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Thesis (M.A.), 2001, 97 Pages
Author: Alexander Hirsch
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Tags: Rainald Goetz, Systemtheorie, Rezeption, Popkultur, Techno, Soziologie, Niklas Luhmann
Year: 2001
Pages: 97
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-13618-1
File size: 449 KB
Da es zur Rezeption der Systemtheorie im Werk von Rainald Goetz praktisch keine Sekundärliteratur gibt, ist diese Arbeit geradezu Pionierarbeit gewesen.
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Excerpt (computer-generated)
Abschlussarbeit
zur Erlangung des Magister Artium
im Fachbereich Neuere Philologien
der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt/Main
Thema:
Die Rezeption der Systemtheorie von Niklas Luhmann im Werk von Rainald Goetz
vorgelegt von: Alexander Hirsch
Einreichungsdatum: 12. Dezember 2001
INHALTSVERZEICHNIS
A. EINLEITUNG ... 3
B. HAUPTTEIL ... 9
I. ÜBERBLICK ÜBER DIE GRUNDGEDANKEN DER
SYSTEMTHEORIE VON NIKLAS LUHMANN ... 9
II. SYSTEMTHEORETISCHE GRUNDKONZEPTE UND IHRE
VERWENDUNG IM WERK VON RAINALD GOETZ ... 22
1. Systeme und ihre Umwelt ... 22
a. Ausdifferenzierung von Systemen ... 22
b. Beobachtung ... 32
c. Subjekte als Umwelt der Gesellschaft ... 45
2. Kommunikation ... 51
a. Doppelte Kontingenz ... 53
b. Kommunikationsmedien ... 57
a. Sprache ... 57
b. Verbreitungsmedien ... 59
c. Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien ... 65
3. Autopoiesis ... 69
a. Die Autopoiesis von Organismen und Bewusstsein ... 69
b. Die Autopoiesis sozialer Systeme ... 75
c. Die Funktion von Widersprüchen ... 78
a. Widersprüche als logische Unterbrechung der Autopoiesis ... 78
b. Widersprüche als transzendierendes Ereignis ... 83
C. SCHLUSS ... 87
D. LITERATURVERZEICHNIS ... 91
Luhmann hat in den damaligen sechziger Jahren mit mächtigen Schritten in zwölf grundlegenden Aufsätzen (Soziologische Aufklärung, Band1) die Maße der gewaltigen Pyramide seines Systems zunächst am Boden vermessen, den Grund anschließend derart betoniert (Sinn als Grundbegriff der Soziologie, 1971), dass er über den darin verankerten, ununterbrochen neu gigantische Bewegungsenergien produzierenden Kernreaktor des Ereignisbegriffs in der inzwischen fertig und auf den Kopf gestellten, zwölfpyramidal kugelig kristallin konstruierten harmonischen Konstruktion (Soziale Systeme, 1984) die Wirklichkeit der ganzen Welt in Gestalt der Theorie frei schwebend in Bewegung hält.
Manchmal erschrickt man beim Anblick einer Einzelheit dieser theoretischen Welt, die die Wahrheit von allem erhellt: der Bann der Schönheit dessen, was ist.
Rainald Goetz, 1988
A. Einleitung
Wer sich mit den Büchern von Rainald Goetz befasst, der stolpert zwangsläufig über den Namen Niklas Luhmann und es drängt sich irgendwann der Verdacht auf, dass die Luhmann-Lektüre etwas zum Verständnis der Werke von Rainald Goetz beitragen könnte. So nahm ich schließlich mal ein Werk des Bielefelder Soziologen in die Hand und stellte es sofort wieder in die Ecke. Grund dafür sind der eigenwillige Sprachstil und das hohe Abstraktionsniveau. Sätze wie der folgende sind nämlich in seinen systemtheoretischen Analysen keine Seltenheit:
Denn wenn man nicht sagen kann, dass man nicht meint, was man sagt, weil man dann nicht wissen kann, dass andere nicht wissen können, was gemeint ist, wenn man sagt, dass man nicht meint, was man sagt, kann man auch nicht sagen, dass man meint, was man sagt, weil dies dann entweder eine überflüssige und verdächtige Verdopplung ist oder die Negation einer ohnehin inkommunikablen Negation.
