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Scholarly Paper (Advanced Seminar), 2007, 20 Pages
Author: Maria Blaim
Subject: German Studies - Modern German Literature
Details
Institution/College: University of Regensburg (Institut für Germanistik)
Tags: Kafkas, Landarzt, Traumbild, Hauptseminar, Seite, Doppelbegabungen, Kunst, Literatur, Jahrhundert
Year: 2007
Pages: 20
Grade: 2,0
Bibliography: ~ 9 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-60962-3
ISBN (Book): 978-3-638-76846-7
File size: 219 KB
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Abstract
Kafka verbindet er sein Schriftstellertum mit einem geliebten Nebenbeschäftigung: dem Zeichnen. Zeitlebens skizzierte er vor allem Figuren und Gesichter, zwar, wie man argumentieren könnte, kantig und schief, aber gerade damit dem Zeitgeist des erwachenden Expressionismus entsprechend. Kafka kombiniert nun diese seine „zurückgebliebene Muse“ mit seiner besser ausgebildeten Fähigkeit zum literarischen Schaffen und zeigt so eine Doppelbegabung in einer einzigen Tätigkeit: er zeichnet textuelle Traumbilder, die durch ihre Traumhaftigkeit sehr subjektiv gedeutet werden können. Dies ist vor allem in der Erzählung Ein Landarzt der Fall – hier „steigert sich dieses Motiv zum Angsttraum, zur nach innen gewandten Aggression, in welcher der gesellschaftliche Defekt als persönliches Versagen, als unbestimmte Schuld erlebt wird.“ Die Fragestellung hier soll demnach sein, wie Kafka diese Bildhaftigkeit erzeugt, wie also seine Werke diese Selbsterlebnis-Wirkung beim Leser erlangen. Dabei kann ein bedeutender Wegweiser sein, dass sich Kafka intensiv mit Freud und seiner Traumdeutung auseinandergesetzt hat und daraus seinen „Traum-Schrecken“ entwickelt hat. Bedeutend ist es außerdem, dass Kafka selbst zwischen Wirklichkeit und Traum gelebt hat, das heißt, zwischen dem Versicherungsbureau und seinem Schriftstellertum . Deswegen wusste er aus eigener Erfahrung um die Unterschiedlichkeit der beiden Welten. Erwähnenswert ist sicherlich auch, dass Kafka mit diversen psychologischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie zum Beispiel mit der gespannten Beziehung zu seinem Vater oder seinen unbeständigen und von zwiespältigen Gefühlen geprägten Partnerschaften. Dies schlägt sich in seiner Literatur nieder: Kafkas Figuren sind gespalten, ihre Identität löst sich auf - sie selbst, die Umgebung und die Geschehnisse erscheinen traumbildhaft. Aus welchen Elementen dieses Traumbild besteht, soll auf den folgenden Seiten erörtert werden. Dabei soll zuerst die Erzählung Ein Landarzt in ihrer Gesamtheit betrachtet werden und danach auf bestimmte Elemente untersucht werden: der Übergang von der Erzählungswirklichkeit zum Traumbild, die Selbstanalyse, die der Ich-Auflösung gegenübersteht, die Allegorie der Nacktheit, die Rolle der gesellschaftlichen Normen, Sexualität und ihre Bewertung und der Lebens- und Todeswunsch.
Excerpt (computer-generated)
Universität Regensburg
Institut für Germanistik
Wintersemester 06/07
Hauptseminar
„Die andere Seite.
Doppelbegabungen in Kunst und Literatur im 19. und 20. Jahrhundert“
Kafkas "Ein Landarzt"
Ein Traumbild
von
Maria Diana Blaim
Gliederung
1. Kafkas Doppelbegabung 3
2. Ein Landarzt – ein Traumbild 5
2.1 Übergang von Erzählungswirklichkeit zu Traumbild 6
2.2 Die Reise: Selbstanalyse und zugleich Auflösung der Identität 9
2.3 Nacktheit und Hilflosigkeit 11
2.4 Zwiespalt zwischen gesellschaftlichen Normen und eigener Natur 12
2.5 Sexualität 14
2.5.1 Parallelität der Geschlechter 14
2.5.2 Das Dienstmädchen Rosa 15
2.5.3 Die rosa Wunde 16
2.6 Einheit von Leben und Tod 17
3. Resümee 18
4. Bibliographie 20
1. Kafkas Doppelbegabung
Franz Kafka war ohne Zweifel ein begabter Schriftsteller und er bleibt bis in unsere Zeit hinein einer der am meisten diskutierten und doch am wenigsten verstandenen Autoren der deutschsprachigen Literaturgeschichte. Kafka schrieb, ungleich vielen anderen, weniger, um damit Erfolg zu haben, sondern aus einer inneren Notwendigkeit heraus, und mit dieser Subjektivität seiner Dichtung erklärt sich zugleich, warum sie so schwer verständlich bleibt. Dennoch oder gerade deswegen faszinieren die Erzählungen des Prager Versicherungsangestellten Menschen auf der ganzen Welt: die Subjektivität kafkascher Literatur bedeutet nämlich außerdem, dass die Interpretation dem individuellen Leser überlassen bleibt. Der Rezipient eignet sich, ganz im Sinne der literaturwissenschaftlichen Rezeptionstheorie, den Text an und erschafft ihn und seine Bedeutung immer wieder aufs Neue. Kafkas Texte im Besonderen sind für diesen Vorgang überaus geeignet, da sie selten in der alltäglichen Erfahrungswelt verhaftet bleiben, sondern vielmehr in Traumwelten ausschweifen, die für Leser- (und Literaturwissenschaftler-) Interpretationen weit offen stehen.
