Scholary Paper (Seminar), 2006, 12 Pages
Author: Jan Thomas Otte
Subject: Theology - Historic Theology, Ecclesiastical History
Details
Institution/College: University of Heidelberg (Theologische Fakultät)
Tags: Angst, Abendland, Proseminar, Kirchengeschichte
Year: 2006
Pages: 12
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 16 Entries
Language: German
ISBN (E-book): 978-3-638-62642-2
ISBN (Book): 978-3-638-79383-4
File size: 209 KB
Religion ist mehr als bloße Ethik, einflussreicher als ein zivilreligiöser Verhaltenskodex. Das christliche Abendland hat heute Angst vor Terroranschlägen islamischer Fundamentalisten. Dabei ist man sich im Grunde einig, wollen doch sowohl Christentum als auch Islam Frieden schaffen. Predigten, Gebete und Kirchenlieder gewichtige Medien, um die Türken im Kollektiv zu polemisieren, den Zusammenhalt des Reiches zu stärken.
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Abstract
Predigten, Gebete und Kirchenlieder waren in der frühen Neuzeit einflussreiche Bindeglieder zwischen dem Volk und seinen Herrschern. Nicht nur gegen die heranmarschierenden Türken wurde im Kollektiv polemisiert. Auch die Solidarität innerhalb des Reiches wurde angesichts der Bedrohung aus dem Osten durch geschürte Angst gestärkt. Man orientierte sich im wahrsten Sinne gegen den „Antichristen“ aus dem Osmanischen Reich. Die Türken wurden zur Bedrohung der gesamten christlichen Bevölkerung hochstilisiert. Zugleich wurde damit der innere Zusammenhalt im Reich gestärkt. Für die Fürsten war die Kirche in ihrer engen Bindung an den Adel das ein effektives Medium, eine möglichst breite Bevölkerungsschicht auf die Türkengefahr aufmerksam zu machen. Die Massen sollten moralisch mobilisiert werden, mehr Gelder für die Reichstürkenhilfe zu spenden und sich unter akuter Bedrohung auch persönlich am Krieg gegen die Türken beteiligen. Daneben intendierten die Verfasser der Türkenliteratur, die instabile religiöse und politische Ordnung des Reiches durch das konsolidierende Element der äußeren Bedrohung wiederherzustellen. Das aufgrund der „Türkengefahr“ hervorgerufene Bild des Tyrannen und Erbfeindes wurde in der kirchlichen und politischen Führung zunehmend bewusst konstruiert. Im weiteren Sinne können diese Publikationen als Reflex auf die vorangegangenen Angriffe der Türken gedeutet werden. Das „Gebet gegen den Türken“ spricht konkret die damaligen Ängste in Reich und Kirche vor den Armeen Sultan Süleymans I. dem Prächtigen an. Die Handschrift wurde 2006 ediert und liegt im Original in der Bibliotheca Bipontina, der wissenschaftlichen Regionalbibliothek in Rheinland-Pfalz. Das Gebet wurde am 16. August 1566 durch Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken (1544-1569) erlassen. Pfalz-Zweibrücken war ein vergleichsweise winziges Herzogtum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dessen ungeachtet beteiligte sich Wolfgang 1566 mit rund 300 Reitern am Kriegszug von Kaiser Maximilian II. gegen Sultan Süleyman I. mit seiner Armee. Allerdings bleibt noch unklar, ob sich Wolfgang während seines zweimonatigen Auslandsaufenthaltes an den Kampfhandlungen persönlich beteiligte...
Excerpt (computer-generated)
Essay:
Angst im Abendland
von
Jan Thomas Otte
Umfang: ca. 30.000 Zeichen
Kleines Fürstentum, große Schlacht Herzog Wolfgang, seine Fürbitte und
Beteiligung am Kriegszug gegen den Türken 1566
• Herzog Wolfgang als pfälzischer Draufgänger mit protestantischem Profil 4
• Der erfahrene Gegenspieler aus dem Osten: Sultan Süleyman 5
• Außerordentliche Volksfrömmigkeit und Fülle an biblischen Belegen 6
• Hetzkampagne gegen den „bitterbösen“ Türken 8
• Aufruf zur Buße und neue Solidarität im Reich 9
• Raffinierte Politik der Toleranz: Sympathien für Süleyman 10
• Den Bleistift zum Degen gespitzt: Nutzung der Medien im Krieg 10
• Literaturverzeichnis 11
Predigten, Gebete und Kirchenlieder waren in der frühen Neuzeit einflussreiche Bindeglieder zwischen dem Volk und seinen Herrschern. Nicht nur gegen die heranmarschierenden Türken wurde im Kollektiv polemisiert. Auch die Solidarität innerhalb des Reiches wurde angesichts der Bedrohung aus dem Osten durch geschürte Angst gestärkt. Man orientierte sich im wahrsten Sinne gegen den „Antichristen“ aus dem Osmanischen Reich. Die Türken wurden zur Bedrohung der gesamten christlichen Bevölkerung hochstilisiert. Zugleich wurde damit der innere Zusammenhalt im Reich gestärkt.
