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Details

Tags: Tibeter
Kategorie: Essay
Jahr: 2005
Seiten: 36
Literaturverzeichnis: ~ 37  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 796 KB
Archivnummer: V60758
ISBN (E-Book): 978-3-638-54346-0
Anmerkungen :
Erstveröffentlichung in: Wulf Köpke/Bernd Schmelz (Hg.), „Die Welt des Tibetischen Buddhismus“, Mitteilungen aus dem Museum für Völkerkunde Hamburg, Neue Folge, Band 34. Hamburg, 2005, S. 171-221.

Textauszug (computergeneriert)

Wer sind die Tibeter?

von: Andreas Gruschke

 


Einleitende Worte

Der Mythos Tibet und die tibetische Sicht

Die Tibeter: eine homogene Ethnie oder heterogene Nation?

Namen und Begriffe: Woher kommen die Begriffe ‘Tibet’ und ‘Tibeter’?

Woher kommen die Tibeter? Geschichtliche Perzeption eines tibetischen Volkes

Tibetische Regionen und ihre Bewohner

Großregionen und Regional-Identität: Tibetische Bevölkerungsgruppen im Hochland

Zum Problem von Akkulturation und Assimilation

Tibeter daheim und in der Fremde: Tibet und seine Flüchtlinge

Literatur

 



Wer sind die Tibeter?

Von Andreas Gruschke (Freiburg)
Die Menschen in Ü (Dbus) und Tsang (Gtsang) sind von recht sanftem
Gemüt und haben ein schüchternes und ehrliches Wesen. Sie sind
klug, aber nicht tiefschürfend. Abwohl sie begierig nach heiligen
Erscheinungen sind, entsteht ihre Gefolgschaft durch den Ruhm. Sie
halten nichts von Gunst und Missgunst. Sie halten viel von Reichtum,
machen sich jedoch nichts aus Opfer zugunsten der Lehre (chos). Sie
haben eine liederliche Moral und schlampige Gesetze. Obschon die
meisten Leute in Kham (khams) und der Mongolei (sog) sowie einige
mit Vorurteilen behaftete Heilige heutzutage so von den Menschen in
Tibets Ü und Tsang sprechen, sind Ü und Tsang doch wie eine
Lebensader der Buddhalehre.’ (Lama Tsenpo)1

Einleitende Worte

Es ist staunenswert, wie in den letzten zwei Jahrzehnten das Wissen über die tibetische Kultur, insbesondere den tibetischen Buddhismus bei uns im Westen zugenommen hat. Insofern mag es etwas befremden, an dieser Stelle eine Frage zu stellen, deren Beantwortung jedem Tibet- Interessierten als etwas Selbstverständliches erscheint: Wer sind die Tibeter? Die Berechtigung dieser Frage wird allerdings schnell deutlich, wenn wir ein Gegenüber auffordern, uns einmal die Kriterien zu nennen, über welche er die Tibeter definiert. Sehr schnell landen wir dabei bei den gängigen Klischees, die sich um so mehr perpetuieren, je mehr die Klischee-behafteten Sprecher selbst unter sich bleiben und die öffentlichen Äußerungen, Veröffentlichungen und Darstellungen über die Tibeter bestimmen. Daran ändert sich auch wenig, wenn wir bedenken, dass auch Tibeter selbst, insbesondere jene im Exil, sich dieses im Westen geschaffene Bild teilweise angeeignet haben. Dass sie daraus neue Inhalte schaffen und diese weiterentwickeln, mag hinwiederum als schöpferischer Akt anerkannt werden, der letztlich zur Herausbildung einer spezifischen Identität der Tibeter im Exil führen mag.