Erst jetzt unternehme ich im Rahmen der Magisterarbeit den Versuch, Luhmann zu verstehen und die Werke von Rainald Goetz im Licht der Luhmannschen Scheinwerfer zu sehen, die Rainald Goetz für seine Leser aufgestellt hat. Aus dem vorangegangenen Zitat kann zumindest schon mal Rainald Goetz′ Begeisterung für das Luhmannsche Theoriegebäude ersehen werden.
Die Rechtfertigung, nach Spuren der Systemtheorie von Niklas Luhmann im Werk von Rainald Goetz zu suchen, beziehe ich also zu aller erst aus den expliziten Verweisen auf Niklas Luhmann. Diese Verweise hat Rainald Goetz recht großzügig in sein Werk eingefügt. D.h. an bestimmten Stellen wird Niklas Luhmann als eine Quelle für das eigene literarische Schaffen genannt:
Ich glaube meine Ethik hat die Gestalt von Jeff Koons; die Logik würde die Malerei von Albert Oehlen haben. Die Gesamtarchitektur, also das Begehen der Luhmannschen Philosophie, kommt mir so vor wie der Frankfurter Museumsbau von Richard Meier.
Oder:
Ein besonderer Charme von Luhmanns Denken besteht darin, dass er immer zu jeder spinnösen Logelei-Spinnerei, gerade in den erkenntnistheoretischen Fragen, bereit ist.
Diese Stellen nehme ich als Signal, die soziologische Theorie von Niklas Luhmann in irgendeiner Form auffinden zu können. Hier stellt sich jedoch schon ein erstes Problem zur literaturwissenschaftlichen Methode der Textinterpretation. Allein die Behauptung des Autors, Niklas Luhmann rezipiert zu haben, bzw. das Auffinden des Namens im Text, sind noch keine Garanten dafür, dass diese Rezeption tatsächlich stattgefunden hat. Andererseits kann es auch sein, dass zum Beispiel philosophische Theorien in einem Werk auffindbar sind, ohne dass ein Autor das beabsichtigt hat. In beiden Fällen muss sich die Beurteilung der Situation an ihren Zielen orientieren. Man muss sich demnach die Frage stellen, ob man eine tatsächliche Lektüre und Verarbeitung im Werk des Autors nachweisen möchte, oder ob man sich primär an die Texte hält und mit dem Abgleich einen Erkenntnisgewinn erzielt, der über das bloße Feststellen der Tatsächlichkeit der Rezeption hinausgeht.
Wie ich schon habe anklingen lassen werde ich mich auf die Phänomene, d.h. auf die Texte stützen und den "Mehrwert" einer solchen Betrachtung immer im Auge behalten. Natürlich werden meine Untersuchungen auch Rückschlüsse auf den Umfang der Rezeption zulassen und in gewisser Weise eine Beweisführung sein, die Schlussfolgerungen sollen jedoch darüber hinausgehen.
Genau dieser von mir behauptete Mehrwert wirft jedoch eine weitere Frage auf, die ich in dieser Arbeit beantworten möchte. Die Frage, wie nämlich eine solche Rezeption konkret aussehen kann. Die Möglichkeiten sind vielfältig und nicht durch scharfe Grenzen zu unterscheiden. Sie reichen vom bloßen "name-dropping" oder ästhetisierender Verwendung über eine beschreibende Darstellung bis hin zu einer Umsetzung der Systemtheorie in Literatur; ich werde auf diesen Punkt an passender Stelle zurück kommen und differenziert die Dimensionen der Rezeption darstellen (siehe B.I Überblick über die Grundgedanken der Systemtheorie von Niklas Luhmann).
