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Über die theoretische Grundlegung einer Kultursoziologie

Scholary Paper (Seminar), 2000, 28 Pages
Author: Ingo Blaich
Subject: Sociology - Culture, Technology, Peoples / Nations

Details

Event: Seminar Cultural Studies
Institution/College: Dresden Technical University (Institut für Soziologie)
Tags: Kultur, Cultural Studies
Category: Scholary Paper (Seminar)
Year: 2000
Pages: 28
Grade: 1,3
Language: German
Archive No.: V5752
ISBN (E-book): 978-3-638-13539-9
ISBN (Book): 978-3-640-46302-2
File size: 223 KB

Abstract

Zur Bestimmung der Wissenschaft sagt Max Weber in „Wissenschaft als Beruf“: „Jeder von uns dagegen in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischem Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche »Erfüllung« bedeutet neue »Fragen« und will »überboten« werden und veralten.“ Im Jahr 1979 ergab genau das Gegenteil davon Anlaß zu einem Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpolitik, welches dem Neubeginn der Kultursoziologie gewidmet wurde. Wie noch zu sehen sein wird, handelt es sich dabei weniger um einen Beginn von etwas Neuem, als vielmehr um ein Wiederanknüpfen an die kultursoziologischen Traditionen der soziologischen Klassiker um Max Weber und Georg Simmel. Aber vielleicht steht und stand es um die Soziologie gar nicht so schlecht und man mag Weber anlasten, daß er zu selbstkritisch und pessimistisch mit seinen eigenen Leistungen und auch denen seiner Zeitgenossen umgegangen sei, als daß er ihnen dauerhaften Wert zugestanden wollte. Ganz brach lagen die kultursoziologischen Gedanken von Weber und Simmel während der Jahrzehnte auch nicht, zumindestens ersterer fand beispielsweise Einzug in die Kritische Theorie der Frankfurter Schule. Bevor ich näher zur Aktualität klassischer Theorieansätze kommen möchte, will ich den Rahmen skizzieren, den die Autoren des Sonderheftes für die neue Kultursoziologie aufspannten.


Excerpt (computer-generated)

Über die theoretische Grundlegung einer Kultursoziologie

von Ingo Blaich

INHALTSVERZEICHNIS

1. Zur Tradition der Kultursoziologie 3

1. 1. Einleitung 3
1. 2. Die kulturlose Nachkriegs-Soziologie 3
1. 3. Die Neuausrichtung der Kultursoziologie 4
1. 4. Der Kulturbegriff 7

2. Cultural Studies 9

2. 1. Die Theorie der Cultural Studies 9
2. 2. Der Kulturbegriff 12
2. 3. Das kritische Potential der Cultural Studies 13
2. 4. Cultural Studies und die neue Kultursoziologie 16

3. Ein metatheoretische Konzept 18

3. 1. Das Gesellschaftskonzept 19
3. 2. Die kulturkritische Perspektive 22

4. Abschluß 24

Literaturverzeichnis 25


1. Zur Tradition der Kultursoziologie

1. 1. Einleitung

Zur Bestimmung der Wissenschaft sagt Max Weber in "Wissenschaft als Beruf": "Jeder von uns dagegen in der Wissenschaft weiß, daß das, was er gearbeitet hat, in 10, 20, 50 Jahren veraltet ist. Das ist das Schicksal, ja: das ist der Sinn der Arbeit der Wissenschaft, dem sie, in ganz spezifischem Sinne gegenüber allen anderen Kulturelementen, für die es sonst noch gilt, unterworfen und hingegeben ist: jede wissenschaftliche "Erfüllung" bedeutet neue "Fragen" und will "überboten" werden und veralten."
Im Jahr 1979 ergab genau das Gegenteil davon Anlaß zu einem Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpolitik, welches dem Neubeginn der Kultursoziologie gewidmet wurde. Wie noch zu sehen sein wird, handelt es sich dabei weniger um einen Beginn von etwas Neuem, als vielmehr um ein Wiederanknüpfen an die kultursoziologischen Traditionen der soziologischen Klassiker um Max Weber und Georg Simmel. Aber vielleicht steht und stand es um die Soziologie gar nicht so schlecht und man mag Weber anlasten, daß er zu selbstkritisch und pessimistisch mit seinen eigenen Leistungen und auch denen seiner Zeitgenossen umgegangen sei, als daß er ihnen dauerhaften Wert zugestanden wollte.
Ganz brach lagen die kultursoziologischen Gedanken von Weber und Simmel während der Jahrzehnte auch nicht, zumindestens ersterer fand beispielsweise Einzug in die Kritische Theorie der Frankfurter Schule.
Bevor ich näher zur Aktualität klassischer Theorieansätze kommen möchte, will ich den Rahmen skizzieren, den die Autoren des Sonderheftes für die neue Kultursoziologie aufspannten.

