicht hatte. Denn in seiner Rede Pro C. Rabirio perduellionis reo erklärt er dem Volk, dass es sich genauso vorsichtig und streng wie der Senat verhalten habe, als es die Verteilung des gesamten Weltkreises und gerade des Ager Campanus mit Herzen, Händen und Stimmen zurückwies.8

Auch wenn Ciceros Reden De lege agraria in der wissenschaftlichen Diskussion nicht das gleiche Interesse zuteil wurde wie den deutlich prominenteren Reden gegen Catilina, beschäftigt sich doch eine Zahl von Beiträgen zumindest mit den ersten beiden Reden. Dabei wurde (1) der Erfolg der beiden Reden sowie (2) die relative Parallelität ihrer Argumentationsstrukturen und die Übereinstimmung hinsichtlich des rhetorischen Ziels, nämlich der Vereinnahmung des Publikums im Senat und in der Volksversammlung gegen das Ackergesetz des Rullus, als Ausgangspunkt genommen, um die Rhetorik Ciceros genauer zu analysieren. Auch wenn es dabei zu Überschneidungen kommt, lassen sich die bisherigen Forschungsansätze doch anhand der Wahl des jeweiligen Ausgangspunktes ordnen.

So beschäftigt sich der eine Teil der Beiträge, vertreten durch Jürgen Blänsdorf und Jerise Fogel, mit der Frage nach dem rhetorischen Erfolg Ciceros. Jürgen Blänsdorf kommt dabei zu dem Ergebnis, dass „die Bedeutung dieser Reden gerade in der Erkenntnis liegt, wie es dem Politiker [sc. Cicero] gelingt, die politischen Absichten des scheinbar harmlosen […] Gesetzestextes […] aufzudecken und die weitreichenden Folgen einer scheinbar sozialen Wohltat […] auszumalen und dies alles dem Volke in einer öffentlichen Rede erfolgreich zu erklären.“9 Der Erfolg der Rede erklärt sich demnach aus der „pädagogische Leistung“10, mit der Cicero den Gesetzestext verständlich macht. Vorsichtiger als Blänsdorfs Absolutsetzung des Pädagischen sind die Überlegungen von Jerise Fogel, die Ciceros Reden auf die Verwendung des Motivs des mos maiorum hin untersucht. Zwar stellt auch sie einen Zusammenhang zwischen der von ihr untersuchten Motivverwendung und dem Erfolg von Ciceros Reden her, sie schränkt diesen aber auf die Perspektive des antiken Redners ein, der sich rhetorischer Strategien bediente, um sein Publikum zu beeinflussen: „Wenn Cicero sich in der Öffentlichkeit auf die römische Tradition der Vorfahren berief, dann musste dies überzeugend auf sein Publikum wirken.“11 Der rhetorische Erfolg ist bei ihr also eine Annahme, mit der sie die Verwendung dieses Motivs auch in seiner historischen Plausibilität untersuchen kann. Inwieweit diese Annahme zutreffend ist, wird aber nicht weiter problematisiert.

Der andere Teil der Beiträge, verfasst von Jürgen Leonhardt, Christine Elaine Thompson und Carl Joachim Classen, beschäftigt sich auf der Grundlage der Senatsrede ( De lege agraria I) und der Rede vor der Volksversammlung ( De lege agraria II) mit der rhetorischen Technik, derer Cicero sich bedient, um in der jeweiligen Situation ein spezifisches Publikum durch seine rednerische Tätigkeit zu überzeugen. Dabei untersucht Jürgen Leonhardt, inwieweit Cicero bei der beratenden Rede vor dem Volk eher im Sinne der utilitas und vor dem Senat eher im Sinne der dignitas argumentiert und inwieweit eine Ungleichgewichtung dieser Argumente mit Ciceros Sicht des Volkes und des Senatorenstandes korreliert.12 Ebenfalls auf dem Mittel des Vergleiches basierend untersucht Christine E. Thompson die Anpassung der Senats- und Volksreden an das jeweilige Publikum. Sie verwendet dabei eine Vielzahl von Kategorien, wie etwa die Komposition der Reden, den Umgang mit politischen Schlagwörtern und Formen des Rekurses auf die Vergangenheit.13 Die im deutschen Sprachraum wohl bekannteste Untersuchung zur ciceronischen Rhetorik findet sich in Carl Joachim Classens Monographie „Recht - Rhetorik - Politik. Untersuchungen zu Ciceros rhetorischer Strategie“. Der im Titel verwendete Singular „rhetorische Strategie“ ist insofern programmatisch, als Classen seine Aufmerksamkeit weitestgehend auf eine Strategie, nämlich auf die Anpassung der Reden an das jeweils zu überzeugende Publikum richtet.14 Von diesem Erkenntnisinteresse aus untersucht er dann die Auswahl der Argumente, ihre Anordnung in der Rede und den Beitrag von stilistischer Gestaltung, Satzbau und Wortwahl bei der Überzeugung des Publikums.15 Dabei kann er signifikante Unterschiede in der Gestaltung den beiden Reden aufzeigen und kommt so zu dem Schluss, dass Ciceros Reden „von einem einzigen Gesichtspunkt bestimmt werden, nämlich seine Hörer auf eine bestimmte Entscheidung vorzubereiten und sie dazu zu bringen, diese in seinem Sinne zu fällen.“16 Die Anpassung der Reden an das entsprechende Publikum ist demnach die zentrale Strategie für den rednerischen Erfolg, der sich alle weiteren Einzelziele unterordnen.

