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"Rainer Werner Fassbinder" in "Deutschland im Herbst": Fassbinders radikale filmische Selbstentblößung - ein Film über die persönliche Betroffenheit in einem Film aus persönlicher Betroffenheit

Scholarly Essay, 1993, 28 Pages
Author: MA Michaela Kromer
Subject: Communications: Movies and Television

Details

Category: Scholarly Essay
Year: 1993
Pages: 28
Bibliography: ~ 13  Entries
Language: German
Archive No.: V75798
ISBN (E-book): 978-3-638-81319-8

File size: 193 KB
Notes :
Kommentar des Profs: ... eine sprachlich sowie vor allem inhaltlich insgesamt vorzügliche Arbeit. Besonders eindrucksvoll finde ich Ihre Analyse der filmischen Inszenierung des RWF-Filmbeitrags zu "Deutschland im Herbst". Großes Kompliment. Die Arbeit wurde von mir im Frühjahr 2007 überarbeitet. Anm. d. Red.: Dieser überarbeitete und erweiterte Text basiert auf einer Hauptseminararbeit aus dem Jahr 1993. Diese entstand im Hauptseminar "Rainer Werner Fassbinder", wurde an der Philipps-Universität Marburg eingereicht und mit "sehr gut" bewertet.


Abstract

Fassbinder beschrieb in seinen Filmen immer wieder auf erschütternde Weise das unweigerliche Zerbrechen von individuellen Utopien und persönlichen Sehnsüchten angesichts des bestehenden Gesellschaftssystems, das in der BRD der Siebziger Jahre ein vom Terrorismus erschüttertes System ist. Das soziale Klima der damaligen Zeit war geprägt vom Gespenst der Sympathisantenverfolgung, einer allgemeinen Verdächtigungs- und Beschuldigungshysterie und nicht zuletzt von der Angst vor einem erstarkenden, übermächtig werdenden Staat und dessen negativen Einwirkungen auf Alltagsleben und demokratische Grundrechte. Wie sehr sich Fassbinder selbst als Opfer dieses Systems gefühlt haben musste, wird deutlich, wenn er sagt, dass er das Gefühl habe, in Deutschland als kreativer Mensch ermordet zu werden und sogar Suizid als eine Möglichkeit seiner persönlichen Reaktion auf die bestehenden Verhältnisse mit einschließt. So gesehen verwundert es nicht, dass Fassbinder seinen Beitrag zu dem Autorenfilm „Deutschland im Herbst“, den die damals maßgebenden Regisseure des Neuen Deutschen Films in einem bis dahin einzigartigen Gemeinschaftsprojekt im Jahre 1978 als Reaktion auf die Ereignisse des so genannten „Deutschen Herbstes“ herausgebracht hatten, als schonungslose Selbstentblößung eines physischen und psychischen Zusammenbruchs inszeniert und diesen auf eben jene gesellschaftspolitischen Verhältnisse zurückführt, die mit den Stammheimer Toten und der Ermordung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ihren dramatischen Höhepunkt gefunden hatten.


Excerpt (computer-generated)

Philipps-Universität Marburg im Sommersemester 1993
Hauptseminar: Rainer Werner Fassbinder
Überarbeitet im Mai 2007

"Rainer Werner Fassbinder" in "Deutschland im Herbst":
Fassbinders radikale filmische Selbstentblößung -
ein Film über die persönliche Betroffenheit in einem Film aus persönlicher Betroffenheit

von

Michaela Kromer

 


Inhalt

Einleitung Seite 03

1. Die politische Realität der BRD im Herbst 1977 Seite 04

2. Deutschland im Herbst Seite 06

2.1 Ein Film aus persönlicher Betroffenheit Seite 07
2.2 Die intellektuelle Reflexion Seite 09

2.2.1 Analyse der Entwicklung der politischen Linken Seite 09
2.2.2 Historisierung der Gegenwart Seite 09
2.2.3 Indirekte Vermittlung der persönlichen Betroffenheit Seite 11

3. Rainer Werner Fassbinder Seite 12

3.1 Ein Film über die persönliche Betroffenheit Seite 13
3.2 Die unmittelbare emotionale Reaktion Seite 13

3.2.1 "Rainer Werner Fassbinder" im Kontext zum Gesamtfilm Seite 14
3.2.2 Inhalt Seite 15
3.2.3 Filmästhetische Inszenierung Seite 17