Häufig wird vergessen, wie komplex eine Kultur ist, so vielschichtig, dass sie zu überblicken selbst einem Angehörigen der betreffenden Kultur gelegentlich nicht mehr gelingt. Um wieviel mehr trifft dies auf Außenstehende zu. Nehmen wir einmal am Buddhismus Interessierte: Schon ihrem Anliegen nach beschränken sie sich auf einen, wenn auch wesentlichen Aspekt der tibetischen Kultur - die buddhistische Religion. Nun hat diese Religion sehr unterschiedliche Aspekte, die von der Lehrdarlegung des historischen Buddha über die komplizierten philosophischen und spirituellen Inhalte des esoterischen Buddhismus bis hin zur volksreligiösen Gedankenwelt reicht, deren magisch-mystische Inhalte stark von frühtibetischen und damit nichtbuddhistischen Vorstellungen geprägt sind. Das Interesse des westlichen Sinnsuchers, der zumeist von den hochgeistigen, spirituellen Inhalten des tibetischen Buddhismus fasziniert ist, an diesen vorbuddhistischen Vorstellungen ist eher beschränkt; ebenso begrenzt ist seine Aufmerksamkeit gegenüber der historischen, gesellschaftlichen und politischen Dimension dieser Zivilisation. Ein allgemeineres Verständnis dessen, was die tibetische Kultur bedeutet und wer die Tibeter sind, ergibt sich aus diesem religiös motivierten Interesse daher kaum. Ein anderer Ansatzpunkt für Interessierte im Westen ist politisch motiviert, in der achtbaren Absicht, die schwierige Situation der Tibeter im Exil und zu Hause verbessern zu helfen. Allerdings tun sich auch hier leider oft erhebliche Defizite bei der Kenntnis kultureller Hintergründe auf. Vermeintliches Wissen ist häufig weniger durch ernsthafte Auseinandersetzung mit den verschiedenen Aspekten tibetischer Geschichte, Gesellschaft, Religion und deren Zusammenwirken gekennzeichnet, als vielmehr durch das Tibetbild, das seit Ende des 19. Jh. durch die Theosophen wie Madame Blavatsky (1831-1891) geprägt worden war. Deren Tibet war, wie Martin Brauen in seiner Darstellung des (westlichen) Mythos Tibetzusammengefasst hat, ein Land

«ohne Bettler, arme oder hungernde Leute», in dem «Trunkenheit und Kriminalität
unbekannt sind, ebenso Unsittlichkeit», ein Tibet «mit einem moralischen,
einfachen Volk mit reinem Herzen», unverdorben von den «Lastern der
Zivilisation», ein Land, in dem noch «beide Atmosphären - die physische und die
spirituelle» - neben- und miteinander existieren ... Tibet, «das wahre Land des
Mysteriums, des Mystizismus und der Abgeschiedenheit», ein okkultes,
geheimnisumwittertes, eines, in dem die Menschen der ursprünglichen alten
Weisheitslehre noch nahe sind, wo «Kräfte und Potenzen wachgerufen werden,
die der westlichen Welt unbekannt sind und dort noch schlafen», eine Gegend,
«wo die Atmosphäre und der menschliche Magnetismus absolut rein sind und -
kein tierisches Blut vergossen wird».2

Dieses von ihnen imaginierte, verklärte und unwirkliche Tibet wurde gewünscht, dass das Schicksal es von den ‘Segnungen’ der Zivilisation und vor allem vor Missionaren bewahren möge.

Doch dieses Traumbild Tibets wurde schließlich nicht von Missionaren und der Zivilisation des Westens zerstört, sondern durch die gewaltsame Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China. Nun waren es östliche ‘Missionare’ und die chinesische Zivilisation, die Tibet heimsuchten: kommunistische Ideologen und nationalistische chinesische ‘Chauvinisten’. Waren die Folgen für die Tibeter tragisch genug, so hatten die Ereignisse darüber hinaus eine fatale Folge für das bis dahin wirksam gebliebene westliche Tibetbild: Es wurde in seiner zurückblickenden Perspektive gefestigt, weil es nicht falsifiziert werden konnte. Wenn es nun nicht mehr mit der Realität übereinstimmte, lag die Erklärung dafür auf der Hand:

... auch im westlichen Dokumentarfilm läßt sich die Tendenz feststellen, dass man
einer Utopie hinterherläuft, z.B. Reinhold Messner in dem Film: Tibet - Wo die
Berge den Himmel berühren. Da wird zwar nicht die Unsterblichkeit gesucht, aber
Tibet ist der Ort, wo man das Urtümliche, eine von der Zivilisation unberührte
Natur und eine uralte Kultur zu erleben hofft. Und wenn man dies nicht findet, wird
das schlicht den Chinesen zum Vorwurf gemacht. Da wird die Idee des Himalaja-
Paradieses aufrechterhalten, indem erklärt wird, dass es (gegenwärtig) zerstört ist.
Der Geist von Shangri-La lebt.3

Die politische Motivation jener im Westen, die den Tibetern Unterstützung geben wollen, damit sie in ihr Land zurück finden und dort ihr Leben selbst bestimmen, mag wohl verdienstvoll sein. Diese Motivation allein verschafft jedoch nicht das nötige Verständnis, denn sie sollen ja zu sich selbst finden und nicht zu dem, was der Westen so lange für ihr Selbst hielt. Dem vergleichbar ist auch die chinesische Position, die ebenfalls eine politische Motivation in den Vordergrund stellt, sich durch ihren Mangel an Verständnis für die tibetische Kultur und einen sehr stark Chinazentrierten Blick nicht wirklich vom eigenen Standpunkt fortbewegen kann. Auch das Land, von dem die tibeter heute beherrscht werden, vermag so nicht wirklich zu fassen, was eigentlich die zentralen Anliegen der Tibeter sind.