Eben darin besteht Kafkas wirkliche Begabung: im Darstellen von Traumbildern, die allegorisch vielseitig deutbar sind. Damit verbindet er sein Schriftstellertum mit einem geliebten Nebenbeschäftigung: dem Zeichnen. Zeitlebens skizzierte Kafka vor allem Figuren und Gesichter, zwar, wie man argumentieren könnte, kantig und schief1, aber gerade damit dem Zeitgeist des erwachenden Expressionismus entsprechend. Auch jene flüchtig gezeichneten Gestalten bleiben offen für Interpretation, oft erinnern sie an das später aufkommende Strichmännchen und weisen daher kaum distinktive Merkmale auf. Die Bedeutung der kafkaschen Skizzen ist damit ebenso allgemein gehalten wie die seiner Erzählungen; jedermann kann sich darin wieder erkennen. Kafka kombiniert nun diese seine „zurückgebliebene Muse“ mit seiner besser ausgebildeten Fähigkeit zum literarischen Schaffen und zeigt so eine Doppelbegabung in einer einzigen Tätigkeit: er zeichnet textuelle Traumbilder, die durch ihre Traumhaftigkeit sehr subjektiv gedeutet werden können.
Dies ist vor allem in der Erzählung Ein Landarzt der Fall – hier „steigert sich dieses Motiv zum Angsttraum, zur nach innen gewandten Aggression, in welcher der gesellschaftliche Defekt als persönliches Versagen, als unbestimmte Schuld erlebt wird.“2 Die Fragestellung hier soll demnach sein, wie Kafka diese Bildhaftigkeit erzeugt, wie also seine Werke diese Selbsterlebnis-Wirkung beim Leser erlangen. Dabei kann ein bedeutender Wegweiser sein, dass sich Kafka intensiv mit Freud und seiner Traumdeutung auseinandergesetzt hat und daraus seinen „Traum-Schrecken“3 entwickelt hat. Bedeutend ist es außerdem, dass Kafka selbst zwischen Wirklichkeit und Traum gelebt hat, das heißt, zwischen dem Versicherungsbureau und seinem Schriftstellertum4. Deswegen wusste er aus eigener Erfahrung um die Unterschiedlichkeit der beiden Welten. Erwähnenswert ist sicherlich auch, dass Kafka mit diversen psychologischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, wie zum Beispiel mit der gespannten Beziehung zu seinem Vater oder seinen unbeständigen und von zwiespältigen Gefühlen geprägten Partnerschaften. Dies schlägt sich in seiner Literatur nieder: Kafkas Figuren sind gespalten, ihre Identität löst sich auf5 - sie selbst, die Umgebung und die Geschehnisse erscheinen traumbildhaft. Aus welchen Elementen dieses Traumbild besteht, soll auf den folgenden Seiten erörtert werden. Dabei soll zuerst die Erzählung Ein Landarzt in ihrer Gesamtheit betrachtet werden und danach auf bestimmte Elemente untersucht werden: der Übergang von der Erzählungswirklichkeit zum Traumbild, die Selbstanalyse, die der Ich-Auflösung gegenübersteht, die Allegorie der Nacktheit, die Rolle der gesellschaftlichen Normen, Sexualität und ihre Bewertung und der Lebens- und Todeswunsch.
2. Ein Landarzt – ein Traumbild
Ein Landarzt wird in einer Winternacht zu einem Patienten gerufen, es sind jedoch keine Pferde für den Schlitten vorhanden. Mehr oder weniger zufällig betritt er den alten, verfallenen Schweinestall, in dem er einen unbekannten Pferdeknecht und zwei Pferde vorfindet, beide mit unwirklichen Kräften. Der Pferdeknecht spannt die Pferde an, die symbolisch „Motor der Reise“6 sind, und der Arzt begibt sich mit ihnen zum Patienten. Diese Reise ist eine Art Selbstfindung oder Selbstanalyse des Arztes, vor allem in sexueller Hinsicht. Der Landarzt aber ist nur Teil dieses ‚Selbst’, denn der aggressivsexueller Pferdeknecht und der todkranke Patient stellen weitere Facetten der landärztlichen Person dar. Diese Reise geht auf der einen Seite sehr schnell von Statten, denn binnen weniger Sekunden ist der Arzt am Ziel, es ist aber auch „weite(r) Raum“7 zwischen ihm und dem Patienten. Die Hilfe des Pferdeknechts und der Pferde hat aber auch eine negative Seite: das Dienstmädchen des Arztes, Rosa, kommt in Gefahr vom Pferdeknecht vergewaltigt zu werden. Der Arzt erkennt, dass sie ihm selbst nie als ‚Frau’ aufgefallen war, was als Zeichen gestörter Sexualität gedeutet werden kann, durch gesellschaftliche Tabuisierung hervorgerufen. Er versucht, ihr zu helfen, wird jedoch vom übermenschlichen Knecht zur Abfahrt gezwungen.
[....]
1 Vgl. Rothe, Wolfgang. Kafka in der Kunst. Stuttgart 1979.
2 Fischer, Ernst. Kafka-Konferenz. In: Franz Kafka aus Prager Sicht 1963. Prag 1965: Verlag der tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften. 157 – 168. 162f.
3 Kurz, Gerhard. Traum-Schrecken: Kafkas literarische Existenzanalyse. Stuttgart 1980.
4 Ebd. 18
5 Ebd. 31
6 Hiebel, Hans Helmut. Franz Kafka. „Ein Landarzt“. München 1984. 46.
7 Kafka, Franz. Ein Landarzt. In: Kafka, Franz: Erzählungen. 146 – 153. Berlin 1967. 146.
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