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Determiniert zu Mord und Wahn? Zur Figurenkonstellation in Hauptmanns Bahnwärter Thiel

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 21 Pages
Author: Martin Lehmannn
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 21
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V53418
ISBN (E-book): 978-3-638-48877-8

File size: 102 KB
Notes :
Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist die eingehende Analyse der Figurenkonstellation mit besonderem Schwerpunkt auf dem Charakter des Protagonisten und den gegensätzlich ausgestalteten Frauenfiguren. Ziel dieser Interpretation ist es, vor allem die Ausgangsbedingungen minutiös herauszuarbeiten, die zu Beginn der Novelle herrschen, also noch weit vor der Katastrophe, der Auslöschung der Familie Thiel. Außerdem werden einleitend zunächst naturalismustypische Elemente der analysiert.



Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Institut für Deutsche und Niederländische Philologie
Hauptseminar 16766: Erzählungen um 1900
Wintersemester 2004 / 2005, 5. Semester

Determiniert zu Mord und Wahn? Zur Figurenkonstellation
in Hauptmanns Bahnwärter Thiel

von: Martin Lehmannn

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung 1

2. Naturalistische Elemente im Bahnwärter Thiel 2

3. Die Figurenkonstellation 8

3.1 Die Frauenfiguren 9
3.2 Der Bahnwärter Thiel 13

4. Ausblick auf den Schluss der Handlung und zusammenfassendes Fazit 17

5. Bibliographie 19


 

 

1. Einleitung

Das ausgehende 19. Jahrhundert war eine Zeit der extremen sozialen und wirtschaftlichen Widersprüche. Das schnelle Anwachsen der Bevölkerung, der Aufstieg der exakten Naturwissenschaften und der Technik, die fortschreitende Industrielle Revolution und die mit der Landflucht einhergehende Verstädterung schufen ungeahnten Reichtum Weniger, während die Masse der Bevölkerung in sozialem Elend lebte. Immer deutlicher kristallisierte sich ein Gegensatz zwischen den Interessen der Großkapitalisten auf der einen Seite und denen des stetig wachsenden Proletariats auf der anderen Seite heraus. Trotz dem Einfluss der Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei verhallten die Forderungen dieser untersten Bevölkerungsschicht allzu oft ungehört.

Zugleich findet der Lebensbezirk des „Vierten Standes“ erstmals Eingang in die gehobene Literatur. Ein frühes Beispiel dafür in der deutschen Literatur ist die Novelle Bahnwärter Thiel, welche 1887 in Erkner bei Berlin während der Schaffensjahre HAUPTMANNs entstand, die er später als die vier Ecksteine seines ganzen Werkes1 bezeichnen sollte. Ein Jahr später erschien Bahnwärter Thiel in der von Michael Georg KONRAD herausgegebenen Zeitschrift Die Gesellschaft. Realistische Wochenschrift für Literatur, Kunst und öffentliches Leben, dem Organ der Münchner Naturalisten. Dem der Öffentlichkeit zu dieser Zeit noch unbekannten fünfundzwanzigjährigen Autor gelang mit seiner Novelle der literarische Durchbruch: „Damit war ich als Schriftsteller in die Welt getreten.“2 Bahnwärter Thiel folgten alsbald mehrere erfolgreiche Dramen wie Vor Sonnenaufgang, Die Weber oder Der Biberpelz, die Gerhart HAUPTMANN zum führenden Vertreter des Naturalismus in Deutschland machten.

Was aber ist das Außergewöhnliche an Bahnwärter Thiel, dass Literaturwissenschaftler wie Fritz MARTINI zu dem Urteil gelangen, die novellistische Studie habe „anspruchslos, im schmalen Format, den Rang von Weltliteratur“3? Warum urteilte HAUPTMANNs Zeitgenosse CONRAD, man habe seit Zola keine bessere Novelle in Deutschland gesehen? 4 Einen ersten Eindruck davon zu vermitteln, was den Bahnwärter Thiel so außergewöhnlich macht, wie meisterhaft HAUPTMANN es versteht auf gedrängtem Raum seine Erzählkunst zu entfalten, ist Ziel der vorliegenden Arbeit. Damit der Nachweis in angemessener Ausführlichkeit geführt werden kann, beschränkt sich die Interpretation aufgrund von Platzgründen vorwiegend auf einen exemplarisch gewählten Analysepunkt und vernachlässigt andere, potentiell ebenfalls äußerst ergiebige Problemstellungen.

Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit ist die eingehende Analyse der Figurenkonstellation mit besonderem Schwerpunkt auf dem Charakter des Protagonisten und den gegensätzlich ausgestalteten Frauenfiguren. Ziel dieser Interpretation ist es, vor allem die Ausgangsbedingungen minutiös herauszuarbeiten, die zu Beginn der Novelle herrschen, also noch weit vor der Katastrophe, der Auslöschung der Familie Thiel. Diese Fragestellung scheint insofern besonders relevant, da im naturalistischen Kontext, dem der Bahnwärter Thiel weitgehend zugeschrieben wird, die Ausgangsbedingungen im Rahmen eines deterministischen Menschenbilds von außerordentlicher Wichtigkeit sind.

Zunächst sollen deshalb einleitend die Annahmen der naturalistischen Strömung skizziert werden und, in einer ersten, vorwiegend auf der Makroebene operierenden Annäherung an die Novelle nach naturalistischen Elementen im Bahnwärter Thiel geforscht werden. Auf dieser Grundlage wird dann der Hauptteil, die Beleuchtung der Figurenkonstellation, in einem Schwenk auf die Mikroebene angegangen.

2. Naturalistische Elemente im Bahnwärter Thiel

Worauf gründet sich die Zuschreibung des Bahnwärter Thiel zum naturalistischen Kontext? Zur Beantwortung dieser Frage bedarf es zu allererst einem gesicherten Verständnis darüber, was ‚Naturalismus’ eigentlich meint. Im Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft bestimmt Peter SPRENGEL, eine ausgewiesene Autorität auf diesem Gebiet, ‚Naturalismus’ als „radikale Form des Realismus […], die vom Weltbild des Positivismus beeinflusst war.“5 Weiter heißt es dort: Der Naturalismus als historische Bewegung zieht die Konsequenzen aus den Einsichten, die Biologie und Soziologie des 19. Jhs. in die Bedeutung von Erbanlagen und sozialem Milieu gewonnen haben. Indem er die Abhängigkeit des Menschen von genetischen und gesellschaftlichen Faktoren darstellt, korrigiert er den epigonalen Idealismus der Gründerzeit und meldet Protest gegen konkrete gesellschaftliche Verhältnisse an (Arbeiterelend, Prostitution, Alkoholismus, etc.). (SPRENGEL 2000: 684)

[...]


1 Vgl. MARTINI 2001: 47.

2 HAUPTMANN 1956: 579.

3 MARTINI 2001: 55.

4 Vgl. CONRAD 1901: 78.

5 SPRENGEL 2000: 684.


Comments

walaa emara
12.04.2008 18:17:18
Determiniert zu Mord und Wahn? Zur Figurenkonstellation
i want this book als pdf file thank u
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