Auch wenn diese Arbeiten bei der Behandlung ihrer jeweiligen Fragestellung durchaus überzeugend sind, ergibt sich zusammengenommen aus ihnen dennoch ein problematisches Bild der ciceronischen Rhetorik. Zum einen greifen sie nämlich nur einzelne Kategorien heraus, anhand derer sie die zugrunde liegenden Texte der Reden einseitig untersuchen und ihre Gestaltung erklären. Dabei werden dann Ergebnisse erzielt, die nur bedingt miteinander vergleichbar sind. So ist nicht abschließend zu klären, ob es gerade das pädagogische Erläutern des Gesetzestextes, der häufige Verweis auf das mos maiorum oder die Auswahl publikumsspezifischer Argumente ist, die Ciceros Rhetorik ausmachen und ihren Erfolg begründen können. Zum anderen wird die theoretische Seite der antiken Rhetorik, wie sie sich etwa in Ciceros rhetorischen Schriften findet, vernachlässigt oder nur im Hinblick auf den Untersuchungsgegenstand des modernen Verfassers hin behandelt. Dass gerade die antiken theoretischen Schriften eine Vielzahl von Anhaltspunkten für die Analyse rhetorischer Strategien bieten, wird dabei übersehen.

Ziel dieser Arbeit ist es daher, ein komplexeres Bild der ciceronischen Rhetorik zu zeichnen, das theoretische Schriften zur Rhetorik und Reden miteinander verbindet. Das Bindeglied ist dabei der noch zu definierende Begriff der rhetorischen Strategien. Dieser Begriff, und das ist der Ausgangspunkt dieser Arbeit, lässt sich sowohl auf die römische Theorie der Rhetorik und auf deren praktische Umsetzung in Reden anwenden. Die Analyse verläuft dabei in zwei Schritten: Im ersten Schritt soll zunächst anhand der theoretischen Schriften De oratore, Brutus und Orator17 dargestellt werden, wie Cicero selbst die Stellung der Rhetorik deutet. Hierbei ist es sinnvoll zu fragen, welche Ziele der antike Redner mit seiner Rhetorik zu erreichen sucht, über welche Fähigkeiten und Voraussetzungen er verfügen sollte, anhand welcher Kriterien eine Rede beurteilt werden kann und welche Bedeutung der Rolle des Publikums beigemessen wird. Nach dieser allgemeinen Untersuchung der ciceronischen Rhetorik werden die rhetorischen Strategien dargestellt, die Cicero selbst in seinen theoretischen Schriften nennt. Unter „rhetorischen Strategien“ sollen im Folgenden alle von Cicero genannten Formen der Argumentation verstanden werden, derer sich der Redner bedienen kann, um in der jeweils gegebenen Situation sein Publikum dazu zu bewegen, die von ihm gewünschte Sicht oder Beurteilung eines Sachverhalts jedenfalls für den Augenblick zu akzeptieren. Der Begriff wurde gewählt, weil er eine Verbindung von Reden und theoretischen Schriften zur Rhetorik ermöglicht. Was in den theoretischen Schriften als normantive Aussage geäußert wird, wie denn eine gute Rede zu halten sei oder welcher Mittel sich der gute Redner bedient, lässt sich auch auf die Reden selbst anwenden und auf Funktion und Form der Realisierung untersuchen. Diese Begriffsfassung lehnt sich an die von Carl Joachim Classen gegebene Definition an,18 wird aber in etwas engerem Sinne verstanden. Während Classen in einem allgemeinen Sinne die „Mittel“ der Überzeugung untersucht und somit auch stilistische Gestaltung, Satzbau und Wortwahl in den Blick nimmt,19 beschränkt sich der Untersuchungsbereich der vorliegende Arbeit ausschließlich auf argumentative Strukturen. Ebenso wird die Anpassung der Rede an das Publikum nur insoweit thematisiert, als die Vorgaben Ciceros den Blick darauf lenken. Da in dieser Arbeit zudem nur eine Rede behandelt wird, bietet sich diese Untersuchungskategorie mangels Vergleichsmöglichkeiten nicht an. Soweit sich aus den theoretischen Schriften rhetorische Strategien ergeben beziehungsweise ableiten lassen, werden diese zu einem Katalog zusammenfasst, dessen Reihenfolge dann die rhetorische Analyse der Rede strukturiert.

