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Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei

Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2006, 27 Pages
Author: Diplom-Politologe Martin H. Hetterich
Subject: History - Postwar Period, Cold War

Details

Category: Scholarly Paper (Advanced Seminar)
Year: 2006
Pages: 27
Grade: 2,3
Bibliography: ~ 28  Entries
Language: German
Archive No.: V66934
ISBN (E-book): 978-3-638-59298-7

File size: 233 KB


Excerpt (computer-generated)

Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Institut für Geschichte
Hauptseminar: Zwangsmigration und ethnische Säuberungen im 20. Jahrhundert
Sommersemester 2006, 6. Semester

Die Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei

von: Martin Herbert Hetterich

 


Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung 2

2 Die Sudetendeutschen, das Münchener Abkommen und die Liquidierung der Tschechoslowakei  4

2.1 Die Sudetendeutschen 4
2.2 Die Maikrise und das Abkommen von München  6

2.2.1 Die Maikrise  6
2.2.2 Das Abkommen von München 7

2.3 Die Liquidierung der Tschechoslowakei 9

3 Die NS-Herrschaft im Gebiet des Protektorats  11

3.1 Die Massaker von Lidice und Le(?)áky 12

4 Der Weg zur Vertreibung  15

4.1 Die Pläne und Aktivitäten der Exilregierung und die Haltung der Alliierten  15
4.2 Die endgültige Entscheidung zur Vertreibung  17

5 Die Vertreibung  19

5.1 Der Prager Aufstand und die wilden Vertreibungen  19
5.2 Die geregelten Aussiedlungen  20
5.3 Die Opferzahlen  22

6 Schlussbemerkungen 24

Quellenverzeichnis 25

Primärquellen 25

Sekundärquellen 25


 

 

1 Einleitung

Die „Überwindung der Teilung Europas [gibt] uns die Freiheit, nun gemeinsam auch mit unseren Nachbarn über die Vergangenheit zu sprechen – über die eigene Leidensgeschichte und über die Leidensgeschichte unserer Nachbarn. Darum ist es gut und begrüßenswert, dass sich immer mehr Menschen mit diesem Thema beschäftigen. […]

Warum? Weil ich überzeugt davon bin, dass wir auch weiterhin über dieses Kapitel der deutschen und europäischen Geschichte sprechen und nachdenken müssen, damit wir den Weg in die Zukunft finden. Wir müssen darüber sprechen, weil die Menschen, denen unermessliches Leid widerfahren ist, Anspruch auf unser Mitgefühl und unsere Solidarität haben. Wir müssen darüber sprechen, weil die Kultur und die Geschichte der Vertriebenen zu unserer Identität gehören.

Und wir müssen das Gespräch darüber mit unseren polnischen, tschechischen, slowakischen, ungarischen Nachbarn, den anderen Nachbarländern und Freunden suchen, weil zu einer gemeinsamen guten Zukunft auch gehört, dass wir aufrichtig und auf Versöhnung bedacht mit unserer Vergangenheit umgehen.“1 Dieser Appell des deutschen Bundespräsidenten Horst Köhler ist geradezu ein Aufruf an alle Historiker, sich mit dem Thema „Flucht und Vertreibung“ zu beschäftigen. Köhler erkennt, dass die Versöhnung zwischen Deutschland und seinen östlichen Nachbarn noch lange nicht vollendet ist und, dass gerade nach der Öffnung der Europäischen Union nach Osten es wichtig ist, den Dialog mit diesen Ländern voranzutreiben um hier zu einer echten Aussöhnung zu kommen. Die Kritik vom polnischen Premierminister Jaroslaw Kaczynski2 und die Diskussion um das mögliche Ende für Minderheitenrechte Deutscher in Polen3 zeigen, dass Köhler mit seiner Rede den Finger in eine wunde Stelle der Beziehungen Deutschlands mit seinen östlichen Nachbarn legt.

Die vorliegende Arbeit soll diesen Aufruf Köhlers aufgreifen. Allerdings beschäftigt sie sich nicht mit dem Nachbarn Polen, sondern mit den Vertreibungen in und aus der Tschechoslowakei. Diese Arbeit soll aber keine Anklageschrift gegen die Tschechoslowakei sein, vielmehr soll der Versuch unternommen werden, den Dialog in einer vermittelnden Haltung zu fördern. Daher ist es auch das wichtigste Anliegen der Arbeit, die Vertreibungen in und aus der Tschechoslowakei nicht als Fehlverhalten einer Gruppierung zu interpretieren, sondern auch die Vorgeschichte und Hintergründe zu beleuchten und die Geschichte der Vertreibungen auf dem Boden der Tschechoslowakei als eine Anhäufung von Fehlern auf allen Seiten, nicht nur, aber vor allem, auf tschechoslowakischer und deutscher Seite, zu beschreiben. Die Arbeit will also keine Schuldzuweisungen unternehmen, sondern alle Seiten dazu aufrufen, die Aussöhnung voranzutreiben.

Diesem Anspruch folgend, nehmen die ersten beiden Themenkomplexe auch einen großen Bereich der Arbeit ein. So werden die Entwicklung bis zur Proklamation des Protektorats „Böhmen und Mähren“ und die Verhältnisse im Protektorat ausführlich beschrieben. Vom Umfang her etwa gleichgesetzt folgen dem die Planung der Vertreibung der Deutschen und die Vertreibung selbst. Mit einigen abschließenden Bemerkungen werden die Ausführungen schließlich beendet.

