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Autor: Christian Rabhansl
Fach: Soziologie - Medien, Kunst, Musik
Details
Tags: Intimisierung, Medien, Medienopfer-Syndrom
Jahr: 2005
Seiten: 57
Note: 1,7
Literaturverzeichnis: ~ 51 Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 402 KB
ISBN (E-Book): 978-3-638-55523-4
Textauszug (computergeneriert)
Universität Dortmund
Wintersemester 2004/2005
Die Intimisierung der Medien und das Medienopfer-Syndrom
von: Christian Rabhansl
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Die Intimisierung der Medien 5
1.1. Wie die intimen Formate das Fernsehen verändern 5
2. Die Folgen der Intimisierung 10
2.1. Was die intimen Formate dem Einzelnen antun können: das Medienopfer-Syndrom 11
2.3. Warum die intimen Formate Akteuren und Zuschauern gut tun können 15
2.4. Die wachsende Bedeutung der Selbstbestimmung 22
2.5. Die Beschränkungen der intimen Formate 24
2.6. Wenn es zur sozialen Katastrophe kommt 30
Die diffamierte Mutter 30
Das diffamierte Mädchen 32
Der diffamierte Show-Kandidat 34
3. Der Fall der Regina Zindler 37
Der „Maschendrahtzaun“-Text 40
4. Schlussbemerkung 53
Quellen 54
Einleitung
Jeder hat das Recht auf 15 Minuten Ruhm. Diesen berühmten Satz äußerte Andy Warhol, begnadeter und gnadenloser Inszenierer seiner selbst, auf die ihm typische Weise: ironisch. Diese Ironie scheint heute in Vergessenheit zu geraten. Immer mehr Menschen scheinen diesen Satz über die fünf ruhmreichen Minuten als eine Aufforderung zu verstehen, als einen einzulösenden Anspruch, als eine Zusage. Und so drängen unbekannte Menschen in ungekannten Massen in die Medien, um ihren Ruhm zu erhalten. Die Medien empfangen sie dankbar und erfinden für diesen Zweck ständig neue Formate – von der Talkshow über die Gerichtsshow zur Therapieshow. Diesen Formaten ist eines gemein: Sie drehen sich um das Private und Intime, um den einzelnen Menschen. Man kann hier von „intimen Formaten“ sprechen. Das Intime und das Private erfahren auch jenseits der intimen Formate eine ständig wachsende Bedeutung. Politiker versuchen heute ihre Menschlichkeit zu beweisen, indem sie die Nation durch Homestorys in ihr Wohnzimmer blicken lassen. Manchmal scheinen sie sogar jeglichen Eindruck von Politik abschütteln zu wollen, wenn sie beispielsweise mit einem Wohnmobil auf Wahlkampf-Tournee gehen, als wären sie Popstars. Doch nicht nur Politiker nutzen die Stilmittel der intimen Formate zur Selbstinszenierung, viele Medien inszenieren umgekehrt die Politik in wachsendem Maße wie intime Formate.
Diese Arbeit will die Frage nach den psychosozialen Folgen der Intimisierung stellen – nach den Folgen für die unbekannten Akteure der intimen Formate, und vor allem nach den Folgen für unfreiwillige Unbekannte, die in den Fokus der intimen Formate geraten. Der Züricher Psychologe Mario Gmür meint bereits „das Medienopfer-Syndrom“1 entdeckt zu haben und geht von einer künftig drastisch steigenden Zahl von Betroffenen aus.
Exemplarisch soll dazu der Fall der Regina Zindler und ihres „Moschndraohdzaauns“ geschildert werden, die durch einen Song des Moderators Stefan Raab im Jahr 2000 und die daraufhin einsetzende, in ihrer Intensi- tät bis dahin ungekannten Berichterstattung nahezu aller Medien fragwürdige Berühmtheit erlangten. Diese Entscheidung für Regina Zindler und den Maschendrahtzaun resultiert nicht etwa aus der Annahme, dass ihr besonders übel mitgespielt worden sei. Vielmehr ist ihr Fall ein ganz besonderer Grenzfall, da sie sich freiwillig in die Medien begeben, den Rummel zunächst bestärkt und dann die Kontrolle verloren hat. Das Konzept des „Medienopfers“ lässt sich deshalb an ihrem Beispiel besonders kontrovers diskutieren.
1. Die Intimisierung der Medien
1.1. Wie die intimen Formate das Fernsehen verändern
Zunächst soll geklärt werden, was im Rahmen dieser Arbeit mit den „intimen Formaten“ gemeint ist. Die Liste der intimen Formate ist lang und wird regelmäßig länger. Bereits seit über zehn Jahren laufen beispielsweise die vor- und nachmittäglichen Talkshows mit wechselnden Titeln und Moderatoren (Arabella2, Vera am Mittag3, Britt4; Die Oliver Geissen Show5) sowie die Spielshows (Glücksrad6). Hinzu kamen im Verlauf der Jahre Beziehungsshows (Nur die Liebe zählt7) und vorübergehend Suchsendungen (Bitte melde Dich!8), dann Gerichtsshows (Das Strafgericht9, Das Familiengericht10, Das Jugendgericht11, Richterin Barbara Salesch12, Richter Alexander Hold13).
