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Vergewaltigung im Krieg: Historisch-soziologische Betrachtungen und sozialpsychologische Erklärungsversuche

Autor: Christoph Egen
Fach: Psychologie - Sozialpsychologie

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Details

Kategorie: Seminararbeit
Jahr: 2006
Seiten: 28
Note: 1,5
Literaturverzeichnis: ~ 25  Einträge
Sprache: Deutsch
Dateigröße: 261 KB
Archivnummer: V64940
ISBN (E-Book): 978-3-638-57624-6
ISBN (Buch): 978-3-638-67026-5
Anmerkungen :
Hierbei handelt es sich um den Versuch, sich mit dem Phänomen Vergewaltigung im Krieg aus psychoanalytischer auseinanderzusetzten. Im Kern dreht es sich um die Widerlegung der Behauptung, dass Vergewaltigung lediglich der Artikulation von Aggression dient und somit nichts mit Sexualität zu tun hat. Die angeführte Beweisführung beruht im Wesentlichen auf den Forschungen von Rolf Pohl zum Thema "Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen"

Zusammenfassung / Abstract

Vergewaltigung ist eines der großen Tabuthemen des 20. und 21. Jahrhunderts. Besonders die massenhafte Vergewaltigung in Kriegszeiten ist ein Phänomen, das nachträglich aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht beziehungsweise als eine, durch die Biologie und Natur des, in der Rolle eines Kriegers befindenden Mannes, begründete Tat marginalisiert und oftmals als unvermeidliches Nebenprodukt des Krieges angesehen wird. Schamgrenzen, ausgedrückt im gesellschaftlichen Desinteresse sorgen dafür, sie als historisch wenig bedeutungsvoll anzusehen und dementsprechend in der Forschung zu behandeln (vgl. Seifert in Stiglmayer 1993: 106); daher die geringe Anzahl der Autoren, die sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Die „offiziellen“ Gründe und Legitimationen für (Massen-)Vergewaltigungen sind von Krieg zu Krieg unterschiedlich; Mal ist es die Rache, ein anderes Mal die Frustration und die Sinnlosigkeitsgefühle der Soldaten oder eine befohlene ethnische Säuberung, in deren Ausführung Vergewaltigung politisch funktionalisiert wird. Die Psychologie der Täter ist allerdings dieselbe. Die Vergewaltiger sind ,,alle ganz normale Männer, die im Krieg das tun, was Männer in Kriegen bisher immer getan haben, jeder auf seine Weise, in seinem Rahmen und mit seinen Zielen“ (Stiglmayer 1993: 111). Möchte man Vergewaltigung während und kurz nach Kriegen erklären, so muss man dies immer auch mit Blick auf die historisch-soziologischen Begebenheiten tun. Diese Ausarbeitung widmet sich dem Thema von daher nicht nur aus psychologischer Perspektive, sondern bindet den Kontext, in dem Vergewaltigung stattfindet, mit ein.

Textauszug (computergeneriert)

Universität Hannover, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie
Seminar: Normalität und Wahn, Sommersemester 2006, 6. Semester
Abgabedatum: 30.09.2006

Vergewaltigung im Krieg: Historisch-soziologische
Betrachtungen und sozialpsychologische Erklärungsversuche

von: Christoph Egen

 


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung  2

2. Unterschiede und Ähnlichkeiten von Vergewaltigung im Zuge dreier Kriege  4

2.1. Vergewaltigung gegen Ende des 2. Weltkrieges am Beispiel Berlins 4
2.2. Vergewaltigung im Vietnamkrieg  6
2.3. Vergewaltigung während des Bosnienkonflikts 8

3. Vergewaltigung als sexueller Ausdruck von Aggression? 10

4. Vergewaltigung als Bestandteil männlicher Kommunikation 11

5. Der Einfluss der militärischen Institution 12

6. Sozialpsychologische Erklärungsversuche 14

6.1. Die Entstehung der männlichen Sexual- und Aggressionstriebe 14
6.2. Zur Entwicklung männlicher Geschlechtsidentität 16
6.3. Die kulturelle Konstruktion des Mannes 18
6.4. Bedrohte Männlichkeit im Krieg und die Konsequenzen  20

7. Die Abhängigkeit des Menschen von Institutionen 22

8. Zusammenfassende Thesen 23

9. Literaturverzeichnis 25


 



Die zivilisiertesten Völker sind der Barbarei so
nahe wie das geschliffenste Eisen dem Rost. Völker
wie Metalle glänzen nur an der Oberfläche.
Antoine de Rivarol

