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Markt der Visionen oder Illusionen - Der Arbeitsmarkt im Hinblick auf die Berufswahl von Jugendlichen heute

Autor: Carola Nierendorf
Fach: Soziologie - Arbeit, Beruf, Ausbildung, Organisation

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Details

Institution/Hochschule: FernUniversität Hagen
Tags: Arbeitsmarkt; Jugendliche
Kategorie: Magisterarbeit
Jahr: 2002
Seiten: 90
Note: 2,6
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 271 KB
Archivnummer: V5723
ISBN (E-Book): 978-3-638-13520-7
ISBN (Buch): 978-3-638-90128-4

Zusammenfassung / Abstract

Im Mittelpunkt dieses Buches steht die Beurteilung des Arbeitsmarktes, seiner Chancen, Möglichkeiten und Konsequenzen für die Lebensplanung von Jugendlichen heute. Diese Auseinandersetzung ist von zwei Komponenten geprägt: Einmal geht es natürlich um die Realisierbarkeit des gewünschten Berufes für den Einzelnen, zweitens aber auch um die Identitätsfindung, die im Zusammenhang mit diesem Entscheidungsprozess erforderlich wird. Die Interdependenz von Berufswahl und Identitätsfindung lässt sich nicht auflösen, wird aber wenig beachtet. Es ist augenfällig, dass es in der vielfältigen Literatur zu den Entwicklungen in der Arbeitswelt kaum Untersuchungen gibt, die andere als die ökonomischen, arbeitsmarktpolitischen und sozialen Konsequenzen für den Einzelnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen. Dabei ist die Beantwortung der Frage, wie die veränderten Bedingungen und Aussichten des Arbeitsmarktes die Einstellung der Erwerbstätigen beeinflussen, welche Reaktionen sie provozieren und – besonders - welche mentalen Anpassungen erforderlich sind, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen, aus soziokultureller Sicht sicherlich ebenso interessant. Daher werden sich die vorliegende Ausführungen vorrangig mit ebendiesen Fragen auseinandersetzen. Zum Verständnis der Arbeitsmarktlage wird sich Teil I mit den theoretischen Grundannahmen, Thesen und Erkenntnissen zum Wandel der Arbeit beschäftigen, um die Basis für eine Auseinandersetzung mit diesen zu schaffen. Aufgrund des zusammengestellten Kriterienkatalogs kann dann in Teil II eine Begründung erfolgen, warum die Vorstellungen der Jugendlichen als Vision oder eher als Illusion zu qualifizieren sind. Im Ergebnis soll also nicht lediglich ein Zustandsbericht des Arbeitsmarktes abgeben, sondern die Situation in einem größeren Rahmen gesehen werden. Dabei wird versucht, a) unseren heutigen Arbeitsbegriff unter Zuhilfenahme seiner historischen Herleitung neu zur Diskussion zu stellen, b) ihn mit den aktuellen Vorstellungen von Jugendlichen abzugleichen, und c) daraus Rückschlüsse für das Bildungs- und Gemeinwesen zu ziehen. Als theorieleitende These dient eine Aussage Jeremy Rifkins: „Seit dem Beginn der Moderne bemisst sich der Wert eines Menschen am Marktwert seiner Arbeitskraft. Jetzt, da diese Ware in einer automatisierten Welt zunehmend überflüssig wird, müssen wir den Menschen in seinem Verhältnis zur Gesellschaft neu definieren.“ (Rifkin 1997)

Textauszug (computergeneriert)

Markt der Visionen oder Illusionen -
Der Arbeitsmarkt im Hinblick auf Jugendliche heute

Magisterarbeit in Soziologie

(Teilbereich Arbeitssoziologie)

an der FernUniversität Hagen

vorgelegt von

Carola Nierendorf

Schlossborn, Februar 2002

INHALTSVERZEICHNIS

Einleitung ... 2

Teil I: Theoretische Grundannahmen/Thesen zum 
Wandel der Arbeit ... 3

1. Der Arbeitsbegriff im historischen Wandel ... 3
   
1.1. Antike: Arbeit als Gegenwelt zur Gesellschaft ... 3
    1.2. Mittelalter und Bürgerzeit: Arbeitsgesellschaft als 
    Ordnungsgesellschaft ... 4
    1.3. Reformation: Entwicklung der neuzeitlichen Arbeitsethik ... 6
    1.4. Moderne und Industriezeitalter: Die Arbeitsgesellschaft 
    polarisiert Produktion und Reproduktion... 6
    1.5. Von der Industrie zu Dienstleistungen, Information und 
    Kommunikation ... 8
    1.6. Zusammenfassung ... 10

