Demokratiemessung - eine genderkritische Untersuchung am Beispiel Japans und der... close Bitte warten
Demokratiemessung - eine genderkritische Untersuchung am Beispiel Japans und der Philippinen

Autor: Simone Lankhorst
Fach: Frauenstudien / Gender-Forschung

Lesen Sie im E-Book



Details

Institution/Hochschule: Universität Duisburg-Essen
Kategorie: Diplomarbeit
Jahr: 2006
Seiten: 96
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 95  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 870 KB
Archivnummer: V60137
ISBN (E-Book): 978-3-638-53889-3
ISBN (Buch): 978-3-638-66712-8

Zusammenfassung / Abstract

Wie der japanische Politikwissenschaftler Watanabe Hiroshi konstatiert, würde solch ein Ungleichgewicht, wie es im japanischen Parlament unter den Geschlechtern herrscht, unter ethnischen oder religiösen Minderheiten zu gewalttätigen Protesten und Unabhängigkeitsbewegungen führen. Nun stellen Frauen ja keine Minderheit dar, sondern über 50% der Weltbevölkerung und fast überall mindestens 50% der Bevölkerung eines Landes. Warum löst die politische Marginalisierung von Frauen in Japan dann keine solchen Reaktionen aus bzw. warum haben diese Reaktionen nicht den gewünschten Erfolg? Die feministische Politikwissenschaft hat aufgezeigt, dass sowohl in westlichen wie östlichen Kulturen das androzentrische Weltbild und die Trennung der öffentlichen und privaten Sphäre sowie deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und das Geschlechterverhältnis für diese Unterrepräsentation verantwortlich ist. Geschlechterdemokratisch betrachtet stellt Japan damit einen Transformationsstaat dar, der den Weg zu einer konsolidierten Demokratie noch nicht beschritten hat. Diese Befunde schlagen sich überraschenderweise aber nicht in der Demokratiemessung nieder, obwohl sie es sich zur Aufgabe gemacht hat, unter Beachtung der demokratischen Prämissen Gleichheit, Freiheit und Inklusion das Monitoring für den demokratischen Umwandlungsprozess bzw. den Erhalt demokratischer Strukturen zu leisten. Unter anderem werden so mittels bestimmter Indikatoren gezielt die Chancen aller BürgerInnen auf Inklusion (politischer und zivilgesellschaftlicher Partizipation), Gleichheit (Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte) und Freiheit (Meinung, Presse, Versammlung, Lebensmuster) untersucht. Deshalb müsste Japan gemäß geschlechterdemokratischer Maßstäbe in den Bertelsmann Transformationsindex, einen deutschsprachigen Index, der Demokratiemessung mit Transformationsforschung verbindet, aufgenommen werden. Aufgrund dieser beiden Annahmen, dass a) die Gleichberechtigung der Geschlechter respektive das Vorantreiben einer Geschlechterdemokratie im BTI eine untergeordnete Rolle spielt und b) Japan ein geschlechterdemokratischer Transformationsstaat ist, sollen zwei Länderstudien für Japan und die Philippinen, als Land im BTI-Monitoring, angefertigt werden. Am Beispiel der politischen Partizipation von Frauen werden diese Annahmen empirisch an den letzten Wahlen 2004 (Philippinen) und 2005 (Japan) untersucht.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Duisburg-Essen

Demokratiemessung - eine genderkritische Untersuchung am Beispiel Japans und der Philippinen

Simone Lankhorst

 

Inhaltsverzeichnis


1 Einleitung ... 1

2 Theoretische Grundlagen ... 8

2.1 Begriffsdefinitionen ... 8
2.1.1 Gender ... 8
2.1.2 Partizipation ... 9
2.1.3 Transformation ... 10
2.1.4 Geschlechterdemokratie ... 11
2.2 Ideen und Konzepte der feministischen Demokratietheorie ... 13
2.3 Demokratiemessung und Transformationsforschung – Mittel, Zweck und why gender matters ... 16
2.4 Methodologie und Gang der Untersuchung ... 19
2.4.1 Kriterienraster für die komparativen Länderstudien ... 21
2.4.2 Die einzelnen Kriterien und die Bestimmung ausgesuchter Parameter ... 22
2.4.3 Indikatoren (HDI, IPU, GEM, GDI) ... 25
2.5 Der BTI: Ziel, Methodik, Funktion ... 26
2.5.1 Aufbau und Funktion ... 28
2.5.2 Der Management-Index ... 29
2.5.3 Der Status-Index ... 29

