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Essay, 2004, 8 Pages
Author: M. A. Eric Horster
Subject: Speech Science / Linguistics
Details
Institution/College: University of Lüneburg (Sprache und Kommunikation)
Tags: Beobachter, Rocko, Schamoni, Popliteratur, Gegenwart
Year: 2004
Pages: 8
Grade: 1,3
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-51592-4
File size: 143 KB
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Excerpt (computer-generated)
Der andere Beobachter - Rocko Schamoni
von: Eric Horster
Da sitzt einer, lehnt sich entspannt im Bühnensessel zurück und zieht genüsslich an seiner Zigarette. Noch bevor er jedoch ausatmen kann, unterbricht er sich selbst in seiner Gelassenheit. Der Kopf blickt erst nach links, dann nach rechts, bis die Augen das erblicken, was sie gesucht haben. Schnell spült er den inhalierten Rauch mit einen Schluck aus der soeben entdeckten Bierflasche herunter. Es geht weiter. Rocko Schamoni liest aus seinem neuen Buch: „Risiko des Ruhms“ oder besser, er versucht daraus zu lesen. Immer wieder hält er inne um zu entziffern, was da geschrieben steht. Es macht den Anschein als würde er seine eigenen Geschichten gar nicht kennen. Und doch: Er findet sie unsagbar komisch und lacht fast mehr als das ihm aufmerksam lauschende Publikum. Der Zuschauer weiß in diesem Augenblick nicht genau, ob das, was er da vorträgt, tatsächlich in seinem Buch steht, oder ob er sich alles in diesem Moment zusammengereimt hat.
Spontan oder abgelesen, unterhaltsam ist es allemal. Vielleicht auch gerade wegen diesem, wie zufällig wirkenden Spannungsfeld aus Seriosität und Naivität. Angesteckt durch die Leichtigkeit seines Vortrags und die Unbekümmertheit seiner Art, kann man sich plötzlich mit ihm über den dargebotenen Schwachsinn amüsieren. Der Inhalt reicht von unzusammenhängenden Phrasen bis hin zu philosophisch angehauchten Floskeln. Aber immer wieder sind diese gebrochen. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, ihm in allem, was er von sich gibt zu folgen, und dies dann in ein stimmiges Gesamtbild einzufügen. Zu schnell wechselt er Thematik, Stimmung und Auftreten.
Dieses rastlos wirkende Wesen Schamonis, kombiniert mit seiner Biographie, ließe nun alle Pseudopsychologen aufjubeln. Dem menschenkundlichen Betrachter fiele sofort auf, dass er mit italienischem Vater und luxemburgischer Mutter, stets auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Unwissend wohin er eigentlich gehört, findet er immer wieder Dinge, die zu ihm passen und dann aber doch nicht das sind, was er eigentlich sucht. Natürlich kann er seinen Platz in dieser Gesellschaft nicht finden. Ist er doch weder Deutscher, Luxemburger, noch Italiener. Als Ausdrucksweise dieser Problematik dient ihm die Kunst. Ganz im Stile seiner Eltern: Der Vater Regisseur und die Mutter Harfenistin. Zu seinem ruhelosen Streben passt dann auch die in seinem Buch nachgezeichnete Vaterfigur, zu der er gottähnlich aufzuschauen scheint. Auch der obligatorische Protest gegen sein Elternhaus blieb nicht aus. Als „einer der ersten Punks“ in seiner Heimatstadt Lütjenburg bezeichnet er sich selbst und bedient damit auch das letzte Klischee, das der stereotype Analytiker für seine Untersuchung braucht. Doch schon bald konnte Schamoni die Grundsätze dieser Bewegung nicht mit sich selbst vereinbaren. Auf einer Tournee mit den Toten Hosen und den Goldenen Zitronen trennte er sich dann eindeutig von deren Reglementierungen und spielte stattdessen lieber Schlagerlieder. Dass er mit: „Tränen tun so weh“ oder „Johnny ritt in die Ferne“ bei den Punks Unverständnis bis Aggression auslöste, verwundert wenig. Ein klassisches Missverständnis, das damit endete, dass er von den Fans mit Tomaten und Eiern beschmissen wurde. Seine Freundschaft zu den Bands beeinträchtigte diese unkonventionelle Art der Provokation allerdings nicht. Bis heute steht er mit einigen der Musiker, insbesondere mit Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, in engem Kontakt. Gründete gar den „Klub der Gemeinen“, der dazu verpflichtet, jeden Tag etwas gemeines zu tun. Den Mitgliedsausweis zu diesem Klub trägt Campino angeblich bis heute bei sich. Rocko selbst beschränkte sich übrigens nie nur auf eine Ausdrucksweise, ist Musiker, Literat, Entertainer und Schauspieler in einem. Der Einfachheit halber könnte man ihn nun in eine Schublade mit Wigald Boning und anderen Hofnarren des deutschen Klamauk stecken. Wer nun allerdings glaubt, ihn derart einfach durchschauen zu können, irrt.
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