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Antisemitismus und Frauenhass - Eine exemplarische Untersuchung von Martin Walsers "Tod eines Kritikers"

Hausarbeit, 2004, 22 Seiten
Autor: Sonja Vogel
Fach: Kulturwissenschaft

Details

Kategorie: Hausarbeit
Jahr: 2004
Seiten: 22
Note: 1,0
Literaturverzeichnis: ~ 17  Einträge
Sprache: Deutsch
Archivnummer: V65257
ISBN (E-Book): 978-3-638-57871-4

Dateigröße: 222 KB

Zusammenfassung / Abstract

Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und modernen Geschlechterdiskursen sind oft beobachtet worden. Dabei geriet vor allem die Häufigkeit von Sexualbildern in den Blick, mit deren Hilfe Verbindungen zwischen Vorstellungen des >Jüdischen< und des >Weiblichen< ermöglicht wurden. Aus der diskursiv hergestellten Beziehungen zwischen >Judentum< und >Weiblichkeit< entwickelt sich bestimmtes, folgerichtiges politisches Denken und Handeln – dieser Zusammenhang ist für diese Arbeit von grundlegender Bedeutung. Während etwa die wechselseitige Verschränkung von Sexismus und Rassismus relativ breit diskutiert wird, spielen die Kategorien Sexualität und Geschlecht in der Analyse und Kritik des Antisemitismus noch immer eine geringe Rolle. Die vorliegenden Arbeit wird eine überblicksartige Zeichnung der dominantesten sexuellen Bilder und Geschlechterkonstruktionen entwerfen, die der antisemitische Diskurs in seiner Geschichte produziert hat. Der Roman von Martin Walser, “Tod eines Kritikers” soll hierbei gleichermaßen Anlass und Beleg für die Aktualität dieser immer wieder reproduzierten und modifizierten Stereotypen sein. Gegenstand der Untersuchung sind die literarischen Bilder, klischeebelastete und stereotype, deren Aktualität anhand des Buches nachgewiesen werden soll. Formal zerfällt die Arbeit in drei Teile, eine Zusammenfassung des Romans (I), den analytischen Hauptteil (II), der fünf Kapitel (1-5) enthält. Jedes dieser Kapitel ist dreigegliedert (1, 1.a, 1.b usw.), wobei der erste Teil eine Auswahl an Zitaten aus dem Walser-Roman enthält, der zweite (.a) jeweils ein dominantes stereotypes Klischee in seiner historischen Herleitung anreißt und der letzte (.b) jenes gewachsene Klischee mit den, im Roman erzeugten Bildern verschiedener Personen und deren Funktionen vergleicht. Schlussendlich findet sich ein kurzes Fazit (III). Zum leichteren Verstehen, speziell der das Erscheinen des Romans kontextuierenden Diskussion, ist der Untersuchung der Plot des Romans vorangestellt.


Textauszug (computergeneriert)

Humboldt Universität Berlin, Einführung in den WSP 2
Männerbund- und Männlichkeitskonstruktion 2003/04

Antisemitismus und Frauenhass – Eine exemplarische Untersuchung
von Martin Walsers "Tod eines Kritikers"

von: Sonja Vogel

 


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung: Zusammenfassung “Tod eines Kritikers”  3

II. Analytischer Teil  4

1.a Der Jude als würdeloser Schmarotzer  5
1.b Ehrl-König: Ich-loser Parasit im deutschen Literaturbetrieb 7

2.a Der Jude als Personifizierung der kulturlosen, weiblich-definierten Moderne  8
2.b Ehrl-König: koitierender Totengräber der deutschen Literatur  10

3.a Der Jude als sexueller Antityp zum männlichen Ideal  12
3.b Ehrl-König: ein impotenter Lüstling  13

4.a Der Jude als weiblicher Mann, die Jüdin als männliche Frau  15
4.b Ehrl-König: ein halber Mann, Ehrl-Königs Frau: ein Mannweib, Ehrl-Königs Mutter: die schejne Jiddin  18

5.a Der Jude als Personifizierung der abstrakten Macht im Kapitalismus  19
5.b Ehrl-Königs Vater: ein spekulierender Geldjude  20

III. Fazit  20

Literaturverzeichnis 22


 

 

I. Einleitung

Zusammenhänge zwischen Antisemitismus und modernen Geschlechterdiskursen sind oft beobachtet worden. Dabei geriet vor allem die Häufigkeit von Sexualbildern in den Blick, mit deren Hilfe Verbindungen zwischen Vorstellungen des >Jüdischen< und des >Weiblichen< ermöglicht wurden. Aus der diskursiv hergestellten Beziehungen zwischen >Judentum< und >Weiblichkeit< entwickelt sich bestimmtes, folgerichtiges politisches Denken und Handeln – dieser Zusammenhang ist für diese Arbeit von grundlegender Bedeutung.

Während etwa die wechselseitige Verschränkung von Sexismus und Rassismus relativ breit diskutiert wird, spielen die Kategorien Sexualität und Geschlecht in der Analyse und Kritik des Antisemitismus noch immer eine geringe Rolle. Die vorliegenden Arbeit wird eine überblicksartige Zeichnung der dominantesten sexuellen Bilder und Geschlechterkonstruktionen entwerfen, die der antisemitische Diskurs in seiner Geschichte produziert hat. Der Roman von Martin Walser, “Tod eines Kritikers”1 soll hierbei gleichermaßen Anlass und Beleg für die Aktualität dieser immer wieder reproduzierten und modifizierten Stereotypen sein. Es soll, dass sei hier vorangestellt, in der Analyse des Walser-Romans nicht um die offensichtliche Anspielung auf reale Personen oder die Bezugnahme auf historische Geschehnisse2 gehen. Gegenstand der Untersuchung sind lediglich die literarischen Bilder, klischeebelastete und stereotype, deren Aktualität aus der Historie heraus anhand des Buches nachgewiesen werden soll.