Nach der grundlegenden Einordnung der Rhetorik aus der Sicht Ciceros und der Erstellung eines Kataloges der rhetorischen Strategien wird in einem zweiten Schritt die Rede De lege agraria II anhand der gewonnenen Kategorien analysiert.

[...]


1 Cicero erwähnt in Att. II 1,3 vier Reden zur Agrargesetzgebung: quarum una [sc. oratiuncula] est in senatu Kalendis Ianuariis, altera ad populum de lege agraria […]. sunt praeterea duae breves, quasi ἀποσπασµάτια legis agraria. Von diesen vier Reden sind nur noch drei überliefert, davon die erste Rede vor dem Senat nur unvollständig.

2 Die wesentlichen Angaben zu Publius Servilius Rullus finden sich bei Stein 1923, Sp. 1808-1809.

3 Die Datierung ergibt sich wie die Anzahl der Reden aus Cic. Att. II 1,3.

4 Diese Bezeichnung der dritten und vierten Rede findet sich in Att. II 1,3: […] duae breves, quasi ἀποσπασµάτια legis agraria.

5 Vgl. Cic. leg. agr. III 1-3.

6 Cic. Att. II 1,3. Text wiedergegeben in Anm. 1 und 4.

7 Vgl. Plut. Vit. Cic. 12,6.

8 Vgl. Cic. Rab. perd. 32: itaque non senatus in ea causa […] diligentior aut inclementior fuit quam vos universi, cum orbis terrae distributionem atque illum ipsum agrum Campanum animis, manibus vocibus repudiavistis. Der Teil der Rede, der Paragraph 32 enthält, ist nur in einem Palimpsest erhalten. Auf diesem ist von dem Prädikat nur das Präfix erhalten, die Konjektur repudiavistis geht auf den Herausgeber Niebuhr zurück. Sie ist, wenn nicht der Form, so zumindest ihrem Inhalt nach aufgrund der Übereinstimmung mit Plutarch plausibel.

9 Blänsdorf 2002, 41.

10 Blänsdorf 2002, 42. Blänsdorfs Ansatz ist in mehrerlei Hinsicht fragwürdig: Zunächst bleibt eine Definition dessen, was unter „pädagogischer Leistung“ verstanden werden soll, aus. Dies führt in der Folge dazu, dass Blänsdorf, obwohl er Literaturwissenschaftler ist, die Rede nicht so sehr auf „pädagogische“ Erklärungsmuster hin untersucht, sondern diese historisch zu plausibilisieren versucht. Dabei scheint er schließlich das von Cicero Berichtete grundsätzlich glaubhaft anzusehen - ihm entgeht so der rhetorische Charakter der Rede.

11 Fogel 1994, 2: „for when Cicero appealed in public to the Roman ancestral tradition, that appeal had to be persuasive to his audience.“ Übersetzung des Verfassers.

12 Vgl. Leonhardt 1998, 282-288.

13 Vgl. Thompson 1978, II-IX.

14 Vgl. Classen 1985, 1-2 und 13, explizit zu den Reden de lege agraria I und II vgl. 309.

15 Vgl. Classen 1985, 12.

16 Classen 1985, 368.

17 Meine Untersuchung beschränkt sich auf die Auswertung dieser drei Schriften Ciceros, da sich aus den übrigen Schriften ( De Inventione, Partiones Oratoriae, De Optimo Genere Oratorum, Topica und dem Cicero zugeschriebenen Werk Ad Herennium) keine zusätzlichen relevanten Angaben entnehmen lassen.

18 Vgl. Classen 1985, 1-2: Ihm geht es darum, Ciceros „rhetorische Technik zu erhellen, also zu verdeutlichen, welcher Mittel er sich bedient, um in einer jeweils gegebenen Situation sein Publikum, die Richter oder die pontifices, die Senatoren oder die Bürger in der contio, dazu zu bewegen, die von ihm gewünschte Sicht oder Beurteilung eines Sachverhaltes oder einer Person jedenfalls für den Augenblick zu akzeptieren.“

19 Vgl. Classen 1985, 12.


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