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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2001, 38 Pages
Author: Christian Einsiedel
Subject: Musicology
Details
Institution/College: Johannes Gutenberg University Mainz (Musikwissenschaftliches Institut)
Tags: Busnoys Busnois
Year: 2001
Pages: 38
Grade: 1,0
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-13636-5
File size: 316 KB
Antoine Busnoys (~1430 bis 1492) galt lange als Kleinmeister der Musik des ausgehenden Mittelalters - erwähnenswert zwar, aber nicht wirklich bedeutsam. Die Arbeit ergänzt dieses tradierte Bild um wesentliche Aspekte und entwickelt ein erweitertes Busnoys-Bild, wie es m. W. in deutscher Sprache bisher nicht verfügbar war. Busnoys Biographie wird dazu umfassend nachgezeichnet; die Charakteristika seiner Musik werden in zwei Analysen exemplarisch aufgezeigt. Vor dem so erarbeiteten Hintergrund wird der Frage nachgegangen, wie es dazu kam, daß sich die skizzierte Geringschätzung Busnoys entwickeln und auf lange Zeit durchsetzen konnte. Teil dieser Betrachtung ist ein allgemein gehaltener Exkurs über die kulturgeschichtliche Konstruktion von Bedeutsamkeit. 191 KB
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Excerpt (computer-generated)
Musikwissenschaftliches Institut der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Hauptseminar:
Musik in Burgund
Sommersemester 2001
Antoine Busnoys
Gründe für eine Neubewertung
Christian Einsiedel
Fächer:
Publizistik (HF, 9. Fachsemester)
Musikwissenschaft, Philosophie (NF, 9. FS)
Inhalt:
I EINLEITUNG ... 3
II BUSNOYS: LEBEN UND WERK ... 4
1. Herkunft, Schaffensstätten und Einflußbereiche ... 4
a) Herkunft und Werdegang vor der Burgunder Zeit ... 4
b) Dienst beim letzten Burgunderherzog und seiner Nachfolge ... 10
c) Spätere Stationen ... 13
2. Musik ... 15
a) Allgemeines ... 15
b) Charakteristisches - Zwei Beispiele ... 16
c) Weitere Aspekte ... 22
III BUSNOYS: FRAGEN DER BEDEUTSAMKEIT ... 27
1. Indizien für Bedeutsamkeit ... 27
2. Kulturgeschichtliche Konstruktion von Bedeutsamkeit: Busnoys als Opfer ... 29
IV ZUSAMMENFASSUNG UND KRITIK ... 32
V ANHANG ... 33
1. Literaturverzeichnis ... 33
2. Tonträger ... 34
3. Noten ... 35
a) Je ne puis vivre ... 35
b) A que ville ... 37
I EINLEITUNG
Antoine Busnoys1 wird in der Musikgeschichtsschreibung gerne die Rolle eines Kleinmeisters zugewiesen, der als Nachfolger Gilles Binchois‘ am burgundischen Hof zwar durchaus beachtenswertes komponiert hat, letztlich aber zu Recht im Schatten Dufays und Ockeghems geblieben ist. So wird er z. B. im alten MGG als „typischer Vertreter der Kunst seiner Zeit“ eingeordnet, der allerdings „nicht die Ausdruckstiefe und –echtheit [Ockeghems] besitzt.“2 Im dtv-Atlas Musik wird Busnoys zwar als Vertreter der „2. Epoche der franko-flämischen Vokalpolyphonie“ 3 erwähnt, findet aber bezeichnenderweise keinen Eingang in ein Schaubild zu „Herkunft, Schaffenszentren und Einflußbereiche[n] der wichtigsten Komponisten“.4 Wer sich dessenungeachtet auf Busnoys einläßt, gelangt bald zu einem facettenreicheren Bild: Busnoys‘ ausgereifter Umgang mit den kompositorischen Mitteln seiner Zeit, seine Vorliebe für zusätzliche, codierte Bedeutungsebenen in Musik und Text, seine außergewöhnlichen, erst Verehrung, dann Verachtung zum Ausdruck bringenden Chansons an Jaqueline d’Hacqueville, seine Rolle bei der Entstehung der L’homme armé-Messen, sein bereits vor dem Eintritt in die Dienste Karls des Kühnen beachtlicher Werdegang und nicht zuletzt das außerordentliche Renommee, das er bei Zeitgenossen wie Nachfolgenden genoß – all diese Aspekte scheinen schon für sich genommen so interessant, daß sich die Frage stellt, warum Busnoys dieses Interesse seitens der Musikwissenschaft lange Zeit nicht entgegengebracht wurde. Die vorliegende Arbeit verfolgt daher zwei Zielsetzungen. Zum einen soll das tradierte Bild um den aktuellen Wissenstand zu den genannten Aspekten ergänzt und ein erweitertes Busnoys-Bild entwickelt werden, wie es m. W. in deutscher Sprache bisher nicht verfügbar ist. Zum anderen soll der Frage nachgegangen werden, was dazu beigetragen hat, daß sich die skizzierte (zumindest relative) Geringschätzung Busnoys‘ entwickeln und auf lange Zeit durchsetzen konnte. Möglich ist beides vor allem dank der umfangreichen Arbeiten von HIGGINS,5 auf die sich diese Arbeit ausdrücklich bezieht.
