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"Frauenhandel" in Diskurs und Politik

Subtitle: Pierre Bourdieus Begriffe der Doxa, Orthodoxie und Heterodoxie in der komplexen Gesellschaft

Essay, 2007, 9 Pages
Author: Andreas von Känel
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Event: Poststrukturalistische Theorien
Institution/College: University of Bern (Institut für Sozialanthropologie)
Tags: Frauenhandel, Diskurs, Politik, Poststrukturalistische, Theorien
Category: Essay
Year: 2007
Pages: 9
Grade: 1
Bibliography: ~ 5 + 3 online  Entries
Language: German
Archive No.: V74417
ISBN (E-book): 978-3-638-71476-1
ISBN (Book): 978-3-638-78009-4
File size: 101 KB

Abstract

In diesem Essay möchte ich mich dem Diskurs über Frauenhandel und der daraus resultierenden Politik annähern. Indem ich auf Bourdieus Konzepte der Doxa, Orthodoxie und Heterodoxie Bezug nehme, werde ich aufzeigen, dass – weit entfernt von „anything goes“ – unsere Gesellschaft zwar Arena unterschiedlicher Interessen und Meinungen ist (Orthodoxie und Heterodoxie/n), dass aber zugleich das Unhinterfragte (Doxa) Teil dieser Auseinandersetzungen bleibt.


Excerpt (computer-generated)

Universität Bern WS 06/07
Institut für Sozialanthropologie
Seminar: Poststrukturalistische Theorien

„Frauenhandel“ in Diskurs und Politik
Pierre Bourdieus Begriffe der Doxa,
Orthodoxie und Heterodoxie  in der komplexen Gesellschaft

von

Andreas von Känel

 


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG 3

2. „GEHANDELTE FRAUEN“ UND VERLETZTE MENSCHENRECHTE 4

3. KAMPF GEGEN FRAUENHANDEL 4

4. DOXA, ORTHODOXIE, HETERODOXIE UND FRAUENHANDEL 5

5. DER DISKURS ÜBER FRAUENHANDEL 6

6. DIE PRAXIS 7

7. FAZIT 8

BIBLIOGRAPHIE 9





1. Einleitung

„O du, der du dich überstürzest,
Halt ein und lass dich tadeln;
Das Auskommen kommt von Gott
Magst du dich darum nicht kümmern.“
(kabylisches Sprichwort, zit. nach Bourdieu 1976: 323)

„One of the core challenges for
IOM and its Member States is to combat trafficking in persons,
which is an exploitative form of irregular migration
involving the violation of the migrants’ human rights.“
(IOM 2003)

Pierre Bourdieu zitiert in Theorie der Praxis ein Sprichwort der Kabylen, das auf die räumliche und zeitliche Ordnung der Gesellschaft hinweist. Dieses Sprichwort ist gleichsam Ausdruck der kollektiven Moral, die das Individuum daran erinnert, dass seine höchste Aufgabe darin liegt, den scheinbar gottgegebenen Rhythmus der Welt zu reproduzieren. Der Verweis auf Gott verleiht dem Sprichwort die nötige Legitimität.
27 Jahre später: Die International Organisation for Migration (IOM) betont die Notwendigkeit des Kampfes gegen den Menschenhandel – es handle sich dabei um eine ausbeuterische Form irregulärer Migration, was nicht toleriert werden dürfe. Der Verweis auf die Menschenrechte verleiht der Forderung die nötige Legitimität.
In diesem Essay möchte ich mich dem Diskurs über Frauenhandel und der daraus resultierenden Politik annähern. Indem ich auf Bourdieus Konzepte der Doxa, Orthodoxie und Heterodoxie Bezug nehme, werde ich aufzeigen, dass – weit entfernt von „anything goes“ – unsere Gesellschaft zwar Arena unterschiedlicher Interessen und Meinungen ist (Orthodoxie und Heterodoxie/n), dass aber zugleich das Unhinterfragte (Doxa) Teil dieser Auseinandersetzungen bleibt.

2. „Gehandelte Frauen“ und verletzte Menschenrechte

„All prostitution exploits women regardless of women′s consent.”
(CATW, Homepage)

Während verschiedene Formen der Migration in politischen Diskursen von der einen Partei als Ursache wachsender Kriminalität gebrandmarkt, von der anderen als Voraussetzung wirtschaftlichen Wachstums und kultureller Vielfalt gefeiert werden, fällt das Verdikt wesentlich klarer aus, wenn über Frauenhandel gesprochen wird („gehandelte“ Frauen werden in der Regel im Sexgewerbe tätig). Der Begriff des Frauen-Handels verweist bereits auf die vorherrschende Wahrnehmung dieses Phänomens: Ein Subjekt (Frauenhändler) nimmt gegenüber einem Objekt (der Gehandelten) eine dominante Position ein und verschafft sich durch die Ausbeutung dieses Verhältnisses ökonomisches Kapital.
Angesichts der Berichte über die unmenschliche, an Sklaverei erinnernde Behandlung, denen die Opfer dieses Mechanismus ausgesetzt sind, gehen einander entgegen gesetzte politische Positionen fast ausnahmslos in einem grossen Konsens auf: der Praktik des Menschenhandels muss ein Riegel vorgeschoben werden. Darin scheinen sich verschiedene Akteure (UNO, NGOs, IGOs EU, Medien, usw.) zumindest in der offiziellen Rhetorik einig zu sein. Organisationen wie die CATW (Coalition Against Trafficking in Women) und die IOM beteiligen sich aktiv an der Konstruktion eines Diskurses, der Frauenhandel als eine Täter-Opfer-Konstellation deutet, welche die Verletzung der Menschenrechte impliziert. Die IOM ist aufgrund ihres breit angelegten Engagements in Migrationsforschung und -management treffend als „diskursives Scharnier“ (Hess / Tsianos 2003) zwischen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren bezeichnet worden.

3. Kampf gegen Frauenhandel

„Die Nacktheit sollte die Hilflosigkeit und Verwundbarkeit gehandelter Frauen zeigen. [...] Die meisten gehandelten Frauen finden sich wie Sklaven behandelt wieder, sie haben keinerlei Kontrolle über ihr Leben. Das ist es, wovon wir eine Vorstellung vermitteln wollen.“
(IOM über ihre Kampagnen gegen Frauenhandel, zit. nach: Andrijasevic 2006: 134)

Zur Bekämpfung des als menschenrechtsverletzend verstandenen Frauenhandels müssen nach Einschätzung der IOM eine Vielzahl von Massnahmen ergriffen werden. Einerseits sollen potentielle Opfer in den Rekrutierungsländern mittels Informationskampagnen aufmerksam gemacht werden auf die Gefahren des Frauenhandels und anderer Formen irregulärer Migration. Darüber hinaus soll auch versucht werden, die Klienten der Sexindustrie für die oft unter Zwang eingegangenen Arbeitsverhältnisse der gehandelten Frauen zu sensibilisieren.

[...]


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