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Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film

Termpaper, 2006, 25 Pages
Author: Kathrin Rosi Würtz
Subject: Sociology - Media, Art, Music

Details

Event: Hauptseminar "Benimm, Manieren und Etikette - Normative Systeme des Alltags."
Institution/College: University of Bonn (Seminar für Soziologie)
Tags: Benimm, Etikette, Manieren, Alltag, Vermittlung, Bollywood-Film, Hauptseminar, Benimm, Manieren, Etikette, Normative, Systeme, Alltags
Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 25
Grade: 1
Bibliography: ~ 23  Entries
Language: German
Archive No.: V54836
ISBN (E-book): 978-3-638-49946-0

File size: 374 KB
Notes :
Die Basis für die hier vorliegende Ausarbeitung bildet mein persönliches Interesse am indischen Populärkino im Allgemeinen und an der weltweit wachsenden Beliebtheit von Bollywood-Filmen im Besonderen. Mein Schwerpunkt liegt auf der Rezeption dieser Filme innerhalb des indischen Subkontinents. Kino gehört in Indien zum Alltag. Geleitet und organisiert wird das normative System des Alltags von vielen spezifischen Benimmregeln, die auf der Kinoleinwand abgebildet, aber auch neu definiert werden ()


Abstract

Kino gehört in Indien zum Alltag. Geleitet und organisiert wird das normative System des Alltags von vielen spezifischen Benimmregeln, die auf der Kinoleinwand abgebildet, aber auch neu definiert werden können. Ein erster Reflexionsschritt wird daher die Untersuchung des Films „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ (abgekürzt im Folgenden mit „K3G“) sein, der nicht - zuletzt auf Grund seines Erfolgs im deutschen Fernsehen - geeignet zu sein scheint und mit durchweg indischer Starbesetzung zum Kassenschlager in Indien wurde. Mein Hauptaugenmerk liegt auf den festgeschriebenen Verhaltensregeln (z.B. in den „Gesetzen des Manu“) gegenüber Frauen innerhalb familiärer Strukturen, um den weiten Themenkreis einzugrenzen. Eine Fragestellung in Bezug auf diesen Film ist auf rezeptionsästhetischer Ebene angesiedelt: Wie wird Benimm dramaturgisch und szenisch umgesetzt und auf welche Weise brechen diese filmischen Darstellungen eventuell traditionelle Manierencodizes, zumindest auf der Projektionsfläche im Kinosaal? Sind Bollywood und seine kathartischen Wirkungen das, was Indien zusammenhält bzw. kann Bollywood als ein Identität stiftendes Element betrachtet werden? Im dritten Teil meiner Arbeit beschäftige ich mich sodann auf theoretischer Ebene mit der kulturspezifischen Vermarktung indischer Filme in Deutschland und ihrem wachsenden Erfolg. Den Abschluss bildet ein cineastischer Ausblick auf die globalen Auswirkungen von Import, Export und Re-Import visueller Unterhaltungsware à la Bollywood im weiten Feld der Manieren und des interkulturellen Benimms.


Excerpt (computer-generated)

Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Seminar für Soziologie
Schriftliche Ausführung für das Hauptseminar
„ Benimm, Manieren und Etikette. Normative Systeme des Alltags.“

„Benimm, Etikette und Manieren im indischen Alltag
und deren mediale Vermittlung im Bollywood-Film“

eingereicht von:
Kathrin Rosi Würtz
Fächerkombination:
Soziologie, Neuere deutsche Literatur
Kommunikationsforschung und Phonetik

Sommersemester 2005

 

Inhaltsverzeichnis:

Ausgangslage und Thematik ... 3

Das „triviale“ Medium des indischen Populärkinos als komplexes Phänomen des indischen Alltags ... 4

Über die zwanghafte Affektkontrolle und die Freilassung von Affekten ... 8

“Kabhi Khushi Kabhie Gham“ – Eine Sequenzanalyse ... 10

Ästhetische Erfahrung im Bollywood-Film ... 15

Exkurs: Über die heilige Kuh in Bombay und den Superheld aus Bollywood Symbolische Indifferenz im öffentlichen Raum ... 17

Bollywood in Deutschland ... 18

Fazit und cineastischer Ausblick ... 19

Literaturverzeichnis ... 22

Anhang ... 24

 