Allein diese drei Beispiele zeigen, wie leicht es ist, über die Betrachtung von Einzelaspekten das eigentliche Thema zu verfehlen. Um zu eine Ahnung davon zu bekommen, wer die Tibeter sind, muss reflektiert werden, wo Tibet beginnt und wo es aufhört, welche Schwierigkeiten es bei einer geographischen, ethnischen und politischen Abgrenzung gibt, wo und wie die Tibeter einstmals lebten und heute wieder oder noch leben. Dabei darf nicht immer gleich die politische oder religiöse Sicht als einziger Maßstab für die Beurteilung gegebener Informationen gelten. Die krampfhaften Versuche der kommunistischen Führung in der Volksrepublik China, stets und immerdar nachzuweisen, dass Tibet von jeher ein Teil ihres ‘Reichs der Mitte’ gewesen sei, haben im Westen im Gegenzug eine beispiellose Zwanghaftigkeit ausgelöst, das Gegenteil zu belegen. Als sei das für ein Tibet von morgen von Belang.

Der Mythos Tibet und die tibetische Sicht

‘Tibet ist mein Traum!’ Diese Aussage trifft für viele mehr zu als, sie selbst vielleicht meinen. Und zwar weniger, weil Tibet für sie nicht nur ein traumhaftes Reiseziel darstellt, sondern weil die Vorstellungen, die sie sich von Tibet und den Tibetern machen, oft mehr einem Traum gleichen als der Wirklichkeit. Das zog sich durch die ganze Geschichte der Begegnung der Europäer mit dem fernen Dach der Welt - angefangen mit Mutmaßungen über ein entartetes Christentum, Idealisierung und Verteufelung bis hin zu verklärender Faszination und Projektionen von spiritueller Entrücktheit eines ganzen Volkes, das so zu einer besonderen esoterischen Gesellschaft stilisiert wurde. Der Traum gleicht der in James Hiltons Roman «Der verlorene Horizont» beschriebenen Utopie eines sakralen Tibet, die weniger tibetischer Mythos als vielmehr Wunschvorstellung westlichen Ursprungs ist:

Wenn Hilton suggeriert, dieses «Shangri-La-Tibet» werde dereinst die
darniederliegende Welt retten, macht er Tibet zu einer Friedensinsel und zum Ort
einer Renaissance - nicht aber einer Revolution. Werte wie Gemächlichkeit,
Maßhalten, Autokratie werden - so Hilton - zu neuen Ehren kommen, die Welt
retten. Tibet, das Traumland eines bewahrenden Konservatismus, der die
patriarchale Theokratie hochhält.4

Es fällt ins Auge, wie sich hier verborgene Sehnsüchte einer unbehaglich gewordenen industrialisierten Welt im Bild Tibets niedergeschlagen haben. So finden sich hier die inzwischen klassischen Schlagworte, die Menschen unserer Gesellschaft mit Tibet und Tibetern verbinden: friedvoll und friedliebend, ökologisch rücksichtsvoll handelnd (‘Maßhalten’), spirituell hochstehend, esoterisch entrückt. Die geheimnisvolle Welt Tibets hatte sich den Vorstellungen der westlichen Menschen immer wieder unterzuordnen und wurde ihnen damit immer weiter entrückt, so dass die ‘Entrücktheit’ der dort lebenden Menschen schließlich nicht nur vermutet, sondern mit Gewissheit als ihr konstituierendes Merkmal gesehen wurde. Dass aber die Tibeter trotz ihrer tiefen Religiosität ebenso Menschen sind mit großen und kleinen, betrüblichen wie liebenswürdigen Schwächen, dass sie gleichfalls am diesseitigen Leben intensiv teilhaben und ihren Sinn nicht nur auf die Erlösung im Jenseits richten, wurde zwar gelegentlich ausgesprochen, aber kaum oder nicht gerne wahrgenommen. Unbeteiligt an der Aufrechterhaltung dieses Bildes sind die Tibeter allerdings nicht. In ihrer kulturellen Selbstdefinition haben sie sich Konstrukte geschaffen, die sie vermittels ihrer Geschichtsschreibung gepflegt und tradiert haben. Insbesondere die weitere Verbreitung der buddhistischen Lehre wurde in den alten Schriften Tibets stets betont, und sie war das Maß aller Dinge:

[...]


1 blo sbyong tshig brgyad, zit. und übersetzt nach Wylie 1962, S. 97.

2 Zit. Brauen 2000, S. 45f.

3 Jörg Lösel: Tibet im Spielfilm. In: Müller und Raunig (o.J.), S. 397f.

4 Zit. Brauen 2000, S. 98f.

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