Demographische und ethnographische Grundzüge des Hochlandes von Tibet close

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Details

Kategorie: Wissenschaftlicher Aufsatz
Jahr: 1997
Seiten: 21
Literaturverzeichnis: ~ 40  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 988 KB
Archivnummer: V61451
ISBN (E-Book): 978-3-638-54908-0
Anmerkungen :
Erstmals erschienen unter dem Titel „Demographie und Ethnographie im Hochland von Tibet“, in: Geographische Rundschau, 49 (1997), Heft 5, S. 279-286 [Westermann Verlagsgesellschaft, Braunschweig]

Textauszug (computergeneriert)

Demographische und ethnographische
Grundzüge des Hochlandes von Tibet

von 

Andreas Gruschke

 

 

 

Erstmals erschienen unter dem Titel "Demographie und Ethnographie im Hochland von Tibet", in: Geographische Rundschau, 49 (1997), Heft 5, S. 279-286 
[Westermann Verlagsgesellschaft, Braunschweig]

 

Einleitung 2

Administrative Gliederung Tibets 5

Ethnische Struktur des tibetischen Hochlands 6

Historische Migrationen 9

Demographische Struktur in den tibetischen Gebieten des Hochlandes bes. TAR 10

Erwerbsstruktur 15

Han-chinesische Kolonisation in Tibet 17

Literatur 19

 

 

Im Westen werden mit Tibet in erster Linie Begriffe wie buddhistische Esoterik, politische Unterdrückung und gesellschaftliche Überfremdung verbunden. Tibet im 20. Jh. steht fast durchweg im Rampenlicht heftiger politischer Diskussionen. Die sogenannte Tibetfrage wird im Sinne einer Forderung nach Unabhängigkeit eines vermeintlich genau definierten Raumes diskutiert. Freilich ist diese räumliche Definition aufgrund zahlreicher Probleme keineswegs so exakt und eindeutig, wie sich das im Westen darstellt. Neben der mangelnden Auseinandersetzung mit der Historie ist es in aller Regel die Unkenntnis des ethnischen Gefüges, die eine ausgewogene Bewertung der Bevölkerungsstrukturen auf dem Dach der Welt verhindern. Das fast völlige Fehlen demographischer Daten über Tibet kommt einseitigen Interpretationen, die sich fast ausschließlich auf offiziöse exiltibetische oder chinesische Angaben stützen, entgegen. Aber gerade die demographische Struktur und ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung auf dem Dach der Welt spielen für die Beurteilung der politischen Situation Tibets - insbesondere des Problems der politischen (Des)Integration - sowie der Fragen der kulturellen Identität der Tibeter eine große Rolle.

Einleitung

Im Westen wird unter Tibet ein Land verstanden, das sich in historischer Zeit, namentlich bis zum Einmarsch der kommunistischen Truppen der Volksrepublik China, in großer ethnischer und soziopolitischer Einheitlichkeit als buddhistischer Klosterstaat über den gesamten Raum des höchstgelegenen, über 2 Mio. qkm großen Hochlandes erstreckt habe. Nachdem die de-facto-Unabhängigkeit Zentraltibets 1913- 1950 durch den Einmarsch der chinesischen "Volksbefreiungsarmee" (VBA) beendet worden war, begann eine politische Auseinandersetzung mit den Vorgängen auf dem Dach der Welt auf der Grundlage schwärmerischer Kulturutopien. Die zu Recht auftretende Trauer über die Leiden, die die innerasiatischen Völkerschaften (!) im Zuge der kulturrevolutionären Verfolgungen erlitten hatten, findet allerdings größtenteils dadurch ihren Ausdruck, dass die Umwälzungen dort danach bemessen werden, in welchem Umfang Originalität und Authentizität der - in Europa im übrigen nur sehr einseitig betrachteten und damit kaum verstandenen - tibetischen Kultur zerstört worden ist. Bei der Beurteilung vermischen sich Einzelfakten mit Idealvorstellungen, und selbst sachliche Auseinandersetzungen geographischer Arbeiten verknüpfen allgemein anerkannte wissenschaftliche Anschauungen mit den überkommenen Klischees eines Shangri-La-Mythos selbst in Standardwerken:


"...überall wurde dem Kult Ausdruck verliehen; dieser fand seinen Höhepunkt im Weltheiligtum des Lamaismus, im Potala in Lhasa, dem einstigen Sitz des Dalai Lama." 
(Schwarz 1989, S. 402)
Hier hat das im Westen weitest verbreitete Symbol Tibets, der Palast des theokratischen Oberhauptes, das wirklich größte Heiligtum des Lamaismus, den Jokhang-Tempel, von seinem Platz verdrängt.

Die Beschäftigung mit der Ethnographie des Hochlandes, den historischen Wanderungsbewegungen nach und in Tibet stellt sehr schnell die Vorstellung des ethnisch einheitlichen Landes in Frage. Zusammen mit - noch rudimentären - demographischen Daten von Tibet im 20.Jh. kann es die aktuelle Situation dort differenzierter erfassen und somit neue Ansatzpunkte für ein Verständnis der Komplexität der Tibetfrage bieten. Die komplexen Strukturen und Vorgänge sind allerdings ohne umfassende historische Einblicke nicht endgültig zu erfassen, für die aus Platzgründen nur auf wenige wesentliche Werke verwiesen werden kann: Stein 1993 und Goldstein 1993. Die ethnographischen und demographischen Grundzüge vermögen anzudeuten, wie vielschichtig die Probleme sind, die für die bislang gescheiterte Lösung der wichtigen Autonomiefrage Tibets - ganz zu schweigen von seiner Unabhängigkeit - mit-, aber nicht hauptverantwortlich sind.

Probleme der räumlichen Abgrenzung Wie nur bei wenigen anderen Ländern der Welt wird die Ausdehnung Tibets sehr unterschiedlich eingeschätzt - was politische, ethnische und kulturelle Gründe hat. Als selbstverständlich gilt im Westen, dass das einstige unabhängige Tibet den gesamten Raum im Hochland von Tibet umfasste, ohne sich vor Augen zu halten, dass weite Gebiete im Norden und Osten durchaus nicht von Tibetern besiedelt waren oder sind. Gleichwohl ist ein Hauptpunkt der Kritik, dass Tibet auf die Fläche der Tibetischen Autonomen Region (TAR) verkleinert worden sei (Kelsang Gyaltsen 1988, S. 162), deren chinesischer Name Xizang sich auf die tibetischen Zentralprovinzen Ü und Tsang bezieht und soviel bedeutet wie Westliches Tibet. Eine Bezeichnung, die gemessen an den immer noch gewaltigen Gebieten im Nordosten und Osten des Hochlandes durchaus treffend ist.

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