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Autor: Franziska Hoch
Fach: Frauenstudien / Gender-Forschung
Details
Institution/Hochschule: Humboldt-Universität zu Berlin (Erziehungswissenschaften)
Tags: Schöne, Barbie, He-Man, Einfluss, Fernehenes, Sozialisation, Kindern, Beispiel, Zeichentrickfiguren, Geschlechtsspezifische, Sozialisation, Jungen, Mädchen
Jahr: 2006
Seiten: 38
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 33 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 265 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-55178-6
Sehr umfangreiche Arbeit, die auch Basisfragen behandelt wie "Kindliches Lernen am Modell", "Spielverhalten", "Mediatisierung des kindlichen Alltags" und "Kommerzialisierung von Zeichentrickfiguren".
Textauszug (computergeneriert)
Humboldt – Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät IV
Institut für Erziehungswissenschaften
HS Geschlechtsspezifische Sozialisation in der Schule
WS 2005/06, 11.Fachsemester
Schöne Barbie trifft starken He-Man – Zum Einfluss des Fernehenes auf die
geschlechterrollenspezifische Sozialisation von Kindern
am Beispiel stereotypisierter Zeichentrickfiguren
von: Franziska Hoch
Inhaltsverzeichnis
1. Problemstellung und Überblick 3
2. Grundlagen kindlicher Geschlechtsidentität 5
2.1. Heteronormative Zweigeschlechtlichkeit als tradiertes kulturelles System 5
2.2. Die Ausbildung von Geschlechterrollenidentität bei Mädchen und Jungen 7
3. Das Fernsehen als wichtige Sozialisationsinstanz 11
3.1. Mediatisierung des kindlichen Alltags 11
3.2. Darstellungsmuster von Weiblichkeit und Männlichkeit im Fernsehen 15
3.3. Identifikationsfiguren in Zeichentrickserien und -filmen 16
3.3.1. Mögliche Analysekategorien zur Auswertung von Zeichentricksendungen 18
3.3.2. Zur Herstellung weiblicher Leitbilder 19
3.3.3. Zur Herstellung männlicher Leitbilder 20
3.3.4. Zusammenfassung: Spiegelung von Interessen, Wünschen und Ängsten 21
3.4. Medienwirkungen und deren Verarbeitung im kindlichen Alltag 24
3.4.1. Phantasie- und Spieltätigkeit 24
3.4.2. Informationsverarbeitende Interaktion im Alltag 28
3.5. Der Aufbau von Ersatzwelten 30
4. Zusammenfassung und Ausblick 32
5. Literaturverzeichnis 37
1. Problemstellung und Überblick
Als einen festen Bestandteil der kindlichen Sozialisation sind heute unweigerlich die Medien auszumachen, insbesondere das Fernsehen. Sie fungieren als Mittler der menschlichen Kommunikation und Interaktion und sind inzwischen neben den Eltern, der Schule und den Kamerad/innen längst als einflussreiche und wirkungsmächtige Sozialisanden zu werten. Die Familie ist nicht mehr alleiniger Ort, an dem Handlungsmuster, Wertsysteme und Meinungen entstehen. Eltern haben ihre Autorität als Vorbilder für kindliches Verhalten im Zuge der Mediatisierung zwangsläufig eingebüßt. Stattdessen liefert das Fernsehen den Kindern ein weites Spektrum an Orientierungsmöglichkeiten. So wird es einerseits als Garant der Freiheit und der Bewusstseinserweiterung über den eigenen Horizont hinaus positiv bewertet, andererseits werden ihm negative, passivitätsbefördernde und illusionierende Eigenschaften zugeschrieben.
