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"Welche Wirklichkeit bitte...?" - Programmatik und Milieus des New Journalism

Autor: Jörg Hackhausen
Fach: Medien / Kommunikation - Journalismus, Publizistik

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Details

Kategorie: Hauptseminararbeit
Jahr: 2003
Seiten: 25
Note: 1
Literaturverzeichnis: ~ 27  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 106 KB
Archivnummer: V61729
ISBN (E-Book): 978-3-638-55127-4

Textauszug (computergeneriert)

Universität Hamburg, Wintersemester 2002/03
Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft

"Welche Wirklichkeit bitte...?" –
Programmatik und Milieus des New Journalism

von: Jörg Hackhausen

 


1. Einleitung 3

2. Definition und Abgrenzung des „Neuen Journalismus“ 4

2.1. Anfänge des New Journalism 4
2.2. Selbstverständnis, Methode und Themen der New Journalists 5

3. Merkmale, Stilmittel und Schreibweisen des New Journalism 7

3.1. Perspektive 7
3.2. Sprache 8
3.3. Rhythmus 8
3.4. New Journalism vs. Established Journalism 9

3.4.1. Medienwirklichkeit 10
3.4.2. Subjektivität als ehrliche Wahrheit 11

4. New Journalism in Deutschland: Zeitgeistmode oder Wegbereiter 12

4.1. Milieus des New Journalism 12
4.2. Beispiel Tempo: Wegbereiter oder Zeitgeistmode? 13

4.2.1. Programmatik von Tempo 15

4.3. New Journalism wird Pop(ulär)-Kult(ur) 17
4.4. Der „Fall Tom Kummer“ und der Abstieg 18

5. Schluss 21

Quellen 23




 

1. Einleitung

New Journalism ist nicht neu. Aber er ist anders als der Mainstream des Nachrichten- oder Informationsjournalismus. Ein New Journalist schreibt anders, denkt anders und ist anders. Wahrscheinlich unterscheidet er sich am meisten in Auffassung seines Berufs vom konventionellen Journalisten. „Das ewige neutrale Getue des Reporters“1 ist es, was Helge Timmerberg „auf die Nerven“ geht; Timmerberg ist einer der bekanntesten deutschen New Journalists, seitdem New Journalism aus den USA in den achtziger Jahren auch nach Deutschland kam. „Was immer sie in orthodoxen Journalistenschulen sagen, es ist falsch“, meint Timmerberg, „Halt’ dich raus, sagen sie. Dich gibt es nicht. Deine Gedanken, Hoffnungen, Träume, Sehnsüchte, Fehler, Visionen... vergiss es. Du bist lediglich ein kabelloses Mikrofon, so ’ne Art Medium.“2 Der neutrale Beobachter ist für Timmerberg nichts als „blöde Heuchelei“3. New Journalism ist nicht objektiv, darin liegt die Stärke dieser Denkschule. Dass Journalismus ein Abbild der Realität, ein Spiegel der Wirklichkeit, ein fast wissenschaftliches Verfahren der Wahrheitsfindung sein soll, interessiert den New Journalist nicht. Der New Journalist bemüht sich nicht, nach der einen, absoluten Wahrheit zu suchen; denn die ist nicht zu haben.

Stattdessen rückt der Reporter in das Zentrum der Geschichte, schildert das Geschehen aus seiner Perspektive. Das ist subjektiv und vielleicht manchmal näher an Literatur, als an dem, was Journalismus traditionellerweise ist. Subjektivität ist ein Element, das New Journalism vom etablierten Journalismus, dem sogenannten Established Journalism, unterscheidet. Diese und weitere Unterscheidungen sind Gegenstand der vorliegenden Arbeit. Zur Definition und Abgrenzung des New Journalism werden zunächst die Anfänge und das Selbstverständnis der ersten New Journalists in den USA dargestellt, dann Merkmale, Stilmittel und Schreibweisen sowie die Wirklichkeitskonstruktion des New Journalism erläutert. In einem zweiten Schritt geht die Arbeit ein auf Milieus für New Journalism in Deutschland, beschrieben wird die Entwicklung von Vorreitern wie der Zeitschrift Tempo, bis zum Pop-Journalismus Mitte der neunziger Jahre und dem Rückschlag im Jahr 2000, durch den Skandal um Tom Kummer. Mit Blick auf die Gegenwart stellt sich die Frage, ob und wenn ja, welchen Einfluss die „Bewegung New Journalism“ auf die Presse in Deutschland hat.