3 Länderstudie Japan: Mainstream = Malestream? ... 32

3.1 Gesellschaftsstruktur und Meilensteine auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie ... 34
3.1.1 Politisches System und Wahlsystem ... 37
3.1.2 Auswirkungen des Wahlsystems auf die politische Partizipation von Frauen ... 40
3.2 Die Wahlen 2005 ... 41
3.2.1 Quotenregelung ... 44
3.2.2 Wahlbeteiligung ... 44
3.2.3 Zugangsvoraussetzungen für Kandidatinnen ... 45
3.2.4 Informelle Barrieren im Wahlkampf ... 49
3.3 Zwischenfazit ... 52

4 Länderstudie Philippinen: Gleichberechtigung nur für Eliten? ... 56

4.1 Gesellschaftsstruktur und Meilensteine auf dem Weg zur Geschlechterdemokratie ... 57
4.1.1 Politisches System und Wahlsystem ... 60
4.1.2 Auswirkungen des Wahlsystems auf die politische Partizipation von Frauen ... 62
4.2 Die Simultan-Wahlen 2004 ... 63
4.2.1 Quotenregelung ... 65
4.2.2 Wahlbeteiligung ... 65
4.2.3 Zugangsvoraussetzungen ... 67
4.2.4 Informelle Barrieren im Wahlkampf ... 69
4.3 Zwischenfazit ... 72

5 Resümee ... 76

Literaturverzeichnis ... IV

 

 

1 Einleitung

Demokratie als Konzept wie Praxis ist die weltweit beliebteste Gesellschaftsform. Das Modell westlich-liberaler Prägung wird dabei nach Zerfall der Blockmächte nicht nur als Gewinner der Geschichte, sondern im politikwissenschaftlichen Diskurs als einzig noch akzeptable Herrschaftsorganisation begriffen.1 Ohne die Kontrastfolie des Realsozialismus herrscht einerseits im Mainstream der Politischen Theorie ein statisches Verständnis von Demokratie vor, andererseits steht die Demokratie als solche vor einem Legitimationsproblem: sie muss sich „ohne Gegenbild aus sich selbst heraus positiv begründen“2, und sie darf ob mangelnder Alternative nicht an demokratischer Substanz verlieren und zu einer „Adjektivdemokratie“ degenerieren.

Angesichts der vielen defekten Subtypen von Demokratie, die sich im Zuge der so genannten „dritten “ (Samuel Huntington) nach 1989 entwickelten, wurden Politikwissenschaft und insbesondere die Demokratiemessung und die Transformationsforschung vor neue Aufgaben gestellt3 und müssen ihren Gegenstand neu definieren: Was macht eine Demokratie aus? Ab wann kann man von einer Demokratie sprechen? Bieten die kulturellen und historischen Ausgangsbedingungen genügend Nährboden für demokratische Strukturen?4 Und weiterführend: Wie lautet eine für den interkulturellen Vergleich geeignete Definition von Demokratie? 5 Winston Churchills´ berühmter Ausspruch von 1947 erscheint angesichts dieser Fragen in neuem Licht:


„Democracy is the worst form of government except for all those other forms, that have been tried from time to time.“6

Es gibt zwar auch heute keine wirkliche Alternative zu dem Modell Demokratie. Doch die verschiedenen Ausprägungen von Demokratie, die sich heute zeigen, differieren so stark voneinander, dass eine grundlegende Definition wichtig ist. Die demokratischen Fundamentalkriterien Gleichheit, Freiheit und Inklusion (nicht Brüderlichkeit) müssen verstärkt in den Fokus gerückt werden. Jede real existierende Demokratie bedarf kontinuierlicher, struktureller Verbesserungen und Reformen, um die Umsetzung von Gleichheit, Freiheit und Inklusion – und der darin enthaltenen notwendigen Bedingung, dass allen Menschen, ungeachtet ihres Geschlechts, ihrer Herkunft oder ihres Glaubens, diese Grundrechte zustehen – zu verwirklichen. Um diese Grundrechte zu gewährleisten, müsste der Staat im Sinne der völkerrechtlichen Konzeption von Due Diligence für die Einhaltung der Menschenrechte verantwortlich sein und besondere Sorgfalt bezüglich des allgemeinen Differenzierungsverbots selbiger walten lassen.

