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Das Militär als Zivilisationsmacht: Die Traianssäule

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2005, 53 Pages
Author: Martin Eckert
Subject: Archaeology

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2005
Pages: 53
Grade: 1,0
Bibliography: ~ 41  Entries
Language: German
Archive No.: V64871
ISBN (E-book): 978-3-638-57571-3
ISBN (Book): 978-3-638-71059-6
File size: 2761 KB

Abstract

In der vorliegenden Arbeit wird ein Lösungsansatz zur Interpretation der Darstellungen auf dem Fries der Trajanssäule versucht, der nicht von einem einheitlichen Dekodierungssystem, sondern von einer an die Bedürfnisse verschiedener Adressaten angepassten semiologischen Mehrdeutigkeit ausgeht. Die Darstellungen sind innerhalb des architektonischenn Settings und auf der Säule selbst so angebracht, dass durchaus unterschiedliche Betrachter aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit unterschiedlichem kulturellem oder beruflichem Background dazu 'Ja' sagen konnten. Einerseits wird das traditionelle Misstrauen des stadtrömischen Bürgers gegen das Militär beschwichtigt, indem die Darstellung physischer Gewaltakte auf ein Minimum reduziert bleibt und im Gegenzug die logistischen, technischen und wissenschaftlichen Leistungen des Feldzuges gegen die Daker hervorgehoben werden; andererseits werden persönliche Leistungen und Eigenschaften Traians als Voraussetzungen des römischen Sieges propagiert. Das Militär mit dem Kaiser an der Spitze sollte hier in der Rolle eines gesellschaftlichen Vorbildes präsentiert werden, indem es zugleich als Versorger der öffentlichen Hand, als Träger militärischer und ziviler Tugenden, als Beschützer des römischen Volkes und Verbreiter der segensreichen Zivilisation im Barbarenland auftritt. Die monumentale Ausstattung des Forums kann als ein Gesprächsbeitrag verstanden werden, der Kaiser und Heer auf der einen Seite, Senat und Plebs urbana auf der anderen Seite im Hinblick auf die Belastungen durch eine überzogene Kriegspolitik miteinander aussöhnen und auf ein durch gemeinsame Interessen bestimmtes Handeln einschwören sollte.


Excerpt (computer-generated)

Universität Hamburg, Archäologisches Institut II
Hauptseminar “Politische Symbolik in der römischen Bildkunst”
Wintersemester 2004/05, 6. Semester

Das Militär als Zivilisationsmacht: Die Traianssäule

von: Martin Eckert

 


Gliederung

I. Teil: Traiansforum

1. Prämisse  3
2. Topographie  3

a) Terrain  3
b) Vorgängerbauten  5

3. Forum Traiani  6

a) Befund- und Quellenlage  6

a) Grundriß und Konzeption  6
b) Bauschmuck  10
g) Funktionen und Adressaten  17

b) Methodische Überlegungen  20

II. Teil: Traianssäule

1. Funktionsanalyse  24

a) Das architektonische ‘Setting’  24
b) Das Problem der Lesbarkeit  26

a) Mittel der Lesbarkeit  30
b) Kulturelle Kompetenzen  34

c) Adressaten  35

2. Das Reliefband  38

a) Ansicht aus SW  38
b) Ansicht aus NO  40

3. Schlußbemerkungen  43

III. Anhang

1. Quellen  50

a) Berichte und Inschriften  50
b) Münzen  50

2. Literaturnachweis  51



 

 

I. Das Traiansforum

1. Prämisse

Die Forschung ist sich heute weitgehend1 darin einig, daß dem Traiansforum, d.h. atrium fori, Basilica Ulpia, Bibliotheken und Säule eine “einheitliche Gesamtplanung”2 zugrunde liegt: “It thus seems inevitable to consider the complex formed by the column, libraries and basilica as an autonomous unit, whose insertion between the square and the temple was intended to meet a precise and incontrovertible need. What that need was can be clarified only by specific research, which is still mostly incomplete”3, formuliert Coarelli Prämisse und daraus sich ergebende Aufgabenstellung, der sich auch vorliegende Arbeit anschließt.