3.3 Der Einbruch der öffentlichen Verhältnisse ins Private Seite 20

3.3.1 Liebe und Gewalt Seite 20
3.3.2 Widerspruch zwischen Anspruch und Realität Seite 23

Schluss Seite 24

Anhang Seite 26

Bibliographie Seite 28

 


 

Einleitung

Rainer Werner Fassbinder gehörte in den Siebziger Jahren nicht nur zu den erfolgreichsten und bekanntesten deutschen Filmemachern, sondern sicherlich auch zu denjenigen, deren Werk und Persönlichkeit in der Öffentlichkeit am Konträrsten diskutiert wurden. Mal als "Enfant Terrible", mal als "Wunderkind" des Neuen Deutschen Films bezeichnet, hinterließ der Regisseur, der am 10. Juni 1982 in München im Alter von 37 Jahren gestorben war, nach einer dreizehnjährigen Schaffensperiode ein Gesamtwerk von über 40 Spielfilmen sowie eine beachtliche Reihe von Fernsehserien und Theaterstücken. Fassbinder, dessen Arbeitstempo fanatisch anmutet und dessen überbordernde Kreativität sowohl Erstaunen und Faszination als auch Erschrecken hervorrufen mag, thematisierte in seiner Arbeit nicht nur mit Vorliebe Tabuthemen wie Homosexualität, Fremdenhass oder Gewalt in Beziehungen und setzte sich wie kaum ein anderer künstlerisch mit den Verhältnissen in Deutschland und dessen jüngster Vergangenheit auseinander, sondern beschrieb in seinen Filmen auch immer wieder auf erschütternde Weise das unweigerliche Zerbrechen von individuellen Utopien und persönlichen Sehnsüchten angesichts des bestehenden Gesellschaftssystems, das in der BRD der Siebziger Jahre ein vom Terrorismus erschüttertes System ist. Das soziale Klima der damaligen Zeit war geprägt vom Gespenst der Sympathisantenverfolgung, einer allgemeinen Verdächtigungs- und Beschuldigungshysterie und nicht zuletzt von der Angst vor einem erstarkenden, übermächtig werdenden Staat und dessen negativen Einwirkungen auf Alltagsleben und demokratische Grundrechte. Vor allem die so genannten "Links- Intellektuellen", die zur staatlichen Mäßigung aufriefen und eine Diskussion über die herrschenden gesellschaftspolitischen Missstände forderten, wurden als Sympathisanten beschuldigt und zum Teil auch staatlich überwacht. Wie sehr sich Fassbinder selbst, sicherlich wohl auch aufgrund seiner Homosexualität, als Opfer dieses Systems gefühlt haben musste, wird deutlich, wenn er sagt, er habe "das Gefühl, in Deutschland als kreativer Mensch ermordet zu werden"1 und sogar Suizid als eine Möglichkeit seiner persönlichen Reaktion auf die bestehenden Verhältnisse mit einschließt.2 So gesehen verwundert es nicht, dass Fassbinder seinen Beitrag zu dem Autorenfilm "Deutschland im Herbst", den die damals maßgebenden Regisseure des Neuen Deutschen Films in einem bis dahin einzigartigen Gemeinschaftsprojekt im Jahre 1978 herausgebracht hatten, als schonungslose Selbstentblößung eines physischen und psychischen Zusammenbruchs inszeniert und diesen auf eben jene gesellschaftspolitischen Verhältnisse zurückführt, die mit den Stammheimer Toten und der Ermordung des entführten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer ihren dramatischen Höhepunkt gefunden hatten.

Ich möchte im folgenden 1. Kapitel kurz die dem Filmprojekt "Deutschland im Herbst" zugrunde liegende politische Realität der BRD erläutern, um dann die jeweils spezifischen Herangehensweisen der Filmemacher an das Thema "Deutscher Herbst" zu untersuchen, wobei im 2. Kapitel der Gesamtfilm nur oberflächlich skizziert und im 3. Kapitel Fassbinders Beitrag in einer umfassenderen Betrachtung gegeneinander gestellt werden sollen. Dabei komme ich zu dem Schluss, dass es sich bei "Deutschland im Herbst" um eine intellektuelle Reflexion über die Ereignisse im Jahre 1977 handelt, zu der "Rainer Werner Fassbinder" durch die sehr emotionalisierende Inszenierung zwar in starkem Kontrast steht, sich aber dennoch sinnvoll in den Kontext des Gesamtfilms einordnen lässt. Und schließlich möchte ich herausarbeiten, inwiefern es sich bei "Rainer Werner Fassbinder" trotz des starken authentischen Bezugs um einen fiktiven Film handelt, den Fassbinder mit seinen üblichen filmästhetischen Gestaltungsmitteln konstruiert, und wie er darin viel mehr erzählt als nur über seine persönlichen Reaktionen auf die Ereignisse des Deutschen Herbstes.

