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Hauptseminararbeit, 2007, 24 Seiten
Autor: Georg B.
Fach: Politik - Int. Politik - Thema: Europäische Union
Details
Institution/Hochschule: Universität Potsdam
Tags: EU-Beitritt, Türkei, Dimensionen, Diskussion, Europa, Krise
Jahr: 2007
Seiten: 24
Note: 1,3
Literaturverzeichnis: ~ 36 Literaturquellen, 6 Internetquellen Einträge
Sprache: Deutsch
ISBN (E-Book): 978-3-638-62752-8
ISBN (Buch): 978-3-638-65487-6
Dateigröße: 364 KB
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Zusammenfassung / Abstract
Die Debatte um den möglichen EU-Beitritt der Türkei ist nicht nur entscheidend für die zukünftige Erweiterungspolitik, sondern auch für die Diskussion über die Finalität der EU. Zum einen markiert sie exemplarisch die Wegscheide zwischen den Vertretern einer "Erweiterung" und einer "Vertiefung" der Union, und damit zwischen einer eher marktorientierten Sicht der EU als erweiterter Freihandelszone und dem Konzept eines kohärenten politischen Bundes. Zum anderen bildet die Debatte auch eine Projektionsfläche für unterschiedliche außenpolitische Strategien, also einer eher auf Kooperation oder eher auf Abschottung basierenden EU-Sicherheitspolitik. Diese Punkte erklären auch zum Teil, warum die Debatte über die Türkei so emotional wie wohl kaum ein zweites Thema der EU-Politik diskutiert wird. Dies zeigen wertende Begriffe der Beitrittsbefürworter wie der des "christlichen Clubs", der sich nicht zu einer "weltoffenen Netzwerkgesellschaft" wandeln wolle. Die Intensität der Debatte offenbart damit aber auch, wie schwach die kulturelle Identität der EU ausgeprägt ist. Dies fängt bereits bei der Definitionsfrage an, ob die Türkei überhaupt ein "europäisches" Land ist, wie es die Kopenhagener Kriterien als grundlegendstes Beitrittskriterium voraussetzen - noch vor der Erfüllung politischer, wirtschaftlicher und rechtstaatlicher Kriterien. Die unterschiedlichen Ansätze zur Klärung des Begriffs "europäisch" zeigen, dass diese Definition letztlich eine Wertfrage ist, die politisch entschieden werden wird. Doch auf welcher Grundlage findet diese Entscheidung statt? Vieles spricht für die Fokussierung auf die wirtschaftliche, sicherheitspolitische und wahlkampfstrategische Dimension - und für den Einfluss der USA aufgrund der geostrategischen Interessen, die sich jedoch derzeit im Umbruch befinden. Die mit dem Türkeibeitritt verbundenen Fragen und Probleme sind so umfangreich und komplex, dass die genannten Punkte zwangsläufig nur einen kleinen Ausschnitt aus der - in Variationen seit Jahrzehnten geführten - Debatte darstellen. Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Komplexität der Diskussion offen zu legen und dadurch die grundlegenden Konfliktpunkte herauszuarbeiten, aber auch einige Widersprüche der Debatte zu beleuchten und zu kritisieren. Dabei soll der Blick nicht nur auf die Beitrittsfähigkeit der Türkei gerichtet werden, sondern ebenso auf die Aufnahmefähigkeit der EU. Denn zur Debatte steht nicht nur die Zukunft der Türkei, sondern auch die Zukunft der EU.
Textauszug (computergeneriert)
Universität Potsdam
Verwaltungswissenschaft (D)
Seminar „Europa in der Krise – welche Krise?”
EU-Beitritt der Türkei?