2. Definition und Abgrenzung des „Neuen Journalismus“

2.1. Anfänge des New Journalism

New Journalism wurde geboren in den USA der sechziger Jahre, er ist ein Produkt des Wertewandels jener Zeit.4 Zur Zeit der Beat- und Hippie-Generation, in einer Zeit die „chaotisch, zersplittert, ziellos, unzusammenhängend, mit einem Wort: absurd“5 war, waren es wenige Journalisten der neuen Generation, die den Journalismus heraus fordern und dessen traditionelle Regeln brechen wollten. Der rationale, distanzierte Nachrichtenjournalismus konnte den gesellschaftlichen Wandel nach Ansicht der „neuen“ Journalisten nicht darstellen, zu kühl und nicht nah genug an den Menschen war die faktenorientierte Berichterstattung.6 Die Antwort der jungen Autoren war radikale Opposition zum Methodenkanon des Informationsjournalismus mit seiner strikten Trennung von Nachricht und Meinung, von Fiction und Nonfiction.7 Autoren des New Journalism wie Tom Wolfe, Jimmy Breslin oder Gay Talese profitierten vom Lebensgefühl der späten sechziger und frühen siebziger Jahre, ihre Texte fanden zunächst Verbreitung in der noch jungen „Underground Press“, ehe sie ein Massenpublikum fanden. New Journalism war mehr als die momentane Stimmung einer Subkultur, es war ein Programm mit eigenen Zielen und eigenen innovativen Techniken „als Waffe gegen den ‚anämischen’ Faktenjournalismus“8 – Erzählung statt Wiedergabe, Intuition statt Analyse, Menschen statt Dinge, Stil statt Statistik9 hießen die Schlagwörter.

Gemeinsamkeiten, die erlauben, von New Journalism als einer Art Denkschule des Journalismus zu sprechen, sind Subjektivität – entgegen dem Ritual von objektiver Berichterstattung im Informationsjournalismus –, literarische Techniken, authentische Sprache, zeitgeistige Themen, emotionales eingehen auf die Protagonisten und oft ein soziales Anliegen.10 So neu wie der Name vermuten lässt, waren die Techniken des New Journalism, etwa die Verbindung von Journalismus und Literatur, allerdings nicht. Vorformen von literarischem Journalismus oder journalistischer Literatur existierten im 19. Jahrhundert schon bei Mark Twain, Daniel Defoe, Charles Dickens, Emile Zola, später Ernest Hemingway, Antoine de Saint-Exupéry oder Albert Camus.11 Weitere Vorläufer der New Journalists waren die Kriegsberichterstatter des Zweiten Weltkriegs, deren Geschichten oft Einzelschicksale, sogenannte „Mikrothemen“, erzählerisch skizzierten. Ihre Methoden übernahmen zahlreiche New Journalists in Reportagen über den Vietnam Krieg.12 Das Neue, was „neue“ Journalisten von ihren Vorfahren unterscheidet und zu New Journalists macht, ist ein programmatisches Konzept und das gemeinsame Bewusstsein einer Bewegung – nicht ohne ihre Wurzeln zu verleugnen. Im Gegenteil, Tom Wolfe etwa, als vielleicht prominentester Vertreter des New Journalism überhaupt, war fasziniert von Reporterbildern aus den 20er Jahren und dem Lebensgefühl der Zeit.13

2.2. Selbstverständnis, Methode und Themen der New Journalists

[...]


1 Medium Magazin (2/1988): „Das Glück des Süchtigen“.

2 Ibid.

3 Ibid.

4 Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 1. [Die Seitenangaben beziehen sich auf die Druckversion des Artikels im Internet.]

5 Wolfe, Tom: Dichter in den Dreck. Manifest für den großen wahren Roman. In: TransAtlantik (3/1990), 17. Zitiert nach: Homepage: Wallisch (2000).

6 Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 1.

7 Vgl. Haas (1999), 340.

8 Homepage: Wallisch (2000), 1.

9 Haas/ Wallisch (1991), 298.

10 „In der Literatur gibt es eine Reihe von Etikettierungen, die unter dem Begriff ‚New Journalism’ subsumiert werden: sie reichen vom ‚Präzisions-Journalismus’ über den literarischen zum advokatorischen Journalismus. Solche Zuordnungen sind [...] tendenziell falsch, weil unter dem New Journalism, eben ein eigenständiges berufliches Programm mit spezifischen Merkmalsausprägungen verstanden wird, das [...]nicht in allem mit den genannten Journalismen übereinstimmt.“ Haas (1999), 340.

11 Haas (1999), 342; Homepage: Wallisch (2000), 2.

12 Vgl. Homepage: Wallisch (2000), 2.

13 Ibid., 2.

Kommentare

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