Formal zerfällt die Arbeit in drei Teile, eine Zusammenfassung des Romans (I), den analytischen Hauptteil (II), der fünf Kapitel (1-5) enthält. Jedes dieser Kapitel ist dreigegliedert (1, 1.a, 1.b usw.), wobei der erste Teil eine Auswahl an Zitaten aus dem Walser-Roman enthält, der zweite (.a) jeweils ein dominantes stereotypes Klischee in seiner historischen Herleitung anreißt und der letzte (.b) jenes gewachsene Klischee mit den, im Roman erzeugten Bildern verschiedener Personen und deren Funktionen vergleicht. Schlussendlich findet sich ein kurzes Fazit (III). Zum leichteren Verstehen, speziell der das Erscheinen des Romans kontextuierenden Diskussion, ist der Untersuchung der Plot des Romans vorangestellt.

Der Autor Martin Walser, auch das zum besseren Verständnis, lässt ausschließlich seinen fiktiven Erzähler Michael Landorff (der, wie sich herausstellen wird, identisch ist mit dem mutmaßlichen Kritikermörder Hans Lach) die Geschehnisse in Form von wiedergegebenen Gesprächen und Meinungen Dritter erzählen, also im Konjunktiv. Alle Zahlen in runden Klammer sind die Seitenangaben der 3. Auflage von “Tod eines Kritikers”.

II. Analytischer Teil

Ehrl-König ist die “Erfindung” (121) seines Freundes Reiner Heiner Henkel, genannt RHH. Ohne ihn wäre er “nicht möglich” (51) oder zumindest “weniger als ein Schemen”. RHH sagt von sich selbst, er habe “Ehrl-König aufgeblasen” (112). Er sei eine “Fernsehlarve” (79), ein Produkt der “Chorknaben seiner Feuilletons” (73). Obwohl Ehrl-König der “Mächtigste” sei, “der je in der Literaturszene Blitze schleuderte” (52), verfügt er lediglich über “ein Repertoire von zwölf bis fünfzehn Sätze [...] dazu noch fünfzehn bis achtzehn Zitate.” (113). Sein beeindruckendes Gedächtnis, seine Schlagfertigkeit und sein Sprachwitz, die ihn berühmt machten, seien nicht authentisch, sondern in mühsamer Arbeit angelernt. RHH habe “Ehrl-Königs Aussprache gewisser Wörter so lange mit ihm geübt, bis dadurch eine Ehrl-König- Kenntlichkeit erreicht war. Dadurch wurde Ehrl-König von jedem imitierbar, und nichts macht populärer als Imitierbarkeit.” (110) Ehrl-König sei “vor allem wegen seiner leichten Imitierbarkeit so populär und deshalb so einflußreich” (48). Ehrl-König habe “charakterlich etwa den Zuschnitt einer Disney-Figur” (88) und sei trotzdessen “der Mächtigste im Kulturland” (92).

“Er war die Macht und die Macht war er. Und wenn man wissen will, was Macht ist, dann schaue man ihn an: etwas Zusammengeschraubtes, eine Kulissenschieberei, etwas Hohles, Leeres, das nur durch seine Schädlichkeit besteht. (75) Ständig klage er wie er unter “der deutschen Gegenwartsliteratür” leide, für die er sich aber verantwortlich fühle, “vor allem für die deutsche” (41). Nachdem er “ein paar Tage hintereinander deutsche Gegenwartsliteratur lesen müsse, beneide er die Leute von der Müllabfuhr” (41), sagt Ehrl-König. Über ihn und seine Literatursendung sagt ein Bekannter: “Der ejakuliert doch durch die Goschen, wenn er sich im Dienste der deutschen Literatür aufgeilt.” (135). Hans Lach resümiert über den öffentlichen Verriss seines Romans: “Was für eine Schlacht, wo einer glorios schlachte und der andere keinen Finger rühren könne zu seiner Verteidigung. Ein Schlachten seis und nicht eine Schlacht.” (54) “Mit jedem Lob, jedem Tadel wurde er [Ehrl-König] selber größer, mächtiger” (74). Er sei etwas “Leeres, das nur durch seine Schädlichkeit besteht, als Drohung, als Angstmachendes, Vernichtendes.” (75) Durch die “Herabsetzungslust” (109) des Kritikers werde Hans Lach zum “gequälte[n] Christ, der sich helfen kann zuerst im Delirium, dann mit der Tat [dem Mord an Ehrl-König, S.V.]” (69).

1.a Der Jude als seinem Wesen nach würdeloser Schmarotzer

[...]


1 Martin Walser: Tod eines Kritikers. Frankfurt/ Main 2003, 3. Auflage.

2 beispielhaft zu nennen sei hier die Drohung des mutmaßlichen Mörders Hans Lach, die er an den jüdischen André Ehrl-König richtet: “Ab heute Nacht Null Uhr wird zurückgeschlagen.” (10). Diese Hitlerparaphrase steht zusammenhang- und bezuglos im Roman, wird auch nicht wieder aufgegriffen. S.V.


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