Die Dimensionen der Diskussion.
von
Boie, Georg
Abgabe Februar 2007
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1. Einleitung 4
2. Gehört die Türkei überhaupt zu Europa? 5
2.1 Geographische Lage 5
2.2 Historische, kulturelle und religiöse Aspekte 5
2.2.1 „Cultural fit“? 5
2.2.2 Europäische Identität durch Abgrenzung 6
2.2.3 Türkeibeitritt als tragischer historischer Fehler? 6
2.2.4 Re-Islamisierung der Türkei? 7
3. Beitrittsfähigkeit der Türkei: Die Kopenhagener Kriterien 7
3.1 Die Kopenhagener Kriterien und das Kriterium „europäisch“ 7
3.2 Kopenhagener Kriterien I: Politische Kriterien 8
3.2.1 Rechtstaat und Menschenrechte 8
3.2.2 Die Reformen 2002 ... 9
3.2.3 Demokratie in der Türkei: Die islamistischen Parteien und das Militär 9
3.3 Kopenhagener Kriterien II: Wirtschaftliche Voraussetzungen 10
3.4 Geschichtsaufarbeitung: Der Völkermord an den Armeniern 11
3.5 Die Zypernfrage 11
3.6 Auswirkungen eines Nicht-Beitritts auf die Türkei 12
3.7 Die Diskussion in der Türkei 12
4. Die Aufnahmefähigkeit der EU 13
4.1 Auswirkungen von Beitritt und Nicht-Beitritt auf die EU 13
4.1.1 Handlungsfähigkeit und Machtgefüge der EU 13
4.1.2 Wirtschaftliche Auswirkungen 13
4.1.3 Bevölkerungswachstum: Die Türkei als größter EU-Staat? 14
4.1.4 Migration 14
4.1.5 Außen - und sicherheitspolitische Implikationen 15
4.2 Keine Finalität: Die Überdehnungsdiskussion 16
4.2.1 Fallbezogene Beitrittspolitik statt Finalität 16
4.2.2 Doppeldeutige Haltung gegenüber der Türkei 16
4.2.3 Der Einfluss der USA 16
4.2.4 Bereits bestehende Kooperation und Integration 17
5. Fazit und Ausblick 18
5.1 Notwendigkeit einer grundsätzlichen Sichtweise 18
5.1.1 Zusammenfassung der Hauptargumente 18
5.1.2 „Ergebnisoffene Verhandlungen“: Raum für Grundsatzentscheidungen 18
5.2 Kritik der bisherigen Debatte 19
5.3 Ausblick 20
Bibliographie 21
1. Einleitung
Die Debatte um den möglichen EU-Beitritt der Türkei ist aus vielen Gründen nicht nur entscheidend für die zukünftige Erweiterungspolitik, sondern auch für die Diskussion über die Finalität oder zumindest die zukünftige Ausrichtung der EU. Zum einen markiert sie exemplarisch die Wegscheide zwischen den Vertretern einer „Erweiterung“ und einer „Vertiefung“ der Union, und damit zwischen einer eher marktorientierten Sicht der EU als erweiterter Freihandelszone und dem Konzept eines kohärenten politischen Bundes.1 Zum anderen bildet die Debatte auch eine Projektionsfläche für unterschiedliche außenpolitische Strategien, also einer eher auf Kooperation oder eher auf Abschottung basierenden EU-Sicherheitspolitik. Diese Punkte erklären auch zum Teil, warum die Debatte über die Türkei so emotional wie wohl kaum ein zweites Thema der EUPolitik diskutiert wird (von den Diskussionen um die EU-„Verfassung“ einmal abgesehen). Dies belegen beispielsweise wertende und abwertende Kampfbegriffe der Beitrittsbefürworter wie der des „christlichen Clubs“,2 der sich nicht zu einer „weltoffenen Netzwerkgesellschaft“3 wandeln wolle.
