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'Classisch' und 'romantisch': die Gegensätzlichkeit der Motive in Wilhelm Meister und Heinrich von Ofterdingen

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 21 Pages
Author: Martin Klüners
Subject: German Studies - Modern German Literature

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 21
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 6  Entries
Language: German
Archive No.: V53997
ISBN (E-book): 978-3-638-49292-8

File size: 201 KB


Excerpt (computer-generated)

′Classisch′ und ′romantisch′: die Gegensätzlichkeit der
Motive in Wilhelm Meister und Heinrich von Ofterdingen

von: Martin Klüners

 


Inhalt

1. Einleitung 2

2. Novalis und Goethe 4

3. „Classisch“ und „romantisch“: Die Gegensätzlichkeit der Motive in Wilhelm Meister und Heinrich von Ofterdingen 7

3.1 Turm und Höhle 7
3.2 Sonne und Mond 10
3.3 Weltlich und sakral 11
3.4 Vorträge und Gespräche 13
3.5 Lehrbrief und Chronik 18

4. Schlußbemerkung 19

5. Literatur 21

 


 

1. Einleitung

Das Hauptseminar des Wintersemesters 2005/06 „Der Bildungsroman im 19. Jahrhundert“ von Dr. Ralf Klausnitzer versuchte, einen kritischen Überblick über die sich an Goethes prototypischen Bildungsroman Wilhelm Meisters Lehrjahre anschließenden Werke dieser Gattung im 19. Jahrhundert zu bieten und, soweit möglich, zueinander in Beziehung zu setzen. Ausgehend von genanntem Vorbild wurden der Heinrich von Ofterdingen des Novalis, die Lebensansichten des Katers Murr von E.T.A. Hoffmann, Kellers Der grüne Heinrich, Der Nachsommer von Adalbert Stifter sowie Raabes Der Hungerpastor auf die ihnen jeweils zugrundeliegenden Konzepte von „Bildung“ im Sinne einer Entwicklung des Romanprotagonisten untersucht. Schon Goethes Titelheld Wilhelm Meister, dessen Werdegang in gewissem Grade paradigmatisch für die weitere Geschichte des deutschen Bildungsromans ist, vollzieht keine geradlinige Entwicklung, sondern vielmehr einen hochproblematischen, von mannigfaltigen Behinderungen begleiteten Selbstfindungsprozeß, der ihn von der Scheinwelt des Theaters, in die er zunächst zu gehören glaubt, in die Arme der Turmgesellschaft treibt. Was zunächst anmutet wie die glückliche Wendung der Dinge zum Guten, kann sich am Ende des Romans ebenfalls einer impliziten Kritik nicht entziehen. Der Heinrich von Ofterdingen hingegen, den man unter den im Seminar behandelten Bildungsromanen allein schon aufgrund der zeitlichen Nähe seiner Entstehung am ehesten als direkte Auseinandersetzung mit Goethes Roman betrachten muß, erscheint als eine Art Kontrapunkt zu selbigem; Heinrichs Entwicklung ist vergleichsweise geradlinig und steht in ihrer Konsequenz in auffallendem Widerspruch zu derjenigen Wilhelm Meisters. Novalis‘ Roman kann gelesen werden als die bewußte „romantische Antwort“ auf Wilhelm Meisters Lehrjahre.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, beide Werke unter dieser Fragestellung miteinander zu vergleichen. Da solches im Rahmen einer Hauptseminarsarbeit nicht für die gesamten Romane von der ersten bis zur letzten Seite geleistet werden kann, empfiehlt es sich, die Untersuchung auf zentrale Textstellen zu beschränken; es sollen im Folgenden die unterschiedlichen Formen der Initiation des jeweiligen Titelhelden – Wilhelm Meisters Aufnahme in die Turmgesellschaft im siebten Buch des Romans sowie Heinrichs Begegnung mit dem Grafen von Hohenzollern und dessen Büchern in der Höhle im fünften Kapitel des Ersten Teils des Heinrich von Ofterdingen – miteinander verglichen werden. Auch wenn sich mit Hans-Joachim Beck bereits Mitte der siebziger Jahre die literaturwissenschaftliche Forschung der Rezeption von Goethes Wilhelm Meister durch Novalis‘ Heinrich von Ofterdingen angenommen hat1, so wird selbst dort die Problematik trotz aller Ausführlichkeit der Darstellung nicht erschöpfend behandelt. Die Untersuchung und der Vergleich der konkreten Motivik beider Romane muß daher, in Ermangelung geeigneter Sekundärliteratur, in vorliegender Arbeit weitgehend werkimmanent erfolgen; der Anmerkungsapparat ist entsprechend klein. Genannte Tatsache bietet umgekehrt allerdings auch die Möglichkeit, möglichst nah am Text selbst zu arbeiten und – im gegenwärtigen wissenschaftlichen Betrieb durchaus nicht immer eine Selbstverständlichkeit – eigenständig zu denken. Dieses neudeutsch als „close reading“ bezeichnete Vorgehen war auch Gegenstand des Seminars und ist – weil es sich zur Grundlage wieder den Text selbst macht – womöglich am ehesten dazu geeignet, nicht nur die Forschungsergebnisse anderer zusammenzufassen (was ansonsten ein Hauptanliegen des wissenschaftlichen Arbeitens, wie es einem im Studium vermittelt wird, zu sein scheint), sondern neue Perspektiven zu eröffnen – für mich, sofern mir die persönliche Bemerkung gestattet ist, eine schöne Abwechslung am Ende meines Studiums.

2. Novalis und Goethe

Friedrich Leopold Freiherr von Hardenberg (1772-1801), der sich seit seiner ersten Veröffentlichung nach einer mittelalterlichen Seitenlinie seiner Familie „Novalis“ ( = „der Neuland Bestellende“) nannte, begegnete Goethe am 29. März 1798 in Jena – dem Ort, wo er seit 1790 studiert und u.a. auch den von ihm hochverehrten Friedrich Schiller kennengelernt hatte. August Wilhelm Schlegel besuchte am Vormittag genannten Datums Goethe und führte bei der Gelegenheit auch den jungen Novalis ein, wie Goethe in seinem Tagebuch vermerkt:

„Rath Schlegel und Hardenberg kamen zu mir, Mittag zu Hause. Gegen Abend zu Schiller, wo Niethammers und von Hardenberg waren.“2

[...]


1 Beck, Hans Joachim: Friedrich von Hardenberg „Oeconomie des Styls“. Die „Wilhelm Meister“-Rezeption im „Heinrich von Ofterdingen“. (Abhandlungen zur Kunst-, Musik- und Literaturwissenschaft, 204). Bonn 1976. Im Folgenden zitiert als Beck.

2 Zitat und Informationen entnommen aus: Müller, Joachim: Novalis, Schiller und Goethe in Jena. Jena 1979, 16. Im F. zit. als Müller.


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