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"Sie soll nur klug und gar nicht gelehrt werden" - Zur Diskussion über die lesende Frau im 18. Jahrhundert

Autor: Roman Kuhn
Fach: Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Lit.wiss.

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Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 15
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 25  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 201 KB
Archivnummer: V63228
ISBN (E-Book): 978-3-638-56327-7

Textauszug (computergeneriert)

Freie Universität Berlin
Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Proseminar: Lesen historisch, theoretisch, praktisch
Sommersemester 2006, Fachsemester: 2

"Sie soll nur klug und gar nicht gelehrt werden" –
Zur Diskussion über die lesende Frau im 18. Jahrhundert

von: Roman Kuhn

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung 3

II. Das Lesen und die „Frauenzimmer“ 4

1. Das Lesen 4
2. Die lesenden „Frauenzimmer“ 5

III. Belletristik als Lesestoff der Frau 7

1. „Wer Romanen list, der list Lügen“ 7
2. „Lesesucht“-Kritik 8

IV. Weibliche Lektüre und „Geschlechtscharaktere“ 10

V. Schlussbemerkung 13

Literaturverzeichnis 14



 

I. Einleitung

Im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, vollzogen sich tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Das aufstrebende Bürgertum machte sich auf, die alte Ständeordnung zu durchbrechen. An die Stelle der durch Geburt vermittelten, starren Ordnung sollte eine durch Bildung, gleichberechtigte Kommunikation und Vernunft vermittelte Gesellschaft treten, die sich an der Individualität des Einzelnen orientiert. Eng verknüpft mit diesen Veränderungen und der aufkommenden aufklärerischen Ideologie war ein Wandel der Medien: „Damit erhielten Buch und Lesen einen neuen Stellenwert im öffentlichen Bewußtsein […]. Das gedruckte Wort wurde zum bürgerlichen Kulturträger schlechthin.“1

Die bürgerliche Öffentlichkeit nutzte das gedruckte Wort – ob in Buchform oder als Zeitung und Zeitschrift –, um sich zu bilden, sich über die Welt aufzuklären, um miteinander in Beziehung zu treten und um sich Kenntnisse im Umgang mit der veränderten gesellschaftlichen Umgebung anzueignen.

Dass die folgenden Ausführungen auf die damals neu entstehende Gesellschaftsschicht des gehobenen und mittleren Bürgertums in Deutschland fokussiert sind, ist der tonangebenden Funktion dieser Gesellschaftsschicht in den literatursoziologischen Veränderungen – der „Leserevolution“ – geschuldet, ergibt sich aber nicht zuletzt auch aus dem begrenzten Umfang dieser Arbeit.

Doch wir haben es neben der Beschränkung auf die bürgerliche Sphäre noch mit einer weiteren zu tun: Die oben genannten epochalen Veränderungen des Lesens verschweigen, dass nur die Hälfte des Bürgertums sich die Früchte des Lesens und der Wissenschaft weitgehend uneingeschränkt und ohne Vorbehalte aneignen konnte. Der bürgerlichen Frau kam als Leserin im gesamten 18. Jahrhundert – und weit darüber hinaus, in Teilen bis heute – eine Sonderrolle zu. Eine dieser Frauen fragte in der Hamburger Zeitschrift „Menschenfreund“: Sind wir denn nicht so wohl vernünftige Creaturen, als die Mannspersonen? Und haben wir nicht das Recht, wie sie, unseren Verstand aufzuklären, die Schönheit der Tugend zu erkennen, und dasjenige aus den Wissenschaften zu lernen, was uns vernünftiger, angenehmer und leutseliger machen kann?2 Eben diesen Fragen soll hier nachgegangen werden: Welches Bild, oder besser: welche Bilder, der Frau beherrschten die Diskussion im 18. Jahrhundert, wie wurde die Fähigkeit oder Berechtigung der Frau zu Bildung und Lektüre eingeschätzt und zu welchem Nutzen sollte sie lesen? Im Folgenden soll zunächst die spezifisch aufklärerische Vorstellung von Lesen und die daraus resultierende Beurteilung der lesenden Frau dargestellt werden. Darauf soll die spezielle Rolle, die Romane in der zeitgenössischen Diskussion einnahmen, beleuchtet werden. Den letzten Abschnitt macht der Versuch aus, den Einfluss der sich im 18. Jahrhundert entwickelnden „Geschlechtscharaktere“ auf Folgen hinsichtlich der Beurteilung weiblicher Lektüre zu untersuchen.