Die Intensität der Debatte offenbart damit aber auch, wie schwach die kulturelle Identität der EU derzeit noch ausgeprägt ist. Dies fängt bereits bei der Definitionsfrage an, ob die Türkei überhaupt ein „europäisches“ Land ist, wie es die Kopenhagener Kriterien als grundlegendstes Beitrittskriterium voraussetzen – noch vor der Erfüllung politischer, wirtschaftlicher und rechtstaatlicher Voraussetzungen. Die unterschiedlichen Ansatzmöglichkeiten zur Klärung des Begriffs „europäisch“ (geographisch, historisch, kulturell, Selbst- und Fremdwahrnehmung) zeigen, dass diese Definition letztlich eine Wertfrage ist, die in Zukunft politisch entschieden werden wird. Doch auf welcher Grundlage findet diese politische Entscheidung statt? Vieles spricht für die Fokussierung auf die wirtschaftliche, sicherheitspolitische und wahlkampfstrategische Dimension – und für den Einfluss der USA aufgrund der großen geostrategischen Interessen an einem Beitritt. Die mit dem EU-Beitritt der Türkei verbundenen Fragen und Probleme sind jedoch so umfangreich und komplex, dass die genannten Punkte zwangsläufig nur einen kleinen Ausschnitt aus der – in Variationen seit Jahrzehnten geführten – Debatte darstellen. Ziel dieser Arbeit ist es daher, die Komplexität der Diskussion offen zu legen und dadurch die grundlegenden Konfliktpunkte herauszuarbeiten, aber auch einige Widersprüche der Debatte zu beleuchten und zu kritisieren. Dabei soll der Blick nicht nur auf die Beitrittsfähigkeit der Türkei gerichtet werden, sondern ebenso auf die Aufnahmefähigkeit der EU. Denn zur Debatte steht nicht nur die Zukunft der Türkei, sondern auch die Zukunft der EU.
2. Gehört die Türkei überhaupt zu Europa?
2.1 Geographische Lage
Wenn auch die geografischen Grenzen Europas im Osten strittig sind und historischen Veränderungen unterworfen waren, ist es weitgehend Konsens, dass die kontinentale Grenze zwischen Europa und Asien mitten durch die Türkei am Bosporus verläuft.4 Nach dem Untergang des Osmanischen Reichs liegen nur noch 3% des türkischen Territoriums in Europa, in dem jedoch 11% der Bevölkerung und die wirtschaftliche und kulturelle Hauptstadt Istanbul liegen.5
2.2 Historische, kulturelle und religiöse Aspekte
2.2.1 „Cultural fit“?
Nach der Teilung des Römischen Reichs im 4. Jhdt. n.Chr. fiel Kleinasien an Byzanz; 1077 wurde das Territorium der heutigen Türkei von den Seldschuken erobert und für türkische Stämme aus Zentralasien und Westchina geöffnet. Aus dem Stamm der Beyliken heraus wurde das Osmanische Reich gegründet, das 1453 Konstantinopel eroberte und von dort seine Herrschaft u.a. auf den Balkan ausdehnte.6
Den gemeinsamen Kultureinflüssen aus der Zeit Alexander des Großen und des Römischen Reichs – Kulturschaffer wie Herodot oder Aesop, Kulturfiguren wie Lucullus und Krösus, Kulturstätten wie Ararat und Ephesus7 – stehen als trennende Elemente die geistesgeschichtlichen Prägungen Europas – Christentum, Renaissance, Aufklärung, Reformation – gegenüber, Prägungen also vor allem in Bezug auf das Verhältnis zur Religion im Sinne von Säkularisierung und Pluralismus.8 Andererseits war gerade die Renaissance entscheidend durch die damals überlegene islamische Wissenschaft geprägt; ohne die Erfindung des Pergament in der heutigen Türkei wäre uns von der klassischen Antike wohl nur ein Bruchteil des heute bekannten Reichtums überliefert.9
Ab dem Jahr 1922 fanden mit der Republikgründung unter Kemal Atatürk tiefgreifende Reformen in der Türkei statt, u.a. die Abschaffung des Sultanats und des Kalifats (der Identität geistlicher und weltlicher Herrschaft), die Abschaffung der Scharia (des islamischen Rechtsystems, das u.a. auf Körperstrafen basiert), das Verbot von Fez und Schleier, die Einführung der Koedukation sowie des Gregorianischen Kalenders und des metrischen Systems.10
[....]
1 z.B. Schmidt 2002
2 z.B. Leggewie 2004, S. 237.
3 Leggewie 2004, S. 319.
4 Vgl. Independent Commission on Turkey 2004, S. 10; abweichende Ansicht jedoch vgl. Louis 1979.
5 Leggewie 2004 S. 21.
6 www.internationale-kooperation.de/doc/Geschichte_der_Tuerkei_298.pdf
7 Independent Commission on Turkey 2004, S. 10.
8 Wehler 2002.
9 Schmidt 2002.
10 www.bpb.de/publikationen/4DMEOK,2,0,Der_Islam_in_der_Weltpolitik.html
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