Für die Fürsten war die Kirche in ihrer engen Bindung an den Adel das ein effektives Medium, eine möglichst breite Bevölkerungsschicht auf die Türkengefahr aufmerksam zu machen. Die Massen sollten moralisch mobilisiert werden, mehr Gelder für die Reichstürkenhilfe zu spenden und sich unter akuter Bedrohung auch persönlich am Krieg gegen die Türken beteiligen. Daneben intendierten die Verfasser der Türkenliteratur, die instabile religiöse und politische Ordnung des Reiches durch das konsolidierende Element der äußeren Bedrohung wiederherzustellen.1 Das aufgrund der „Türkengefahr“ hervorgerufene Bild des Tyrannen und Erbfeindes wurde in der kirchlichen und politischen Führung zunehmend bewusst konstruiert. Im weiteren Sinne können diese Publikationen als Reflex auf die vorangegangenen Angriffe der Türken gedeutet werden.2
Das „Gebet gegen den Türken“ 3 spricht konkret die damaligen Ängste in Reich und Kirche vor den Armeen Sultan Süleymans I. dem Prächtigen an. Die Handschrift wurde 2006 ediert und liegt im Original in der Bibliotheca Bipontina, der wissenschaftlichen Regionalbibliothek in Rheinland-Pfalz. Das Gebet wurde am 16. August 1566 durch Herzog Wolfgang von Pfalz-Zweibrücken (1544-1569) erlassen. Pfalz-Zweibrücken war ein vergleichsweise winziges Herzogtum im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Dessen ungeachtet beteiligte sich Wolfgang 1566 mit rund 300 Reitern am Kriegszug von Kaiser Maximilian II. gegen Sultan Süleyman I. mit seiner Armee.4 Allerdings bleibt unklar, ob sich Wolfgang während seines zweimonatigen Auslandsaufenthaltes an den Kampfhandlungen persönlich beteiligte.
Herzog Wolfgangs Motivation zur militärischen Beteiligung lag angesichts der Türkengefahr in aussichtsreichen Äußerungen Maximilans gegenüber Wolfgang. Erstens war es eine Bestätigung des Kaisers, dass Wolfgang und sein Geschlecht Anwärter auf Kurwürde und Erztruchsessenamt seien. Als weitere vorteilhafte Bewilligung kam dazu noch das vom Kaiser jüngst zugesprochene Privileg, den Zoll im Herzogtum Pfalz-Zweibrücken auf zwanzig Jahre zu erhöhen.5 Das waren dringend benötigte Finanzspritzen für die bereits vor dem Kriegszug leeren Kassen des pfälzischen Herzogtums.6 Wolfgangs Schwager und Freund Herzog Christoph von Württemberg war 1566 ebenfalls mit einem Truppenkontingent im Krieg involviert. Sein Mandat zur Fürbitte gegen den Türken ist auf den 2. September datiert. Das waren seit Erscheinen des vorliegenden Textes nur zwei Wochen, am Tag der Ankunft Wolfgangs im kaiserlichen Feldlager bei Wien.7 Die Freundschaft zwischen Wolfgang und Christoph ist dokumentiert durch einen regen Briefwechsel über politische und kulturelle Themen.8
Quellentext: Gebet wider den Türken (1566)
Bevelch, so an alle Ambtleut des Gebets halben wider den Turcken9 außgangen.
Unser freuntlich dinst unnd gruß zuvor. Sonders lieben und gutte freundt.
Es hatt der Durchleuchtig, hochgeborn furst und herr, herr Wolffgang, Pfaltzgrave etc., unser gnediger furst und herr, sich mit der Römischen Kay[serlichen] M[ayestä]t, unserm aller gnedigsten herrn, auch Chur- und Fursten unnd andern stenden des hailligen Reichs vermög jungst zu Augspurg uffgerichts abschieds verglichen, den allmechtigen Gott zu bitten, unnd solchs bey ihren hindersassen, underthanen unnd Innwohnern auch zubevelhen, damit des Türcken Tyrannei, so er jetzunt widerumb furgenommen hatt unnd ins werck zu bringen inn grausamer rustung ist, das auch deswegen däglich inn stetten, flecken10, dörffern ein glock geleutet unnd das volck vonn den Cantzeln vonn sündt und lastern abzusthen11, das leben zu bessern underwiesen und vermahnet werde, und zur selben zeitt des leittens, wie auch sonst, Gott, den Allmechtigen, umb sieg unnd uberwindung gegen den Erbfeindt, auch abwendung Gottes gerechten zorns und der vorstehenden grausamen straff mit hertzlicher andacht zu ruffen und zubitten.
[....]
1 SCHULZE , Reich und Türkengefahr, S. 60.
2 DELUMAU, Angst im Abendland, S. 38.
3 Quellenvorlage abgedruckt in SEEBASS/WOLGAST (Hg.), Die evangelischen Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts Rheinland-Pfalz, S. 312-313.
4 MOLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken, S. 217.
5 MOLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken , S. 218.
6 MENZEL, Wolfgang von Zweibrücken, S. 454-458.
7 LANZINNER/HEIL (Hg.), Reichstag zu Augsburg 1566, S. 915-917. KÖHLER, Flugschriften des späten 16. Jahrhunderts, S. 60-64.
8 ERNST (Hg.), Briefwechsel Christoph von Württemberg. MOLITOR, Stadtgeschichte Zweibrücken, S. 206.
9 „Türcken“ bezieht sich im Kontext auf den Singular der Person Süleyman.
10 „Flecken“ sind im Gegensatz zu befestigten Städten Wohnorte ohne Stadtmauer.
11 „Abzusthen“ meint, sich von erwähnten Sünden zu distanzieren und fern zu halten.
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