II BUSNOYS: LEBEN UND WERK
1. Herkunft, Schaffensstätten und Einflußbereiche
a) Herkunft und Werdegang vor der Burgunder Zeit
Antoine Busnoys wurde vermutlich um 1430 in Busne bei Béthune (südwestlich von Lille) geboren.6 Außer der Namengebung gibt es keine direkten Hinweise auf seine Herkunft. Allerdings wird im Jahr 1499 ein Maitre Philippe des Busnes als Priester an Notre Dame in Lens (südöstlich von Béthune) erwähnt, der von den Grafen von Busnes abstammte.7 Es ist gut möglich, daß es sich hierbei um einen Verwandten Busnoys‘ handelt: Eine adlige Abstammung könnte Busnoys‘ geistliche wie musikalische Ausbildung erklären. Erste Hinweise auf Busnoys finden sich im Jahr 1458:8 Eine Handschrift mit Gedichten9 enthält im letzten Teil das Busnoys zugeschriebene Gedicht „Lequel vous plairoit mieulx trouver“. Entstanden ist dieser letzte Teil vermutlich in der Bretagne unter Herzog Arthur III. Dafür spricht, daß sich mindestens acht der fünfzehn im Manuskript genannten Dichter im Jahre 1458 – dem einzigen Jahr Arthurs Herrschaft – an seinem Hof aufgehalten haben. Im gleichen Teil der Handschrift findet sich auch das an anderer Stelle von Busnoys vertonte Gedicht „En tous les lieux“, das einem ‚Monsieur Jacques’ zugeschrieben wird. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich hierbei um Jacques de Luxembourg, Schwager Arthurs III und Bruder des Grafen Louis von Saint-Pol.10 Da Jacques der am häufigsten genannte Autor ist, seine Gedichte aber andererseits (abgesehen von zwei Vertonungen) nur in dieser einen Handschrift überliefert sind, ist es wahrscheinlich, daß es sich um Jacques persönliche Sammlung handelt. Wenn von der fehlenden Überlieferung auf einen geringen Verbreitungsgrad der Gedichte geschlossen werden kann, liegt die Vermutung nahe, daß Busnoys sich im Zeitraum vor der Entstehung der Handschrift, also in den späten 1450er Jahren, am bretonischen Hof aufgehalten haben könnte. Zumindest hypothetisch könnte der Kontakt wiederum durch Jacques Vermittlung zustande gekommen sein – Saint-Pol liegt unweit von Busne/Béthune. Einen direkten Beweis für Busnoys‘ Anwesenheit am bretonischen Hof gibt es bisher allerdings nicht – in den Büchern des Hofes werden die Mitglieder der Kapelle nur ohne Namensnennung aufgelistet.
[...]
1 in dieser Arbeit wird durchgehend die Schreibweise „Busnoys“ verwendet, Zitate ausgenommen. Busnoys selber gibt einen Hinweis auf die Schreibweise mit „y“ durch seine symbolische Verwendung der Zahl 108 – der Summe der Buchstaben seines Nachnamens nach dem Nummernalphabet (s. u.: Verschlüsselungen). HIGGINS (1987) schreibt noch „Busnois“; bei einer Schreibweise mit „i“ wäre die symbolische Zahl allerdings 94.
2 beide Zitate aus THIBAULT (1952), Sp. 519
3 MICHELS (1989), S. 241; vgl. auch S. 229
4 ebd. S. 228 (Hervorhebung durch den Autor)
5 HIGGINS (1987), HIGGINS (1999a) – letztere ist der Ergebnisband einer Konferenz von 1992; die meisten Aufsätze stammen daher aus diesem Jahr
6 Das Datum ~1430 findet sich im New Grove und bei HIGGINS (1987); im MGG wird 1435 angegeben, allerdings ohne daß diese Angabe begründet würde; vgl. SHERR (2000), Sp. 1363; STARR (1992) rechnet mit einem Geburtsjahr zwischen 1436 und 1439 (s. u.)
7 vgl. HIGGINS (2001), S. 660 (§1^)
8 vgl. zur folgenden Argumentation FALLOWS (1999), S. 25-30
9 Paris 9223; ediert: RAYNAUD, Gaston (Hrsg., 1889): Rondeaux et autres poésies du XVe siècle, Paris; zitiert nach FALLOWS (1999), S. 26
10 vgl. INGLIS, Barbara L. S. (Hrsg., 1985): Une nouvelle collection de poésies lyriques et courtoises du XVe siècle: Le manuscrit B. N. Nouv. Acq. Fr. 15771, Genf/Paris: Bibliothèque du XVe siècle (48), app. A, S. 213-214; zitiert nach FALLOWS (1999), S. 26
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