Zu Beginn meiner Arbeit setze ich mich grundlegend mit dem Aneignungsprozess der kindlichen Geschlechtsidentität auseinander. Hierzu gehe ich zuerst auf das vorherrschende kulturelle System der Zweigeschlechtlichkeit ein, welches als alle gesellschaftlichen Bereiche umfassende Matrix durch Bipolarität und Heteronormativität gekennzeichnet ist. Im Anschluss befasse ich mich mit der Ausbildung, das heißt der Auseinandersetzung und Umsetzung von Geschlechterrollenidentität als zentralem Bestandteil der Selbstdefinition. Durch die Nachahmung von Modellen, die als statushöher und erfolgversprechend eingeschätzt werden, werden innerhalb bestimmter gesellschaftlich tradierter und anerkannter Orientierungsmuster die Ich – Grenzen abgesteckt und in einem geradlinigen Entwicklungsverlauf Subjektivität ausgebildet. Im darauf folgenden Hauptteil behandle ich vorerst die Etablierung der Medien im Alltagsleben und die daraus resultierenden Veränderungen für die Rezipient/innen. Die Mediatisierung kindlicher Erfahrungswelten lässt sich anhand zahlreicher empirischer Untersuchungen nachweisen. So befasse ich mich mit dem Sehverhalten von Kindern, den charakteristischen Merkmalen ihrer Medienrezeption und ihren Fernsehpräferenzen. Besonders der geheimnisbeladene, zukunftsweisende Taburaum von Erwachsenensendungen findet reges Interesse. Anschließend gehe ich genauer auf die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit im Gesamtprogramm ein. Sie ist geprägt durch eine eindeutige Verschiebung realer Verhältnisse hin zu Idealisierung, Stereotypisierung und Hierarchisierung von Geschlechterbildern.
Ein besonderes Augenmerk lege ich im Folgenden auf die bei Kindern besonders beliebten Zeichentrickserien und -filme, die zumindest für Jungen eine ganze Reihe von Identifikationsfiguren bereithalten. Bevor ich mich näher mit den vorgeführten Leitbildern für Mädchen und Jungen beschäftige, offeriere ich mögliche Analysekategorien zur Auswertung von Kindersendungen. Anhand der Untersuchung von Personen- und Situationsdarstellungen lassen sich spezifische Muster erkennen, die darauf hinweisen, dass gerade im Kinderprogramm verstärkt Geschlechterrollenstereotype Anwendung finden und den Kindern auf diese Weise automatisch als richtungsweisende Modelle dienen. Besonders auffällig ist hierbei, dass weibliche Aneignungsmuster relativ selten empirisch und wissenschaftsanalytisch untersucht werden, da das Hauptaugenmerk auf den Einflüssen medialer Gewaltdarstellungen liegt, welche hinsichtlich der Genrepräferenzen potenziell eher auf Jungen zutreffen. Ich versuche deshalb, in meiner Arbeit ein Gleichgewicht zwischen Mädchen und Jungen herzustellen bei der Auswertung von medialen Vorbildern, Wahrnehmungsschwerpunkten und Verarbeitungsstrategien. Unter Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Interessen, Wünsche und Fähigkeiten, die einerseits von Mädchen und Jungen bereits ausgebildet sind und im Zuge der omnipräsenten Geschlechterordnung größtenteils als gegeben vorausgesetzt werden, andererseits von den Medien in starkem Maße forciert und damit fixiert werden, wirkt das Fernsehen als Katalysator zur Herstellung bestimmter kindlicher Erwartungsmuster und stark polarisierender Typisierungen.
