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"Wenn nur die Last vom Rücken genommen ist" - Zu den Motiven "Vergessenheit" und "Hoffnung" in Walter Benjamins Kafka-Essay

Scholary Paper (Seminar), 2006, 16 Pages
Author: Roman Kuhn
Subject: German Studies - Comparative Literature

Details

Event: Proseminar: Franz Kafka - Vergleichende Lektüren
Institution/College: Free University of Berlin (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Tags: Vergessenheit, Hoffnung, Kafka, Walter Benjamin
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2006
Pages: 16
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 26  Entries
Language: German
Archive No.: V57352
ISBN (E-book): 978-3-638-51844-4

File size: 100 KB


Excerpt (computer-generated)

Freie Universität Berlin
Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Proseminar: Franz Kafka - Vergleichende Lektüren

„Wenn nur die Last vom Rücken genommen ist.“
Zu den Motiven „Vergessen(heit)“ und „Hoffnung“
in Walter Benjamins Kafka-Essay

eingereicht von:
Roman Kuhn
Fachsemester: 1

Wintersemester 2005/2006

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Vergessen und Vorwelt
1. Die Vorwelt als Vergessenheit
2. „Vergiß das Beste nicht!“…
3. Die Form der Dinge in der Vergessenheit: Entstellung

III. Eine „kleine widersinnige Hoffnung“
1. Die Angeklagten
2. Gehilfen, Narren und Studenten

IV. Das Dunkel ausbreiten…

Literaturverzeichnis

 

I. Einleitung

Benjamin selbst bringt auf den Begriff, wonach er in seinem Essay Franz Kafka: Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages von 1934 auf der Suche ist: Kafkas „Rätselfrage“ (II/2, 410). Er ist das im strengsten Sinne: Nicht auf der Suche nach Antworten, sondern auf der Suche noch nach der Frage, die darüber hinaus eher die Form eines Rätsels annimmt. Er ist sich wohl bewusst, dass Kafka „alle erdenklichen Vorkehrungen gegen die Auslegung seiner Texte getroffen“ (II/2, 422) hat, und so ist sein Essay viel eher der Versuch, „in ihrem Inneren sich vorwärts[zu]tasten“ (ebd.) denn eine „Interpretation“, weil er sich bewusst ist, dass „eine unmittelbare ‚Übersetzung’ der Kafkaschen Bilder in die Begrifflichkeiten bestehender philosophischer, psychologischer, soziologischer oder theologischer Denksysteme nicht möglich sein würde […].“1 Benjamin bewegt sich in „Kafkas Welt“ (II/2, 410), in die er sowohl Kafkas Texte als auch das Leben des Dichters einbezieht, beschaut die Gesten und Figuren der Texte, verbindet die Eindrücke seiner Kafka-Lektüre mit eigenen, vorher verfassten Texten. Eben darum ist Benjamins Essay „in einem ganz basal anzusetzenden Sinne ‚schwierig’“2. Es ist es darüber hinaus, weil Benjamin Adornos Forderungen an den Essayisten beinahe mustergültig entspricht: „Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe […].“3

Das Spannungsfeld, in dem sich der Kafka-Essay bewegt, ist eines, das Benjamins Denken allgemein beherrscht und sich in den Personen, mit denen er Kontakt pflegt, widerspiegelt: Das Verhältnis von „historischem Materialismus“ einerseits und „Theologie“ andererseits. In der ersten These Über den Begriff der Geschichte entwirft er ein Bild, in dem die beiden Theorien zusammenzudenken seien. (I/2, 693) Über den Kafka-Essay selbst legt er ein „Dossier von fremden Einreden und eigenen Reflexionen“ (BüK, 83) an, in dem sich die gegensätzlichen Stimmen Adornos, Brechts und Scholems wiederfinden dürften. Hans Mayers These, in der Auseinandersetzung um Benjamins Kafka-Auslegung entfalte sich eine „stellvertretende Auseinandersetzung in der deutschen Exilierten-Literatur“4 ist sicher keine Übertreibung.Benjamin selbst war sich der Schwierigkeit und Unsicherheit seines Vorhabens bewusst: Ob ich den Bogen jemals so werde spannen können, daß der Pfeil abschnellt, ist natürlich dahingestellt. […] Warum, das deutet das Bild vom Bogen an: hier habe ich es mit zwei Enden zugleich zu tun, nämlich dem politischen und dem mystischen. (BüK, 82f.)