1. Die politische Realität der BRD im Herbst 1977

Ausgehend von den Studentenunruhen Ende der 60er Jahre formierten sich in der BRD verschiedene Widerstandsgruppen, die mehr oder weniger militant gegen das herrschende kapitalistische System ankämpften. Am Radikalsten in der Verfolgung ihrer Ziele und in der Öffentlichkeit am Bekanntesten wurde in den folgenden Jahren die "Rote Armee Fraktion" – kurz RAF - deren Geburtsstunde mit der Befreiung des inhaftierten Andreas Baader am 14. Mai 1970 und dem damit verbundenen Weg von Ulrike Meinhof in die Illegalität verzeichnet wird.3 Mit der im April 1971 verfassten Schrift "Rote Armee Fraktion: Das Konzept Stadtguerilla" wurde der Bundesrepublik schließlich öffentlich der bewaffnete Kampf angesagt, der in den folgenden Jahren das Land mit einer Reihe von terroristischen Aktionen überziehen sollte, die auf beiden Seiten eine Vielzahl von Verletzten und Todesopfern forderten. Bereits im Juni und Juli 1972 gelang es der Polizei quasi die gesamte RAF-Spitze - Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof, Holger Meins und Jan-Carl Raspe - zu verhaften, woraufhin sich eine so genannte Zweite Generation der RAF herausbildete, die ihre Aktionen im Folgenden hauptsächlich darauf ausrichtete, inhaftierte Mitglieder, insbesondere die RAF-Spitze, wieder freizupressen. Die Inhaftierten selbst versuchten in den Jahren ihrer Gefangenschaft durch insgesamt fünf Hungerstreiks gegen die Haftbedingungen anzugehen, die sie als Isolationsfolter deklamierten, und wurden dabei öffentlich von verschiedenen Komitees gegen Folter an politischen Gefangenen unterstützt. Nachdem Holger Meins an den Folgen des dritten Hungerstreiks gestorben war, kam es bereits einen Tag später zu einer Racheaktion, für die sich die "Bewegung 2. Juni" verantwortlich zeichnete und in deren Verlauf der Präsident des Berliner Kammergerichts, Günter von Drenkmann, ermordet wurde.4 Im März und April 1975 folgten zwei weitere spektakuläre Aktionen: die Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz, die zur Freilassung inhaftierter RAFMitglieder führte und die Besetzung der Deutschen Botschaft in Stockholm, bei der die Bundesregierung die Forderungen der Geiselnehmer nicht mehr erfüllte, so dass zwei Geiseln erschossen wurden. Nachdem im Mai 1976 Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle aufgefunden und im April 1977 Baader, Ensslin, Raspe und Irmgard Möller zu lebenslanger Haft verurteilt worden waren, startete die RAF die "Offensive 77". Es folgten die Ermordung des Generalbundesanwalts Siegfried Buback, die Ermordung des Vorsitzenden der Dresdner Bank, Jürgen Ponto, nach einem missglückten Entführungsversuch, ein versuchter Raketenwerferanschlag auf die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe und schließlich die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977 in Köln, die den tragischen "Showdown" des Deutschen Herbstes einleiteten sollte. Die Bundesregierung lehnte die Forderungen der Entführer ab, verhängte eine Nachrichtensperre und verabschiedete ein Kontaktsperregesetz, das die vollständige Isolierung der Gefangenen sowohl zur Außenwelt als auch zu Mithäftlingen legalisierte.

[...]


1 Fassbinder in: Michael Töteberg (Hg.): Die Anarchie der Phantasie. Frankfurt am Main 1986, S.115.

2 Ebd.

3 Vgl. Stefan Aust: Baader-Meinhof-Komplex. Hamburg 1989, S. 19.

4 Siehe Bekennerschreiben in: Klaus Pflieger: Die Rote Armee Fraktion – RAF – 14.5.1970 bis 20.4.1998. Baden-Baden 2004, S. 51.


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