2 Die Sudetendeutschen, das Münchener Abkommen und die Liquidierung der Tschechoslowakei

2.1 Die Sudetendeutschen

Die Tschechoslowakei wurde bei ihrer Gründung im Jahr 1919 als Vielvölkerstaat konzipiert.4 Wesentliche Bevölkerungsgruppen waren Tschechen, Slowaken, Deutsche, und Ungarn (Magyaren). Die größte ethnische Gruppe bildeten nach einer Volkszählung von 1930 die Tschechen (51,2 %), gefolgt von den Deutschen (22,3 %), Slowaken (15,6 %), Ungarn (4,8 %) und Ukrainern (Ruthenen, 3,8 %). Juden, Polen, Zigeuner und andere stellten nur einen kleineren Teil der Bevölkerung (Abbildung 1).

Abbildung 1, Quelle: Eigene Abbildung nach Bohmann [Abbildung in der Downloaddatei vorhanden]

Die Deutschen stellten damit von insgesamt ca. 14,5 Millionen Staatsangehörigen knapp über 3,2 Millionen. Die größten Siedlungsgebiete der Deutschen lagen in Böhmen und Mähren-Schlesien, wo sie 32,4 bzw. 22,9 % der Staatsangehörigen ausmachten, wohingegen die Slowakei, vor allem aber die Karpato-Ukraine nur sehr dünn von Deutschen besiedelt waren (4,5 bzw. 1,9 % der gesamten staatsangehörigen Bevölkerung).5

Die sudetendeutsche Minderheit wurde durch die „Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei“ (DNSAP) und die „Deutsche Nationalpartei“ (DNP) vertreten.6 Beide Parteien bekundeten öffentlich ihre Sympathie für den deutschen Nationalsozialismus7 und traten für die Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich ein.8 Aus diesen Gründen wurden beide sudetendeutschen Parteien im Oktober 1933 verboten und nach ihrer freiwilligen Liquidierung am 11. November 1993 offiziell für aufgelöst erklärt. Bei ihrer Auflösung empfahlen die Parteien ihren Mitgliedern allerdings den Beitritt in die vom Turnlehrer Konrad Henlein geführte „Sudetendeutsche Heimatfront“ (SHF).9 Zur Parlamentswahl am 19. Mai 1935 wurde die SHF unter dem Titel „Sudetendeutsche Partei“ (SdP) schließlich als Partei formiert und zur Wahl zugelassen. Ihr Wahlkampf und die laufenden Ausgaben wurden mit Wissen Hitlers vom Deutschen Reich finanziert.10 Aus den Wahlen ging Henleins SdP als stärkste deutsche Partei hervor, welche für sich 44 von 66 deutschen Sitzen im Parlament beanspruchen konnte.11 Nach der tschechischen Agrarpartei (45 Sitze) war die SdP zweitstärkste Partei im Parlament, welches sich insgesamt aus 291 Abgeordneten aus 13 Parteien zusammensetzte.12

Spätestens ab diesem Zeitpunkt erkannte Hitler den Nutzen, den die SdP für seine Politik besaß.13 Durch die wachsende enge Verknüpfung der SdP mit den deutschen Nationalsozialisten hatte er starke Einflussmöglichkeiten auf innenpolitische Prozesse der Tschechoslowakei und in Henleins Partei ein bestens geeignetes Instrument um die Aufspaltung und Liquidierung der Tschechoslowakei zu forcieren.

2.2 Die Maikrise und das Abkommen von München

2.2.1 Die Maikrise

[...]


1 Köhler, Horst: Rede beim Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen am 2. September 2006 in Berlin, http://www.bundespraesident.de/Anlage/original_632737/Rede-beim-Tag-der- Heimat-des-Bundes-der-Vertriebenen.pdf, Stand: 09.09.06, S. 3f.

2 sueddeutsche.de: Polen: Premier kritisiert Köhlers Auftritt bei Vertriebenen, http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/292/84208, Stand: 09.09.06.

3 Urban, Thomas: Vorstoß der polnischen Nationalisten: Deutsche sollen Sonderrechte verlieren, http://www.sueddeutsche.de/,tt4m3/ausland/artikel/139/85054, Stand: 09.09.06.

4 vgl. Erdmann, Karl Dietrich: Deutschland unter der Herrschaft des Nationalsozialismus 1933- 1939 (Gebhardt Handbuch der deutschen Geschichte: Band 20), Deutscher Taschenbuch- Verlag, 11. Auflage, München 1999, S. 247f.

5 vgl. Bohmann, Alfred: Das Sudentendeutschtum in Zahlen, Sudetendeutscher Rat, München 1959, S. 13.

6 vgl. Erdmann 1999, S. 248.

7 vgl. Hoensch, Jörg K.: Geschichte der Tschechoslowakischen Republik, Kohlhammer, 2. Auflage, Stuttgart 1978, S. 57.

8 vgl. Erdmann 1999, S. 48.

9 vgl. Hoensch 1978, S. 57ff.

10 vgl. ebd., S. 60f.

11 vgl. Erdmann 1999, S. 249.

12 vgl. Mípiková Alena/Segert Dieter: Republik unter Druck, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Informationen zur politischen Bildung: Tschechien (Heft 276), Bonn 2002. Online-Ausgabe: http://www.bpb.de/publikationen/T80IHC,0,0,Republik_unter_Druck.html, Stand: 25.07.06.

13 vgl. Hoensch 1978, S. 70.


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