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Autor: Edith Stelzl
Fach: Geschichte - Neueste Geschichte, Europäische Einigung
Details
Tags: Deutscher, Herbst, Herausforderung, Staat, Gesellschaft, Jahren
Jahr: 2004
Seiten: 36
Note: 1.3
Literaturverzeichnis: ~ 72 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 215 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-55488-6
Textauszug (computergeneriert)
Seminararbeit aus dem Fach Geschichte
Thema:
„Deutscher Herbst“ - Herausforderung von Staat und Gesellschaft
in den 70er Jahren
von
Edith Stelzl
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Geschichte des „Deutschen Herbstes“ 5
2.1. Das Attentat auf Generalbundesanwalt Siegfried Buback und das Ende der Stammheim-Prozesse 5
2.2. Die Ermordung Dr. Jürgen Pontos und der versuchte Anschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe 6
2.3. Die Entführung und Ermordung Hanns Martin Schleyers, die Entführung der „Landshut“ und der Selbstmord der Stammheimer Gefangenen 7
3. Gefahr der Erpressbarkeit des Rechtsstaates 10
3.1. Verhandlungsführung der Bundesregierung 10
3.1.1. Grundzüge und Richtlinien der Bonner Krisenstäbe 10
3.1.2. Gründe für die Entscheidung 13
3.1.2.1. Darstellung der Lorenz-Entführung 13
3.1.2.2. Vergleich des Schleyer-Falls mit der Entführung von Peter Lorenz 15
3.1.2.3. Befürchtungen bei einem Einlenken der Bundesregierung 16
3.2. Fehlerhafte Organisationsstruktur der Polizeibehörden am Beispiel der Fahndungspannen 17
3.3. Die Judikative am Beispiel der Anrufung des Bundesverfassungsgerichts durch Hanns Eberhard Schleyer 19
3.4. Der Tod der Gefangenen in Stammheim und seine Auswirkung auf die Vertrauenswürdigkeit des Staates 21
4. Haltung der Gesellschaft 23
4.1. Verunsicherung der Gesellschaft durch den Terrorismus 23
4.2. Die Wirkung des „Deutschen Herbstes“ auf die Linke 25
5. Fazit über den „Deutschen Herbst“ und die Entwicklung der RAF nach 1977... 27
Anhang 29
Anmerkungen 29
Literaturverzeichnis 38
1. Einleitung
Der sogenannte „Deutsche Herbst“ bezeichnet die 44 Tage im September und Oktober 1977 während der Entführung von Hanns Martin Schleyer und der Lufthansa-Maschine „Landshut“ und endete mit dem Selbstmord von Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe im Hochsicherheitstrakt des Stammheimer Gefängnisses. Die Vorgeschichte dazu begann jedoch schon im Frühjahr 1977 mit dem Attentat auf Siegfried Buback und führte über die Ermordung Jürgen Pontos und den Anschlag auf die Bundesanwaltschaft zum 5. September 1977.
Der Ausdruck „Deutscher Herbst“ oder oft auch „Heißer Herbst“ steht jedoch nicht nur für die unmittelbaren terroristischen Aktionen und die damit zusammenhängenden politischen Entscheidungsprozesse. Auch die allgemeine Verunsicherung und die Verschleierungstaktik der Bundesregierung, bedingt durch eine Nachrichtensperre, muss in die Betrachtung miteinbezogen werden. Zudem stellt es die kalte und brutale Vorgehensweise der Terroristen dar. Doch wie kam es dazu, dass sich eine Minderheit der anfangs friedlich demonstrierenden Studentenbewegung zum bewaffneten Widerstand gegen den Staat entschloss und die noch junge Demokratie in bis dahin ungeahnter Weise herausforderte? Was bewog die Beratungsgremien die Staatsraison und das Wohl der Gesamtheit der Bürger über das Leben von Hanns Martin Schleyer und das der Geiseln der „Landshut“ zu stellen?
Die Wiederentdeckung des Marxismus als aktuelle Gesellschaftstheorie bildete die geistige Basis für die studentische Protestbewegung in den sechziger Jahren. Nach anfänglichen Protesten gegen reformunwillige Hochschulen und autoritäre Professoren entwickelte sich diese zu einer politischen Bewegung, die sich gegen die verdrängte Vergangenheit im Nachkriegsdeutschland, die Große Koalition, die Notstandsgesetze und das umstrittene Vorgehen der US-Armee in Vietnam auflehnte und in Revolutionären wie Che Guevara und Ho Chi Minh ihre Idole sah.1 Unter Führung des Sozialistischen Studentenbundes (SDS) bildete sich 1967 die außerparlamentarische Opposition (APO), die sich nach dem gewaltsamen Tod Benno Ohnesorgs am 02. Juni 1967 und dem Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968 radikalisierte. Bei den darauf folgenden Osterunruhen 1968 mit circa 45.000 Teilnehmern erlebte die Studentenbewegung ihren Höhepunkt. Doch die zu Beginn propagierte Unterscheidung zwischen „Gewalt gegen Sachen“ und der vom größten Teil der Studenten abgelehnten „Gewalt gegen Personen“ drohte im Aktivismus auf der Straße unterzugehen. Nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze verlor die APO allerdings ihr einigendes Thema und spaltete sich in der Folgezeit in verschiedene Gruppierungen auf.
