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Vorkoloniale Strukturen in Ruanda und der koloniale Einfluss - Sozialstruktur, Ethnisierung und Bodenrecht

Termpaper, 2006, 20 Pages
Author: Sybille Barbara Biermann
Subject: African Studies

Details

Category: Termpaper
Year: 2006
Pages: 20
Grade: 1,3
Bibliography: ~ 7  Entries
Language: German
Archive No.: V75181
ISBN (E-book): 978-3-638-78548-8

File size: 171 KB

Abstract

Mit der Katastrophe 1994 scheint es nicht mehr möglich, Ruanda aus den Kontexten Genozid, Ethnisierung und humanitäre Intervention herauszunehmen und ohne diese zu betrachten. Allein die Flut an Literatur im Internet wie in den Bibliotheksregalen, die sich beinahe ausschließlich mit ´94, den Vorraussetzungen und den (längst nicht abgeschlossenen) Folgen beschäftigt, macht dies bildlich. Der Genozid hat Ruanda stigmatisiert. Während die populäre Meinung sich oftmals noch das Muster eines ‚Stammeskrieges’ zur Erklärung heranzieht, sieht die Fachliteratur ein multiples Ge-bilde an Ursachen als Katalysator für das, was ohnehin kaum fassbar scheint. Dabei ist noch kein Konsens gefunden, weder über die vorkolonialen Strukturen, den Ein-fluss der Kolonialadministrative auf diese, noch über die ausschlaggebenden Fakto-ren, welche die Eskalation des Konfliktes letztendlich begünstigt haben könnten. Diese Hausarbeit macht den Versuch, die Sozialstruktur Ruandas weit vor 1994 darzu-stellen. Dabei wird der Fokus auf einige Aspekte der vorkolonialen Strukturen sowie auf den kolonialen Einfluss auf diese gelegt. Die Darstellung dieser Strukturen in den Begriffen Hutu, Tutsi und Twa ist dabei keineswegs einfach, da sie in der Literatur vor 1994 ebenso wie danach oftmals ideologisiert wirken und seit dem Genozid in ein Opfer-Täter-Raster fallen, das wahrscheinlich lange nicht überwunden werden wird. Zudem wird mit „der Anerkennung, dass sich der einzelne auch über seine Zugehörigkeit zu den ‚Bevölkerungsgruppen’ Hutu, Tutsi, Twa identifizierte, ein Problem weitertransportiert, das [man] gern aufgelöst hätte.“ Die folgende Arbeit maßt sich daher nicht an, Ursachen und Wurzeln des Konflikts in ihrer Absolutheit darzustellen, sondern versucht eher, einige Aspekte herauszugreifen, als Versuch, die Situation vor 1994 zu begreifen und diese schließlich, da dies kaum mehr zu umgehen ist, in den Kontext des Konflikts zu stellen.


Excerpt (computer-generated)

Universität Leipzig, Institut für Afrikanistik
Seminar: „Soziologie Afrikas“
Wintersemester 06/07

Vorkoloniale Strukturen in Ruanda und der koloniale Einfluss -
Sozialstruktur, Ethnisierung und Bodenrecht

von

Sybille Barbara Biermann

 


INHALTSVERZEICHNIS

0. Einleitung 3

1. Vorkoloniale Strukturen  4

1.1 Siedlungsweise, chiefdom und die Rolle des mwami  4
1.2 Der Viehpächtervertrag Ubuhake  6

1.3.1 Das Bodenrecht in Ruanda 8
1.3.2 Das System der Ackerbauern Ubukonde 10

2. Kolonialverwaltung  12

2.1 Ethnisierung als Rassismus – the making of an elite 12
2.2 Kolonialer Eingriff in die autochthonen Institutionen  13

3. Kurzer Abriss von der Unabhängigkeit bis 1994 15

4. Versuch einer Schlussfolgerung : Ein Kampf der Kulturen oder ‚Malthusianische Krise’?  16

Literaturverzeichnis  20

 

 


0. Einleitung

In dieser Welt spielt man nicht Schach mit den ewig gleichen Figuren, dem König, dem
Bauern, sondern hier sind die Figuren das, was die wechselnden Konfigurationen auf
dem Schachbrett aus ihnen machen.1