Insbesondere dem Format der Therapieshow (Zwei bei Kallwass14, in gewissem Sinne auch Domian15) ist seit vielen Jahren gleichbleibend großer Erfolg beschert; derzeit wird das Format auf das Thema Kindererziehung ausgeweitet (Die Super Nanny16). Während diese Arbeit geschrieben wird, sucht RTL einen systemischen Therapeuten für eine systemische Therapieshow. Und sogar in Heimwerkershows, die sich als Informationssendungen gerieren (Einsatz in 4 Wänden17, Wohnen nach Wunsch18, SOS Do It Yourself19), zeigen Unbekannte der ganzen Nation, wie sie ihr Schlafzimmer einrichten.
Nicht zu vergessen sind in diesem Zusammenhang die abendlichen Comedy-Shows, speziell die Pro-Sieben-Sendung TV total mit Moderator Stefan Raab. Auf den ersten Blick handelt es sich hierbei um eine völlig andere Gattung der Fernsehunterhaltung, doch haben spätestens mit Stefan Raab die Elemente der intimen Formate in die Comedy Einzug gehalten. Wo früher noch Sketche im Fernsehen aufgeführt wurden (wie Sketch-Up20 oder Klimbim21), später dann Komiker auf der Bühne standen und Witze über sich oder andere Menschen machten, ist das Lachen über Einzelne bei Stefan Raab wesentlich persönlicher und intimer geworden. Beispielsweise macht Raab sich häufig über spezifische Gesten und Eigenheiten oder Fehler in der Aussprache lustig. Schon Harald Schmidt ist zu seinen frühen Zeiten für seinen sarkastischen, manchmal grausamen Humor gerügt worden. Doch Schmidt macht sich nicht über persönliche Eigenarten von Menschen lustig, er verspottet nicht den Einzelnen für beispielsweise einen Sprachfehler. Kurz: Sein Zynismus zielt auf die Sache und auf die Gesellschaft, nicht gegen den einzelnen, individuellen Menschen.
Raab dagegen führte schon zu Beginn seiner Fernsehkarriere bei dem Musiksender Viva22 Interviews mit Unbekannten auf der Straße, um komische Situationen herauszukitzeln, die ihre Komik stets aus den Unzulänglichkeiten der Befragten bezogen. Ein Beispiel mag dies veranschaulichen: Auf dem Höhepunkt der BSE-Krise in der Rinderzucht befragte Raab vor einem großen Supermarkt die Rentner, die mit vollem Einkaufswagen den Markt verließen. Dabei kramte er in ihren Einkäufen und ließ die überrumpelten Senioren Statements zum „Inderwahnsinn“ abgeben, ob beispielsweise Inder wegen des Inderwahnsinns Turbane tragen würden. Die meist überforderten Gesprächspartner mögen zwar gemerkt haben, dass irgendetwas nicht stimmte, plapperten jedoch (vielleicht aus Angst vor der laufenden Kamera) alles nach, was Raab ihnen vorgab. Derartige Situationen sind typisch für Raab: Das Lachen der Zuschauer ist kein Lachen über einen komischen Sachverhalt, sondern über die scheinbare Dummheit eines Einzelnen. Dass Raab im Laufe seiner Karriere dieses Spiel auch mit Semi-Prominenten trieb und treibt, ändert an der Art des Lachens kaum etwas.
Besonderheit der von Raab konzipierten, moderierten und koproduzierten Pro Sieben-Sendung TV total ist es, dass bislang unbekannte Menschen, die am Rande anderer Sendungen auftauchten, zu Hauptfiguren hochstilisiert und häufig lächerlich gemacht werden. Oft geschieht dies über mehrere Sendungen hinweg, bis die Verhöhnten in einer Art erzwungenen Freiwilligkeit als Studiogäste auftreten, um sich ausgerechnet in der Höhle des Löwen zu rehabilitieren. Nur die wenigsten sind jedoch medienerfahren genug, um mit der Häme souverän umzugehen oder gar zu kontern, wie es die TV-Komikerin Hella von Sinnen tat, als Raab ihr eine Schweinsmaske aufsetzte: „Du bist so eine fiese Sau, Stefan Raab. Wo ist da der Komikfaktor?“23
[...]
1 Gmür 2002, S. 184-193
2 Pro Sieben.
3 Sat 1.
4 Sat 1.
5 RTL.
6 Sat 1.
7 Sat 1.
8 Sat 1.
9 RTL.
10 RTL.
11 RTL.
12 Sat 1.
13 Sat 1.
14 Sat 1.
15 WDR.
16 RTL.
17 RTL.
18 Vox.
19 Pro Sieben.
20 ARD.
21 ARD.
22 Vivasion, Viva.
23 Focus [1].
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