1. Einleitung

Vergewaltigung ist eines der großen Tabuthemen des 20./21. Jahrhunderts. Besonders die massenhafte Vergewaltigung in Kriegszeiten ist ein Phänomen, das nachträglich aus dem kulturellen Gedächtnis gelöscht beziehungsweise als eine, durch die Biologie und Natur des, in der Rolle eines Kriegers befindenden Mannes, begründete Tat marginalisiert und oftmals als unvermeidliches Nebenprodukt des Krieges angesehen wird. Schamgrenzen, ausgedrückt im gesellschaftlichen Desinteresse sorgen dafür, sie als historisch wenig bedeutungsvoll anzusehen und dementsprechend in der Forschung zu behandeln (vgl. Seifert in Stiglmayer 1993: 106); daher die geringe Anzahl der Autoren, die sich mit dieser Thematik auseinandergesetzt haben. Zu nennen sind die Untersuchungen über Vergewaltigung durch Angehörige der Alliierten (hauptsächlich der Roten Armee) von Helke Sanders und Barbara Johr, die Studien über posttraumatischen Persönlichkeitsstörungen (PTSD1) an Vietnamveteranen - also aus Täterperspektive - von Jonathan Shay, der Beitrag von Alexandra Stiglmayer und vor allem Ruth Seifert über Massenvergewaltigung während des letzten kriegerischen Konflikts in Bosnien-Herzegowina, die Untersuchungen von Susan Brownmiller, die Autoren der Texte im Sammelband des ,,Arbeitskreis Historische Friedensforschung“2 sowie die psychoanalytische Perspektive auf Massenvergewaltigung von Rolf Pohl3.

Die „offiziellen“ Gründe und Legitimationen für (Massen-)Vergewaltigungen sind von Krieg zu Krieg unterschiedlich. Mal ist es die Rache, ein anderes Mal die Frustration und die Sinnlosigkeitsgefühle der Soldaten oder eine befohlene ethnische Säuberung, in deren Ausführung Vergewaltigung politisch funktionalisiert wird. Die Psychologie der Täter ist allerdings dieselbe. Die Vergewaltiger sind ,,alle ganz normale Männer, die im Krieg das tun, was Männer in Kriegen bisher immer getan haben, jeder auf seine Weise, in seinem Rahmen und mit seinen Zielen“ (Stiglmayer 1993: 111). Möchte man Vergewaltigung während und kurz nach Kriegen erklären, so muss man dies immer auch mit Blick auf die historisch-soziologischen Begebenheiten tun. Diese Ausarbeitung widmet sich dem Thema von daher nicht nur aus psychologischer Perspektive, sondern bindet den Kontext, in dem Vergewaltigung stattfindet, mit ein. Die Basis vieler bisheriger Erklärungsansätze bilden “Stauungs-Entladungs-Modelle” verbunden mit “Reiz-Reaktions-Vorstellungen”. Diese „hydraulischen“ Modelle, die den Grund von Vergewaltigung in der langen Abstinenzzeit während der Kriegshandlungen suchen, verschleiern die Tatsache, dass erstens in den meisten Fällen für das Erreichen einer „Entladung“ unangemessen brutal vorgegangen wird und zweitens der Großteil aller Männer auch im zivilen Leben nicht, trotz der Abwesenheit einer eigenen Frau, herumlaufen und vergewaltigen. Daher wäre es, um zu verstehen warum Männer im Krieg vergewaltigen, meiner Meinung nach notwendig, eine kulturübergreifende Studie zur Sozialisierung des männlichen Geschlechts durchzuführen. Diese müsste die Aufgabe erfüllen, die Art und Weise, wie junge Männer in Abgrenzung zum weiblichen Geschlecht erzogen werden und wie sich dieser Vorgang in der Psyche „niederschlägt“ und durch militärische Institutionen „missbraucht“ wird, zu erklären. Die vorliegende Ausarbeitung kann dieses Werk selbstverständlich nicht vollbringen. Sie soll lediglich versuchen, eine fundierte Einsicht in das Thema sowie in die bisherigen Erklärungsmodelle zu vermitteln und einen ersten Ansatz zur Aufklärung von „Sozialisationsdefiziten“ anreißen, um so einen Blick in die psychischen Beweggründe der Vergewaltiger zu erlangen.

