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Gesellschaft und Reziprozität in Marshall Sahlins' Stone Age Economics

Literature Review, 2006, 9 Pages
Author: Andreas von Känel
Subject: Ethnology / Cultural Anthropology

Details

Category: Literature Review
Year: 2006
Pages: 9
Grade: 1
Bibliography: ~ 3  Entries
Language: German
Archive No.: V74419
ISBN (E-book): 978-3-638-71477-8
ISBN (Book): 978-3-638-78010-0
File size: 96 KB

Abstract

Als Teil dieser brisanten Diskussion erschien 1972 Marshall Sahlins´ Essaysammlung Stone Age Economics (Beck 2001: 413 ff.), in der er unter anderem das prominent gewordene Konzept der ursprünglichen Überflussgesellschaft entwickelte. [...] Im selben Band erschienen ist Sahlins´ Beitrag On the Sociology of Primitive Exchange, mit dem ich mich im vorliegenden Essay kritisch auseinandersetzen werde. [...]


Excerpt (computer-generated)

Universität Bern, Institut für Sozialanthropologie
Essay, SS 2006

Gesellschaft und Reziprozität in Marshall Sahlins′ Stone Age Economics

von

Andreas von Känel

 


Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG: KAMPF DER PARADIGMEN 3

2. FORMEN DER REZIPROZITÄT UND IHRE GESELLSCHAFTLICHEN DETERMINANTEN 4

3. ANNÄHERUNG AN DIE KOMPLEXITÄT „PRIMITIVER“ ÖKONOMIE 5

4. KRITIK, LOB UND DER ABSCHIED VON STUREN PARADIGMEN 7

5. BIBLIOGRAPHIE 9



 


1. Einleitung: Kampf der Paradigmen

“The question is, can one specify social or economic circumstances that impel reciprocity
toward one or another of the stipulated positions, toward generalized, balanced, or negative
reciprocity?
I think so.“

(Sahlins 2004: 196)

Im Land der Wirtschafts-, Sozial- und Geisteswissenschaften ist die Institution des „primitiven“ Tausches hart umkämpftes Territorium. So rangen substantivistische und formalistische TheoretikerInnen – die sich ihrerseits auf weiter zurück reichende Konfliktlinien beriefen – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zuletzt um die Deutung eben dieser Institution. Diese in ihrem Zenit reichlich verbissene Debatte hatte immer auch eine ideologische Komponente. Gingen die marxistischen ebenso wie die neoklassischen Argumentationen Hand in Hand mit normativen Postulaten, galt dasselbe für die Substantivisten und die Formalisten. Wahrscheinlich hat sich nach Mauss´ Le Don die Überzeugung noch verstärkt, die Interpretation des Tausches erlaube Vorstösse zu den Grundlagen der menschlichen Gesellschaft, vielleicht sogar des menschlichen Wesens. (Gregory 1995: 911ff.)

Als Teil dieser brisanten Diskussion erschien 1972 Marshall Sahlins´ Essaysammlung Stone Age Economics (Beck 2001: 413 ff.), in der er unter anderem das prominent gewordene Konzept der ursprünglichen Überflussgesellschaft entwickelte (ohne genauer auf diesen Punkt einzugehen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass er dabei neben einer wissenschaftlichen auch eine ideologische Aussage machte). Im selben Band erschienen ist Sahlins´ Beitrag On the Sociology of Primitive Exchange, mit dem ich mich im vorliegenden Essay auseinandersetzen werde. Einleitend präsentiere ich einen kurzen Überblick über Struktur und Inhalt des Textes, worauf ich Sahlins´ Perspektive auf Gesellschaft und Tausch kritisch diskutieren werde.

2. Formen der Reziprozität und ihre gesellschaftlichen Determinanten

Sahlins´ Ausführungen werden durch zwei aufeinander bezogene Teile zusammengehalten: Einerseits das Schema der Reziprozitätsformen; andererseits die Faktoren, welche die Ausprägung der Reziprozität beeinflussen. Bevor ich zu einer genaueren Analyse komme, möchte ich die Inhalte dieser beiden Teile kurz darlegen. Das von Malinowski inspirierte Schema der Reziprozität bildet eine horizontale Achse, ein Kontinuum, auf dem die (empirisch unendlichen) unterschiedlichen Formen der Reziprozität verortet werden können. Dabei dienen insbesondere das Mass materieller Ausgeglichenheit sowie der zeitlichen Verzögerung zwischen Gabe und Gegengabe als Kriterien. Sahlins unterscheidet nun drei idealtypische Formen der Reziprozität, die er den beiden Extremen und dem Mittelpunkt des Kontinuums zuordnet. Generalisierte Reziprozität bedeutet geben, ohne zwingend eine Gegengabe zu erwarten. Negative Reziprozität indessen bedeutet nehmen, ohne etwas dafür herzugeben. Zwischen diesen beiden Polen ist die ausgeglichene Reziprozität angesiedelt, die weder durch Altruismus noch durch unbedingte Nutzenmaximierung dominiert wird. Vielmehr halten sich hier Geben und Nehmen die Waage. Dieses Schema der Reziprozitätsformen bringt Sahlins in den darauf folgenden Kapiteln in Zusammenhang mit weiteren Faktoren, jenen „[…] social or economic circumstances that impel reciprocity toward one or another of the stipulated positions […]“ (Sahlins 2004: 196). Dabei berücksichtigt er eine Auswahl von Variablen, die mit der Form des Tausches in Zusammenhang stehen, sie indessen nicht absolut determinieren. Am wichtigsten ist dabei die verwandtschaftliche Distanz zwischen Geber und Empfänger. Je grösser diese Distanz wird, umso seltener werden Formen generalisierter Reziprozität, welche vielmehr im engsten Kreis des Haushalts vorherrschen. An ihre Stelle treten zunehmend Formen der ausgeglichenen und schliesslich Formen der negativen Reziprozität. Weitere Variablen, die im Zusammenspiel mit der verwandtschaftlichen Distanz auf die Tauschbeziehungen einwirken, sind Rang und Reichtum der involvierten Parteien, ebenso wie die Art der Güter, die getauscht werden. Unterschiede in Rang und Reichtum bringen oft generalisierte Reziprozität auch ausserhalb des engeren verwandtschaftlichen Rahmens hervor. Dasselbe gilt, wenn lebensnotwendige Ressourcen (Nahrung, Unterkunft) geteilt werden müssen.

3. Annäherung an die Komplexität „primitiver“ Ökonomie

[...]


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