In der Politischen Theorie und demokratischen Ideengeschichte von der Antike bis zur Neuzeit sind aber gerade Frauen7 von dem Recht auf Freiheit, Gleichheit und Inklusion strukturell exkludiert worden (siehe ausführlich Kap. 2). Eine eindeutige geschlechtliche Zuordnung von Frauen zur privaten und von Männern zur öffentlichen Sphäre entspricht zwar heute nicht mehr der Lebensrealität. Bei der bis heute anhaltenden, wenn auch oszillierenden Sphärentrennung, handelt es sich dennoch um eine hierarchische und vergeschlechtlichte Einteilung, die das männliche Herrschaftsmonopol legitimiert.8 Diese Legitimation beruht auf dem subtilen Maßstab des Androzentrismus: Männliche Lebensmuster und Denksysteme sind allgemeingültig und „normal“, während weibliche Lebensmuster und Denksysteme als Devianz wahrgenommen werden. Die Politik ist ein Beispiel hierfür: Sie zählt unverändert zur öffentlichen Sphäre, und ist deswegen immer noch und fast überall auf der Welt eine „Männerbastion“. Da die Gleichsetzung von Mensch mit Mann weitgehend unbewusst geschieht, ist Androzentrismus nur schwer zu erkennen und sehr oft auch von Frauen tief verinnerlicht. Auch die Wissenschaften müssen deshalb ihre vermeintliche Objektivität und Rationalität in Frage stellen. Wie verführerisch die normative Kraft des Androzentrismus ist, zeigt sich bei den sich hartnäckig haltenden Erklärungsversuchen des politikwissenschaftlichen, kulturübergreifenden malestreams9 für die geringere politische Partizipation von Frauen. Diese hätten schlicht weniger Interesse an Politik. Eine Erklärung für das Ungleichgewicht der Geschlechter in der politischen Repräsentation wird auf diese Weise wie vor 300 Jahren bei Locke in der „weiblichen Natur“ gesucht, aus welcher sich ein „natürliches “ mangelndes Politikverständnis ableite. Das Bild der politisch desinteressierten Frau „taugt viel eher dazu, Frauen aus dem politisch-parlamentarischen Raum nachhaltig auszuschließen, als ihre politischen Einstellungs- und Verhaltensmuster [tatsächlich] zu erklären.“10

 

[...]


1 Vgl. KREISKY/SAUER 1998 : 34 ff. [35]
2 BENHABIB 1997 : 52 [3]
3 Vgl. LAUTH 2004 : 2 [36]
4 Vgl. BERG-SCHLOSSER 2004 : 13 [4]
5 LAUTH 2004: 21 [37]
6 Winston Churchill in einer Unterhausrede am 11.11.1947
7 Frauen werden hier als strukturelle Gruppe begriffen, nicht als homogene Interessengruppe.
8 An dieser vergeschlechtlichten Trennung von öffentlich und privat halten auch moderne TheoretikerInnen wie Hannah Arendt und Jürgen Habermas fest, vgl. LANG 1995 : 95 ff., Sekundärquelle KRAUSE 2003 : 69 ff. [34]
9 Den Begriff prägte Mary O’Brien 1981 in Analogie zu dem Begriff des mainstream. Der Terminus spielt auf die geschlechtsblinde Argumentation von Theorien und Begriffen an. Diese vermeintliche Geschlechtsneutralität verschleiert jedoch die Männlichkeitsdoktrin der gängigen Konzepte. Das vermeintlich Neutrale ist demnach männlich-normiert. KREISKY/ SAUER 1998 : 9 [35]
10 SAUER 1997 : 19 [54]

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:

http://www.grin.com/e-book/60137/