Dies zeige ich im nächsten Abschnitt auf, in dem ich mich mit der Phantasie- und Spieltätigkeit von Mädchen und Jungen beschäftige. Als Beispiele dienen hier die Plastikpuppen Barbie und He – Man, die durch die allgegenwärtigen Kommerzialisierung bei fast allen Kindern als typisch weibliche bzw. männliche Identifikationsfiguren fungieren. An ihnen werden eigene Konzepte gespiegelt, Modelle ausprobiert und Varianten gefunden, die sich sowohl an medialen, als auch an realen Vorbildern orientieren. In der Kombination verschiedener Vorlagen findet so eine individuelle Verarbeitung statt, die ausdrücklich in Beziehung zu setzen ist mit dem Sozialisationshintergrund, das heißt mit den Erfahrungen, Kenntnissen und Motivationen des einzelnen Kindes. Durch die Integration bestimmter Facetten in eigene Persönlichkeitskonzepte, durch die Kommunikation und Interaktion im Alltag lassen sich so die umfangreichen Wechselwirkungen zwischen Medienangebot und Subjekt feststellen, die sich in der Formierung eines entwicklungsspezifischen kindlichen Weltbildes niederschlagen. Im dialogischen Aufeinandertreffen von medialer und realer Wirklichkeit entstehen so Erfahrungsstrukturen, die in Bezug auf den weiteren Sozialisationsprozess durchaus weitreichende Konsequenzen haben. Abschließend und zusammenfassend setze ich mich im letzten Teil meiner Arbeit mit den Kategorien der mittelbaren und der unmittelbaren Erfahrung auseinander. Im Schnittpunkt von Fernseh- und Direktrealität formieren sich Realitätskonstruktionen, Wertvorstellungen, Lebensanschauungen und Zukunftsentwürfe, die die Ausbildung kindlicher Identität nachhaltig beeinflussen. Inwieweit sich dabei massenmedial vermittelte Inhalte in individuellen Vorstellungen von Kindern wiederfinden lassen, sie damit als Abbild eines Bildes zu werten sind und einen Verweisungszusammenhang zwischen System und Individuum herstellen, gilt als zentrale Fragestellung meiner Arbeit.
2. Grundlagen kindlicher Geschlechtsidentität
2.1. Heteronormative Zweigeschlechtlichkeit als tradiertes kulturelles System
Dass in den weitaus meisten Teilen der Welt das System der Zweigeschlechtlichkeit vorherrscht und dabei auf die elementarsten gesellschaftlichen Strukturen einen überaus prägnanten Einfluss ausübt, scheint als „einzig mögliche Realität“1 ebenso selbstverständlich wie unreflektiert zu geschehen. Jede Person, ihr Verhalten und ihr Interagieren in der Gesellschaft sind durch diese bipolare Matrix bestimmt und folgen trotz persönlicher Individualisierung größtenteils automatisierten Schemata, die gerade wegen ihrer Unsichtbarkeit unhinterfragt bleiben. Grundlage hierfür ist ein „entsprechendes Alltagswissen, um Geschlecht eindeutig und unveränderbar einzuordnen, um sich selbst als Frau oder Mann bzw. Mädchen oder Junge erkennbar zu zeigen bzw. andere nach diesem Muster zu identifizieren“2.
Das biologisch nachweisbare Geschlecht eines Menschen gilt dabei als grundlegende und hierarchisierende3 Eigenschaft, es ist zentrale „Ausschlusskategorie“4, aufgrund derer sie/er sich selbst inszeniert und von Anderen wahrgenommen, kategorisiert und bewertet wird.5 Die kollektive, polare Kategorisierung gilt hierbei als legitimierendes Ordnungsprinzip. Es sichert über die eindeutige Zuordnung zu nur einem Geschlecht die Herstellung von Identität und damit die Verortung im sozialen System. Frauen und Männer konstruieren sich dabei als „gegensätzlich oder zumindest unterschiedlich: Der Erwerb einer unveränderlichen Geschlechtsidentität ist Grundvoraussetzung (und Folge) der Teilhabe am sozialen Leben“6. Verstoß oder Verweigerung werden mit Ausgrenzungen oder gar Sanktionen belegt, da die Individuen „erst durch angemessene Geschlechtsdarstellungen [...] zu vollwertigen und akzeptierten Gesellschaftsmitgliedern“7 werden.
