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Der Aufbau der erzählten Welt in Bohumil Hrabals früher Prosa

Termpaper, 2007, 15 Pages
Author: Martin Eckert
Subject: Russian / Slavic Languages

Details

Event: Bohumil Hrabal
Institution/College: University of Hamburg (Institut für Slavistik)
Tags: Aufbau, Welt, Bohumil, Hrabals, Prosa, Bohumil, Hrabal
Category: Termpaper
Year: 2007
Pages: 15
Grade: 1,4
Bibliography: ~ 10  Entries
Language: German
Archive No.: V70772
ISBN (E-book): 978-3-638-61835-9
ISBN (Book): 978-3-638-75472-9
File size: 203 KB

Abstract

Wer oder was sind eigentlich ‚Pábitelé’? Das Wort ‚Pábitel’ ist eine originäre Neuschöpfung des Dichters Jaroslav Vrchlický Ende der fünfziger Jahre, das bald in den Sprachgebrauch seiner Freunde und Kollegen überging , so dass es Hrabal bald von dem Dichter Jiří Kolář hörte und für seine Zwecke übernehmen konnte. Hrabal selbst definiert ‚Pábitelé‘ als „lidé, o kterých se mohlo říct, že se zbláznili, že jsou cvoci, šogři, ač každý, kdo je znal, jistě by to o nich netvrdil doslova. Byli to lidé, a jsou i podnes, kteří jsou schopní nadsázky, to, co dělají, dělají příliš zamilovaně, takže kráčejí po hranice směšnosti. Jsou bezradní, poněvadž si sdostatek nekryjí bok a při pohledu zvenčí jsou opravdu blázni a cvoci a šogři. Pábitelé jsou neuchopitelní, jejich tvar je v přítomnosti nejistý, sporný, někdy i zdanlivě nežadoucí, nevhodný. A přesto mívají za půl roku pravdu. (...) Pro literaturu je pábitel cenný tím, že už v typu je ozvláštňovatel. A nadto je přirozenou vyrovnávkou proti typu civilizačnímu, intelektu. (…) Pábitelé jsou lidé, kterých se nikdo nevšiml, kteří jsou skoro na konci společenského žebříčku, kteří snad nemají tuze vzdělání, a když, tak jim spíš vadí, pábitelům ani tak nezáleží na tom, jestli mají ledničku nebo televizor. A když, tak uživání takových předmetů přeženou v absurdnost.“ Die vorliegende Textanalyse der frühen Prosa Bohumil Hrabals (1914-1997) macht es sich zu Aufgabe, zu zeigen, inwiefern Hrabals eigene Vorgabe und Definition zu den vorliegenden Erzählungen passt. Des weiteren wird Aufgabe der Analyse sein, herauszuarbeiten, inwiefern Hrabal in seiner frühen Prosa hinsichtlich Form und Inhalt sein Ideal der dichterischen Tätigkeit verfolgt, von bisherigen Gewohnheiten abzuweichen und sich „um das Verbotene zu bemühen“: „Pábení je jistý druh básnické činnosti, který se odchyluje od dosavadních zvyklostí, že spíš bude usilovat o zakázané, nejisté a neuchopitelné a na co nelze jít s pravidly a jehož význam se objeví až pak.“


Excerpt (computer-generated)

Universität Hamburg, Institut für Slavistik
Wintersemester 2006/2007

Der Aufbau der erzählten Welt in Bohumil Hrabals früher Prosa

von: Martin Eckert

 


Inhaltsverzeichnis

1. Pábitelé 2

2. Die Geschichten  5

3. Raum und Zeit  6

4. Komposition und Sprachstil  7

5. Motive 9

6. Handelnde Personen 10

7. Verwendete Literatur  15


 

 