2. Topographie

Die Grabungsberichte über die Ausgrabungen des Forums durch die Franzosen 1812-1814 (Traianssäule und mittleres Drittel der Basilica Ulpia) mit weiteren Sondagen 1824 bzw. 1866-1867, durch die Italiener4 zu Anfang des 20. Jhs. sowie im Zuge der Errichtung der Via dei Fori Imperiali 1928-1934 liegen nur sehr summarisch vor5 und konnten im Rahmen dieser Arbeit nicht näher überblickt werden. 1998-2000 wurde auf dem Areal des ehemaligen atrium fori erneut ausgegraben6.

a) Terrain

Auf der südostlichen Seite der Säulenbasis ist über dem Eingang eine Inschrift angebracht, die neben den üblichen Informationen über Stifter (“Senatus populusque romanus”: “Senat und Volk von Rom”) und Empfänger (“Imp[eratori] Caesari Divi Nervae f[iglio] Nervae Traiano …”: “dem Imperator Caesar Nerva Traian, Sohn des Gottes Nerva, …”) eine weitere, in diesem Zusammenhang außergewöhnliche Infor- mation enthält: “Ad declarandum quantae altitudinis / mons et locus tant[is ope]ribus sit egestus“7: “Um zu zeigen, von welcher Höhe der Hügel (war), der fortgeschafft wurde für so ein herrliches Werk.”

Cassius Dio8 berichtet, der ganze Platz sei hügelig gewesen und in einer der Säule entsprechenden Höhe abgetragen worden, um das Bodenniveau des Forums zu erreichen. Aus der Übereinstimmung dieser beiden Quellen hat sich die vorherrschende Lehrmeinung ergeben, daß sich “die Inschrift auf die umfangreichen Terrainbewegungen bei der Erbauung des Forums” beziehe, womit “die Abgrabung des Quirinalshügels gemeint sein”9 dürfte, der den Quirinal mit dem Kapitol verband und den Durchgang zwischen Kaiserfora und Marsfeld blockierte10. So wurden durch das Abtragen des Hügelsattels neue Verkehrswege eröffnet, indem die Straße südlich des Forums das repräsentative Stadtzentrum nun mit dem Marsfeld verband oder die kürzeste Verbindung von diesem zum Colosseum oder zu den Traiansthermen bot, wobei die großzügige Anlage den Flaneur sicher zum Verweilen einlud. Zu der von der Öffentlichkeit sicherlich begrüßten Erleichterung und Abkürzung der Wege bemerkt Coarelli: “The traumatic elimination of a natural element of such importance in the ancient city’s topography could not happened without profoundly affecting the religious sensibility of the community”11.

Erklärt dies, warum die Plattform der Säule über eine Treppe im Inneren zugänglich war? Die Aussicht von der Plattform ‘ersetzt’, obschon etwas nach Nordost versetzt, die Aussicht, die wohl vordem von dem eliminierten Hügel aus möglich war. Unbeantwortet bleibt dabei jedoch die Frage, für wen eigentlich diese Aussichtsmöglichkeit geschaffen wurde; da erstens die Zugangssituation mit einer Breite der Wendeltreppe von durchgehend 0,70m12 nur einer Person Platz bietet, und zweitens die Säule zugleich als Grabmonument13 für Traian und seine Frau Plotina diente, kann wohl davon ausgegangen werden, daß die Möglichkeit eines Zugangs zur Plattform von vorneherein nicht für die breite Öffentlichkeit, sondern nur für eine eng umgrenzte Gruppe von Adressaten eingeplant war. Wer jedoch waren diese?

b) Vorgängerbauten

Die Basilica Ulpia wurde vermutlich an Stelle des für den Bau des Traiansforums abgetragenen atrium libertatis (bzw. der seit augusteischer Zeit mit ihm verbun-denen Bibliothek des Asinius Pollio) errichtet14; das atrium libertatis, Amtssitz der Censoren, Aufbewahrungsort wichtiger Staatsdokumente, erste öffentliche Bibliothek Roms und in Ausnahmefällen auch Tagungsort des Senats, befand sich zwischen Porta Fontinalis und Forum Iulium und reichte weit in die Geschichte Roms, vermutlich bis ins Jahr 443 v. Chr. zurück15.