1. 2. Die kulturlose Nachkriegs-Soziologie

Die Autoren nahmen Anstoß an der Tatsache das die Soziologie zur reinen Struktursoziologie geworden ist und damit den Überblick über den notwendigen Zusammenhang alles Sozialen verloren haben . Fußend auf dem enormen, alles andere niederwalzenden Einfluß des Strukturfunktionalismus kam es zur "Eliminierung all jener Tatsachen (...), die unter dem wohlverstandenen Begriff der Kultur zusammengefaßt werden." Kultur wurde hier allein zum "sozialen Kitt", dem Medium der sozialen Integration reduziert. Der Kurzschluß daran ist, daß Kultur nur als Komplex, als Konsens von Werten und Normen erfaßt wird, die durch die Sozialisation wie ein Staffelstab an die nächste Generation weitergegeben wird, und dadurch integrierend wirkt .
Nur kurz will ich die Ursachen anschneiden, die diesen Prozeß hervorriefen. Trotz aller Ähnlichkeiten zeigen die Kultur des wilhelminischen Kaiserreiches und des Nachkriegsdeutschland, wichtige Unterschiede in der Kulturbedeutung ihrer Elemente. So war es noch Religion, Moral und Sitte, Bildung und die Kunst, die die bürgerliche Kultur um die Jahrhundertwende bestimmten und an deren Differenzierung und Bedeutungsverlust, Weber die negativen Tendenzen der Moderne aufzeigte und Simmel die Dekadenz seiner Epoche erweisen wollte.
Das Nachkriegsdeutschland zeigte sich in aller erster Linie als Industriegesellschaft, in denen die Prozesse der Arbeitsorganisation und damit der Arbeitsteilung, also das große Thema der funktionalen und sozialen Differenzierung, für den sozialen Wandel und somit auch für die Soziologie bestimmend geworden . Bis in die 70er wurde diese Verengung kaum bemerkt, jedenfalls änderte sich nichts an der Ausrichtung der Mainstream-Soziologie. Das Aufbegehren deutscher Soziologen kurz vor dem Ende dieser Dekade kann als Ausdruck eines tiefgreifenden gesellschaftlichen und hier grundsätzlich kulturellen Wandels verstanden werden, der von England und Amerika in den 60er Jahren ausgehend bis in die siebziger Jahre auch die restliche Welt erfaßt hatte. Einzelheiten spielen hier keine weitere Rolle, den treffensten Ausdruck findet dieser soziale Wandel in Ronald Ingleharts Buch "The Silent Revolution" von 1977.

1. 3. Die Neuausrichtung der Kultursoziologie

Es liegt in der Sache, das Lipp und Tenbruck nicht sogleich mit einem vollständigen Forschungsprogramm einer neuen Kultursoziologie auftraten, sondern vielmehr erst einmal die Perspektiven bestimmen wollten, die eine solche Soziologie für ihren Gegenstand einnehmen mußte. Besonders wichtig dabei ist, daß sich die Kultursoziologie nicht in die lange Reihe der Bindestrich-Soziologien einreihen lassen soll, wo sie weiterhin in Unbeachtung ihrer Wege geht, sondern daß sie als kulturzentrierter Blick der allgemeinen Soziologie hinzugefügt wird. Denn ihr Gegenstand ist kein spezieller Ausschnitt des sozialen Lebens oder der Sozialität, die Kultursoziologie hat es mit der gesamten Gesellschaft als Kultur, als kulturell geformtes Gebilde zu tun . Kultur wird hier ganz deutlich auf der Metaebene erfaßt, sie liegt der Gesellschaft als ganzes in dem Sinne zugrunde, daß sie sich in der Struktur und Organisation der Gesellschaft, der Arbeits-, Produktions- und Lebensbedingungen ausdrückt. Dennoch kann man nicht unbedenklich sagen, daß sie noch jenseits der Gesamtgesellschaft liegt, denn genaugenommen ist dieses Erfassen und Beschreiben der grundlegenden Kultur einer Gesellschaft nichts anderes als die Selbstbeschreibung eben dieser Gesellschaft, insofern also die Kultur nichts unabhängiges und vorgängiges. Als solches gilt es hauptsächlich im Blick zu behalten, daß sich die Kultur allein durch ihre historische Entwicklung bestimmt, und damit ein hohes Maß an Kontingenz in sich trägt. So wird einer weitgehenden Naturalisierung und Anthropologisierung der Kultur- und Gesellschaftsverhältnisse vorgebeugt und der Blick für interkulturelle Unterschiede offen gehalten.

[...]


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