Da die Genitalien jedoch meistenteils verdeckt sind, können es lediglich Äußerlichkeiten, subtile Signale und die Performanz der/des Einzelnen sein, die ausschlaggebend sind für die biologische Annahme. Es handelt sich so vielmehr um „kulturelle Genitalien“8, die als folgerichtige Konsequenz aus der Indiziensuche anhand von tradierten Eigenschaftskatalogen erwächst. Ausschlaggebend für individuelles Verhalten sind sowohl die Situation, als auch die Beziehung der Interaktionspartner/innen und die lebensgeschichtliche Entwicklung der Individuen, sodass Geschlechtertypisches durchaus variieren kann. Vorrangig ist es also die kulturell codierte und fixierte Geschlechterrolle, die erst auf das biologische Geschlecht verweist und die „Herausdifferenzierung von soziopsychologischen Geschlechtsunterschieden qua Rollenübernahme“9 aufzeigt. Das zu bewertende darstellende Gegenüber erhält gewissermaßen einen „Vertrauensvorschuß“10. Eindrücke werden als kulturspezifische Entcodierungsleistung hinsichtlich der binären Geschlechterordnung zum Richtwert hin korrigiert, um der gesellschaftlich gestützten Erwartung zu entsprechen. Hier wird der Aspekt der „self- fullfilling prophecy“ relevant. Übereinstimmende Eigenschaften des Gegenübers mit den Geschlechterrollenstereotypen werden „bevorzugt berücksichtigt und erinnert [], während andere [gegenläufige] Informationen vernachlässigt oder sogar uminterpretiert werden“11. Dieses unbewusste Verfahren wirkt sich äußerst verhaltensrelevant aus, denn der stete Zwang, das Selbst und das Gegenüber eindeutig zuzuordnen und stimmig zu machen, schlägt sich in der individuellen Psychodynamik nieder und nährt die Herausbildung von stereotypen Wahrnehmungsschemata.
[...]
1 Hilgers: S. 68.
2 Hilgers: S. 68.
3 Auf den Aspekt der Hierarchisierung von Weiblichkeit und Männlichkeit im System der Zweigeschlechtlichkeit möchte ich an dieser Stelle nicht gesondert eingehen, da er im Zusammenhang meiner Arbeit nicht relevant ist. Trotzdem sei auf die Ausführungen von Fuchs verwiesen, welche, Bezug nehmend auf Becker – Schmidt/ Knapp und Enders – Dragässer, die Bewertung weiblicher Identität als das Besondere, das untergeordnete Komplementäre und als „Prozeß der Fluchten aus dem Identitätszwang, der mit der gesellschaftlichen Normalkonstruktion des Weiblichen gesetzt ist“ (Becker – Schmidt/ Knapp) beschreibt. „Ausgrenzungen sind ein zentrales Element für die Entstehung der paradoxen Realität, mit der sich Mädchen und Frauen von klein auf und lebenslang auseinanderzusetzen haben.“ (Enders – Dragässer) Ein authentisch – weiblicher Standpunkt und Blickwinkel sei außer Betacht gelassen zugunsten eines stereotypen Idealbildes, „[a]uch sie werden damit um die Evidenz ihrer Lebenspraxis und ihrer persönlichen Lebensäußerungen gebracht“. (Enders – Dragässer) Fuchs: S. 44f.
4 Bilden: S. 294.
5 Fuchs spricht davon, die „Kategorien Mann/ Frau als Symbole in einem sozialen Sinnsystem zu begreifen“ und zitiert Hagemann – White: „Wir können an keine Gesellschaft mit der naiven Annahme herantreten, wir wüßten ja schon, was Frauen und Männer sind und woran man den Unterschied erkennt. Sinnsysteme sind nicht ohne Verständnis der Intention der Handelnden zu begreifen, aber auch nicht ohne die historischen und sozialen Bedingungen, unter denen sie ihren Schein der Naturhaftigkeit erhalten.“ Fuchs: S. 40. Ebenso: „Als Mädchen oder Frau zu leben ist in dieser Gesellschaft von Grund auf ein anderes Dasein als das von männlichen Individuen; die Geschlechter sind so unterschiedlich, daß sie selbst dann, wenn sie scheinbar Gleiches tun, es doch verschieden erfahren und verarbeiten .“ Hagemann – White zitiert bei Fuchs: S. 53.
6 Bilden: S. 294.
7 Keuneke: S. 25.
8 Kessler/ McKenna zitiert bei Keuneke: S. 29.
9 Hilgers: S. 54.
10 Keuneke: S. 26.
11 Hilgers: S. 74.
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