1. Pábitelé

Als Bohumil Hrabal (28.3.1914 - 3.2.1997) im Jahre 1963 seinen ersten schmalen Band kurzer Erzählungen veröffentlichte1, konnte er bereits auf eine annähernd dreißigjährige schriftstellerische Tätigkeit zurückblicken. Jedoch hatte er weder von den frühen Gedichten der dreißiger und vierziger Jahre noch von den Erzählungen der Jahre 1948-1956 je etwas publizieren können2: „Vystudovaný doktor práv tehdy (?)el z jednoho nejuristického zamestnání do druhého a pak a(?) do devetactyriceti let, tedy do veku, kdy se pro spisovatele chystávají gratulace k (?)ivotnímu dílu a jubilejní vence a tituly, vlácel s sebou z místa na místo svuj kufrík s rukopisy a s nejistou nadejí na jejich budoucí publikaci a tím i ospravedlnení bezmála v(?)eho, co predcházelo.“3
Was war der Grund für diese langjährige Abwesenheit vom literarischen Markt eines doch im Privaten äußerst produktiven Schriftstellers in seinen besten Jahren, der zu seinem Lebensunterhalt in dieser Zeit zudem körperliche Schwerstarbeit leisten musste4?
Obschon Hrabals Biographin Monika Zgustová für die publizistische Abstinenz Hrabals den Geist des kommunistischen Regimes der fünfziger Jahre verantwortlich macht5, finden sich in der frühen Prosa auf den ersten Blick zunächst wenig Anhaltspunke für politische Anstößigkeit. Auf die Seite offensichtlicher ‚Outlaws‘, seien sie es in politischer, sozialer oder sittlicher Hinsicht, schlägt sich Hrabal in den frühen Texten eigentlich nicht. Nirgends empört er sich über die Behandlung von Angehörigen der ehemaligen Bourgeoisie oder macht sich für die Rechte der politischen Gefangenen oder anderer Opfer des Stalinismus stark, er schildert nicht die Lage der Homosexuellen oder der Juden, und wo anfangs einmal ein Zigeuner auftritt, so im Sinne des Vorurteils, dass Zigeuner faul und gewalttätig sind und sich im Gegensatz zum fleißigen tschechischen Werktätigen am liebsten vor der Arbeit drücken6. Seine Sujets und Motive entstammen dem Milieu der Werktätigen und passen auch sprachlich-stilistisch zum geforderten sozialistischen Realismus. Waren also für die Abstinenz von jeglicher Publikation letztlich vielleicht doch Umstände maßgeblich, die in Hrabals Leben und Werk selbst zu suchen sind? Freilich war die Haltung der frühen Kritiker und Lektoren – wie so oft in der Literaturgeschichte – ein Hemmschuh auf dem Weg zur ersten Veröffent-lichung. So urteilte der Chefredakteur von Hrabals späterem Verlag Cesko-slovenský spisovatel Ladislav Fikar im Jahre 1955 noch vernichtend über die frühen Erzählungen: „Nic moc. Kousícky (?)ivota, videny naturalisticky. Naprosto preexponovaný.“7
Hrabals Manuskripte waren vielleicht wirklich noch nicht reif zur Veröffentlichung. Die Umstände ihrer Entstehung hat er selbst oft genug beschrieben8: Hrabal saß auf dem brütend heißen, sonnenüberfluteten Blechdach der Werkstatt in seinem Hof an einem niederen Tischchen, dessen Beine der Neigung des Daches entsprechend abgesägt worden waren, und ‚hackte’ alles, was sich in seinem Inneren an Bildern und Einfällen angehäuft hatte und zur Entladung drängte, in einem Zug in eine deutsche Schreib-maschine, die keine tschechischen diakritischen Zeichen aufwies, auf die Rückseite bedruckter Firmenpapiere, in einem endlosen Strom von Worten ohne Punkt und Komma, voller Tippfehler, mit wüster Orthographie und Syntax. Die auf diese Weise vollgeschriebenen Blätter ließ er unbearbeitet, höchstens schnitt er hier und da mit der Schere etwas he-raus, kombinierte Abschnitte neu miteinander, ergänzte sie gelegentlich mit Collagen aus Zeitschriften und fügte sie schließlich zu kleinen Heftchen zusammen, die er unter seinen Freunden zirkulieren ließ9. Seiner spontanen, um nicht zu sagen chaotischen, von atmosphärischen Stimmungen angeregten Arbeitsweise10 fehlte, um es mit Hegel zu sagen, noch die „Anstrengung des Begriffs“11, die den bloß fortlaufenden Strom innerer Vorstellungen und Einfälle zu einem in sich geschlossenen Kunstwerk transformiert hätte, in dem alle Details präzise festgelegt sind. Dass seinen frühen Prosawerken noch eine gewisse Vorläufigkeit und Beliebigkeit anhaftete, belegt auch die Tatsache, dass sie im Laufe der Zeit unter immer neuen Überschriften in immer neue Versionen umgegossen wurden12 – sie waren einfach noch nicht ‚reif’ in dem Sinne, dass sich der durchgebildete Stoff seinem Schöpfer gegenüber schließlich emanzipiert hätte, indem er sich von allen persönlichen Bezügen löste und so dem weiteren Zugriff entzog: Denn dann erst ist das Werk ‚fertig’.

[...]


1 Bohumil Hrabal: Perlicky na dne (Praha 1963)

2 Der zum Druck im Eigenverlag vorbereitete Band „Ztracená ulicka“ (1948) erschien eben so wenig wie der zur Herausgabe beim Verlag Ceskoslovenský spisovatel vorbereitete Band „Skrivánek na niti“ (1959) – s. hierzu SSBH sv. 15, 244ff. Im Jahre 1956 erschien allerdings eine bibliophile Ausgabe der ersten beiden Erzählungen Hrabals „Setkání“ und „Vecerní Praha“ als Beilage zur Zeitschrift „Zprávy ceských bibliofilu“ unter dem Titel „Hovory lidí“ in einer Auflage von 250 Exemplaren, die der Dichter und Übersetzer Josef Hir(?)al aus eigener Tasche finanziert hatte. Siehe hierzu SSBH sv. 19, 248 sowie Zgustová, 73.

3 E. Frynta (1968) im Nachwort zur dritten Auflage der „Pábitelé“ (Praha 1969), die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegt.

4 1949-1954 an den Hochöfen im Stahlwerk von Kladno, nach einem schweren Arbeitsunfall dann 1954-1959 an der Altpapier-Presse in der Prager Spalená-Gasse.

5 Zgustová, 84

6 Pábitelé, „Jarmilka“ Kap. 5, 22ff

7 Zgustová, 97

8 SSBH sv. 15, 63; 163f; 219; 237f; sv. 17, 210; 239ff; 315f

9 s. Zgustová, 93-97, 122f

10 Hrabal nennt dieses von Jackson Pollocks ‚Action-Painting’ inspirierte Vorgehen „diktát bytí“: „Psalo to ve mne a já jsem to vlastne jen opisoval“ (SSBH sv. 15, 265); „Próza je psána proudem, tak jako maloval Jackson Pollock“ (SSBH sv. 17, 265)

11 s. G.W.F. Hegel, Vorrede zur „Phänomenologie des Geistes“ (1807)

12 vgl. z.B. die ursprüngliche Fassung der frühen Erzählungen in SSBH sv. 2 und 3 mit den Druckfassungen der „Perlicky na dne“ und „Pábitelé“


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