2. Aspekte von "Arbeit" in der Gegenwart ... 11
   
2.1. Bedeutung der Erwerbsarbeit als Existenzsicherung ... 11
    2.2. Identitäts- und Sinnstiftung durch Arbeit ... 12
    2.3. Arbeit als wert-volle, als Status bestimmende Tätigkeit ... 14
    2.4. Arbeitszeit in der Unterscheidung zu Freizeit ... 16

3. Neue Anforderungen an die Arbeitswelt zu Beginn des 
21. Jahrhunderts ... 18
   
3.1. Gesellschaft ... 18
    3.2. Wirtschaft ... 21
    3.3. Unternehmen ... 23
    3.4. Arbeitnehmer ... 27

4. Zukunftsprognosen ... 32
   
4.1. Arbeitszeitmodelle in der Postmoderne ... 32
    4.2. Alternativen zur Erwerbsarbeit ... 36
    4.3. Exkurs: Der Nonprofit-Bereich als "Dritter Sektor" ... 40

5. Zwischenergebnis ... 41

Teil II: Beobachtungen aus der Lebens- und Arbeitswelt ... 43

6. Berufswahl in der Praxis ... 44
   
6.1. Grundlegende Überlegungen zur Sozialisation für und 
    durch den Beruf ... 44
    6.2. Zur Ausbildung von Berufswahlkompetenzen in der 
    Primärsozialisation ... 46
    6.3. Beobachtungen aus der Berufswahlpraxis von Jugendlichen ... 49
    6.4. Erwartungen an die Berufsanfänger ... 55

7. Die Vorstellungen der Jugendlichen selbst ... 58
   
7.1. Generelle Beobachtungen zu den Sinnvorstellungen von 
    Jugendlichen ... 58
    7.2. Umfrage-Ergebnisse zu den Erwartungen von Jugendlichen ... 62
        7.2.1. Ansprüche an den Beruf ... 62
        7.2.2. Zukunftskonzepte/Lebenslauferwartungen ... 68
        7.2.3. Wertorientierungen ... 70

8. Gegenüberstellungen Umfrage-Ergebnisse - Thesen zum 
Wandel der Arbeit ... 74
   
8.1. Werden die in Teil I aufgestellten Thesen in der Praxis 
    berücksichtigt? ... 74
    8.2. In welchen Bereichen gibt es Korrektur- und Handlungsbedarf? ... 76
    8.3. Fazit ... 80

Literaturnachweis ... 85

Einleitung

Im Mittelpunkt dieser Betrachtungen steht die Frage nach der Beurteilung des Arbeitsmarktes, seiner Chancen, Möglichkeiten und schließlich auch Konsequenzen für die Lebensplanung von Jugendlichen heute, die sich aufgrund des bevorstehenden Schulabschlusses mit ihrer beruflichen Zukunft auseinandersetzen müssen. Diese Auseinandersetzung ist von zwei Komponenten geprägt: Einmal geht es natürlich um die Realisierbarkeit des gewünschten Berufes für den Einzelnen, zweitens aber auch um die Identitätsfindung, die im Zusammenhang mit diesem Entscheidungsprozess erforderlich wird. Denn die damit verbundene "Selbstreflexivität und Zukunftsorientierung führen zu einem Begründungszwang, dem sich der Jugendliche stellen muss. Dazu gehören neben der Übernahme einer Berufsrolle die Ausarbeitung einer Weltanschauung und die Wahl einer Lebensform."

Die Interdependenz von Berufswahl und Identitätsfindung lässt sich nicht auflösen, wird aber leider in der gegenwärtigen Diskussion viel zu wenig beachtet. Es ist augenfällig, dass in der vielfältigen Literatur zum Thema der neuen Entwicklungen in der Arbeitswelt fast ausschließlich die Konsequenzen für den Arbeitsmarkt, für die Unternehmen und die Wirtschaftslage untersucht und kommentiert werden, aber es wenig Untersuchungen gibt, die andere als die ökonomischen, arbeitsmarktpolitischen und sozialen Konsequenzen für den Einzelnen ins Zentrum der Aufmerksamkeit stellen. Dabei ist die Beantwortung der Frage, wie die veränderten Bedingungen und Aussichten des Arbeitsmarktes die Einstellung der Erwerbstätigen beeinflussen, welche Reaktionen sie provozieren und - besonders - welche mentalen Anpassungen erforderlich sind, um den aktuellen Herausforderungen zu begegnen, aus soziokultureller Sicht sicherlich ebenso interessant. Daher wird sich die vorliegende Arbeit vorrangig mit ebendiesen Fragen auseinandersetzen.