2. Unterschiede und Ähnlichkeiten von Vergewaltigung im Zuge dreier Kriege

2.1. Vergewaltigung gegen Ende des 2. Weltkrieges am Beispiel Berlins

Als am 22. April 1945 der erste russische Panzer die Stadtgrenze von Berlin überschritt, ging nicht nur der Anfang vom Ende eines globalen Krieges in die letzte heiße Phase, es begann ein Martyrium für eine Vielzahl von Frauen, die sich zu diesem Zeitpunkt in Berlin aufhielten. Zeitzeugen sprechen von bis zu 800.000 Vergewaltigungen durch Angehörige der Roten Armee im Berlin (vgl. Sander/Johr 1992: 15). Dies würde bedeuten, dass fast jeder Rotarmist zweimal eine Frau vergewaltigt hätte oder weniger Rotarmisten dafür sehr viel öfters vergewaltigten. Die offizielle Zahl - belegt durch Krankenakten - wird auf etwa 100.000 beziffert. Da viele Opfer mehrfach vergewaltigt wurden, die Selbstmordrate von Frauen in diesen Tagen enorm anstieg und viele Frauen aus Scham nicht in ein Krankenhaus gingen, wird diese Zahl wahrscheinlich deutlich höher sein (vgl. ebd.: 46ff.).

Das Thema Vergewaltigung wurde schon Wochen vor dem Einmarsch der Roten Armee von der deutschen Propagandamaschinerie benutzt: ,,Mit vorgehaltener Waffe zieht diese Soldateska von Haus zu Haus und stiehlt Uhren und Schmuck, verlangt Schnaps und Zigaretten. Am Abend durchsuchen die innerasiatischen Wüstlinge die Wohnungen nach jungen deutschen Frauen und Mädchen, schänden sie unter brutalster Gewaltanwendung“ (,,Der Panzerbär –ein Kampfblatt für die Verteidigung Groß-Berlins“ in ebd.: 23).

Die Angst, die in Kampfblättern und im Radio geschürt und als Teil eines bewussten Vernichtungsplans gegen die deutsche Rasse ausgelegt wurde, war ein Ausdruck männlicher Angst vor der eigenen Niederlage (vgl. Sander/Johr 1992: 23). Die Propaganda fügte zudem noch eine antisemitische Note hinzu, da die Rotarmisten scheinbar auf Befehl eines in Moskau sitzenden jüdischen Literaten namens Ilja Ehrenburg vergewaltigten, um so den Rassenhochmut der germanischen Frauen zu brechen (vgl. Kuby in ebd.: 28). Die Vergewaltigungen geschahen meistens in der Öffentlichkeit und wurden zum größten Teil von mehreren Soldaten gemeinsam beziehungsweise hintereinander verübt und in den meisten Fällen waren die Vergewaltiger alkoholisiert: ,,Vergewaltigung der Frau war an der Tagesordnung. Es war egal, ob es Kinder oder Greisinnen waren4. Eine 14-jährige musste ihren Kopf auf einen Stein legen und mehrere Männer über sich ergehen lassen, die sie mit einer Geschlechtskrankheit infizierten. Die Frauen waren wehrlos und damit rechtlos. Nacht für Nacht schrieen Frauen nach dem Kommandanten, der natürlich nirgends zu finden war“ (Erlebnisbericht in Sonderheft Courage Nr.3 ,,Alltag im 2. Weltkrieg“: 58).

[...]


1 PTSD = Posttraumatic Stress Disorder (Posttraumatische Belastungsstörung) Dieses psychosomatische Krankheitsbild fand 1980 erstmals Eingang in das auch international bedeutsame amerikanische Diagnose-Manual DSM IV [4. Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen)], das von der American psychiatric association (APA) herausgegeben wird.

2 Gleichmann / Kühne (Hg.) 2004: Massenhaftes Töten. Kriege und Genozide im 20. Jahrhundert. Klartext Verlag, Essen

3 Im Gegensatz zu der Instinktlehre (K. Lorenz) und der Milieulehre bzw. des Neobehaviorismus (Skinner), die die Ursache menschlichen Verhaltens vollständig entweder aus der Biologie oder der Umgebung erklären, verbindet die Psychoanalyse beide Forschungsstränge miteinander: Sie beinhaltet in ihren Grundzügen instinkttheoretische Annahmen und ist gleichzeitig umweltorientiert in ihrem therapeutischen Bezug. Dieses dialektische Verständnis ist es, das mich dazu veranlasste, die psychoanalytische Sozialpsychologie zur Erklärung menschlicher Aggression und ihre Verbindung zur Sexualität heranzuziehen.

4 „Die Vergewaltigungslust kennt grundsätzlich nur ein Kriterium für die Wahl ihrer Opfer: die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht (Pohl 2002: 58)“

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