Andererseits ist zu vermuten, dass Rainald Goetz′ Werk nicht vollständig in der Systemtheorie aufgeht und man läuft Gefahr, in einer so stark ausgerichteten Analyse andere Perspektiven des Schreibens aus den Augen zu verlieren. Wie ich jedoch versuchen werde zu zeigen, ist bisher eher der umgekehrte Fall eingetreten, nämlich eine Betrachtungsweise, die ohne systemtheoretisches Marschgepäck und Wiedererkennungsraster eine ungenaue Zuordnung der Goetzschen Texte vorgenommen hat. Die Vielzahl der Buchkritiken und die vereinzelten Aufsätze zu den Werken von Rainald Goetz beschäftigen sich nur sehr oberflächlich mit diesem Thema, was wohl nicht zuletzt mit Unkenntnis der Luhmannschen Systemtheorie zusammenhängt. Umso spannender ist es, sich in dieser Arbeit daran zu versuchen. Ein genauer Abgleich der bisherigen Interpretationen im Vergleich zu einer Untersuchung, die primär die systemtheoretischen Implikationen berücksichtigt wäre in einem zweiten Anlauf zu untersuchen und wird hier also nur punktuell erfolgen. Die Anzahl der Sekundärtexte zu Rainald Goetz wird deswegen auch entsprechend klein ausfallen.
Wichtiger ist es, die soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann so weit verstanden zu haben, dass die Textstellen und Strukturen identifiziert werden können, die sich auf die Grundgedanken dieser Gesellschaftsbetrachtung beziehen. Hierfür habe ich mich in erster Linie in die Hauptwerke "Soziale Systeme" und "Die Gesellschaft der Gesellschaft" eingearbeitet. Interessant wäre noch, "Die Kunst der Gesellschaft" intensiv zu berücksichtigen, da hier vielfach Literatur als Teilsystem der Kunst behandelt wird. Da diese Arbeit, zumindest nach meiner Recherche, ein erster Versuch ist, die Systemtheorie systematisch im Werk von Rainald Goetz zu entdecken, muss ich mich hierbei primär auf die Überlegungen zur Ausdifferenzierung der Kunst beschränken, die in den Hauptwerken auftauchen und sozusagen "eine erste Schneise schlagen".
Wegen des umfangreichen Werks von Niklas Luhmann und den oben angedeuteten Verständnis-Hürden, werde ich mich auch auf Sekundärtexte zur Systemtheorie beziehen.
Drei der Hauptsäulen der Systemtheorie sind die Themenkomplexe System-Umwelt-Differenz, Kommunikation und Autopoiesis. Beim Aufspüren der Rezeption im Werk von Rainald Goetz habe ich die Reihenfolge der Begriffe im Hauptteil so gewählt, dass die unterschiedlichen Formen der Rezeption erkennbar werden. Wie diese Formen aussehen, werde ich dann im Schlussteil dieser Arbeit darstellen.
Da die zu erklärenden Begriffe jedoch stark miteinander verzahnt sind und von weiteren erklärungsbedürftigen Begriffen flankiert werden, ist eine trennende Darstellung strenggenommen unmöglich, was auch die Luhmann-Lektüre erheblich erschwert. Sie fordert vom Leser erhebliche Geduld, da viele Begriffe sich erst im nachhinein erhellen. Ich werde versuchen, dem Abhilfe zu schaffen, indem das Kapitel B.I, "Überblick über die Grundgedanken der Systemtheorie von Niklas Luhmann", schon eine Vielzahl der Begriffe einführt und ihren Zusammenhang andeutet. Im darauffolgenden Hauptteil, "B.II Systemtheoretische Grundkonzepte und ihre Verwendung im Werk von Rainald Goetz" wird dann beispielsweise im Unterkapitel B.II.2, "Kommunikation", zeitgleich Luhmanns Konzept von Kommunikation detailliert in logischer Abfolge erklärt und parallel an den passenden Stellen die Textpassagen und -strukturen angeführt und erläutert, die sich im Werk von Rainald Goetz mit eben diesem Konzept in irgendeiner Weise auseinander zu setzen scheinen. Die vorangestellte Einführung ist dann die Basis für das Verständnis der Analysen nach systemtheoretischen Grundbegriffen.