Coarelli16 leitet daraus ab, daß in der gleichen Weise, wie die Säule den Hügel ‘ersetzte’, auch die Basilica Ulpia Ersatz für den Vorgängerbau atrium libertatis bot und demgemäß auch einige seiner Funktionen übernahm: Die Funktion einer öffentlichen Bibliothek mit zwei Abteilungen, einer griechischen und einer lateinischen17; sowie die Funktion des tabularium als eines Aufbewahrungsortes für Staatsdokumente, wichtige Gesetze und die Archive der Censoren18. Diese Sichtweise wird durch Fragmente des Severischen Marmorplans (forma urbis) gestützt, auf dem die westliche Apsis der Basilika als [LI]BERTA[TIS] bezeichnet wird, woraus Coarelli19 schließt, daß die östliche demgemäß die Bezeichnung ATRIUM trug.

3. Forum Traiani

a) Befund- und Quellenlage

a) Grundriß und Konzeption

Nach Richardson gelten als gesichert: die nordöstliche Kolonnade des atrium fori mit Exedra; der mittlere Teil der Basilica Ulpia mitsamt ihrer südwestlichen Apsis; die Traianssäule mitsamt der flankierenden südwestlichen Bibliothek. Daraus hat man folgende Gesamtanlage rekonstruiert: “Die gesamte Anlage besteht aus vier Teilen: dem eigentlichen Platz, atrium fori [116x95m], mit den beiden [12m] tiefen Säulenhallen und Exedren; der fünfschiffigen Basilica Ulpia [159x55m], deren Apsiden in Größe und nach der Lage die Pendants zu den Exedren der Säulenhalle bilden; der Trajanssäule mit den beiden Bibliotheksgebäuden; dem großen Tempel für den Divus Traianus. Mit der Planung und dem Bau wurde spätestens unmittelbar nach Beendigung des zweiten Dakerkrieges und nach dem Triumph 107 n.Chr. begonnen. Trajan selbst weihte Forum und Basilica bereits im Januar 112, die Säule im Mai 113 ein.”20

Abb.1: Rom, Kaiserforen: (2) Augustusforum, (5.) Traiansforum. Die fetten Linien kennzeichnen den archäologischen Bestand, alle weiteren Bestandteile sind hypothetisch ergänzt, insbesondere der hier im Nordwesten des Traiansforums rekonstruierte Tempelbezirk (ebenfalls 5.). aus: Nünnerich-Asmus, 97, Abb. 75a [Abbildung in der Downloaddatei vorhanden]

Aus Funden von monumentalen Säulen- und Kapitellfragmenten, einer Dedikationsinschrift21 sowie zeitgenössischen Quellen22 hat man auf den erst später von Hadrian errichteten Tempel des Divus Traianus und der Diva Plotina geschlossen, dessen Grundriß und Lage aber “auch auf den neuesten Forumplänen völlig hypothetisch”23 rekonstruiert wurde. Neueste Ausgrabungen24 haben Zweifel daran aufkommen lassen, ob sich der bislang einmütig nordwestlich der Basilica Ulpia vermutete Tempel des Traian und der Plotina wirklich dort befunden hat: “Jenseits der Basilica Ulpia fand sich nämlich - unmittelbar bis an die Platzanlage heran - ausschließlich Wohnbebauung des 2. Jhs. n.Chr., die eine Rekonstruktion des Tempels an dieser Stelle unmöglich macht”25. Deshalb aber eine andere Gesamtausrichtung der Platzanlage anzunehmen, ist eher unwahrscheinlich.

