Der Einstieg in die Unterwelt beginnt im Kopf - Zur Interpretation der altägyptischen Jenseitsliteratur

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Details

Titel: Der Einstieg in die Unterwelt beginnt im Kopf - Zur Interpretation der altägyptischen Jenseitsliteratur
Autor: M.A. Sabine Neureiter
Fach: Ägyptologie
Veranstaltung: Vortrag

Kategorie: Anderes
Jahr: 2005
Seiten: 20
Note: keine
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 132 KB
Archivnummer: V61111
ISBN (E-Book): 978-3-638-54637-9
Anmerkungen :
Vorgetragen bei der 37. Ständigen Ägyptologenkonferenz (SÄK) 2005 in Tübingen

Textauszug (computergeneriert)

Der Einstieg in die Unterwelt beginnt im Kopf.

Zur Interpretation der altägyptischen Jenseitsliteratur.

Vorgetragen bei der
37. Ständigen Ägyptologenkonferenz (SÄK)
2005 in Tübingen

von

Sabine Neureiter

 

 

Gliederung

1. Einführung ...  3

2. Das Unbewusste aus der Sicht von Sigmund Freud ...  4

3. Das Unbewusste aus der Sicht von Carl Gustav Jung ...  5

4. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht von Jan Assmann  ...  6

5. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht von Erik Hornung  ...  7

6. Schamanismus und die altägyptischen Seelenvorstellungen  ...  9

7. Schamanismus und außerkörperliche Erfahrungen ...  12

8. Die Jenseitsliteratur aus der Sicht des Schamanismus  ...  16

9. Fazit ...  19

 

 

Der Einstieg in die Unterwelt beginnt im Kopf.
Zur Interpretation der altägyptischen Jenseitsliteratur.1

1. Einführung

Es handelt sich bei der Jenseitsliteratur, von den Pyramidentexten bis zu den Unterweltsbüchern, um Schriften für den Verstorbenen, die ihm zur Wiedergeburt verhelfen sollten. Es gibt zwar viele Arbeiten, die sich mit diesen Texten beschäftigen, aber praktisch keine, die sich mit der Frage auseinander setzen, woher das spezielle Wissen, das in der Jenseitsliteratur verarbeitet wurde, stammt. Erik Hornung ist einer der wenigen Ägyptologen, die diese Frage konkret beantworten. Seiner Meinung nach stammt dieses Wissen aus dem kollektiven Unbewussten. Er bezieht sich bei seiner Deutung auf die Psychologie Carl Gustav Jungs. Zu einem ähnlichen Schluss gelangt auch Jan Assmann, der ebenfalls meint, dass die Informationen aus dem Unbewussten stammen. Er richtet sich bei seiner Deutung aber nach Aspekten der Psychologie Sigmund Freuds. Beide Interpretationen basieren also auf zwei unterschiedlichen tiefenpsychologischen Sichtweisen.

Es gibt auch die Möglichkeit, diese Texte aus schamanischer Sicht zu deuten. Der Schamane2 begibt sich mittels bestimmter Techniken auf Seelenreise, um sich im jenseitigen Bereich um die Seele des Verstorbenen zu kümmern. Er sucht sie, fängt sie ein, begleitet sie, beschützt sie, bringt sie zurück oder weist ihr den Weg. Ich denke, dass es im Alten Ägypten Schamanismus gab, der aber im frühen Alten Reich aus dem institutionalisierten Kult verdrängt wurde.3 Die Jenseitsliteratur als Ergebnis von Überarbeitungen schamanischer Erfahrungen durch die späteren Priester zu interpretieren, macht nicht nur die jeweiligen Inhalte und Veränderungen dieser Texte im Laufe der Jahrhunderte verständlich, sondern bindet auch andere religiöse Phänomene, wie zum Beispiel die altägyptische Seelenvorstellung, mit ein.

2. Das Unbewusste aus der Sicht von Sigmund Freud

Sigmund Freud entwickelte ein Drei-Instanzen-Modell der Psyche: mit dem Es, Über-Ich und Ich. Das Es ist unbewusst. Es ist der Ort archaischer Vorstellungen und Verhaltensmuster und die Quelle unbewusster Triebregungen und Triebwünsche. Das Es lässt sich zwar nicht bewusst machen, aber durch die Traumanalyse zumindest erhellen. Das Über-Ich widmet sich der Selbstbeobachtung. Man kann es als Produkt einer Konditionierung durch elterliche oder gesellschaftliche Gebote und Verbote bezeichnen. Als Gewissen oder moralische Instanz mit bestimmten Wertvorstellungen beurteilt es die Gedanken, Gefühle und Handlungen des Ichs. Das Ich nimmt den Körper als von der Außenwelt gesondertes Wesen wahr, denkt, erinnert, fühlt, führt den Willen aus, sucht nach rationalen Lösungen. Das Ich kann als das bewusst Erfahrene bezeichnet werden, das aber sowohl vom Über-Ich als auch vom Es beeinflusst wird.

Die von den Trieben motivierten Wünsche werden vom ersten Lebensjahr an ins Unbewusste verdrängt, wo zwischen dem moralischen Über-Ich und dem triebhaften Es ein permanenter unbewusster Konflikt stattfindet, der das menschliche Verhalten motiviert und sich vor allem in Form von Träumen äußert. Nach Freud ist der Traum eine Wunscherfüllung in Form einer Ersatzhandlung, weil der aus der Kindheit stammende unbewusste, triebhafte Wunsch nicht wirklich, sondern nur im Traum befriedigt werden kann. Für Freud geben diese infantilen Wünsche und Fantasien nicht nur Auskunft über die individuelle Kindheit, sondern ermöglichen auch Einblicke in die phylogenetische Kindheit und somit in die Entwicklung der Menschheit. Freud spricht in diesem Zusammenhang von seelischen Altertümern und unsterblichen Wünschen des Unbewussten.4

Weil, so Freud, in den Träumen in erster Linie verdrängte infantile, sexuelle und aggressive Wünsche zum Ausdruck kommen, bedarf es einer Art Zensor, der mittels komplexer psychischer Vorgänge wie Verdichtung, Verschiebung oder Symbolisierung den Traum so umgestaltet, dass er für den Träumer annehmbar wird.

[....]


1 Dieser Aufsatz ist die ausgearbeitete Fassung meines gleichnamigen Vortrags bei der 37. Ständigen Ägyptologenkonferenz (SÄK) 2005 in Tübingen.

2 Es gibt grundsätzlich auch Schamaninnen. Der Einfachheit halber benutze ich im Text nur die männliche Form.

3 Weitere Hinweise, die diese These stützen, s. Sabine Neureiter, Schamanismus im Alten Ägypten, SAK 33, 2005, 281ff.

4 Freud glaubte an die Hypothese Jean-Baptiste Lamarcks, dass erworbene Eigenschaften vererbt werden können (Anthony Storr, Freud, 1999, 105f).

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