Alternativ hätte ich die Arbeit auch an der Chronologie der Texte von Rainald Goetz ausrichten können, doch dann hätte in jedem Kapitel zu den einzelnen Werken mehr oder weniger eine Gesamtbeschreibung der Systemtheorie stattfinden müssen. Dadurch, dass die Begriffe der Systemtheorie die Struktur definieren, ist es möglich Unterschiede und Entwicklungen zwischen den einzelnen Werken von Rainald Goetz deutlich zu machen und durch die Häufigkeit des Auftauchens dem Vorwurf der Beliebigkeit zuvor zu kommen. Die Auswahl der Werke erfolgt hier exemplarisch, so dass sich die Arbeit zwar auf die ganze Schaffensperiode von Rainald Goetz bezieht, nicht aber alle Werke in gleicher Intensität betrachtet werden. So könnte man vermutlich dem Buch "Abfall für Alle" schon eine ganze Arbeit widmen, da es mit über 800 Seiten eine Menge Material zur Verfügung stellt und der Entstehungsprozess - ursprünglich als Internettagebuch veröffentlicht - eine medienspezifische, systemtheoretische Analyse nahe legt. Warum? Das wird im Kapitel B.II.2.b.b, "Verbreitungsmedien" deutlicher werden. Ansonsten werde ich diesem Werk einige Informationen zum literarischen Grundkonzept entnehmen, da hier seine Manuskripte der Frankfurter Poetik-Vorlesung von 1998 abgedruckt sind.
Einschränkend muss hier noch gesagt werden, dass die Werke von Rainald Goetz oft keinen wirklichen Handlungsverlauf aufweisen, sondern einem Reflexionsfluss gleichen, der sich an willkürlich erscheinenden Punkten entlang "schlängelt". Deswegen wird der Nachweis der Rezeption eher punktuell erfolgen und selten ein Werk als ganzes mit der Rezeption der Systemtheorie umfassend interpretierbar sein. Das wäre, wie schon erwähnt, auch etwas ernüchternd, stellte Rainald Goetz′ Werk dann eventuell eine bloße Einführung in die Systemtheorie dar.
Da Rainald Goetz, wie ich zeigen werde, oft auch in Sprachgestus und Terminologie Luhmann ähnelt, wird die Reichweite der Rezeption besonders deutlich durch das wörtliche Zitieren längerer Passagen, die gegenübergestellt und dann detailliert miteinander abgeglichen und erläutert werden.
Soweit ich die Literatur überblicken konnte, beschäftigt sich die Rezeptionsforschung bei Systemtheorie in erster Linie mit der Übertragung der Systemtheorie auf andere Wissenschaftsbereiche wie Rechtswissenschaften, Politikwissenschaften oder die Kunst- und Literaturwissenschaften. Dies hängt ganz banal mit dem Status der Systemtheorie als Wissenschaftsgebilde zusammen. Dabei scheint es mir besonders interessant zu betrachten, wie ein anderer Bereich, nämlich die Kunst, die Politik, die Richter selbst Systemtheorie aus ihrer eigenen Perspektive verstehen, anwenden oder transformieren.
Entsprechend der systemtheoretischen Selbstreferenz reflektiert Rainald Goetz in seiner Kunst das Selbstverständnis von Kunst. Deswegen werden die systemtheoretischen Einflüsse auch oft im Hinblick auf ihre Konsequenzen für das Kunstsystem betrachtet werden. Wie oben erwähnt jedoch in erster Linie unter Berücksichtigung der Hauptwerke und nur eingeschränkt durch Bezugnahme auf "Die Kunst der Gesellschaft". Man muss jedoch zwischen diesen Reflexionen über das Kunstsystem und den poetischen - sprich künstlerischen - Mitteln der Umsetzung trennen. Aus diesem Grund werde ich im Schlussteil untersuchen, ob sich so etwas wie ein poetologisches, systemtheoretisch gefärbtes Grundkonzept von Rainald Goetz′ Schreiben skizzieren lässt.
Ausmaß und Form der Rezeption der Systemtheorie von Niklas Luhmann im Werk von Rainald Goetz sollen in dieser Arbeit festgestellt und auf ihre Wirkung, Motivation und ihren literarischen Gehalt hin analysiert werden. Hat Rainald Goetz eine eigene, systemtheoretische Poetik entwickelt? Schwächt eine hoch-abstrakte Theorie im Hintergrund die poetische Wirkung von Literatur? Welche Einschränkungen und Freiheiten bringt so ein Verfahren? Und nebenbei: Kann Niklas Luhmann die Welt erklären?
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