Ausgangslage und Thematik

Die Basis für die hier vorliegende Ausarbeitung bildet mein persönliches Interesse am indischen Populärkino im Allgemeinen und an der weltweit wachsenden Beliebtheit von Bollywood-Filmen im Besonderen. Unter den Begriffen „Bollywood-Film“ und „indisches Populärkino“ werden im Folgenden die in Bombay (Mumbai) produzierten Mainstream-Kinofilme verstanden und weitere große Produktionsstandorte wie Madras und Kalkutta außer Acht gelassen. Mein Schwerpunkt liegt auf der Rezeption dieser Filme innerhalb des indischen Subkontinents. Kino gehört in Indien zum Alltag. Geleitet und organisiert wird das normative System des Alltags von vielen spezifischen Benimmregeln, die auf der Kinoleinwand abgebildet, aber auch neu definiert werden können. Ein erster Reflexionsschritt wird daher die Untersuchung des Films „Kabhi Khushi Kabhie Gham“ (abgekürzt im Folgenden mit „K3G“) sein, der nicht - zuletzt auf Grund seines Erfolgs im deutschen Fernsehen - geeignet zu sein scheint und mit durchweg indischer Starbesetzung zum Kassenschlager in Indien wurde1. Mein Hauptaugenmerk liegt auf den festgeschriebenen Verhaltensregeln (z.B. in den „Gesetzen des Manu“) gegenüber Frauen innerhalb familiärer Strukturen, um den weiten Themenkreis einzugrenzen. Eine Fragestellung in Bezug auf diesen Film ist auf rezeptionsästhetischer Ebene angesiedelt: Wie wird Benimm dramaturgisch und szenisch umgesetzt und auf welche Weise brechen diese filmischen Darstellungen eventuell traditionelle Manierencodizes, zumindest auf der Projektionsfläche im Kinosaal? Sind Bollywood und seine kathartischen Wirkungen das, was Indien zusammenhält bzw. kann Bollywood als ein Identität stiftendes Element betrachtet werden?

Im dritten Teil meiner Arbeit beschäftige ich mich sodann auf theoretischer Ebene mit der kulturspezifischen Vermarktung indischer Filme in Deutschland und ihrem wachsenden Erfolg. Den Abschluss bildet ein cineastischer Ausblick auf die globalen Auswirkungen von Import, Export und Re-Import visueller Unterhaltungsware à la Bollywood im weiten Feld der Manieren und des interkulturellen Benimms.Die „indische Gesellschaft“ als ein fest definiertes Ganzes zu betrachten und zu bewerten ist ein absurdes Unterfangen. Viel eher muss der Betrachter der formal gesehen „größten Demokratie der Welt“ im historischen Kontext von vielen verschiedenen Kulturen und Gesellschaften ausgehen, die auf dem Subkontinent koexistieren. Gezielte Fragestellungen bezüglich eines Themenbereichs sind notwendig, um ein bestimmtes Phänomen interpretieren zu können. Nach Angaben des „Census of India“ des Jahres 2001 (www.cenusuofindia.net) lebten 1,027 Milliarden Menschen in diesem Jahr in Indien. Die Vielfalt der Religionen und Sprachen, aber auch die vielen diversen regionalen Bräuche und Sitten lassen diesen säkularen Staat als ein riesiges Puzzlespiel erscheinen. Circa 80 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, circa 10 Prozent gehören dem islamischen Glauben an. Das „indische Kastensystem“, wenn man dieses soziale Gefüge denn so nennen möchte, wurde mit der Gründung des Staates 1947 offiziell abgeschafft. Dennoch spielt die Inund Exklusion über die Kastenzugehörigkeit nach wie vor eine ausschlaggebende Rolle in der alltäglichen Interaktion im öffentlichen und privaten Raum. Die private Sphäre wird zum Beispiel geprägt durch Regeln der Essensaufnahme, der Heiratsmöglichkeiten und Respektzuweisungen innerhalb des familiären Kontextes.