Bereits vor dem Dutschke-Attentat hatten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein am 3. April 1968 zwei Frankfurter Kaufhäuser in Brand gesteckt um „gegen die Gleichgültigkeit der Gesellschaft gegenüber den Morden in Vietnam zu protestieren“2 und waren dafür wegen menschengefährdender Brandstiftung zu drei Jahren Haft verurteilt worden. Bei einem Freigang in das „Institut für soziale Fragen“ wurde Andreas Baader am 14. Mai 1970 mit Waffengewalt befreit.
Dieser 14. Mai wird als eigentliche Geburtstunde der späteren Roten Armee Fraktion, „entstanden aus der Konkursmasse der Studentenbewegung“3, angesehen. Im Sommer 1970 floh die Baader-Meinhof-Gruppe nach Jordanien um in einem palästinensischen Ausbildungslager den Untergrundkampf zu erlernen. Nach der Rückkehr in die Bundesrepublik begannen sie in Anlehnung an den Leitfaden von Carlos Marighella4 mit dem Aufbau der Logistik, welche die Voraussetzungen für ihren erklärten Plan, eine „Offensive des Terrors“, schaffen sollte.5 Im „Konzept Stadtguerilla“ aus dem Jahr 1971 legte die Baader-Meinhof-Gruppe unter ihrem neuen Organisationsnamen Rote Armee Fraktion6 (RAF) ihre Ziele dar. Im Bezug auf das bolivianische „Konzept der Stadtguerilla“ versteht sie sich als „Avantgarde eines später zu entfachenden Volkskrieges zur Umwälzung der Machtverhältnisse in diesem Land und dereinst auf der ganzen Welt“7. Im Mai 1972 verschärfte die RAF in der sogenannten „Mai- Offensive“ mit einer Serie von Bombenanschlägen den Kampf gegen den Imperialismus und die US-Militärpräsenz in Westdeutschland und in Westberlin. Die Hauptakteure der RAF wurden nach einer groß angelegten Fahndungsaktion innerhalb weniger Wochen gefasst und in verschiedene Haftanstalten gebracht. Am 21. Mai 1975 begann auf dem Gelände der Strafanstalt in Stuttgart-Stammheim vor dem Oberlandesgericht Stuttgart der Prozess gegen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe. Nach der Verhaftung dieser ersten Generation formierten sich neue, getrennt voneinander operierende Gruppen, deren oberstes Ziel darin bestand die RAF-Häftlinge aus den Gefängnissen zu befreien um anschließend gemeinsam den bewaffneten Kampf fortzusetzen.8 Die zweite Generation der RAF setzte sich hauptsächlich aus Mitgliedern sogenannter „Folterkomitees“9 und „Rote Hilfe“10 - Gruppen zusammen, die aus Empörung über die vermeintliche Unmenschlichkeit der Haftbedingungen, vor allem nach dem Tod von Holger Meins11, den Weg in den Untergrund antraten. Kurz vor Beginn des Gerichtsverfahrens gegen die Mitglieder der ersten Generation versuchte die „neue RAF“ mit der Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm die Freilassung der inhaftierten Gesinnungsgenossen zu erpressen.
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1 Vgl. Weber, J., 22003, S. 113.
2 Reinders, R. / Fritsch, R., 1995, S. 160.
3 Zitiert nach Ulrike Meinhof, in: Peters, B., 1991, S. 81.
4 „Mini-Handbuch der Stadtguerilla“, das wegweisend für die Taktik zahlreicher westeuropäischer Terrorgruppen wurde.
5 Vgl. Peters, B., 1991, S. 95.
6 „Rote Armee Fraktion“ = Dieser Begriff soll ausdrücken, dass es sich um einen Teil einer weltumspannenden Roten Armee handelt.
7 Breleor, H., todesspiel - teil 2: entführt die landshut.
8 Vgl. Peters, B., 1991, S. 191.
9 Zu den Folterkomitees zählte beispielsweise das „Komitee gegen Isolationsfolter in den Gefängnissen der BRD“, dessen Ziel es war die Öffentlichkeit und die politisch Verantwortlichen von der Abschaffung der „Isolationshaft“ für politische Häftlinge zu überzeugen.
10 Die „Rote Hilfe“ wurde 1968 von Anhängern der „Neuen Linken“ gegründet um Inhaftierte mit Rat und Tat zu unterstützen. Sie engagierte sich in den 70ern gegen die, in ihren Augen, unmenschlichen Haftbedingungen der RAF-Häftlinge.
11 Während des dritten kollektiven Hungerstreiks starb Holger Meins trotz „Zwangsernährung“ an den Folgen seiner Unterernährung.
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