Mit der Katastrophe 1994 scheint es nicht mehr möglich, Ruanda aus den Kontexten Genozid, Ethnisierung und humanitäre Intervention herauszunehmen und ohne diese zu betrachten. Allein die Flut an Literatur im Internet wie in den Bibliotheksregalen, die sich beinahe ausschließlich mit ´94, den Vorraussetzungen und den (längst nicht abgeschlossenen) Folgen beschäftigt, macht dies bildlich. Der Genozid hat Ruanda stigmatisiert. Während die populäre Meinung sich oftmals noch das Muster eines ‚Stammeskrieges’ zur Erklärung heranzieht, sieht die Fachliteratur ein multiples Gebilde an Ursachen als Katalysator für das, was ohnehin kaum fassbar scheint. Dabei ist noch kein Konsens gefunden, weder über die vorkolonialen Strukturen, den Einfluss der Kolonialadministrative auf diese, noch über die ausschlaggebenden Faktoren, welche die Eskalation des Konfliktes letztendlich begünstigt haben könnten. Diese Hausarbeit macht den Versuch, die Sozialstruktur Ruandas weit vor 1994 darzustellen. Dabei wird der Fokus auf einige Aspekte der vorkolonialen Strukturen sowie auf den kolonialen Einfluss auf diese gelegt. Die Darstellung dieser Strukturen in den Begriffen Hutu, Tutsi und Twa ist dabei keineswegs einfach, da sie in der Literatur vor 1994 ebenso wie danach oftmals ideologisiert wirken und seit dem Genozid in ein Opfer-Täter-Raster fallen, das wahrscheinlich lange nicht überwunden werden wird. Zudem wird mit „der Anerkennung, dass sich der einzelne auch über seine Zugehörigkeit zu den ‚Bevölkerungsgruppen’ Hutu, Tutsi, Twa identifizierte, ein Problem weitertransportiert, das [man] gern aufgelöst hätte.“2 Die folgende Arbeit maßt sich daher nicht an, Ursachen und Wurzeln des Konflikts in ihrer Absolutheit darzustellen, sondern versucht eher, einige Aspekte herauszugreifen, als Versuch, die Situation vor 1994 zu begreifen und diese schließlich, da dies kaum mehr zu umgehen ist, in den Kontext des Konflikts zu stellen.

1. Vorkoloniale Strukturen

1.1 Siedlungsweise, chiefdom und die Rolle des mwami

Die geografische Besonderheit Ruandas ist seine Hügellandschaft, die dem Land den Spitznamen „Land der tausend Hügel (milles collines)“ einbrachte. Zum einen nützte sie als natürliche Festung gegen Tsetsefliegen und Malaria und schirmte das Land vor feindlichen Angreifern aus der Nachbarschaft sowie gegen die Sklavenhändler der Swahiliküste ab, zum anderen kreierte sie eine eigene Form der Siedlungsweise und Sozialstruktur. Der Großteil der Bevölkerung siedelte sich auf mittlerer Höhe in ingo an, also in familiären Gruppen, die wiederum in inzu, also lineages einbegriffen sind. Dabei fanden sich auf jedem Hügel ein dutzend ingo, Hutu wie Tutsi, nachbarschaftlich nebeneinander, „for better or for worse, for intermarriage or for massacre.“3 Diese dichte Besiedlung, einhergehend mit der Fruchtbarkeit des Landes, begünstigte eine in hohem Maße zentralisierte Politik und einen hohen Grad an sozialer Kontrolle.4 Somit verfügte Ruanda bereits in vorkolonialer Zeit über eine vielschichtige und stark zentralisierte Gesellschaftsordnung. Das Volk der Banyarwanda hatte eine gemeinsame Führung an der Spitze: den Mwami. Er war der Höhepunkt der Klientelverhältnisse zwischen den drei Gruppen Hutu, Tutsi und Twa und bildete somit den Gipfel der auch innerhalb der drei Gruppen vorhandenen Hierarchie. Seine Macht war religiös legitimiert und zelebriert und er verkörperte Ruanda in seiner Person. Er war:

the father and the patriarch of his people, given to them by Imana (God). He is the providence of
Ruanda, the Messiah and the saviour. When he exercises his authority, he is impeccable, infallible.
His decisions cannot be questioned.5

Vom König wurden auch die chiefs eingesetzt, die sich meistens innerhalb der Regionen wiederum in drei Funktionen aufgliederten: den Landchief mutwale wa buttaka, den Weiden- und Viehchief mutwale wa inka/ igikingi und den ‚chief of men’ oder Armeechief mutwale wa ingambo. Zum Teil konnten diese drei Funktionen in einer Chiefperson zentriert werden, konnten jedoch vom König auch in drei Personen auf- gespaltet werden, wie es besonders in kritischen oder rebellischen Gebieten nach dem Prinzip ‚divide and rule’ gehandhabt wurde. Während der Posten des mutwale wa ingambo und des mutwale wa ingikingi meist von Tutsi besetzt war, hatten Hutu aufgrund ihrer bäuerlichen Tätigkeit oftmals die Position des mutwale wa buttaka inne. Dabei konnte ein chief auch mehrere Posten in verschiedenen Gebieten ausführen. Die chiefs hatte hauptsächlich die Aufgabe, ihre Gebiete zu verwalten und zu kontrollieren. Der Einsatz, den sie von ihren Bürgern forderten, war dabei nicht von ausbeuterischem Charakter, sondern wurde entlohnt, wofür Prunier den Begriff der African collective responsibility heranzieht. Erst im späten 19. Jahrhundert führte der König Rwabugiri ein weit engeres und als zentralistische Unterdrückung empfundene System ubuleetwa ein, in dem die Bauern zu works of public interest verpflichtet wurden. Unter belgischer Kolonialverwatung sollte dieses System dann noch weiter angezogen und ausgenutzt werden.6

[...]


1 Veyne: Foucault: Die Revolutionierung der Geschichte, 67.

2 Asche: Rwanda - Die Produktion eines ethnischen Dramas, 2.

3 Prunier: The Rwanda Crisis – History of a Genocide, 3.

4 Vgl.: Ebd., 1-3.

5 De Lacger zit. nach: Prunier: The Rwanda Crisis – History of a Genocide,10.

6 Prunier: The Rwanda Crisis – History of a Genocide, 11-13.


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