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Zivilisatorischer Fortschritt ins Grenzenlose?
Gen-ethische Grenzfragen von heute und Albert Schweitzers Konfliktethik1
von
Gottfried Schüz
Inhalt
I. Einleitende Bemerkungen 3
II. Was geschieht in der modernen „Gentechnik“? 5
1. Zur humanbiologischen Problematik: PND, PID, Stammzellen und mehr
1.1 PND und PID 6
1.2 Stammzellen und therapeutisches Klonen
2. „Grüne Gentechnik“ in der Landwirtschaft: Resistenzbildung, Patent auf Leben u.a. 11
III. Schweitzers Konfliktethik angesichts gentechnologischer Entwicklungen 16
I. Einleitende Bemerkungen
Vor genau 50 Jahren (1953) haben Watson und Crick die Struktur der sog. DNA-Doppelspirale entdeckt. Damit war erstmals bewiesen, dass die Erbanlagen für jedes Lebewesen und auch für den Menschen in einer bestimmten molekularen Struktur chemisch festgelegt sind. Das Faszinierende und Revolutionierende dieser Entdeckung ist die Erkenntnis, dass die DNA und damit die Gene als Träger der Erbinformation bei allen Lebewesen vom Bakterium bis zum Menschen aus lediglich 20 variablen chemischen Baueinheiten, den sog. Aminosäuren, bestehen, die nahezu unendliche Kombinationsmöglichkeiten für den Aufbau des Organismus bieten. Die beiden DNA-Stränge ergänzen sich wie Schlüssel und Schloss, d.h. bei der Zellteilung geht von jedem Chromosom je ein DNA-Strang in die Tochterzellen ein, der die komplette Information enthält für die Replikation der jeweils fehlenden Hälfte. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die Erbinformation von der befruchteten Eizelle im Laufe der nachfolgenden Abermillionen von Zellteilungen bis zum ausgewachsenen Individuum in alle Körperzellen lückenlos weitergegeben wird. Damit war also ein biologisches System entdeckt, das seit ca. 2 Milliarden Jahren in allen Lebewesen identisch funktioniert.2
Darüber hinaus ist es Anfang dieses Jahres erstmals gelungen, das menschliche Genom komplett zu entschlüsseln. Demnach sind auf 46 Chromosomen etwa 30.000 Gene lokalisiert, die ca. 1 Million verschiedene Proteine herstellen. Die Euphorie über dadurch sich eröffnende unbegrenzte Möglichkeiten, regulierend in die menschliche Keimbahn einzugreifen, ist groß. Allerdings ist damit nichts gesagt über die Funktionen und das Zusammenspiel der Gene im Entwicklungsprozess. Diese sind nach wie vor ein Buch mit sieben Siegeln. Man könnte die Situation vergleichen mit einem Computer, der zwar den Text des Neuen Testaments vollständig „einlesen“ kann, aber nicht weiß, ob er ihn unter dem Ordner „Badekuren“ oder dem Unterverzeichnis „Fischereiwirtschaft“ abspeichern soll.
Albert Schweitzer hat sich zur Entdeckung der DNA-Doppelhelix, soweit ich weiß, nicht geäußert. Er hätte sie zunächst als eine wunderbare naturwissenschaftliche Bestätigung seiner mystischen Grunderfahrung der universalen Zusammengehörigkeit und Allverbundenheit der Schöpfung rundum nur begrüßen
können. Was danach noch zu seinen Lebzeiten am Zukunftshorizont biologischtechnischer Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, heraufzog – für die einen verheißungsvoll, für die anderen gefährlich drohend – dazu hätte sich Schweitzer als Arzt und Ethiker sicher maßgeblich zu Wort gemeldet.
Was ihn in seinem letzten Lebensjahrzehnt hauptsächlich beschäftigte, war ein ganz anderes seinerzeit sehr viel dringenderes Kernproblem – nicht des Zellkerns mit seiner DNA, sondern des Atomkerns, des nuklearen Wettrüstens zwischen Ost und West und die daraus erwachsende Bedrohung der ganzen Menschheit. Darum setzte er sich zusammen mit anderen maßgeblichen Wissenschaftlern wie Albert Einstein, Otto Hahn und Linus Pauling mit Erfolg für die Beendigung der Atomwaffenversuche und für eine weltumspannende Friedenspolitik ein.3
Auch wenn er sich – wie gesagt – nicht zu der immer lauter tickenden biologischen Zeitbombe geäußert hat, so doch zu einer sehr viel grundsätzlicheren Frage, nämlich welchen Stellenwert das menschliche Streben nach wissenschaftlich- technischem Fortschritt als kulturgestaltende Kraft haben kann und haben darf. Diese Grundsatzfrage und sich daraus ergebende Antworten stehen im unmittelbaren Zusammenhang mit seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben und seiner Vision eines erneuerten „geistigen und ethischen Menschentums“ 4.
Angesichts der Entwicklungen auf dem Gebiet der Gentechnologie werden für die einen große Zukunftshoffnungen wach, für die anderen massive Ängste. Für die einen ist es eine große Chance, das böse Zufallsspiel, das die blinde Natur mit den Genen treibt, durch Korrektur der Erbinformation zu kultivieren und in heilsame Bahnen zu lenken. Andere sehen die Gefahr, dass der Mensch der totalen Machbarkeit und Steuerbarkeit unterworfen wird und dadurch seine eigentliche Menschlichkeit einbüßt.
Was Schweitzer unternahm angesichts der Atomwaffenbedrohung kann auch in dieser Kernfrage für uns richtungsweisend sein: Zunächst einmal hat er sich eingehend über die Faktenlage informiert, ja regelrecht Atomphysik studiert, um die Diskussion auf eine sachliche, wissenschaftlich gesicherte Grundlage zu stellen. Sodann ging es ihm darum Öffentlichkeit zu schaffen. Möglichst viele Menschen sollen am kritisch geführten Diskurs teilhaben und ethisch abwägend Stellung beziehen.
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1 Vortrag, gehalten am 12.11.2003 in der Ev. Christuskirchengemeinde Mainz.
2 Vgl. Gassen, Hans G.: Gentechnik in der Landwirtschaft und Lebensmittelerzeugung – Möglichkeiten und Risiken. In: Dunkelberg, Hartmut: Lebensmittel durch Gentechnik? Frankfurt/M. 1999, S. 47; Taylor, Gordon Rattray: Die biologische Zeitbombe. Revolution der modernen Biologie. Frankfurt/M. 1969, S. 208ff.
3 Vgl. Schweitzer, Albert: Menschlichkeit und Friede. Kleine philosophisch-ethische Texte, hrsg. v. Gerhard Fischer, Berlin 1991, S. 160ff.
4 Schweitzer, Albert: Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III. Erster und zweiter Teil, hrsg. v. Claus Günzler u. Johann Zürcher. München 1999, S. 339.
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