Das religiöse Leben der in Indien beheimateten Hindus bewegt sich vor allem im Kreis der Familie und der eigenen Kaste. Religion ist in Indien nicht reine Privatangelegenheit, sondern ein wesentliches Moment im öffentlichen Leben. So ist die Religion auch im indischen Populärkino aus Bollywood eines der zentralen Elemente für die Entwicklung und Ausarbeitung der dargestellten Inhalte. Im Hinduismus existiert keine globale Institution wie z.B. die christliche Kirche. Der Hinduismus ist viel eher ein Sammelbegriff vieler unterschiedlicher Glaubensvorstellungen. Zentraler Inhalt ist jedoch der Glaube an den Dharma. Der Begriff des Dharma kann nach Uhl (Uhl und Kumar 2004, 135) als „universelles Gesetz, das sich auf die Moral, die Rituale und das soziale Leben bezieht“, gesehen werden. Auch ein zentrales Werk der schriftlichen Manifestation des Glaubens ist im Hinduismus nicht vorhanden. Viele religiöse Schriften dienen der Aushandlungreligiöser Identität: In Verbindung mit meinem Arbeitstitel sind z.B. das Mahabharata und das Ramayana, in denen „die idealen Regeln des Verhaltens“ (Uhl und Kumar 2004, 136) geschrieben stehen, wichtig für die Gestaltung des Alltags eines Hindus.

An späterer Stelle (Sequenzanalyse „K3G“) möchte ich die Stellung der Frau in Bezug zu den „Gesetzen des Manu“ setzen und darstellen, dass der Bruch mit tradierten Verhaltensmustern zwischen Mann und Frau publikumswirksam mit Hilfe des indischen Starsystems nicht nur im Arthouse Film, sondern auch im Pop-Film inszeniert wird. Die Emanzipation der Frau ist nur eines der gesellschaftlich relevanten Themen, die im Konfliktfeld zwischen Tradition und Moderne diskutiert werden und Eingang in das Medium Film finden. Individuelle und kollektive Interessen (wie z.B. die Interessen der Familie) stehen in einem stetigen Spannungsverhältnis. Dabei wird immer wieder das Verhältnis zwischen diversen Bevölkerungsgruppen aufgegriffen, sei es das Verhältnis zwischen einzelnen Kasten oder der Konflikt zwischen Indien und Pakistan, der seit der Unabhängigkeit der beiden Staaten ein häufig wiederkehrendes Filmthema ist und zu nationalistischen Ausschweifungen und radikalem Patriotismus führen kann (vgl. „The Hero“, Regie: Anil Sharma, 2003)2.

Wie bereits in der Einleitung erwähnt gehört das Kino zum indischen Alltag. Sowohl in den Millionenstädten Bombay, Bangalore, Kalkutta, Madras oder Delhi als auch in ländlicheren Regionen gelten Filme als sinnstiftende Momente im Alltag. Kino wird nicht als „rein rezeptiver Medienkonsum“ erlebt, sondern als „Mitmacherlebnis“3 (Uhl und Kumar 2004, 14) verstanden. ...Das Kinoritual Filmstars wie Shahrukh Khan oder Amitabh Bachchan werden wie Halbgötter verehrt. So wurde Shahrukh Khan ein Tempel geweiht4, in dem die „Jünger“ des Schauspielers ihren Star verehren können. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang der Ursprung des indischen Populärkinos: Alexowitz (2003, 36f.)

[...]


1 Der Fernsehsender RTL 2 beispielsweise erreicht mit 1,93 Millionen Zuschauern einen Marktanteil von 12,2 Prozent während der Erstausstrahlung von "Kabhi Khushi Kabhie Gham" im November 2004 . http://www.indien-netzwerk.de/navigation/ unterhaltung/artikel/bollywoodfilm-kalhonaaho/ nachbericht_kalhonaaho.htm, 26.06.2005.

2 Eine Rezension findet sich unter http://molodezhnaja.ch/india_h.htm#hero, 11.09.2005

3 Die Zahlen der Kinobesucher divergieren zwar, dennoch ist ein Wert von circa zehn Millionen Besuchern täglich in indischen Kinos im Durchschnitt anzunehmen (circa ein Prozent der Gesamtbevölkerung Indiens). Vgl hierzu Uhl und Kumar 2004, 15.

4 Information stammt aus dem Spiegel-Artikel „Der Kitschkönig und seine Prinzessinnen“ von Silja Schriever http://www.spiegel.de/kultur/kino/0,1518,360892,00.html (29.08.2005)


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