Die spezifische Form, wie Benjamin sich durch Kafkas Werk bewegt, seine Form des Essays und vor allem die Lage Benjamins zwischen den Lagern der „Politik“ und der „Mystik“, die „zwiefache Gretchenfrage“5 an Benjamin also, müssen bei einer näheren Beschäftigung mit seinem Kafka- Essay mitgedacht werden. Hier können sie nur als einleitende Gedanken und kleine Ergänzungen berücksichtigt werden. Dazu zwingt zum einen der eng gesteckte Rahmen dieser Arbeit, zum anderen soll es hier in erster Linie um zwei zentrale Motive des Essays gehen: „Vergessen(heit)“ und „Hoffnung“. Die Formen, die sie in Benjamins Kafka annehmen, sollen zu klären versucht werden, und darüber hinaus sollen immer wieder Bezüge zu den von Benjamin zitierten und weiteren Stellen in Kafkas Werk hergestellt werden.

II. Vergessen und Vorwelt

Nachdem Theodor W. Adorno Benjamin in einem Brief zum Kafka-Essay darauf hingewiesen hat, wie wichtig ihm das Motiv des Vergessens im Zusammenhang mit Kafka erscheint, dass es aber „eindeutiger und härter artikuliert werden könnte“ (II/2, 1178), notiert Benjamin in seinen Aufzeichnungen zur Revision des Essays: „Das Verhältnis von Vergessen und Erinnern ist in der Tat – wie Wiesengrund sagt – zentral und bedarf der Behandlung.“ (II/2, 1255) In dieser Arbeit soll zunächst versucht werden, die Kategorie des Vergessens, beziehungsweise ihr Korrelat, die Vergessenheit, näher zu bestimmen, da sie im Essay in der Tat nicht „eindeutig“ artikuliert sind. Die Unterscheidung in „Vergessen“, „Vergessenheit“ und das „Vergessene“ ist keine, die sich im Essay nicht schon darbietet. Benjamin verwendet alle drei Formen, wobei insbesondere Vergessenheit und das Vergessene nicht immer trennscharf voneinander zu scheiden sind. Auffällig ist die enge Verbindung, die die Rede von der „Vergessenheit“ mit einer anderen zentralen Bestimmung des Essays, der „Vorwelt“, eingeht, weshalb sie hier auch zusammen untersucht werden sollen. Mit dem Vergessen geht wiederum die „Entstellung“ einher, die Benjamin bei einer Reihe kafkascher Figuren ausmacht – eine motivische Verknüpfung, der hier ebenfalls nachgegangen werden soll.

[...]


1 Bernd Müller: „Denn es ist noch nichts geschehen“. Walter Benjamins Kafka-Deutung. Köln, Weimar, Wien 1996: Böhlau. S. 4

2 Sven Kramer: Rätselfragen und wolkige Stellen: Zu Benjamins Kafka-Essay. Lüneburg 1991: zu Klampen. S. 7

3 Theodor W. Adorno: Der Essay als Form. In: ders.: Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwirkung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a.M. 1986: Suhrkamp. Bd. 11. S. 10

4 Hans Mayer: Walter Benjamin und Franz Kafka. Bericht über eine Konstellation. In: Literatur und Kritik 14,1979. S. 580

5 Irving Wohlfarth: Märchen für Dialektiker. Walter Benjamin und sein „bucklicht Männlein“. In: Doderer, Klaus [Hg.]: Walter Benjamin und die Kinderliteratur. Aspekte der Kinderkultur in den zwanziger Jahren. Weinheim und München 1988: Juventa. S. 121f.


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