II. Das Lesen und die „Frauenzimmer“

1. Das Lesen

Egal, ob man es nun eine „Leserevolution“ nennen will oder nicht,3 sicher ist, dass sich das Lesen im Laufe des 18. Jahrhunderts quantitativ und qualitativ stark veränderte. Waren im Jahr 1740 in Deutschland 755 Titel erschienen, sind es im Jahr 1770 bereits 1144 und am Ende des Jahrhunderts (1800) 2569 Titel.4 Doch nicht nur die schlichte Anzahl der Erscheinungen änderte sich drastisch: Im 17. Jahrhundert war die Buchproduktion im Wesentlichen „eine Produktion von Gelehrten für Gelehrte“5 gewesen. 1650 waren noch 67 Prozent der Titel in lateinischer Sprache verfasst. Dieser Anteil sank bis 1700 auf 38 Prozent, bis 1740 auf 28 Prozent, um schließlich bis zum Jahr 1800 beinahe gänzlich zu verschwinden (4 Prozent).6 Die „Lateingrenze“7 wurde aufgehoben oder zumindest durchlässiger. Damit hatten nicht mehr nur „Gelehrte“8 Zugriff auf die neu entstehenden Schriften, sondern auch ein wachsender Anteil des Bürgertums, auch wenn selbst dieser heutigen Betrachtern als elitärer Zirkel erscheinen muss. Außerhalb des gelehrten Kreises wurde im 17. Jahrhundert fast ausschließlich religiös-erbauliche Literatur gelesen. Diese alte Form des Lesens zeichnete sich durch enorme Beständigkeit aus: „[D]ieselben wenigen Bücher, die eine Familie besitzt […], liest man im Laufe eines Lebens immer wieder. Solches Lesen ist Teil einer Mentalität, die auf dem Andauern des Bestehenden gründet […].“9 In den – auf die gesamte Bevölkerung bezogen immer noch recht kleinen – Kreisen des mittleren und gehobenen Bürgertums musste sich diese Form der Lektüre ändern. An die Stelle der „intensiven“10 Lektüre, oder besser der „Wiederholungslektüre“11, denn die ritualisierte Lektüre von Bibel, Gebetbuch oder Hauskalender war nicht zwangsläufig intensiver als die begierige, aber „einmalige“12 Lektüre einer Neuerscheinung, trat eine Lektüre, die betrieben wurde, um Neuigkeiten zu erfahren13 und sich über diese im Rahmen einer „kritisch disputierenden Öffentlichkeit“14 auszutauschen.

[...]


1 Reinhard Wittmann: „Gibt es eine Leserevolution am Ende des 18. Jahrhunderts?“, in: Guglielmo Cavallo / Roger Chartier (Hgg.): Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm, Frankfurt am Main: Campus 1999, S. 419-454, S. 425.

2 Zit. nach: Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften, Stuttgart: Metzler 1968, S. 525.

3 Vgl.: Reinhard Wittmann: „Leserevolution“, S. 421ff.

4 Vgl.: Erich Schön: „Geschichte des Lesens“, in: Bodo Franzmann et al. (Hg.): Handbuch Lesen, München: Saur 1999, S. 1-85, S. 20.

5 Ebenda.

6 Vgl.: Ebenda.

7 Heinrich Bosse: „Die gelehrte Republik“, in: Hans-Wolf Jäger (Hg.): „Öffentlichkeit“ im 18. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein 1997, S. 51-76, S, 67.

8 Der Begriff des „Gelehrten“ umfasst „bis zum Ende des 18. Jahrhunderts eine Reihe von heute ganz getrennten Bedeutungen. Gelehrt ist, wer eine Universität besucht hat, er mag etwas gelernt haben oder nicht. Gelehrt ist, wer ein Buch publiziert, er mag studiert haben oder nicht.“ (Ebenda, S. 61)

9 Erich Schön: Der Verlust der Sinnlichkeit oder die Verwandlungen des Lesers. Mentalitätswandel um 1800, Stuttgart: Klett- Cotta 1987, S. 40.

10 Rolf Engelsing: Der Bürger als Leser. Lesergeschichte in Deutschland 1500-1800, Stuttgart: Metzler 1974, S. 183.

11 Erich Schön: „Geschichte des Lesens“, S. 23.

12 Ebenda, S. 30.

13 Daher rührt auch die Vorrangstellung von Zeitungen und Zeitschriften gegenüber Büchern. (Vgl.: Erich Schön: „Geschichte des Lesens“, S. 19).

14 Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Erster Band. Vom Feudalismus des Alten Reiches bis zur Defensiven Modernisierung der Reformära 1700-1815, Frankfurt am Main: Büchergilde Gutenberg 1987, S. 303.

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