Ich werde dieser Kontroverse im folgenden dadurch ausweichen, daß ich mich nur mit der noch zu Traians Lebzeiten errichteten Anlage auseinandersetze. Denn durch die Hinzufügung eines Tempels und die damit verbundene Apotheose des vergöttlichten Traian kann die in der vorherigen Bauphase angelegte Konzeption ja nur verstärkt oder ergänzt, aber nicht mehr irgendwie ‘umgedreht’ worden sein. Das heißt: Was für die Anlage ohne Tempel gilt, gilt für die Anlage mit Tempel erst recht26.

Auch ohne Tempel stellt die zu Traians Lebzeiten errichtete Anlage mit einer Länge von ca. 220m und einer Breite von ca. 160m “die größte Platzanlage” dar und “bedeckt fast soviel Raum wie die übrigen Kaiserfora zusammen”27. Im Grundriß lehnt sich das Traiansforum an die früheren, benachbarten Kaiserfora an, insbesondere an das Augustusforum, dessen in die Portiken eingelassene Exedren denen des Traiansforums bis in die Maße entsprechen28. An die Stelle der sonst üblichen Göttertempel aber tritt beim Traiansforum an der Stirnseite die querliegende Basilica Ulpia.

[...]


1 ausgenommen Anderson, 141ff

2 Fehr, 41, Anm. 10

3 Coarelli, 4

4 G. Boni, Esplorazione del Forum Ulpium, in: Notizie Scavi.1907

5 C. Ricci - A. Colini - V. Mariani, Via dell’ Impero. 1933

6 http://www.traiano.com

7 CIL VI 960

8 s. Cassius Dio LXVIII 16,3, zit. nach Coarelli, 4f

9 Fehr, 47, s. Anm. 68

10 nach Meneghini (s. Gesemann, 325) wird in neuesten Publikationen auch die NW-Wand des die Traianssäule umgebenden Innenhofes mit vorgelagerter Portikus rekonstruiert, was einen Durchgang vom Marsfeld über die Kaiserforen bis zum Colloseum ermöglichen würde. s. auch G. Boni, Esplorazione del Forum Ulpium, in: Notizie Scavi. 1907;

11 Coarelli, 5f: Seinen Hinweis untermauert er mit dem Argument, daß sich die Bedeutung dieses topographischen Eingriffs schon durch die bloße Nennung in der Inschrift ausdrücke, also innerhalb eines epigraphischen Kontextes, der sich ansonsten durch “an almost obsessive adherence to formulas” auszeichne. Fehr, 47, wundert sich, daß die Inschrift „erstaunlicherweise die Dakerkriege“ ignoriere, das Thema des Säulenfrieses, und ebenso die sepulkrale Funktion völlig außer Acht lasse. Erklärungsversuche von Zanker, 530ff, 542; Gauer, 25, Anm.11

12 Florescu, 41

13 C. Dio XVIII 16,3; Eutropius VIII 5,2; Aurelius Victor Sextus, Epigramma 13; Cassiodor, Chronologia, 141

14 Anderson, 26; Richardson, 41; Coarelli 1975, 116

15 Anderson, 21ff

16 Coarelli, 6f

17 für Atrium Libertatis bezeugt bei: Isid., orig. VI 5,2; Plin., NH VII, 115; XXXV, 10; Ovid., trist. III, 1,69ff

18 Liv. XXV, 7,12

19 Coarelli, 7

20 Zanker, 504

21 CIL. VI 966 = 31215

22 Gellius, Noctes XI, 17,1; SHA., Hadr. 19,9

23 Zanker, 537f

24 R. Meneghini, RM 105, 127ff. 1998; E. La Rocca, RM 105, 149ff. 1998

25 Köb, S. 301

26 ebenso Rodenwaldt, 339

27 Zanker, 504

28 Richardson, 176


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