Zum Verständnis der heutigen Arbeitsmarktlage wird sich Teil I einleitend mit den theoretischen Grundannahmen, Thesen und Erkenntnissen zum Wandel der Arbeit beschäftigen, um im weiteren die Basis für eine Auseinandersetzung mit diesen zu schaffen. Aufgrund des in diesem Teil zusammengestellten Kriterienkatalogs kann dann in Teil II eine Begründung erfolgen, warum die dort zusammengefassten Vorstellungen der Jugendlichen als Vision oder eher als Illusion zu qualifizieren sind. Im Ergebnis gibt diese Arbeit also nicht lediglich einen Zustandsbericht des Arbeitsmarktes wieder, sondern stellt die Situation in einem größeren, ganzheitlichen Rahmen dar. Dabei wird versucht,


a) unseren heutigen Arbeitsbegriff unter Zuhilfenahme seiner historischen Herleitung neu zur Diskussion zu stellen,
b) ihn mit den aktuellen Vorstellungen von Jugendlichen abzugleichen, und
c) daraus Rückschlüsse für das Bildungs- und Gemeinwesen zu ziehen.

Als theorieleitende These habe ich die Aussage von Jeremy Rifkin übernommen, der er seinem Buch "Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft" voranstellt: "Seit dem Beginn der Moderne bemisst sich der Wert eines Menschen am Marktwert seiner Arbeitskraft. Jetzt, da diese Ware in einer automatisierten Welt zunehmend überflüssig wird, müssen wir den Menschen in seinem Verhältnis zur Gesellschaft neu definieren."

Teil I: Theoretische Grundannahmen/Thesen zum Wandel der Arbeit

1. Der Arbeitsbegriff im historischen Wandel

Um zu verstehen, dass der Arbeitsbegriff in seiner inhaltlichen Definition stark von der Gesellschaft geprägt ist, die ihn verwendet, sowie umgekehrt seine sozioökonomischen Folgen diese Gesellschaft wieder entscheidend beeinflusst , stelle ich der eigentlichen Fragestellung einen geschichtlichen Exkurs voran. Denn um sich auf neue Definitionen des Arbeitsbegriffes einlassen zu können (oder auch nur zu wollen), hilft das tiefere Verständnis der Interdependenz von Arbeits- und Gesellschaftsformen.

1.1. Antike: Arbeit als Gegenwelt zur Gesellschaft

In der griechischen Polis und im antiken Rom definierte sich Freiheit vornehmlich durch das Freisein von Arbeit. Arbeit gehörte nach Aristoteles zum Bereich des Notwendigen. Darin unterschied sich Arbeit vom praktischen Handeln, das über bloße Nützlichkeit hinausging. "Gesellschaft (...) wurde als Gegenwelt zur Arbeit definiert und durch die Kunst des öffentlichen Austausches, der Muße und des politischen Handelns ausgefüllt." Daher wurde von jedem, der nicht körperlich arbeiten musste, ein qualitativer Beitrag für das Gemeinleben in politischen Ämtern gefordert.

Der Arbeitsbegriff umfasste in der Antike nur die körperliche Arbeit; geistige Tätigkeit wurde als gesellschaftliches Privileg angesehen. Schwere körperliche Arbeiten wurden nur von Sklaven verrichtet, handwerkliche Arbeit vom Mittelstand; dagegen war der begüterten Schicht, den Philosophen und Staatsmännern die Muße als Privileg der Reichen vorbehalten. Sie definierte den Stand derer, die nicht für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten, sondern sich befreit von der Last des täglichen Broterwerbs anderen Dingen wie der Kontemplation, der Diskussion und Spielen widmen konnten. Muße bezeichnete das "tätige Nichtstun", also eine spezifische Form der schöpferischen Verwendung von freier Zeit. Sie galt als Möglichkeit und zugleich Bedingung der Selbstfindung und der Selbstverwirklichung.

Mit dem Arbeitsbegriff der Antike war also keine Wertschätzung verbunden, dem Arbeitenden war sogar im Gegenteil ein höherer gesellschaftlicher Rang verwehrt. "Schloss damals Arbeit die Menschen von der Gesellschaft aus, so ist Arbeit heute zum fast alternativlosen Wert- und Integrationskern moderner Gesellschaften geworden."

1.2. Mittelalter und Bürgerzeit: Arbeitsgesellschaft als Ordnungsgesellschaft

Im Mittelalter hatte sich der Arbeitsbegriff wesentlich verändert. Der Ausspruch des Thomas von Aquin: "Jeder Tätige vollendet sich in seinem Tätigsein" zeigt, dass ein bedeutsamer Wandel stattgefunden hatte: Der Mensch vollendet sich nicht mehr in seinen Mußezeiten, sondern in dem, was er schafft, sei es körperlich oder geistig. (Nebenbei sei hier bemerkt, dass der Begriff des "Tätigseins" auch heute wesentlich wertneutraler ist als der Begriff der "Arbeit", dem, geprägt von der biblischen Herleitung des "im Schweiße deines Angesichts", immer ein negativer Beigeschmack von Mühsal anhaftet.)

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